Die enge Tür

Liebe Gemeinde,

in der dunklen Jahreszeit in der Kälte des Abends sind Sie hier in die warme Kirche gekommen, um diesen Gottesdienst zu feiern. Buß- und Bettag ist kein arbeitsfreier Tag mehr. Aber wir wollen uns das Beten und Nachdenken über unser Leben nicht nehmen lassen. Auch ohne staatlichen Feiertag wollen wir prüfen, wo in unserem Leben Buße bzw. Umkehr nötig und möglich ist. Wir fragen uns, wo läuft etwas schief. Wie könnte unser Leben besser werden. Wie kann unser Glaube uns helfen, ein Leben zu führen, das Gott und uns selbst gefällt. Unser Predigttext aus Lukas 13,22-30 schenkt uns dazu ein Bild.

[TEXT]

Wir müssen durch die enge Pforte gehen, um das gute Leben zu gewinnen. Und wir haben dafür nur begrenzte Zeit. Eines Tages wird die Tür zu sein, und wir müssen draußen bleiben. Wir sollten also zusehen, dass wir durchkommen, bevor die Tür geschlossen wird. Denn sonst können wir nicht an dem großen Festessen, dass da in dem Haus stattfindet teilnehmen, und müssen hungrig und frierend draußen auf der Strasse bleiben. Die Einladung Gottes zum Festessen besteht jetzt. Wie lange wir noch haben, um sie anzunehmen wissen wir nicht. Aber wir sollten uns beeilen, sagt der Predigttext. Und er hat recht. Jeden Tag, den wir versäumen, in Richtung auf Gott zu leben, ist ein verlorener Tag. Warum draußen auf der Strasse hungern und frieren oder eigenen Geschäften nachgehen, wenn es drinnen hinter der Tür ein großes Fest mit bestem Essen und interessanter Gesellschaft gibt. Schließlich werden bei diesem Essen auch Abraham Isaak und Jakob und alle Profeten anwesend sein. Obwohl ich mich schon lieber mit Sarah, Rebekka und Rahel und Lea wie der Profetin Hulda unterhalten würde. Aber die sind sicher auch da. Da lohnt es doch sich einmal durch eine enge Tür zu quetschen, wenn einem so spannende Gesellschaft geboten wird. Außerdem soll dieses Einladung international besetzt sein. Aus allen Himmelsrichtungen kommen Leute zusammen. Und das Essen soll ausgezeichnet sein.

Also was hindert uns noch daran, die Einladung Gottes anzunehmen. Warum sollten wir uns von einer engen Tür abhalten lassen, den Festsaal zu betreten? Ja, die enge Tür. Vielleicht ist die Tür so klein und unscheinbar, dass wir Mühe haben sie überhaupt zu finden. Schließlich ist der Eingang zum Fußballstadion viel größer. Das Tor zur Disco ist breit. Und der Fernbedienungsknopf der Fernsehers öffnet scheunentorbreite Zugänge zu allen möglichen Unterhaltungen. Wir haben so viele Ablenkungen, und Beschäftigungen, dass wir nicht mehr nach Gott fragen müssen. Wir müssen uns nicht mehr damit auseinandersetzen, ob wir an Gott glauben wollen. Und wir müssen uns erst recht nicht mehr fragen, wie wir einen Sinn in unserem Leben finden. Genauso wenig müssen wir fragen: Ist das richtig, wie ich lebe und was ich tue. So lange der Fernseher läuft sind wir abgelenkt und das Leben vergeht, ohne dass ich mir die Mühe machen müsste mich auch nur einen Moment auf mich selbst oder auf Gott zu besinnen. Ich kann mich heute gut von meinem Leben ablenken. In so einer Situation ist es natürlich schwer die Tür zu einem erfüllten Leben überhaupt zu finden.

Ja, die enge Tür: Vielleicht ist die Tür auch so niedrig, dass wir Mühe haben uns tief genug zu bücken, um durchzukommen. Heute lernen wir von Kind auf, dass der Schein alles ist. Selbstdarstellung ist die erste Fernsehmoderatorenpflicht. Kurse für selbstbewusstes Auftreten sind ausgebucht. Karriere geht über alles. Vielleicht werden einige von ihnen jetzt sagen. Aber wie das früher war, ist das auch nicht in Ordnung gewesen, wo man sich immer klein machen musste und die jungen Leute immer nur bescheiden sein sollten. Und gerade die Mädchen nichts lernen durften. Nein das war auch nicht gut. Aber wenn man sich heute so aufplustern muss, um noch eine Chance zu haben, gefällt mir das auch nicht. Um durch die niedrige Tür zu kommen, müssen wir uns bücken. Wenn wir Gott begegnen, dann machen wir auch Bekanntschaft mit unseren eignen Schwächen und unseren Unzulänglichkeiten. Wenn wir Gott begegnen, erleben wir schmerzlich, wie weit wir uns schon von Gott entfernt hatten. Vieles was wir getan haben, brennt nun auf der Seele. Und dann muss ich zugeben: Ja, das war falsch. Und leider kann ich es nicht ungeschehen machen. Und dann kann ich nicht erhobenen Hauptes und mit ungebrochenem Selbstbewusstsein durch die Tür zu Gott gehen. Dafür ist die Tür zu niedrig.

