Die Ewigkeit beginnt heute

Liebe Gemeinde,

"Kantate" heißt der heutige Sonntag, singet dem Herrn ein neues Lied! Gestern: Vor meiner Haustür fährt Auto um Auto vorbei, ich höre dumpfe Beatgeräusche durch die geschlossene Scheibe. Auf der Bank an der Bushaltestelle sitzen ein paar Teenies, die einen anderen Sound drauf haben, nicht minder laut. Mein schwerhöriger Nachbar schaut fern, das kann ich unschwer vernehmen. Ich selbst habe keinen Fernseher, und auch das Radio ist eher selten eingeschaltet. Dennoch fällt es mir schwer, mir bei den vielen Geräuschen um mich herum auszumalen, welches "neue Lied" ich denn dem Herrn in einer Predigt zu diesem Sonntag singen könnte. Es sind doch eher leise Töne, die unser Predigttext anschlägt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir", das klingt nicht nach lauten achtstimmigen Jubelchören wie dem bekannten "Halleluja" aus Händels Messias. Und dennoch ist es eine
Melodie gerade aus diesem Oratorium, die mir plötzlich ins Ohr kommt, wenn ich den Text lese: "Kommt her zu mir,
alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken".

"Er weidet seine Herde", beginnt Händels
wunderschöne Altarie, die komponiert ist wie ein Wiegenlied und die diesen Text aufnimmt. Ich hoffe, einige von Ihnen kennen das auch und können es sich ins Gehör rufen, es ist eine Musik zum Ausspannen und sich Fallenlassen.

"So werdet Ihr Ruhe finden für eure Seelen", das kann ich mir bei dieser Musik nicht nur vorstellen, die Ruhe kommt sogar über mich. Nun besteht das Leben nicht nur aus dem Hören solcher Musik, werden Sie sagen, und Probleme sind davon auch noch nie gelöst worden. Dennoch, mir ganz persönlich geht es so, dass ich solche Sätze wie "Mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht" besser glauben kann, wenn mir die Musik schon ein Stück Kummer von der Seele nimmt. "Mühselig und beladen", was heißt das eigentlich heute? "überlastet und gestresst, überfordert von den Ansprüchen der Welt und von euren eigenen Anforderungen an euch", so ließe es sich vielleicht übertragen. Und wer könnte sich da nicht angesprochen und eingeladen fühlen?

Jesus lädt die ein, die die Wartezimmer von Ärzten füllen, diejenigen, die zu ersticken drohen in dem Chaos in ihrem Innern, diejenigen, die aufgehört haben zu klagen in ihrem wunschlosen Unglück. Was ist es letztlich, was Menschen krank macht? Dass Anforderungen an sie gestellt werden, denen sie sich nicht im mindestens gewachsen fühlen. Schon, wer Formulare des Arbeitsamtes, Wohngeldanträge, Steuererklärungen auszufüllen hat, kann daran verzweifeln. Ein Dschungel von Regeln und Paragraphen macht das Dasein schwierig und undurchschaubar. Wen wundert es da, wenn jemand resigniert und all die Briefumschläge gar nicht mehr öffnet, die ein kleines Fenster
auf der linken Seite tragen und irgendwie nach "offiziell" aussehen? Mir ist schon mehr als einer begegnet, der in seiner Existenz gescheitert ist, weil er am Schluss schlichtweg auf alle Forderungen, die an ihn herangetragen wurden, nicht mehr reagiert hat. Gewiss, Jesus nimmt ihm den Papierkram auch nicht ab, aber er vermittelt ihnen das Gefühl, sich ausruhen zu können, durchatmen zu dürfen und mit all ihren Ängsten nicht ganz alleine dazustehen.

