Die großen Männer und der Mann aus Nazareth

<i>[Die Predigt nimmt im Mittelteil Bezug auf die Landtagswahl in
Bayern am 21. September 2003.]</i>

Liebe Gemeinde!

Warum erzählt das Neue Testament so viele Wundergeschichten? Diese Frage haben sich viele schon gestellt, und schon aus dem Begriff „Wunder“, unter dem wir diese Geschichten sortieren, spricht das Befremden über diese Erzählungen. Besonders die Heilungswunder muten uns heute seltsam an, im Zeitalter von Intensivmedizin und Krankenkassen. Den Zusammenhang von Glaube und Gesundheit, der für diese Geschichte von den zehn Aussätzigen grundlegend ist, den haben wir längst aus unserer Welt verabschiedet. Wenn mir irgendwas weh tut, dann gehe ich wohl kaum zu einem Pfarrerkollegen, sondern zum Arzt und in die Apotheke. Sind die Heilungswunder damit jenseits unserer Verstehensmöglichkeit? Es hat schon im Rationalismus des 18. Jahrhunderts nicht an Vorschlägen gefehlt, die Verkündigung Jesu auf das zu beschränken, was er gesagt hat, dagegen einen Großteil seines Handelns aus der christlichen Verkündigung zurückzunehmen und auszusortieren, weil es sich unseren Vorstellungen nicht fügt.

Ich denke dagegen, dass die Wundergeschichten der Evangelien durchaus Sinn machen, und zwar in einer Weise, die auch den Zeitgenossen damals durchaus schon vor Augen stand. Für gewöhnlich schauen wir vor allem auf das Wunder: Fragen uns, wie geht das, lässt sich das irgendwie naturwissenschaftlich, psychosomatisch oder sonstwie erklären, was da passiert. Die Evangelisten zeigen an dieser WIE-Frage auffällig wenig Interesse. Sie erzählen Wunder nicht deswegen, um der Welt ein Rätsel aufzugeben. In den Evangelien geht es nicht um das Wunder als solches, nein, es geht um den, der Wunder tut. Als Wundertäter, als Heiler wird Jesus beschrieben und qualifiziert, um anzudeuten, dass mit ihm etwas nicht stimmt im normalmenschlichen Sinne. Dass er mit seinen Fähigkeiten aus einer anderen Quelle schöpfen kann als wir Durchschnittsmenschen. Dass die Kraft, die er dem Leiden und der Angst der Menschen entgegensetzt, eine Kraft ist, die er von Gott hat. Der Wundertäter Jesus von Nazareth ist kein Zauberkünstler, der den Leuten zeigt, was er alles für Tricks drauf hat. Nein, er nutzt seine besonderen Fähigkeiten, um den Menschen zu zeigen, dass die Welt veränderbar ist, auch da, wo keiner an Veränderung glaubt. Und trotzdem ist es nicht das Wunder allein, das den Menschen die Augen dafür öffnet. Die Geschichte von den zehn Aussätzigen zeigt durchaus schroff, dass zum Wunder der Glaube dazu kommen muss, um wirklich zu erkennen, wer Jesus ist. Neun schaffen das nicht. Nur einer, ausgerechnet ein Fremder aus Samaria, versteht, dass er in seiner Heilung Gott begegnet ist.

Wir haben vorhin die berühmte Geschichte von Jakob an der Himmelsleiter gehört. So ähnlich mag es für die gewesen sein, die von Jesus geheilt wurden: Sie erfuhren die Gegenwart Gottes in ihrem Leben. Für einen Moment, vielleicht für ihr ganzes Leben stand ihnen der Himmel offen, so wie für Jakob, der die Engel auf der Leiter und die Stimme Gottes hörte.

Weil sich das alles schnell herumsprach in Palästina, war Jesus damals ein Star, wie wir heute sagen würden. Menschliche Gesellschaften kommen nicht ohne das aus, dass es einzelne, Herausgehobene unter ihnen gibt, die bekannt sind und denen man Besonderes zutraut. Jede Gesellschaft hat viele Lieschen Müllers und eine Handvoll Stars. Wir reden heute auch von Promis – Menschen, deren Leistungen so öffentlich stattfinden, in den Medien so zugänglich sind für Beobachter und Bewunderer, dass jeder sie kennt, oder doch zumindest sehr viele Menschen. Über eine bestimmte Gruppe dieser herausgehobenen Menschen, denen wir mehr zutrauen als uns selbst, möchte ich heute aus aktuellem Anlass etwas mehr sagen. Ich meine die Politiker. Auch bei ihnen gilt, dass das Wichtigste der Bekanntheitsgrad ist. Es muss einer gar nicht besonders populär sein, nicht besonders geliebt werden, um gewählt zu werden. Aber einer, den keiner kennt, der wird nicht gewählt.

Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten einen Wahlkampf erlebt, und das ist ja nichts anderes als die Selbstinszenierung dieser besonderen Menschen, mit der sie ihren Bekanntheitsgrad steigern und mit möglichst positiven Attributen verbunden werden möchten. Jedes gute Wahlplakat gibt in der Art, wie da fotografiert und retuschiert wird, dem Abgebildeten eine Aura, die sagt: „Der kann’s.“ Seltener: „Die kann’s.“ Es gibt bestimmten Typen, die wir sofort erkennen: Den Amtsinhaber, der milde landesväterlich wirkt und uns sagen möchte: Bleibt bei dem was ihr habt, dann wird alles gut bleiben oder gar noch besser werden. Es gibt den Herausforderer, der uns sagen will: Nehmt diesmal mich, und alles wird besser. Es gibt auch die Newcomer, die sagen: Ich bin der Mann der Zukunft, ab jetzt werde ich den Ton angeben.