Ja, die enge Tür: Vielleicht wollen wir auch lieber bei denen draußen bleiben, weil Leute die uns wichtig sind, nicht bereit sind mitzukommen, und wir nicht allein zu Gottes Einladung gehen möchten. Leider ist es heute sehr schwer geworden, in die Kirche zu gehen. Ich möchte damit nicht sagen, dass wir nur über die Kirche zu Gott kommen. Aber es ist doch einfacher mit anderen zusammen zu glauben. Und es ist auch einfacher, das Gute zu tun, wenn es in der eigenen Umgebung anerkannt wird und auch andere versuchen Gutes zu tun. Und genau deshalb ist es heute schwerer, sich Gott zuzuwenden. Viele von Ihnen, die zu den älteren Jahrgängen gehören, werden sich erinnern, dass es früher einfacher war, in die Kirche zu gehen, weil die Kirche voll war, und die anderen, die man kannte auch gegangen sind. Ich habe das Gefühl auch für die Konfirmandinnen und Konfirmanden ist es leicht in dem Jahr, wo sie verpflichtet sind weil sie Kofis sind, zu kommen. Man trifft die anderen aus dem eigenen Jahrgang. Und am Sonntag morgen wäre es sonst auch langweilig. Aber nächstes Jahr in die Kirche zu gehen, das wäre wirklich peinlich. Da bräuchte man schon einen besonderen Grund. Die Tür zu Gott ist in den letzten Jahren enger geworden, weil nicht mehr so viele durchgehen wollen. Sie zieht sich immer mehr zusammen, weil es nicht genug Leute gibt, die bereit sind sie durch ihr Durchgehen weiter zu machen und andere Menschen mitzubringen und mitzuziehen. Und genauso ist es mit dem Gutes tun. Wenn die Norm ist andere anzugreifen und beschimpfen und zu verletzen, dann ist es viel schwerer sich rücksichtsvoll und einfühlsam zu verhalten. Und wenn ich mir die Spielshows und Comedys, und Reality und Talksshows im Fernsehen so ansehe, sehe ich da die Aufforderung: Du musst draufhauen! Die Tür zum freundlichen und rücksichtsvollen Verhalten ist wirklich eng geworden.

Ja, die enge Tür: vielleicht sind die Lasten, die wir tragen zu sperrig, sie würden nicht mit durch die Tür passen, und wir sind nicht bereit sie draußen zu lassen. Ich sehe die Leute nur noch rennen. Rentner kommt von rennen, sagte mir kürzlich jemand. Aber nicht nur die Rentner haben keine Zeit mehr. Auch die Leute aus der mittleren Generation einschließlich meiner beklagen sich immer mehr über Termindruck und zu viel zu tun. Und wenn Sie einmal den Stundenplan plus Musik und Sportplan einer durchschnittlichen Schülerin gesehen haben, wissen Sie was Hektik heißt. Um mich Gott zuzuwenden, brauche ich aber Ruhe und ich brauche ungestörte Zeit. Ich brauche Zeit zum Beten und Zeit zum Nichts Tun und mich besinnen, und Zeit in der Bibel zu lesen oder einen Gottesdienst zu besuchen. Ich brauche Zeit einmal in Ruhe durchzuatmen. Ich muss die Lasten meines Alltags ablegen und zurücklassen. Und das ist gar nicht so einfach.

Sie sehen also, liebe Gemeinde, vieles hält uns ab, Gottes Einladung zu einem besseren Leben zu folgen. Dafür brauchen wir Tage wie den Buß- und Bettag, um uns all diese Hindernisse auf dem Weg zu Gott bewusst zu machen und sie dann hoffentlich auch zu überwinden. Auf, quetschen wir uns durch die enge Pforte, denn dahinter findet das Festessen statt. Der Tisch ist gedeckt und Gott wartet dort auf uns. Wir wollen doch nicht, dass das Essen ohne uns kalt wird. Wir wollen unseren Platz an der Tafel Gottes doch nicht leer stehen lassen. Denn es ist ein besseres Leben, sich Zeit zur Besinnung auf den Sinn unseres Lebens zu nehmen. Und es ist auch ein besseres Leben, wenn man die eigenen Fehler einsieht und den anderen freundlich begegnet. Und es ist erst recht ein besseres Leben mit anderen zusammen zu erforschen, was wir Gutes tun können und uns gegenseitig im Glauben zu stärken. Was hindert uns daran, dieses bessere Leben zu wählen? Eine ganze Menge! Aber nicht genug um uns langfristig davon abhalten zu lassen.

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