Die Ewigkeit ist jetzt!

Liebe Gemeinde,

vor einigen Wochen war ich zum Urlaub in meine alte Heimat in den äußersten Südwesten Deutschlands gereist. Ich übernachtete bei meinen Eltern und besuchte natürlich auch meine Schwester, die eigens ein Fest veranstaltete, weil wir uns so selten sehen. Es war sehr spät geworden an einem Abend, in den frühen Morgenstunden machte ich mich auf die Rückfahrt zu den Eltern. Mitten auf der Landstraße, ich hatte die Großstadt gerade hinter mir, machte das Auto schlapp, der Kupplungszug war gerissen. Es wäre illusorisch gewesen, wenn am Straßenrand irgendwer gestanden hätte. Und ich hatte zwar ein Handy mit, aber keine Telefonnummern parat, außer der von meiner Schwester und den Eltern. Erstere meldete sich nicht, sie war wohl zu Bett gegangen, und meine Eltern, beide über 80 Jahre alt, waren, aus dem Schlag gerissen, nicht in der Lage, mir die Nummer eines Taxiunternehmens aus dem Telefonbuch zu suchen. Die Handykarte war fast leer, ich bereitete mich auf eine Nacht im Auto vor, in einer unwirtlichen, wenig vertrauenerweckenden Gegend zwischen einer leerstehenden Brauerei und dem Verladebahnhof. Autos fuhren vereinzelt vorbei – aber hätte ich da, an dieser Stelle gehalten? Ich weiß es selbst nicht. Wer hätte mir garantiert, dass das keine Falle war und sich im Gebüsch oder in dem leerstehenden Haus irgendwelche Komplizen verbergen, die Panne nur eine vorgetäuschte Geschichte …

Da näherte sich aus der Gegenrichtung ein Auto, wendete, hielt an. "Kann ich helfen?", fragte mit stark ausländischem Akzent ein Mann, etwa 30 Jahre alt. Er stieg aus, untersuchte das Auto, soweit in der Finsternis möglich, half mir, es von der Fahrbahn zu schieben und abzuschließen und sagte: "Wo wohnen Sie? Ich bringe Sie nach Hause – alles andere können Sie morgen erledigen, hier kann das Auto stehen bleiben. Es ist eine Kleinigkeit, wird bestimmt nicht teuer, aber heute Nacht kann ich es Ihnen nicht reparieren" Er fuhr die ganze Strecke zurück in die Richtung, aus der er gekommen war und setzte mich vor der Haustür ab. Unterwegs erfuhr ich, dass er Türke war und von der Spätschicht in der Automobilindustrie kam, dass er seit acht Jahren in Deutschland lebt, aber sich doch immer noch als Fremder fühlt. Es war in den Tagen der Hitzewelle und er erzählte, wie heiß es an seinem Arbeitsplatz derzeit sei, aber auch in der Wohnung, zu heiß, um ausgeruht zur Schicht zu gehen. Aber er sei dankbar, dass er Arbeit habe. Ich fragte ihn, ob ich irgendwas für ihn tun kann zur Entschädigung für die Mühe, er meinte, das sei doch selbstverständlich gewesen.
Der Mann kam mir vor wie die Verkörperung dieses Samariters, von dem Jesus im Gleichnis erzählt. Er tat ruhig und ausgesprochen freundlich, was nötig war, ohne zu fragen, wer ich bin. Dabei kannte er als Moslem die Geschichte nicht einmal. "Wie kannst du einfach zu so jemanden ins Auto steigen?", wurde ich am anderen Tag gefragt. Das hat mich ein bisschen entsetzt. So gesehen, so voller Misstrauen, hätte der Mann auch nicht zu halten brauchen. Wir Deutschen sind ja oft nicht gerade sonderlich freundlich zu türkischen Mitbürgern, und woher wollte er wissen, wie über Ausländer und speziell Moslems denke? Er ist seinem Herzen gefolgt, obwohl er wie alle anderen hätte problemlos vorbeifahren können, vielleicht mit dem Gedanken: "Mir hilft doch auch keiner." Vielleicht auch mit dem Gedanken, dass es nun wichtigeres gebe, seinen Nachtschlaf zum Beispiel. Oder dass es Allah wenig gefallen werde, wenn er einer Ungläubigen hilft. "Wer ist mein Nächster?", diese Frage jedenfalls schien sich mein Samariter gar nicht gestellt zu haben.

In der Geschichte, die Jesus erzählt, gehen immerhin ein Priester und ein Levit, das entspricht vielleicht heute einem Messdiener in der katholischen Kirche, an dem Mann, der da an der Landstraße liegt, vorbei. Sie kennen Gottes Gebote ganz genau, ebenso gut wie der Schriftgelehrte, der Jesus fragt: Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst."
Manchmal ist es ziemlich schwierig, dieses Doppelgebot zu befolgen. "Gott lieben", das bedeutet für den Priester und den Leviten nach ihren Gesetzen, eigentlich dürfen sie dem Mann am Weg gar nicht helfen, zumindest, wenn sie auf dem Weg zum Gottesdienst sind. Sie wären dann "unrein" und könnten die Tätigkeit im Tempel nicht mehr verrichten.

