Die Explosion von Weihnachten

Liebe Gemeinde,

Weihnachten – da wurde in einem einfachen Stall in Judäa ein Judenkind geboren. Der Gott der Juden sandte seine Engel zu jüdischen Hirten und liess ihnen ausrichten: Euch ist heute der Heiland geboren! Und die Hirten kamen und beteten das Kind an.
Nun ist die Frage: Wie kommen wir darauf, dass da auch unser Heiland in der Krippe liegt? Ist das nicht alles eine sehr innerjüdische Angelegenheit? Kommen wir denn überhaupt vor an diesem Stall von Bethlehem?
Sie ahnen es, liebe Gemeinde, die Antwort liegt in den Heiligen drei Königen. Durch einen hellglänzenden Stern mit Feuerschweif hat Gott auch sie zum Stall geführt. Und so treffen sich vor dem Stall, vor dem Kind, die jüdischen Hirten und die heidnischen Weisen. Bisher hatten sie nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun. Die Hirten kannten nur ihre Familien, ihre Herden und den Bund mit ihrem Gott Israels. – Und die Weisen aus dem Morgenland: Die waren sicher gebildet und auch reich und hatten ihre eigenen Götter. Vor dem Gott Israels waren sie also bestimmt nichts Besseres. Sie waren die Fremden, sie waren anders, sie gehörten in Israel nicht dazu. – Und jetzt auf einmal holt sie Gott zum Heiland seines Volkes dazu.

Liebe Gemeinde, in diesen Weisen aus der Ferne dürfen wir uns wiedererkennen. In ihnen stehen auch wir mit an der Krippe. Denn auch wir und unsere Vorfahren in Germanien oder anderswo waren keine Juden, wir gehörten nicht zum Bund Gottes mit Israel und trotzdem feiern wir Weihnachten und beten das Kind als unseren Heiland an. Nicht, weil wir den Juden den Heiland weggenommen hätten, nicht weil wir ihn von selbst erkannt und zu ihm gekommen wären, sondern weil Gott uns zu ihm führt. Er führt uns durch die heiligen Apostel und Propheten, heisst es in unserem Brief und wir dürfen das getrost für uns übersetzen: Gott führt uns zu sich durch Pfarrerinnen und Lehrer, durch Kindergruppenleiter und Erzieherinnen.
Also: Das ist Epiphanias: Über der Krippe erscheint ein gleissendes Licht und mit einem Mal bekommen die jüdischen Hirten vor der Krippe gehörig Gesellschaft, erst drei und dann immer mehr Fremde und Fremde, ganz verschiedenartige – solche, von denen sie nicht gedacht hätten, dass Gott mit denen etwas zu tun haben will. Aber es werden immer mehr und mehr, die zu ihrem Heiland strömen. Zu Epiphanias „explodiert“ Weihnachten: Die stille, heilige Weihnacht für das kleine jüdische Volk breitet sich in hellem Licht mit einmal aus über die ganze Welt.

Dass es dazu kam, warum es dazu kam, das erklärt uns der heutige Predigttext aus dem Epheserbrief:

[TEXT]

Gott hatte also ein Geheimnis, das er gut gehütet hat – selbst vor seinem Volk Israel. Durch Jahrhunderte wurde es den Menschenkindern nicht kundgemacht. Erst jetzt, da Christus auf die Welt kam, hat Gott die Sprengkraft dieses Geheimnisses enthüllt. Und was ist das Geheimnis? Dies, dass die Heiden Miterben sind, Erben des Heils, dass sie mit zum Leib gehören, d.h. zur Gemeinde Christi, und dass die Verheissungen, die Gott seinem Volk Israel gegeben hat, auch für die Heiden gelten. (Finger aufzählen) Sie erben das Heil, sie gehören voll zur Gemeinschaft, sie kriegen Gottes Versprechen. Und was war da eigentlich verheissen und versprochen worden? Eben dass die, die Gottes Bund halten, als seine gerechten Kinder bei ihm leben werden – ohne Angst, in ungetrübter Freude. Und das gilt jetzt alles auch für uns durch diese Explosion von Weihnachten, die Sie sich vorstellen müssen wie einen Vulkanausbruch. In Israel bricht dieser Vulkan aus und wir in Regensburg kriegen das noch mit. Denn in diesem Vulkan da schafft sich jetzt auf einen Schlag das überbordende Magma Platz und es ergiesst sich als feurige Lava über die Erde – das ist das Evangelium. Und es gibt einen, der diese Lava kanalisiert und sich verteilen lässt, das ist der Apostel. Das ist die Gnade seines Amtes, das Evangelium zu verteilen, wie das Evangelium nie etwas ist, was man für sich behalten kann. Es will von allen, die es haben, – es will von allen, die dran glauben, weiterverteilt werden, damit diese Explosion von Epiphanias sich immer weiter ausbreitet. Auch wir sind da keine Ausnahme: Wenn uns die heisse Lava, wenn uns die Gnadenkraft dieser Weihnachtsexplosion erreicht hat, z.B. in der Predigt – oder im Abendmahl, dann sollen auch wir – wie die drei Weisen – uns wieder auf den Heimweg machen und das Evangelium für andere mitnehmen.

