Die Fülle und die Menschenfischer

Liebe Gemeinde –

unser Predigtwort fordert uns heute an zwei wichtigen Punkten heraus. Zum einen möchte ich Sie bitten, das letzte Wort Jesu etwas genauer in den Blick zu nehmen und es mit den Ohren zu hören, die uns in der Welt begegnen. Ich will euch zu Menschenfischern machen oder noch genauer: von nun an wirst du Menschen fangen. Ich habe mich lange gesträubt, wenn ich dieses Jesuswort gelesen habe: du willst doch keine Menschen fangen. Fangen – abgesehen vom Spiel der Kinder – ist ja ein Begriff, der verbunden ist mit etwas Unfreiwilligem. Der Fischer fängt – wenn man so will – seine Beute, die Fische gegen ihren Willen, er holt sie aus dem für sie lebensnotwendigem Wasser, nimmt ihnen ihre Lebensgrundlage – schließlich tötet er sie und wird sie aufessen. Wie also – so dachte ich – soll dieses Bild nur übertragbar sein? Denn Gott braucht keine gefangenen Menschen. Es ist keine Kopfprämie ausgesetzt auf die sogenannten Ungläubigen, kein Netz muss ausgespannt werden, um die Menschen in die Falle tappen zu lassen.

So wie ich dieses Wort früher hörte und mich von ihm abgrenzen wollte, so wird es leider immer noch allzu häufig in der Gesellschaft verstanden. Wer im Internet in den Suchmaschinen "Menschenfischer" oder "Menschenfänger" eingibt, der kommt sehr bald auf Seiten, die diese Negativ-Sicht kultivieren: dort wirbt ein Verein für den Kirchenaustritt: "befreien Sie sich aus den Klauen der Menschenfänger", auf einer anderen Seite wird von den Bediensteten der Kirchensteuerämter als Menschenfischern geredet. Was also tun – sollten wir vielleicht anders übersetzen? Etwa: von nun an wirst du dich um Menschen kümmern? Nein, liebe Gemeinde, das kann nicht angehen. Blicken wir noch einmal auf das Umfeld, in dem zu Petrus diese Worte geredet werden.

Als Petrus den übergroßen Fang sah, der durch Jesus ermöglicht wurde, überkam ihn Furcht und er sprach: geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch. Ein Schrecken hatte ihn erfasst. Vor ein paar Tagen hörte ich einen Vortrag von einem Menschen, der sich mit
der Frage nach der Art der Verkündigung in den Ortsgemeinden beschäftigte. Dort behauptete er sinngemäß: die Kirchen seinen Kuschelecken geworden, Seelenstreichler und Bauchpinseleien die Predigten. Man flüchte sich in den Ortsgemeinden in einen Wohlfühlkreis und fröne seiner Harmoniesucht: "Gott hat dich lieb" sei die Hauptaussage dieser Menschen und ihrer Prediger. Ich habe dem guten Mann widersprochen, aber bei all der Einseitigkeit seiner Sichtweise ist doch ein Körnchen Wahrheit darin zu finden. Zu oft verwechseln wir unseren Glauben mit einem Ankerplatz in der stürmischen See. Das Leben treibe es ja eh bunt genug mit uns: wir werden hin- und hergeworfen, Unbill und Schicksalsschläge treffen uns hart um hart, so dass wir in unserem Glaubenseck, in unserem Andachtsräumchen – wenigstens dort – endlich mal zur Ruhe kommen können, ausruhen können, die Stille erfahren und uns ruhig und fromm in uns selbst versenken dürfen. Ein solcher Glaube wird zum Spielball der weltlichen Mächte – er entspricht dem, was große Kirchenkritiker einst als Opium des Volkes bezeichnet haben. Wenn die Welt und ihre Verhältnisse noch so schlecht sein mögen, dann haben die Machthaber immer noch die Möglichkeit die Menschen ruhig zu stellen, indem sie sich auf deren Glauben verlassen und sie getröstet wissen um ihre Zukunftshoffung. Warte, warte nur ein Weilchen… – dann wird schon alles besser werden.

Unser Predigtwort aber spricht eine völlig andere Sprache und es dreht das zuletzt verwendete Bild völlig um, stellt es vom Kopf auf die Füße. Denn wir unterliegen ja keinem Schicksal, das uns beutelt: wer sollte diese Macht sein, die man als Schicksal bezeichnet – auch das Leben ist nicht selbstständiger Herr in dieser Welt: wer steht denn hinter dem, was wir als Leben bezeichnen? Es ist ja andersherum, denn wir stehen ständig in der Gefahr, träge zu werden. Die Trägheit, die Bequemlichkeit, das Sich-einrichten-wollen in dieser Welt: das ist nach unserem Predigtwort die große Gefahr. Das Schreckliche an der Bequemlichkeit ist aber, dass sie quer durch alle Schichten unseres Menschseins hindurchgeht: sie trifft den Atheisten in seiner wunderbar eingerichteten Erklärbarkeit der Welt genauso wie den Frommen, der noch besser als Gott selbst weiß, wer die Guten und wer die Bösen in dieser Welt sind. Der Glaube aber, der von Gott geschenkt wird, ist deswegen alles andere als ein Opium, alles andere als ein Ruhigsteller! Der Glaube nämlich treibt aufs Meer hinaus und empfiehlt Dinge zu tun, die der normale Fischer für absurd hält. Darüber erschrickt Petrus zu Recht – seine Reaktion ist uns Menschen so nahe: geh weg von mir Herr, damit ich nicht ausbrechen muss aus dem, was ich mir so schön zusammengezimmert habe. So bleibt es bei dem Wort Jesu: die Menschen, die bereits gefangen sind in ihrer Sünde, in ihrer Trägheit, in ihrer Bequemlichkeit – sie werden erneut gefangen genommen werden müssen, aber mit einem neuen Ziel: damit sie befreit werden können.

