Die Frage des Fremden

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, ob es Ihnen nach dem ersten Hören des Textes genauso geht, wie mir nach dem ersten Lesen: ich war begeistert und angerührt von der Klarheit, mit der Jesus hier alle Gebote zusammenfasst. Ich dachte: da bracht man gar nichts zu sagen, so deutlich liegt hier alles vor Augen.

Aber ich habe gemerkt, dass ich in dieser Hochstimmung einiges übersehen hatte, das auch in der Tat wie nebensächlich im Text zu stehen schien.
Man muss sich das vorstellen: nach dem Bericht des Evangelisten Markus ist das das letzte Gespräch, in das Jesus von den Pharisäern und den anderen verwickelt wurde. Und hier tritt nun einer von den Schriftgelehrten, also einer von denen, die in langjähriger Ausbildung die Bibel studiert und gelernt hatten, hinzu und fragt Jesus etwas, was ihm selber sehr wichtig ist: es die die Frage nach einer Zusammenfassung all dessen, was er gelernt hatte: die Frage nach dem höchsten Gebot von allen.
Er wollte dies nur deshalb fragen, weil er gesehen hatte, dass Jesus gute Antworten auf die vorherigen Fragen gegeben hatte – der Schriftgelehrte muss diese Antwort geschätzt haben. Bestimmt hat es ihn Überwindung gekostet, denn schließlich war Jesus ein Fremder – nicht in der Weise, das er ein Ausländer war oder einer anderen Religion angehörte: nein, was Jesus tat und wie er mit dem Gesetz umging, das war fremdartig und neu, genauso wie die Vollmacht, mit der er dies tat.

Und dieser fremdartige Mensch Jesus gab ihm die Antwort, die wir gehört haben. "Das höchste Gebot ist das: Höre Israel, der Herr unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. Das andere ist dies: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als diese."

Und was passiert?:statt, dass der Schriftgelehrte sagt: ja, aber: auch da ist noch dieses oder jenes zu bedenken und vielleicht müsste man noch hier und da… – nein! Nichts in dieser Richtung, sondern das Gegenteil:" Du hast wahrhaftig recht geredet" und noch mehr: der Schriftgelehrte wiederholt nicht nur Jesu Antwort – er zieht auch gleich Konsequenzen aus dem, was Jesus gesagt hat, nämlich: "das ist mehr als Brandopfer und Schlachtopfer." Noch einmal spricht Jesus dann zu ihm. Er bestätigt das Nachdenken des Schriftgelehrten (Jesus sah, dass er verständig antwortete), indem er sagt: du bist nicht fern vom Reiche Gottes!

Auch das ist wieder einmal unerhört: Jesus nimmt seinen Gegner an, diesmal nicht den Armen oder den Sünder, auch nicht den Kranken oder die Ehebrecherin, sondern den, der sich in das Gesetz vertieft und die anderen danach beurteilt hatte: "du bist nicht fern vom Reiche Gottes".

Das wirft einige meiner gewohnten Vorstellungen über den Haufen: die Nächstenliebe, die ich bisher immer nur mit den schönen Geschichten verband, z.B. mit dem barmherzigen Samariter, diese Nächstenliebe-Vorstellung wird hier auf einmal mit dem Gebot, Gott zu lieben verknüpft, ja sie ist geradezu abhängig davon.

Das heißt, es ist nicht einfach nur eine Allerweltsliebe, von der hier die Rede ist, eine, die quasi unbestimmt in die Welt flutet, nur weil es "so schön ist". Diese wird ja dann doch meist festgemacht an bestimmten anderen Kriterien, z.B. "den Menschen da brauche ich gar nicht ernst zu nehmen, weil der sich immer so komisch verhält" usw. Ich denke, wir alle kennen diese kleinen und großen Regel, die sich immer wieder vor das Liebesgebot setzen. Sei es in der Familie und der Partnerschaft, aber auch in Beruf und Ausbildung, auch bei uns in der Kirche gibt es diese Normen, die wir uns selbst setzen und damit den anderen ausgrenzen: "ein Christ darf so etwas eben nicht tun", heißt es dann meist und zur Begründung wird auf etwas verwiesen, was schon ein anderer vorher gesagt hatte. Oftmals ist es dabei das Fremde oder das Andersartige, was uns schreckt, was uns zurückweichen lässt, und was uns veranlasst, lieber wieder auf das zu bauen, was wir schon seit jeher gewöhnt sind: "wenn man mich in Ruhe lässt und ich so werkeln kann, wie ich es eben schon immer gemacht habe, dann habe ich kein Problem mit dem Lieben des Nächsten", denn dann ist der Nächste immer garantiert der, den ich mir selbst ausgesucht habe.

