Die Frage des Lebens

Es fällt mir nicht leicht, in diesen Zeiten einen ‚ganz normalen’ Gottesdienst zu halten, aber vielleicht ist es gerade in aufgeregten Zeiten wichtig, ganz normal auf das Wort Gottes zu hören. Und da höre ich den Text des heutigen Sonntags Okuli:

Jesus und die Jünger sind auf einem Weg. Unterwegs kommen zwei, die wollen zu ihnen gehören, Nachfolge tun.

Ein anderer wird konkret aufgefordert mitzukommen. Alle spüren, ihr Leben hat eine Wendung bekommen, aber wie werden sie damit umgehen?

[TEXT]

Ich bin ganz hineingenommen in dieses Geschehen, fasziniert. Diese drei Menschen sind mir sympathisch. Jeder für sich. Zwei gehen zu Jesus und bitten um ihre Aufnahme in seine Gemeinschaft – sie werden schroff abgewiesen. Der dritte wird selber angesprochen von Jesus und will auch. Er hat allerdings vorher eine dringende Familienpflicht zu erledigen, die Beerdigung seines Vaters. Auch ihm weist Jesus zurecht.

Wir wissen nicht, was aus den Dreien geworden ist, wie sie sich endgültig entschieden haben. Aber wir ahnen, wie schwer es Jesu ihnen gemacht hat. Wir wissen auch nicht genau, warum er es ihnen so schwer gemacht hat. Und vielleicht erschrecken wir vielleicht, weil wir ahnen, wie schwer er es uns machen würde. Würde er uns überhaupt eines Blickes würdigen, wo wir uns so schwer tun auch nur auf ein Stück unserer Sicherheit oder unseres Lebensstandards zu verzichten. Was wäre, wenn es eine Sondersteuer gäbe, die den kommenden Krieg verhindern könnte. Auf wie viel wären wir bereit zu verzichten. Oder wenn ein allgemeiner Verzicht wirklich die Arbeitslosigkeit reduzieren könnte. Wozu wäre ich bereit? Mir tat das sehr gut, als diese Woche eine Rentnerin anlässlich der Diskussion über die Rentebesteuerung sagte: Was soll’s. Es wird auch dann reichen. Wäre ich auch dazu bereit?

Jesus geht in die Passion und wer mit Jesus geht, muss wissen, dass zu diesem Weg die Passion dazugehört. Darum diese Episode im Moment des Aufbruchs nach Jerusalem.

Gerade die Sache mit dem Begraben des Vaters ist nicht unproblematisch, wenn wir die psychologische Bedeutung der Beerdigung sehen. Viele erschaudern, wenn sie diese Rigorosität hören. Jesus aber geht es wohl hier um die Frage: Was ist wichtiger in deinem Leben: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Dieses Bild macht deutlich: Wer pflügt muss konzentriert nach vorne schauen, sonst wird die Spur krumm (Wie jemand, der beim Autofahren immer den Leuten nachsieht).

Es geht dieser Perikope nicht um die Aufstellung einer Forderung, sondern um die Beschreibung einer Struktur: des Wanderradikalismus! So lebten die, die sich auf die Wirklichkeit Jesu einließen. So mussten damals die Menschen leben, die sich für Jesus und gegen die herrschende Meinung entschieden haben. Nachfolge, das ist wie Abraham, der alles was ihn geschützt hat verlassen hat, um des Rufes Gottes willen. Was immer wichtig ist, die Nachfolge ist wichtiger. Jesus will weder 150%ige, noch 50%ige Nachfolger sondern 100%ige.

Als erste allerdings führt uns eine Schilderung des Lebens der JüngerInnen sehr brutal vor Augen, wie weit wir uns davon entfernt haben. Im Zentrum aber auch dieser Predigt steht nicht das Gericht, sondern die Buße und die Vergebung. Allerdings ist diese Form der Nachfolge auch kein Gesetz. Jesus verbietet es nicht in der Welt und mit ihrem Bindungen zu leben. Aber er lädt ein zu der besseren Gerechtigkeit. Zu dieser besseren Gerechtigkeit Jesu gehört, dass er auch Menschen liebt, die ihn ablehnen oder die angesichts seines Rufes versagen.
Der erste und der letzte Jünger stehen dabei dafür: Keiner kann sich selber berufen. Der Ruf Jesu gehört dazu. Sein Ruf sprengt sogar den Ruf des Gesetzes (den Vater zu begraben). Trotzdem bleibt der Stachel, dass es wohl auch Jünger gibt, die Jesus ablehnt.

Ob unsere Kirche, festgemauert in die Erde sie in die Nachfolge dessen passt, der nicht hat, wo er sein Haupt hinlegt, das ist die Frage, der ich mich stellen muss; denn wer über diesen Text redet, redet immer auch über sich selber. Es geht um den Weg von der Taufe in das Leben in der Nachfolge.

Beruhigend ist, dass offen bleibt, wie sich die Nachfolgewilligen, die Berufenen entscheiden. Die Frage wird an mich weitergegeben: Wie entscheidest du Dich?

Wie viele Ehen sind eigentlich schon deswegen gescheitert, weil es einer der beiden nicht schaffte sich freizumachen von Bindungen, auch von den Elternbindungen. Genauso ist es auch mit uns: Wie oft misslingt ein Leben im glauben, weil mir doch so vieles anderes so unendlich wertvoller und wichtiger ist? Da stellt Jesus mich kompromisslos vor die Frage des Lebens. Ich muss eine Antwort finden. Auch in Kriegszeiten.

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