Dieser Logik des Glaubens aber wird wohl die Welt weiterhin widersprechen und mit dem alten Petrus fragen: "wir haben doch die ganze Nacht gearbeitet und nichts erreicht – wie sollten wir denn jetzt …?" Die Aufforderung Jesu jedoch bleibt bestehen: "Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen." Dieses harte Wort aber könnten wir nicht predigen, wenn wir nicht um den anderen Teil der Aussage Jesu wüssten. Moralinsauer kann das Wort Gottes nicht werden – es geht von seinem eigenen Wesen her nicht. Gottes Handeln an uns oder besser Gottes Handeln mit uns geschieht ja nicht gegen unseren eigenen Willen und es ist nicht nur Last und Anforderung. Gottesvergiftung, falsche, dämonische Gottesbilder entstehen dort, wo man Gottes Anspruch verwechselt mit den Schreckensvisionen eines Georg Orwell und man – eingedenk seiner Überwachungsfantasien, die übrigens immer mehr an Wirklichkeit gewinnen – Gott als Buchhaltergott, als Überwachergott, ja als immerzu fordernden und strafenden Gott denkt. Gott aber schenkt beides: das Wollen und das Vollbringen, um Paulus zu zitieren. Mit anderen Worten: wir hätten gar nicht die Kraft, aufs offene Meer zu fahren und uns herauszureißen aus unserer Trägheit, würde Gott nicht die Ermöglichung dazu schenken.

Dies aber lesen wir im ersten Teil unseres Predigtwortes. Den übergroßen Fang an Fischen, den die Fischer machen durften ist uns ein Sinnbild hierfür. Es ist mehr, als sie gebrauchen könnten – mehr als sie essen könnten. Es ist eine unvorstellbare, biblische Größe, so wie überall in der Bibel dieser Überfluss in Freudenzeiten von Gott geschenkt wird. Wenn Gott Abraham begegnet, wird eine Menge an Fleisch zubereitet, die die vier Männer niemals essen könnten. Als der verlorene Sohn heimkehrt, wird überviel für das Freudenmahl hergerichtet. Wo Gottes Liebe in diese Welt bricht, dort herrscht kein Mangel, sondern die Fülle. Dass wir nicht in dieser Fülle leben, was Wirtschaft und Sozialwesen anbelangt, sondern jetzt getrieben werden – einer gegen den anderen, jeder seinen Vorteil suchend, das erfahren Sie zur Zeit in Ihrem täglichen Leben, liebe Gemeinde.

Unser Predigtwort verheißt auch kein Leben in Saus und Braus, aber es bietet eine alternative Sichtweise. Denn was werden die Fischer in ihren zwei Booten getan haben, nach diesem Wahnsinnsfang? Sie werden es nicht gehortet haben oder verkauft haben, dafür blieb ihnen keine Zeit – sie zogen ja weiter mit Jesus. Vielleicht stand die Menge, die vorher Jesus Zuhörerschaft bildete, ja noch am Rande des Sees. Vielleicht haben die Fischer die Fische aufgeteilt und es gab hernach Stockfisch für alle. Ich will glauben, dass sie etwas verstanden haben von der Manna-Mentalität, wie sie das Alte Testament lehrt: die Sorge für den heutigen Tag sei genug, kümmere dich vielmehr um die Menschen, die dich heute umgeben. Wer hortet und Besitz zum Abgott macht aus falschem Sicherheitsdenken, dessen Reichtümer werden verderben und er möglicherweise gleich mit.

Wer weiß, ob die Jünger durch Jesu Beispiel zu neuen Lebenskonzepten gelangen konnten. Ich jedoch kann mir anhand unseres Predigtwortes etwas besser vorstellen, wie es sein kann, dass die Menschen Jesus nachfolgten und ihren Beruf, ihr Einkommen und ihre Absicherung hinten an stellten. Wer diese Erfahrung der Fülle in seinem Leben machen durfte, der wird auch erfüllt werden können von dem Geist des Glaubens, der mutig auf die offene See hinausfährt – weg von seinem alten Ankerplatz – nur auf die Worte eines Menschen hin, der ihnen gesagt hat: "Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen."

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