Ich habe so einen Zaun von Regeln und Gesetzmäßigkeiten um mich geschaffen, der mich zu schützen vermag. Für uns Heutige ist in dieser Perikope der Schriftgelehrte fremdartig geworden – wir kennen ihn schon als den Kasuisten, der nach den vielen Gesetzen des Judentums leben muss, zumindest so, wie wir es verstehen können. Für uns Heutige erscheint er meist wie ein Gegner, gegen den wir uns wieder abgrenzen müssen. Jesus aber hat ihn angenommen. Er sah, dass der Schriftgelehrte verständig geantwortet hatte: "du bist nicht fern vom Reiche Gottes". Der Schriftgelehrte ist aus seinem Zaun ausgebrochen – aus diesem Zaun, der aus so vielem bestand, was er gelernt und überliefert bekommen hatte.

Woher aber nahm er dazu die Kraft – was machte ihn fähig zu diesem Schritt, der damals mehr bedeutete, als wir uns heute vorstellen können? Es war das Erkennen, dass Gott selbst ihn trägt und liebt: "du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften." Ihm, dessen Leben bisher in der Suche nach verbindlichen Regeln für das rechte Handeln bestanden haue, ging durch Jesu Antwort plötzlich ein Licht auf von Gott her bin ich gehalten und getragen: von Gott her bekommt mein Leben Sinn: ich bin nicht in dieser Welt allein gelassen. Gott hat sich auf meine Seite gestellt – in seiner Liebe erlässt er Schuld und macht mich gerecht. Das Leben mit Gott ist die Form, die alles andere prägt. Dieser Glaube hat ihn frei gemacht!

Unsere Liebe zu Gott ist die Antwort auf sein Mitgehen mit uns: von ihm werden wir ganz durchdrungen: das Herz, die Seele, das Gemüt und alle unsere Kräfte. Wir wissen, wie die Geschichte Jesu weitergeht: er ging für uns ans Kreuz – er blieb standhaft in seiner Liebe zu uns. Und auch das ist Gottes Tat: also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (Joh 3,16). Nach menschlichen Maßstäben – nach menschlichen Normen ist das unbegreiflich. Diese Liebe erwartet keine Gegenleistung – keine trockene Pflichterfüllung folgt aus Gottes Liebe zu uns: sie ist ein Geschenk – sie ist einfach Liebe um der Liebe willen.

Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern, dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele (Mk 10,45) schreibt Markus an anderer Stelle.
Wie bedingungslos wir von Gottes Liebe umgriffen werden, zeigt Jesus in so vielen Momenten seines Lebens: im Umgang mit der Ehebrecherin, in der stark symbolischen Handlung der Fußwaschung (die wir z.T. auch in unseren Kirchen noch kennen), um nur zwei Beispiele zu nennen. Und er spricht davon in den vielen Gleichnissen: eines habe ich schon genannt: die Geschichte des barmherzigen Samariters: auch hier erstaunlicherweise wieder ein Fremder, der die Normen durchbricht und dabei doch so ganz in Gott bleibt.

