Die Einsetzung der Solidarität

Liebe Gemeinde,

Jesus von Nazareth war ein Mann des Essens. Von seinen Gegnern ist überliefert, sie hätten ihn für einen Fresser und Weinsäufer gehalten. Und in der Gemeinde Jesu hat das Abendmahl einen wichtigen Stellenwert. Es gilt als Sakrament.

Für den heutigen Gottesdienst am Gründonnerstag musste es also darum gehen, die Feier des Erinnerns damit zu beginnen, dass wir einmal nachlesen, in welcher Art und Weise Jesus die Mahlzeit feierte, ja was ihm überhaupt Mahlzeiten bedeuteten. Dabei können wir ruhig schon einmal die Perspektive, den Blickwinkel einnehmen, den wir als Gemeindemitglieder haben, die symbolisch in Jesus Gemeinschaft das Mahl halten. Es wäre also gar nicht verwunderlich, wenn die Berichte der Evangelien über die Mahlzeiten Jesu zugleich Anspielungen auf die kultische Mahlzeit enthielten. Fest steht: Die Urkirche, egal wo sie lebte, hat Eucharistie gefeiert. Dies steht für mich auch deshalb fest, weil es eine urkirchliche Schrift gibt, die eine Gemeindeordnung ist und die bereits eine ausgeführte Anweisung zur Abhandlung einer Abendmahlsfeier enthält, die Didache, das heißt die Lehre der Apostel. Diese Schrift ist zwar nicht in das Neue Testament aufgenommen worden, sie ist aber genauso alt wir die meisten Schriften darin. Das heißt: Berichte über Mahlzeiten Jesu sind zugleich Informationen über die gemeindlichen Mahlfeiern der frühen Kirche.

Wir haben im Kindergottesdienst drei solche Jesusgeschichten gelesen und in Filz auf ein Tuch gestaltet. Es ist ein regelrechtes Abendmahlstuch geworden. <i>[Die Bilder des Tuches sind zu Mt. 9, 9 – 13, Mt. 14, 13 – 22, Mt. 26, 17 – 30. Als Ersatz dazu lassen sich auch Bilder diverser Hungertücher von Misereor verwenden.]</i> Wir sehen auf diesem Tuch drei Mahlzeiten: zum ersten die Mahlzeit nach der Berufung des Zöllners Levi zum Jünger. Es ist eine Mahlzeit, in der auch andere Zöllner und wie es in den anderen Kreisen hieß Sünder und Sünderinnen anwesend waren. Jesus ist in schlechter Gesellschaft. Oder besser gesagt: Seine Gemeinde bildet sich aus Menschen, die anderswo nichts gelten oder abseits stehen. Die von außen lädt er in die Mitte und kehrt so die Verhältnisse um.