Aber, liebe Gemeinde, was ist mit den jüdischen Hirten an der Krippe? Was ist mit Gottes erwähltem Volk Israel? Lösen wir Heiden die Juden jetzt ab als neues Heilsvolk? Ja, ist die ganze Erwähltheit Israels, von der das Alte Testament spricht, jetzt nicht als Irrtum erwiesen? Denn jetzt ist doch die Explosion offenbart: Dass nämlich Gottes Heil für die ganze Welt da ist. – Aber wer so denkt, hätte Gott und die Evangelisten und den Apostel missverstanden. Denn so wie Lukas von den Hirten erzählt, so erzählt uns Matthäus von den Weisen aus dem Morgenland. Es kommen eben beide Gruppen zum Kind, wie es unsere Krippen richtig zeigen. Und der Apostel hat vor unserem Text in seinem Brief deutlich gemacht, dass Christus die Mauer zwischen Juden und Heiden eingerissen hat, damit die eine gemeinsame Christengemeinde entsteht. Und so fährt der Apostel fort, – nicht etwa, dass wir Alleinerben, allein die Gemeinde, Alleinteilhaber wären, sondern es heisst immer Mit-: Miterben, Mitleib, Mitteilhaber. D.h.: Für uns steht jetzt offen, was vorher nur Israel zustand.
Dadurch stehen jetzt aber die Juden genauso wie wir vor einer völlig neuen Lage. Gott hat sie mit seiner Explosion ebenso überrascht wie die Heiden. Explosionen haben ja immer zwei Seiten: Wie überraschend schön sie sein können, haben wir gerade an Silvester erlebt; in viel grösserem Ausmass sieht man das wieder bei Vulkanausbrüchen. Aber wie so eine Explosion schön und erhaben ist, wie sie Platz schafft für Neues, so zerstört und verschlingt sie auch Altes. Gerade deshalb rauben uns Vulkanausbrüche den Atem, weil dabei immer beides passiert. Genauso ist es auch bei der Weihnachtsexplosion Gottes:

Genau wie uns unsere Heidengötter weggepustet werden, der Donar und die Freya, und das Geld und die Gewalt, und der Egoismus und der Stolz, so wird auch den Juden Altvertrautes entzogen, v.a. die Auffassung, dass Gott nur für sie allein da sein könnte – und auch die Auffassung, dass man Gott damit erfreuen kann, täglich möglichst viele Gebote einzuhalten. – Wir alle, ob Juden oder Heiden sind gefragt, ob wir uns klammern an die alten Gesteinsbrocken, die da weggesprengt werden, oder ob wir uns zum Krippenkind aufmachen. Was war, was uns trennte, ist vor der Krippe aufgehoben und wir, die Ex-Heiden, beten genauso das Kind an wie die Ex-Juden. So zeigen uns unsere Krippen das erste christliche Miteinander aus Juden und Heiden. Ausgeschlossen bleibt nur, wer sich selbst ausschliesst; wer Jude im alten Sinne bleiben will und wer Heide in altem Sinne bleiben will. Vor der Krippe aber gilt der Satz des Paulus: Hier ist nicht Jude noch Grieche; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Liebe Gemeinde – warum ist es denn eigentlich wichtig, dass wir uns das alles klarmachen; warum muss uns der Apostel sagen, wie das anfing mit dem Christentum und wie es mit den Juden zusammenhängt? Ist es denn nicht allein entscheidend, dass wir eben jetzt Christenmenschen sind und jetzt als solche leben? Müssen wir unbedingt nochmal unsere Anfänge vor Augen geführt kriegen, nur damit wir nochmal demütig „Danke“ sagen?