Ich fuhr vor einiger Zeit zusammen mit einem Pfarrer zu einem Gottesdienst, wir waren spät dran – am Wegrand stand ein Auto mit einer Panne. "Jetzt nicht", sagte der Pfarrer und meinte, man müsse auch lernen, Prioritäten zu setzen und in dem Ort, wohin wir unterwegs waren, säße immerhin eine ganze Gemeinde, die auf den Gottesdienst warte. Es sei außerdem heller Tag und es werde bestimmt noch jemand vorbeikommen. Aber ich habe gespürt, dass ihm dabei ebenso wenig wohl war wie mir selbst. Umgekehrt sind wir dennoch nicht.
Wir haben auf dem Rückweg noch einmal über die Geschichte mit dem Samariter geredet, und plötzlich kam die Frage auf: "Was ist aber, wenn der Samariter nicht mehr wiederkommt und der Wirt mit dem Verletzten mehr Kosten hat als die zwei Silberlinge?" Darüber hatte ich noch nie nachgedacht, ich bin eher der Typ, der ein Grundvertrauen in alle Menschen hat. So war mir eigentlich klar, dass dieses Liebesgebot auch für den Wirt gilt – und außerdem, dass der Samariter selbstverständlich wiederkommt und sich nach dem Verletzten erkundigt. "Aber davon steht kein Wort im Gleichnis, das ist wieder so eine typische Geschichte von Jesus, die viele offene Fragen lässt und keinen echten Schluss hat", provozierte mich mein Gesprächspartner.

"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", der Text ist ein Zitat aus der Tora, bei Lukas in Griechischer Sprache wiedergegeben. Den alttestamentlichen Text übertragen Juden manchmal auch so: "Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du." Alles, was wir in unserem Nächsten an Gleichgültigkeit, Gemeinheit und Lieblosigkeit vermuten, steckt im Grunde erst einmal in uns selbst. Wer davon ausgeht, dass jedes Geschenk, jede liebende Geste mit einem Haken oder einer Falle verbunden ist, muss in sich selbst suchen, woher das kommt. Wahrscheinlich aus der gleichen Ecke, die immer wieder die Frage aufkommen lässt: "Woher will ich eigentlich wissen, dass Gott mich liebt, dass er mich nicht vergessen hat, dass er mir wirklich vergibt?" Misstrauen gegenüber Gott und der Welt ist eine verbreitete Grundhaltung, und Misstrauen ist ein Gift, das die Liebe tötet.

"Wer ist mein Nächster?", die Frage dürfte sich im Grunde gar nicht stellen. Ich habe ebensowenig die Wahl wie ein Notarzt, der an eine Unfallstelle kommt. Und dennoch ist es manchmal nicht leicht, zu entscheiden. Dann zum Beispiel, wenn sich Bittaufrufe aus Katastrophengebieten der Welt häufen und auch noch Verwandte mit ernstzunehmenden Anliegen kommen, die eigenen finanziellen Mittel aber begrenzt sind. Oder auch, wenn sich das Telefon heiß klingelt, weil gerade mehrere mehr oder weniger gute Bekannte in einer persönlichen Krise stecken und jemanden zum Zuhören brauchten. Eigentlich ist jeder mein Nächster. Allen gerecht werden, das würde Sie, das würde mich überfordern. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, das bedeutet auch, dass ich mit mir selbst liebevoll umgehe und mich nicht bis zur Selbstaufgabe verschleiße, sonst ist keinem geholfen. Der Samariter setzt ja auch seine Reise fort. Das Wort "Helfersyndrom" ist zwar relativ modern, aber das Phänomen ist altbekannt. Da verbrennt sich jemand wie eine Kerze, die man an zwei Seiten angezündet hat. Magisch angezogen wird er von Leuten mit Problemen körperlicher und seelischer Art, scheint nur noch für andere da zu sein. Und bei all dieser Aufopferung kommt dann doch nicht das rüber, was eigentlich spürbar werden sollte: zuverlässige Liebe, die immer wieder Kraft schöpft von innen und von oben. "Kann ich dem wirklich auch noch meine Probleme zumuten?" wird sich da mancher fragen, "der hat ja schon so viel am Bein, dass er kaum noch weiß, wer er ist." Hilflose Helfer, die die Messlatte für sich selbst immer ein bisschen zu hoch anlegen – ein bisschen sind wir doch alle so.

Meist wird der Samariter als leuchtendes Beispiel für Diakonie interpretiert, früher wurde er auch gerne als die Verkörperung Jesu Christi dargestellt, dessen Vorbild es nachzueifern gilt. Aber sehen wir Jesus nicht auch in dem Mann, der da im Graben liegt? "Was Ihr an einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan", steht im Evangelium. Und der Gedanke, es könnte Gott selbst gewesen sein, an dem wir kürzlich vorbeigerast sind, weil wir so viel wichtigeres zu tun hatten – zum Beispiel zum Gottesdienst eilen, der hat schon eine Dimension, die zum Innehalten zwingt.

Ich denke, Jesus begegnet uns in beiden Gestalten, im Samariter und im Hilfsbedürftigen. Die Geschichte, die er dem Schriftgelehrten da erzählt, macht in ihren vielen, spannenden Facetten einfach deutlich, wie das Gebot der Liebe konkret aussieht. "Wer ist jetzt, in diesem Augenblick, mein Nächster?", die Frage stellt sich immer wieder neu, und so viel Zeit wird immer noch sein, in sich hineinzuhören, den Kontakt zu Gott zu suchen und ihn zu bitten, bei einer klaren Entscheidung zu helfen: "Herr, lass die Wurzel meines Handelns Liebe sein", dann wird er uns auch seine Liebe spüren lassen. Und dann merken wir: Die Ewigkeit ist jetzt, sie umgibt uns – aber wir sind uns dessen allzu selten bewusst. Meistens schlafen wir eben – aber manchmal können wir das Reich Gottes doch sehen, vielleicht in dem Blick, mit dem uns ein Gegenüber anschaut. Oft gerade dann, wenn wir geprügelt im Graben liegen.

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