Die nächste Mahlzeit ist eine Massenaktion: Die Speisung der 5000. Hören wir einmal genauso auf die Worte des Matthäusevangeliums: „Dann nahm der die fünf Brote und die zwei Fische, sah zum Himmel und sprach das Segensgebet darüber. Er brach die Brote in stücke und gab sie den Jüngern, und die verteilten sie an die Menge.“ Wer einmal nicht auf die wundersame Brotvermehrung achtet, sondern mehr auf solche Details, entdeckt gerade bei dieser Geschichte eine auffallende Ähnlichkeit zu einer Eucharistiefreier mit großer Teilnehmerzahl wie das Abendmahl beim Kirchentag. Das was Jesus zu Beginn tut, ist ein fester Ritus. Er stellt die Verbindung zum Himmel her, spricht das jüdische Segensgebet und teilt das Brot in Stücke. Genau das Wort Segensgebet finden wir dann wieder bei der Mahlzeit, die als das Abendmahl in unser Verständnis eingegangen ist: „Während der Mahlzeit nahm Jesus das Brot, sprach das Segensgebet darüber, brach es in Stücke und gab es seinen Jüngern mit den Worten: „Nehmt und esst, das ist mein Leib.“ Also nur diese Deuteworte in Bezug auf seinen Leib sind neu und anders als sonst. Das mag Zufall sein, oder einfach darauf zurückgehen, dass Jesus ja als Jude bestimmte Riten kannte und ausübte. Oft vergessen wir das und machen ihn zum Christen. Jesus lebte und aß als Jude. Das Segensgebet ist uns daher auch in der jüdischen Religion bis heute überliefert. Doch trotzdem: Die Berichte über seine Art und Weise zu essen unterscheiden sich auch davon. Zunächst wechselt bei ihm ja der Teilnehmerkreis. Nicht eine Familie natürlicher Bindungen, sondern eine mehr oder weniger offene Jünger und Jüngerinnengemeinschaft ist bei Jesus zur Mahlzeit zusammen. Das gilt offenbar schon von den ersten Jüngerberufungen an, sonst würde das doch nicht so in den Evangelien stehen. Diese Mahlzeiten sind ein Teil des Lebens, das mit Jesus schon zu seinen Lebzeiten begonnen hat, ein Teil der Nachfolge. Die Deutung des Abendmahls in Bezug auf seinen Tod ist daher als zweitrangig anzusehen. Obwohl sie natürlich durch die Einsetzungsworte gerade die Mahlzeit ist, in der Jesus dann eben trotzdem und auf besondere Weise noch gegenwärtig ist: Nicht mehr der irdische, sondern der Gekreuzigte, der zur Rechten Gottes sitzt. Im Abendmahl sitzt also die Gemeinde symbolisch ebenfalls mit ihm zur Rechten Gottes. Die Herrschaft Gottes hat begonnen und setzt sich dort fort, wo Jesu Worte weiterhin gelebt werden. Darauf deuten die Gleichnisse Jesu über das Gottesreich, das er manchmal mit einem Mahl, oft mit einem Hochzeitsmahl vergleicht. Jesu Kreuzestod ist nun also kein zu wiederholendes Opfer, sondern eine schlichte Tatsache. Nicht der lebendige Messias Jesus von Nazareth begründet die Gottesherrschaft, sondern der Gekreuzigte. Das hat meines Erachtens als erster der Apostel Paulus in absoluter Klarheit entdeckt. Wir predigen den gekreuzigten Christus, hat er einmal gesagt. Daher heißt es bei der Einsetzung des Abendmahls in den Worten des Paulus: „Jedes mal also, wenn ihr dieses Brot esst und von diesem Becher trinkt, verkündet ihr damit die Rettung, die durch den Tod des Herrn geschehen ist, bis er wiederkommt.“ Welche Rettung? Jesus ist auferstanden, das heißt er ist bei Gott. Jesus ist gegenwärtig in der Gemeinde. Durch ihn ist Gott präsent und durch ihn ist also die Herrschaft Gottes gegenwärtig. Die Gottesherrschaft ist in Jesus symbolisch geworden, aber sie geschieht eben, wenn die Gemeinde durch Jesus konstituiert wird. Sie geschieht auch beim Abendmahl.

Von hier aus gibt es zwei Wege. Der eine Weg ist der, den die Kirche gegangen ist: Die Einsetzung des Mahls wurde ritualisiert. Der Opferritus war abgeschafft, aber das Abendmahl wurde zum symbolischen Opfer, in dem der Tod Jesu, als Opfer gedeutet, unblutig nachvollzogen wird. Das Gute daran ist, dass jeder, der daran teilnimmt im Kreuzigungsgeschehen auch auf der Seite der Täter steht und dann durch das Mahlgeschehen auf die Seite des Opfers kommt. Von diesem Täterprofil kann sich keiner ausschließen und wir alle sind, wie der Zachäus so, dass wir es eben nicht wert sind, dass Jesus unter unser Dach, sprich in unsere Existenz hineinkommt. Für mich hat die überlieferte Eucharistienfeier so viele gute biblische Elemente, dass ich es persönlich gut finde daran teilzunehmen. Allerdings hat die Sache einen Haken, dass wissen wir alle. Mit der Teilnahme verbindet sich dann äußerlich gesehen eine Einordnung in die Gemeinschaft der römisch katholischen Kirche und das können wir nicht mitmachen. Woran liegt das eigentlich, dass diese gute biblische Abendmahlfeier der Eucharistie gleichzeitig zu einer solchen kirchlichen Institution geworden ist? Woran liegt es, dass im Namen Jesu dann auf einmal wieder die Kriterien der Zugehörigkeit die Hauptsache sind, obwohl Jesus selbst doch gerade zu seinen Mahlzeiten all die eingeladen hat, die mühselig und beladen sind? Woran liegt es, dass uns der Gott der Kirche dann mehr als ein Verwalter erscheint, als der Gott der offenen Einladung, die dann auch an die denkt, die an den Hecken und Zäunen steht?