Manchmal reicht ja schon so ein Tag, der damit beginnt, dass wir im Stau stehen und zu spät ins Büro kommen, wo dann der Kopierer nicht funktioniert, Telefon und Türklingel nicht stillstehen, der Kollege ausrastet, weil ihm alles zu viel wird, manchmal reicht so ein Tag, um einen in den Zustand zu versetzen, dass man glaubt, dem ganzen Leben nicht gewachsen zu sein. Betrachten wir die Art, mit der Jesus selbst sein irdisches Leben geführt hat: 24 Stunden ganz da, ganz offen für jeden, der zu ihm kam – aber nicht fragend, was der nächste Tag bringen wird: "Schaut die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht und unser himmlischer Vater nährt sie doch …", wer so lebt, den werfen
Existenzsorgen nicht um.

"Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir", das ist ein Angebot, das zu gemischten Gefühlen Anlass gibt. Klingt ja auch schon wieder nach Anstrengung. "Aber das kann ich selbst ja niemals bringen, ich bin nicht Jesus!", so setzen wir vielleicht noch eins drauf, bringen uns unter neuen Druck und überlegen uns, um wen sich Jesus da alles gekümmert hat in wie kurzer Lebenszeit – und wie sehr wir in dieser Hinsicht versagen. Er scheint ja wirklich eine ungeheure Anziehungskraft auf alle ausgeübt zu haben, die sich mit Problemen abgeschleppt haben. Sie waren ihm wichtig, und eigentlich nur sie. Für sie lebte er bis zur Selbsthingabe, aber ohne jemals Zeichen der Übermüdung zu zeigen. Er war einfach bei ihnen, mitten unter ihnen.

Das ist übrigens das an Jesus, was ihn zum Beispiel den jungen Drogenpatienten, mit denen ich wochentags arbeite, so nahe bringt, auch, wenn sie ansonsten vor Kirche eine gewaltige Schwellenangst haben. Jesus, so stellen sie sich vor, der war ein bisschen wie sie, ein Außenseiter der Gesellschaft, aber er war auch ungeheuer stark und hat die Liebe ausgestrahlt, nach der sie sich alle so sehnen. Er wäre, so meinen einige, genau der, mit dem sie gerne reden würden, mit dem sie gerne abends am Feuer sitzen würden, der, der sie verstehen würde. Und eigentlich ist das genau das Angebot, was aus dem Satz "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen
seid; ich will euch erquicken" spricht. Über Jesus kann ich mit diesen schwierigen jungen Leuten reden, ganz
offen und ruhig, und wir finden dann selbst so eine gemeinsame Oase zwischen allem, was von uns "gewollt" wird, um so zu sein, wie uns zumute ist.

Manchmal allerdings frage ich mich, was in unserer Kirche von dieser Wesensart Jesu noch übriggeblieben ist. "Kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid", steht Kirche auch bei diesem Aufruf noch wirklich in der Nachfolge? "Sie stellen laufend ungedeckte Schecks aus", hat einmal ein Pfarrer, der mich ganz gut kennt, zu mir gesagt und mich vor allzu vielen seelsorgerischen Einzellgesprächen gewarnt. Ehrlich gesagt bin ich darüber erschrocken, denn ich dachte, allein schon durch den, in dessen Namen wir solche Gespräche führen, seien die Schecks mehr als gedeckt. Es sind ja nicht wir, die versprechen ich will euch erquicken. Sicher war das naiv, denn der Theologe setzte noch eins drauf, als ich ihn auf die Vögel unter dem Himmel und
die Lilien auf dem Feld verwies. Er sagte es nicht ohne Trauer, fast ein wenig mitleidig, zu mir: "Gewiss steht
das im Evangelium, aber das Leben ist nun mal nicht so." Er hat mir erklärt, dass ich dem Wohnungssuchenden
keine Wohnung, dem Depressiven keine Heilung und dem Arbeitslosen keinen Job zu bieten habe, dass der aber außer
frommen Worten gewiss auch das erwarte. Und dass der Süchtige, der daran glaubt, dass Jesus ihn frei machen
kann, beim nächsten Rückfall in ein abgrundtiefes Loch fallen kann, aus dem er vielleicht nicht mehr lebendig herausfindet.