So erkennen wir in Jesu eigener Geschichte die Geschichte der Liebe Gottes mit uns Menschen! Wir wissen aber auch: Leid und Schuld, Versagen und Krankheit, Böses und Ungerechtigkeit sind deshalb aus unserem Leben nicht ausgeklammert. Es ist eben nicht so, dass mir als Christ plötzlich alles gelingt, dass ich nur noch glücklich und fröhlich bin, oder dass ich schön und reich werde, wie es so mancher Anbieter auf dem religiösen Supermarkt verspricht. Das war selbst bei Jesus nicht so: er musste allein in Gethsemane beten, weil seine Jünger es nicht schafften, mit ihm wach zu bleiben; nach dem Prozess verleugnen ihn seine besten Freunde und am Kreuz selber ist er uns am nächsten: "mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen". Dennoch wusste er mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Gemüt und in allen seinen Kräften um Gottes Liebe: er war von ihm getragen und gehalten. Der Mensch Jesus hat nicht für sich selbst gelebt, sondern ganz im Zusammensein mit Gott und aus der Macht der Liebe Gottes in der Zuwendung zu den Menschen. Die Auferstehung schließschließlich hat diese Liebe endgültig bestätigt. Weil Jesus auferstanden ist, können wir überhaupt Christen sein, und wir dürfen uns ebenfalls ganz verlassen auf Gottes Liebe. Obwohl der Schriftgelehrte das Ende der Geschichte Jesu und dann auch die Auferstehung wie wir sie wissen, nicht kannte, vielleicht nicht einmal ahnte, sagte er: "Meister, du hast wahrhaftig recht geredet". Der uns fremde Schriftgelehrte ist uns damit nähergekommen. In dieser Liebe zu Gott liegt die Liebe zum Nächsten unmittelbar verwoben: sie ist immer spontan und immer individuell neu, denn sie kann jetzt gesehen werden aus dem Getragensein in Gott. Damit ist sie aber auch eine freie und eine befreite Liebe: befreit von Ängsten, denn "wer kann gegen uns sein, wenn Gott für uns ist?" (vgl. RRöm 8,31) und frei, weil sie ihr Gegenüber nicht durch Schablonen angucken muss.

Diese Liebe kann den Menschen in meinem Gegenüber erfassen, auch, weil ich weiß, dass dieser Mensch wie ich von Gott getragen ist. Freilich bedeutet dies nicht, einfach alles hinzunehmen und gleichsam stoisch zu ertragen. Diese Liebe ist nicht verschwommen und undeutlich. Die Christen haben einen Standpunkt, ja sogar auch innerhalb Unterschiede, und sie sind berechtigt, ja sogar aufgefordert, diese mitzudenken und zu vertreten. Der Schriftgelehrte antwortete verständig – er hat nachgedacht, würden wir sagen, und sich mit dem auseinandergesetzt, was ihm begegnet ist. Jesus spricht: du bist nicht fern vom Reiche Gottes. Es ist wahr: im Tun werden wir in Gottes Herrlichkeit mit hihineingezogen. Nicht feste Vorstellungen setzen dann mehr die Grenzen, sondern unsere Taten werden zu Definitionen. Wir kosten dann ein wenig von dem, worauf wir seit Christi Auferstehung hoffen. In dieser Woche beginnt die sogenannte "Interkulturelle Woche", die früher die "Woche des ausländischen Mitbürgers" hieß. Ich denke bei dieser Gelegenheit gern an ein Ereignis zurück das sich schon vor ein paar Jahren abspielte. Damals verbrachte ich fast den ganzen Tag zusammen mit einem mir bekannten Muslim: wir redeten und diskutierten die meiste Zeit davon über unsere Ansichten vom Glauben, was wohl richtig sein und was falsch. So brachte ein jeder von uns gute und wichtige Argumente – von meiner Seite Dinge, die ich auch heute noch kritisieren müsste und die ich im Lichte meines Glaubens ganz bestimmt und überzeugt vorgetragen habe. Dabei wurde mir klar: uns trennen Welten in so vielen Ansichten und Lebensregeln und die Unterschiede traten immer deutlicher hervor. Als es Abend wurde, betete mein Bekannter in meiner Gegenwart und plötzlich wurde mir deutlich, wie sehr ich doch den Menschen, der dort mein Gegenüber war, mochte, und auf einmal wusste ich, dass auch er geborgen ist in Gottes Hand.

Und Jesus sprach zu ihm, als er sah, dass er verständig geantwortet hatte: du bist nicht fern vom Reiche Gottes.

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