Sie merken vielleicht jetzt schon, dass ich hier beim zweiten Weg angekommen bin, dem Weg des Johannesevangeliums. Der Evangelist Johannes, der in jeder Zeile seines Buches die Göttlichkeit des Messias Jesus betont hält überhaupt nichts von dem Sakramentalismus. Nicht irgendeine Handlung, sondern die Person Jesus Christus bildet die Mitte der Gemeinde. Darum erzählt er hier die Kontrastgeschichte zum Abendmahl. Das muss uns doch bewusst sein, dass eines der ältesten Bücher der Bibel die Einsetzungsworte Jesu überliefert im 1. Korintherbrief durch Paulus. Das muss uns doch bewusst sein, dass die drei anderen Evangelien an dem Abend, an dem Jesus verraten wurde, die Einsetzungsworte der Eucharistiefeier platzieren und dass Johannes es anders macht. Die Passionsgeschichte des Johannes folgt dem Aufbau der anderen Evangelien, natürlich unter Einfügungen längerer Redepassagen. Und hier weicht das vierte Evangelium ab. Gerade das Passahfest, zu dem sich die Jünger hier versammeln, bei der der Verräter anwesend ist, bei dem die Verleugnung des Petrus angekündigt wird ist nicht der Ort, an dem Johannes die Einsetzungsworte platziert. Er lässt sie schlicht weg. Die Mahlzeit wird überhaupt nicht näher beschrieben. Es ist eine völlig normale Passahfeier wie sie religiös vorschrieben ist, da gibt es nichts zu ergänzen. Das, was das Judentum vorschreibt können wir hier noch einlesen. Doch auch das überliefert Johannes nicht extra. Er überliefert stattdessen die Episode von der Fußwaschung der Jünger durch Jesus.

Dazu zeige ich jetzt ein Bild von Thomas Zacharias <i>[Den Hinweis auf dieses Bild entnehme ich: H.M. Lübking. Gottesdienst für Jugendliche. Bd. 1, Düsseldorf 1996, S. 79. Das Bild ist im Kursbuch Konfirmation. S. 58 abgedruckt. Der Text meiner Predigt enthält keine Bildbetrachtung. Ich lasse das Bild bis zum ende der Predigt stehen als Zeichen für die Verbindung zwischen Abendmahl und Fußwaschung.]</i>:
Das Bild kombiniert die Abendmahlsüberlieferung der anderen Evangelien mit der Fußwaschung Jesu. Ich möchte nicht näher auf das Bild eingehen, und es nur so stehen lassen, um uns den Zusammenhang der Fußwaschung mit der Mahlfeier der Jüngern zu zeigen. Ich hätte also jetzt erst mal ausführlich darstellen müssen, was Johannes hier erzählt und worauf er seinen Schwerpunkt legt. Doch ausdrücklich und augenscheinlich ist erst mal, was er bewusst nicht erzählt und wogegen der diese Beispielhandlung setzt. Er setzt hier ja gerade kein Sakrament ein und sagte, wir Christen sollten uns gegenseitig im Namen unseres Herrn die Füße waschen. Nein: Jesus selbst, und nur er allein, verrichtet diesen Sklavendienst als Herr und Lehrer an seinen Jüngern um sich dadurch unterzuordnen. Diese Beispielhandlung zerstört jedes Herrschaftsdenken. Ein Sakrament, dass im Namen des Gekreuzigten zur Herrschaft einer Priesterkaste führt, wäre Johannes ein Gräuel gewesen. Johannes hält Hoheit und alltägliche Niedrigkeit des Gottgleichen in dieser Geschichte zusammen. Jesus ist als der Herr mit uns bis ins Letzte solidarisch, und wenn hier etwas eingesetzt wird, dann ist es die Einsetzung der Solidarität. Das ist nicht Jesus selbst, sondern die Interpretation des Johannes. Er kämpft mit dem Mittel der Jesus Überlieferungen gegen jeden Klerikalismus.

Er macht das Abendmahl nicht überflüssig. In Johannes 6 zeigt er, dass er es sehr wohl kennt und dass er Jesus als das Brot des Lebens bezeichnen kann. Er sagt in diesem Zusammenhang sogar, dass wir uns durch das Essen und Trinken mit Jesus verbinden. Nur was die Verbindung mit Jesus im Innersten ausmacht, zeigt hier das Beispiel der Fußwaschung, das Jesus hier selbst Beispiel nennt.

Die Jüngerinnen und Jünger werden hier klar als die angesprochen, die in Jesu Namen leben und handeln. Die Kirche Jesu, die durch diese Jünger verkörpert wird, ist eine solidarische Gemeinschaft, die auch eine solche Veränderung wagt, eine Kirche, die sich durchaus nicht zu schade ist, den goldenen Kelch mit der Leinenschürze der Diakonie zu vertauschen, eine Kirche, die sich in der Pflege und im Dienste an de Körpern der Menschen verwirklicht, und die immer wieder Zeichen der Zusammengehörigkeit in Jesu Namen setzt. Sie ist wirklich Kirche Jesu und handelt ausschließlich in seinem Namen und nicht im eigenen. Sie ist in die Welt gesandt, um di9e Nähe Gottes in Liebe und Solidarität zu bezeugen, nicht in Hoheit und Pracht, aber sie ist gesandt. Diese Episode wird durch einen Satz abgeschlossen, den ich nicht mehr mit vorgelesen habe, mit dem ich nun aber die Predigt beenden möchte:
Jesus Christus spricht: Amen, amen, ich sage euch: Wer einen aufnimmt, den ich sende, nimmt mich auf. Wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

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