Die Frage nach den Opfern

Menschen haben unwahrscheinliche Gaben, anderen Menschen ihr (richtiges) Menschsein abzusprechen – sie zum Untermenschen zu erklären. Es geht hier nicht so sehr um ganze Menschengruppen, die zu ‚Achse des Bösen’ erklärt werden. Solche Fähigkeiten sind nicht nur in der großen Politik zuhause. Jesus geht es eben nicht um solche Menschen, auf die wir mit Fingern zeigen könnten, wie Bush oder Osama bin Laden, wie Saddam oder Arafat. Jesus fragt nach den Opfern, nach den Menschen, die unter die Folterknechte, unter die Sadisten unter die Räuber gefallen sind, und das nur, weil ein Weiser von ihm eine theologische Frage beantwortet haben möchte. Und er fragt auch nicht nach der Politik oder nach idealen Menschen. Er fragt nach mir. Was mache ich mit diesen Menschen? Wo bin ich, wenn Menschen leiden? Darum erzählt er seine Geschichte:

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Jesus verweigert – wie so oft – klare Regeln. Er erzählt eine Geschichte aus der Perspektive dessen, der Hilfe braucht. Der, der da am Wegesrand liegt, wird für die Passanten zum Fragezeichen: ‚Willst du mein Nächster sein?’ Es gibt 1000 gute Gründe, diese Hilfe zu verweigern. Davon redet Jesus gar nicht. Ich mag daran auch nicht denken. Es gibt immer wieder 1000 gute Gründe, warum ich Hilfe ablehne. Jesus geht es darum, dass ich die Wegmarkierung wahrnehme: ‚Willst du mein Nächster sein?’

Ich versuche mich in die Figuren der Geschichte hineinzuversetzen. Wie oft bin ich eigentlich bei denen, die vorübergehen – mit guten Gründen. Es gibt viele Theorien, ob sich der eine nicht verunreinigen durfte und beim anderen die Abhaltung des Gottesdienstes in Gefahr gewesen sein könnte. Es gibt immer gute Gründe. Ich kann ja nicht allen helfen. Aber es sind Opfer, die ich da liegen lasse. Und wenn ich sie liegen lasse, mache ich mit den Räubern gemeinsame Sache, ich vollende ihr Werk. Bei der neuen Sozialgesetzgebung wird das deutlich. Sie scheint nötig, weil die wenigen, die noch Arbeit haben, nicht alles schultern könne: Kranke, Arbeitslose, Rentner, Kinder, aber sie produziert neue Opfer, die liegen bleiben – wie lasse ich sie da liegen? Ich fühle mich hilflos, aber nichts tun kann auch keine Lösung sein.
Alle sind Nächste, jeder zu seiner Zeit. Das Unfallopfer, das Trost und Zuwendung genauso braucht, wie medizinische Versorgung. Die Rettungskräfte, die das Erlebte verarbeiten müssen und manchmal nur schwer können. Der Schuldige, der mit seinem Fehlverhalten und dessen Folgen nicht fertig wird. Aber auch die Gesellschaft, die es braucht, dass immer mehr Kraft eingesetzt wird, dass Regeln helfen und dass Regeln eingehalten werden. Ich spüre schon. Es kommt auch darauf an, dass ich im Hier und Jetzt Prioritäten setzen muss: Mein Nächster ist der, der mich jetzt am dringendsten braucht.

Der Fragende ist ein Wissender, er möchte einen Disput eröffnen, ein akademisches Geschehen, aber Jesus schneidet ihm den Weg ins Akademische ab, er wird praktisch. Er fragt nach meinem praktischen Leben. Er verbietet nicht das theoretische, das abstrakte Denken. Er fragt nur: was heißt das in der Praxis?
In den Schuhen des Gesetzeslehrers zu wandeln, kann ein guter Weg sein: Ja wer ist denn eigentlich mein Nächster? Diese Rückfrage ist menschlich, weil die Ausweitung auf die Menschen, die mich brauchen ohne Verdienst und Würde eigentlich übermenschlich ist, aber sie entspricht der Liebe Jesu und ist schon im Judentum vor 2000 Jahren vorgezeichnet. Wirklich alle Menschen? Osama bin Laden und George W. Bush; der Neonazi, der Heckenschütze in Grosny oder Kabul oder Washington, der Autofahrer, der eine Frau auf dem Zebrastreifen zusammengefahren hat. In den Schuhen des Gesetzeslehrers zu wandeln, kann ein guter Weg sein: ‚Ja wer ist denn eigentlich mein Nächster?’ Diese Frage ehrlich zu stellen, kann meine Blick weiten hineine in den Alltag, aber genauso in die Politik, wo sich Menschen immer wieder fragen lassen müssen: Was tun wir eigentlich, dass niemand unter die Räuber fällt. Die Frage des Gesetzeslehrers stellt sich immer wieder neu.

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