Ich kenne eine Familie recht nah, bei der ich mehrmals mitbekommen habe, wie die Eltern zu ihren Kindern sagten: „Mensch, wisst ihr eigentlich, wie teuer das ist, wenn man heutzutage Kinder grosszieht? Habt ihr eigentlich eine Vorstellung davon, worauf wir alles verzichten mussten für euch.“ Die Kinder standen dann da – mir war’s peinlich – und wussten, dass jetzt ein dickes Danke von ihnen erwartet wurde, sie schwiegen aber – beschämt und trotzig zugleich. Wahrscheinlich dachten sie: „Wer hat euch denn gezwungen, Kinder in die Welt zu setzen? So könnten wir als christliche Gemeinde jetzt auch sagen: Ach Gott, ist ja schön, dass wir nun seit 2000 Jahren zu dir gehören, aber was rechnest du uns hier vor, wie du uns zu dir geholt hast? Wie können wir da anders antworten als demütig den Kopf zu senken und Danke zu sagen?

Liebe Gemeinde, so könnten wir sagen, wenn Gottes Beweggründe dieselben wären wie bei jenen Eltern. Die wollen ja den Dank nur als Ausgleich für das, worauf sie verzichten mussten. Gott musste aber auf nichts verzichten, als er uns Heiden zu seinen Kindern machte. Und deshalb hat er auch ganz etwas anderes als jene Eltern im Sinn, wenn er uns ausrichten lässt, wie alles anfing mit den Heiden an der Krippe. Indem uns Gott sagt, wie er damals diesen Weihnachtsvulkan gezündet hat, will er, dass unser christlicher Glaube durch diese Erinnerung neu entzündet wird. Natürlich kommt mit dieser Erinnerung auch Dankbarkeit auf. Und die werden wir Gott auch sagen. Aber wir müssen nicht pflichtschuldig dankbar sein, sondern die schönste Dankbarkeit ist für Gott, wenn wir das, was er uns geschenkt hat: das Erbe, den Leib der Gemeinde und die Verheissung, wenn wir uns das wieder und immer wieder nehmen. Gott erinnert uns an den Anfang, weil er uns das immer und immer wieder geben will. So können wir freudig dankbar sein, weil Gott es nicht missmutig erwartet, sondern weil er freigebig ist.

Dazu sage ich Ihnen eine andere Familien-Geschichte: Meine Mutter sagte vor meiner Konfirmation mehrmals zu mir: Du bekommst ein Geschenk von jemandem, von dem du’s nie erwarten würdest.“ Da war ich natürlich sehr gespannt. Dann kam die Konfirmation und als ich nach und nach all meine Geschenke auspackte, stiess ich auf eine alte Schweizer Taschenuhr aus Silber. „Schönes altes Stück“, dachte ich, „von wem die wohl ist?“ Ich begriff noch nicht. Da kam meine Mutter: „Das ist das Geschenk, von dem ich dir gesagt habe. Es ist von deiner Grosstante Medi. Sie ist ja schon zehn Jahre tot. Aber kurz bevor sie starb, hat sie mir die Uhr gegeben und gesagt: Die soll der Matthias zur Konfirmation kriegen.“ Da war meine Freude zu der Uhr auf einmal eine ganz andere und neue und mich erfüllte eine ungeahnte Dankbarkeit zu meiner längst verstorbenen Grosstante. All die Photos, wo ich mit ihr zusammen drauf war, kamen mir wieder in den Sinn und mir wurde warm ums Herz, als ich dachte: Da als ich mit ihr zusammen war, da hatte sie diese Uhr schon für mich bestimmt.

Soo, liebe Gemeinde, genau so wie meine Mutter mit der Uhr erinnert uns der Apostel in Gottes Auftrag an unseren Anfang als christliche Gemeinde. Wir kriegen gezeigt, wo das her ist, was wir haben – und auf einmal geht uns erneut auf, wie wertvoll das ist, ja es wächst uns neu ans Herz, dass wir es inniger pflegen. Wir erkennen neu, was den Geber damals bewog, uns zu beschenken und wir werden plötzlich selber ganz verwandelt, weil wir nicht mehr bloss das Geschenk selbstverständlich hinnehmen, sondern weil wir im Geschenk die Liebe, das Zutrauen des Schenkers spüren.

Darum bittet der Apostel für die Gemeinde in Ephesus genau, wie er auch für uns heute bitten könnte: „Ich beuge meine Knie vor dem Vater, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, inwendig stark zu werden durch seinen Geist, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr die Liebe Christi erkennen, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.“ An Epiphanias erinnern, begehen und feiern wir die Explosion von Weihnachten, damit auch wir erfüllt werden mit der ganzen Gottesfülle.

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