Ist das wirklich so? Oder ist es nicht viel mehr so, dass wir, an Jesus orientiert, lernen können, die
Gewichtungen in unserem Leben ganz anders zu setzen. Dass wir lernen können, heute, an diesem Tag, in dieser
Stunde ganz wir selbst zu sein. Und wenn wir so auf den anderen zugehen, uns ihm wirklich öffnen, dann wird er
sich angenommen und ernstgenommen fühlen, einfach, weil er spürt, dass wir es, zumindest jetzt, ganz ehrlich mit
ihm meinen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand
kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will, sagt Jesus, und ich verstehe sein Reden
und Tun so, dass er den Blick auf den Vater, den Blick in die Ewigkeit, das Stück Himmel, genau denen offenbaren
will, die mit den Gesetzen dieser Welt schlecht zurechtkommen und für die sie irgendwie nicht gemacht zu sein scheinen. Was ist es, was immer wieder zum Verzweifeln bringt und Scheitern lässt? Am Ende doch lauter Regeln,
die von Menschen gemacht sind – von der Gebrauchsanweisung für den neuen Computer über die Bestimmungen, wann
mir meine Krankenkasse etwas zuzahlt und unter welchen Bedingungen die Lebensversicherung nicht bezahlen muss, vom Mietvertrag bis zum Kreditvertrag oder der Pachtregelung, deren unverständliche Logik jemanden um den Verstand bringt. Und eigentlich sind auch all die vielen Regeln, die manchen an der Kirche stören, Menschenwerk. Man muss keine
Vorlesung in Kirchenrecht gehört haben, um sich sagen zu können, dass Jesus mit diesen Kirchengesetzen ständig
im Konflikt gelegen hätte. Er sagt nicht: "Ein Kind, das keine zwei Paten hat, die der evangelischen Kirche
angehören, darf nicht getauft werden." Er sagt: "Lasst die Kinder zu mir kommen und wehrt sie nicht ab, denn das
Himmelreich gehört ihnen."

"Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht", so ist das gemeint. Jeder, wirklich jeder kann zu ihm kommen. Viele evangelische Ordinierte im Verkündigungsdienst tragen – wie ich heute – in den letzten Jahren wieder eine Stola. Bei den Priestern der katholischen und orthodoxen Kirche gehört sie zur Amtskleidung. Dieses
Stück Stoff, das über den Schultern liegt, ist kein Zeichen der Eitelkeit. Es soll genau an diesen Satz erinnern: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Manchmal habe ich aber das Gefühl, davon ist auch bei uns Theologen nicht mehr viel übrig geblieben. Manchem hängt die Stola, das Joch, wie ein Stück Blei über den Schultern. Wir sind überlastet und überfrachtet von Fachwissen, Fachjargon, von Strukturfragen und Gremien, Ausschussitzungen und Tagungen. Vielleicht manchmal sogar solchen, wo wir uns in gewundenen Gedankengängen um die Krise der Kirche sorgen machen und wie die
Werbemanager Strategien entwickeln, wie man mehr Leute in die Gottesdienste locken könnte. Ich glaube, das alles ist nicht das, was Jesus meint. Er hat uns vorgelebt, wie man mit einem Augenblick der Liebe einen Menschen leicht, froh und in der Seele gesund machen kann. Das ist die Botschaft, die wir weitersagen sollen. Die
Ewigkeit beginnt nicht in irgeneiner fernen Zukunft, sie ist jetzt und hier, wir sehen sie nur nicht, weil wir, gebeugt von 100 Lasten, nach unten statt nach oben schauen. Sicher bedeutet das auch, Abschied zu nehmen von
manchen vordergründigen Träumen von Karriere, Geld und Ansehen. Es bedeutet auch, zu begreifen, dass Gott nicht alle unsere Wünsche erfüllt und dass wir den Sinn von manchem Leiden, das uns trifft, nicht erkennen können,
aber aufgerufen sind, es trotzdem anzunehmen. Aber wenn wir wissen und erlebt haben, dass es eine Auferstehung
mitten im Leben gibt, wenn wir die Kraft der Liebe in unser Herz lassen, die uns direkt zu Gott trägt, dann werden wir auch den Schmerz anders wahrnehmen.

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