Als Betrachter spielen wir dieses Spiel mit, ob wir wollen oder nicht. Die Aura der Politiker, vielfach verstärkt vom Bildmedium, das Inhalte nur über Gesichter transportieren kann, diese Aura nimmt uns gefangen, obwohl wir das Spiel natürlich auch durchschauen. Sage keiner, er sei für solche Regungen gänzlich unempfänglich. Mir selbst ist das neulich passiert: Da saß ich 10 Minuten bei Freunden auf der Terrasse zusammen mit dem Ministerpräsidenten von Sachsen, in einem völlig privaten Rahmen, ein schlichter Familienbesuch, und trotzdem war es etwas anderes, mit der sichtbaren Verkörperung der Macht an einem Gartentisch zu sitzen und Kuchen zu essen. Und ich bin sicher, wenn jetzt die Tür der Waldkirche aufginge und Edmund Stoiber käme herein und würde sich still hier drüben in die letzte Reihe setzen, es würde niemanden kalt lassen.

Wir sind sicher gebrannte Kinder insofern, als in der Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Leute wie Hitler und Stalin den politischen Personenkult auf die Spitze getrieben und daraus eine pseudoreligiöse Ideologie gemacht haben, die übrigens zur Zeit der Bibel eine Parallele hat in der Vergöttlichung der römischen Kaiser. Wir sind gewarnt davor, von einem Politiker das Heil der ganzen Welt zu erwarten. Aber ohne das Denken in großen Männern, die die Welt und unser Land lenken, kommen wir nicht ganz aus.

Und das, obwohl natürlich jeder weiß, dass diese besonderen, herausgehobenen Menschen, die heute um unsere Wählerstimmen wetteifern, den Gang der Dinge längst nicht entscheidend bestimmen. Wer von uns glaubt schon, dass er sein Wohlbefinden Edmund Stoiber persönlich zu verdanken hat? Und wer von uns meint, dass ein anderer Mann an der Spitze dieses Landes wirklich alles anders machen könnte? Die Zahl der Wähler, die bei Umfragen sagen: Wir sind unzufrieden, aber ein Regierungswechsel würde nichts Wesentliches ändern, nimmt weiter zu. Wir wissen, wie komplex Systeme wie Wirtschaft und Verwaltung sind, und wir ahnen, wie wenig ein einzelner ausrichten kann, wenn in Parteigremien entschieden. Wir meinen auch zu wissen, dass so ein Einzelner, weil er wenig Chancen hätte, von vorneherein schauen wird, dass er sich nach der zu erwartenden Mehrheit orientieren wird, um seine Karriere nicht zu gefährden. Und trotzdem halten wir uns an diese sogenannten großen Männer. Wir projizieren in sie eine Macht hinein, die sie nicht haben.

Was hat das mit Jesus, dem Wundertäter und Heiler, zu tun? Nun, Jesus hatte Macht und zeigte sie. Aber wir merken sofort den Riesenabstand zu den großen Männern, von denen gerade die Rede war. Heiner Geißler hat diese Woche ein neues Buch vorgestellt. Bei der Präsentation in Tutzing sagte er: „Wenn Jesus heute leben würde, wäre er der ideale Abgeordnete“. Da möchte ich doch widersprechen. Die Macht Jesu ist nicht von der Art eines Hinterbänklers oder Ausschussvorsitzenden im Bayerischen Landtag. Was Heiner Geißler sich da vorstellt, ist sozusagen Jesus als der moralisch perfekte Volksvertreter. Aber ein Volksvertreter muss gewählt werden, er muss eine Mehrheit finden. Die große Mehrheit der Menschen, die in diesem Dorf in unserer Geschichte lebten, die waren sicherlich nicht der Meinung, dass man auf Aussätzige überhaupt nur zugehen sollte. Sie verbannten die ansteckend Kranken vor die Tore der Ortschaften und brandmarkten sie als unrein, so wie es im 3. Buch Mose in einer ausführlichen Vorschrift vorgesehen ist. Was Jesus da macht, ist gegen alle Spielregeln der damaligen Gesellschaft; das ist nicht mehrheitsfähig, weit unter der 5 Prozent-Hürde.

Man muss das übrigens nicht dauernd beklagen, dass Politik so funktioniert. Besser das Schielen nach Mehrheiten als das Strammstehen vor der Diktatur. Nur sollte uns Christen klar sein, dass wir unser Heil und das Heil der Welt nicht von der Politik erwarten, sondern vom Glauben an Jesus Christus. Er geht auf die Ausgegrenzten und Ausgestoßenen zu, er holt sie mit der Kraft Gottes zurück in die menschliche Gesellschaft und zeigt damit bespielhaft, was Menschen an ihm haben, wenn sie an ihn glauben. Darauf kommt es am Ende an, nicht auf das, was auf den Wahlplakaten steht.

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