Die Dreiheit der Liebe

Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! Ja, du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst. – Rennt Jesus da nicht offene Türen ein? – Denn dass die Liebe zu den wichtigsten Dingen auf der Welt zählt, das ist doch so alt wie die Menschheit selber.

Wie schaut es bei uns aus im Gebrauch und im Umgang mit dem Wort: Liebe? Reden wir nicht alle viel zu viel, auch hier in der Kirche, von der Liebe? – Christentum, die Religion der Liebe, – Bruder- und Schwesternliebe.

Worte, Gesten und Symbole, die zu unserem Umgangston gehören, schleifen sich schnell ab. Je öfter wir sie benutzen, um so weniger denken wir über sie nach. Dann werden sie schnell trübe oder gar leer.

Wer von Ihnen denkt sich eigentlich noch etwas dabei, wenn eine Predigt mit den beiden Worten beginnt: Liebe Gemeinde!

Fühlen Sie sich dann geliebt? Oder anders gefragt: Ist unsere Gemeinde es wirklich wert, geliebt zu werden? Und wenn ja, warum tun wir’s dann nicht?

Diese Probleme und die gleichen Fragen müssen die Juden wohl auch damals schon gehabt haben. – Es gab da eine Schule, Bibelschule würden wir heute sagen, die durch eine Vielzahl von Verboten und Geboten das Denken und Handeln der Menschen regeln wollte. So nebenbei bemerkt, es waren 365 Verbote und 248 Gebote.

Doch wie sollte man das machen? Kann man diese unzähligen Weisungen überhaupt im Kopf behalten? Und wenn man dann vor einer Entscheidung steht, so ist es doch unmöglich alle Anweisungen durchzugehen, man käme dann nie zu einem Ende.

Und deshalb fragten sich die Juden: Gibt es vielleicht nicht doch nur ein einziges Gebot, welches alle anderen zusammenfasst?

Diese Frage war von den verschiedenen Schulen der Juden unterschiedlich beantwortet worden. Und deshalb will der Schriftgelehrte nun eine verbindliche Antwort von einer Autorität haben, und die scheint für ihn Jesus gewesen zu sein.

Ein bemerkenswerter Gesetzeslehrer, er kann, was viele seiner Kollegen nicht können, er kann still zuhören, wenn andere diskutieren. Er merkt von Jesu Verständnis der Heiligen Schrift. Und schon bald geht dieser bei Jesus in die Lehre und fragt ihn nach dem wichtigsten Gebot Gottes.

Jesus antwortet ihm mit einem Wort der Heiligen Schrift. Er sagt eigentlich nichts Neues; er zitiert nur das Alte Testament: Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Bis heute gilt dieser christliche Grundsatz: Gott lieben und den Nächsten lieben. Diese Zusammenfassung von Gottes- und Nächstenliebe nennt man auch das doppelte Liebesgebot. So kennen wir es und so ist es uns auch vertraut.

Aber: Stimmt das so? Ist das wirklich Gottes Wille? –

Denn wenn ich alles hergebe, dann falle letztlich anderen Menschen zur Last. Ich helfe wohl im Augenblick dem oder der anderen, aber nicht auf Dauer, wenn ich ihm oder ihr alles gebe.

Diesen Gedanken können wir an verschiedenen Beispielen immer wieder durchspielen und dabei fällt uns auf, dass ein Aspekt dabei unter den Tisch fällt: und deinen Nächsten wie dich selbst.

Wir stellen also fest, dass hier in unserem Predigttext von einer dreifachen Liebe die Rede ist. Die Liebe zu Gott, – die Liebe zum Nächsten und – die Liebe zu sich selbst.

Nach biblischer Auffassung ist die Liebe zu Gott keine Sache des Gefühls und keine Angelegenheit von Stimmungen. Sie hat etwas mit Überzeugung zu tun. Lieben ist Wollen, ist Tun der Gebote, ist Gehorchen, zusammen mit anderen.

So wie die Gottesliebe ist auch die Nächstenliebe gebotene Liebe und unterliegt den gleichen Kriterien. Und durch die Zusammenkopplung beider Gebote werden Gott und Mensch aufs engste zusammengeschlossen.

Die Liebe zu sich selbst, ja, Sie haben richtig gehört: Liebe dich selbst! Vielleicht sollte ich, um dem Wort Selbstliebe den negativen Beigeschmack zu nehmen, besser von Selbstachtung reden.

Denn die Selbstachtung ist, so denke ich, die Grundhaltung, mit der sich ein Mensch selbst bejaht und annimmt als der, der er wirklich ist. Und ohne Selbstachtung kann kein Mensch leben; und wenn man von dieser zu wenig besitzt, dann ist das genau so schädlich, als wenn man zuviel davon hat.

Wer ja zu sich sagen kann, der ist auch barmherzig mit sich selbst und ist es auch gegenüber seiner und seinem Nächsten.

Wer die eigenen Fähigkeiten ehrt, der ehrt auch seine und senen Nächsten.

Wer sich seine eigenen Fehler vergibt und seine Grenzen kennt, der vergibt auch seiner und seinem Nächsten.

Nur wer sich selbst lieben kann, liebt auch seine und seinen Nächsten.

Liebe zum Nächsten, dazu gehört aber auch die Liebe vom Nächsten. Man soll gewiss so viel an sich denken, dass man für die oder den anderen immer liebenswert ist.

Ihn oder sie lieben wie sich selbst, das heißt eigentlich: wie man selbst geliebt sein möchte. Nächstenliebe ist also mehr als nur die Solidarität zum anderen. Sie ist sozusagen der „Mehrwert“ des Glaubens.

Und worin besteht dieses „Mehr“, was ist das Kennzeichen dieses „Mehrwertes“?

Der Predigttext gibt uns darauf eine eindeutige Antwort: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Nächstenliebe ist eine Grundlage der Gleichachtung meiner oder meines Nächsten. Mit anderen Worten: die Nächstenliebe verbietet mir von vornherein jedes überlegene Getue, jedes herablassende Verhalten gegenüber aller meiner Mitmenschen.

Kein anderes Gebot ist größer als dieses, sagt Jesus und fasst das dreifache Liebesgebot zu einer Einheit zusammen. Denn nur in dieser Liebe, so macht er deutlich, sind Einheit, Zweiheit und Dreiheit nicht mehr im Widerstreit. Und das heißt: die Liebe ist das erste und das letzte Wort zwischen Gott und Mensch und zugleich auch das entscheidende Wort zwischen Mensch und Mensch.

Ist diese Liebe, von der Jesus hier spricht, nicht letztlich grenzenlos, also undefinierbar?

Verlieren wir uns nicht in diesen grenzüberschreitenden Dimensionen der Liebe? Wo und wie finden wir uns?

Die Antwort des Textes lautet: in der Liebe. Denn Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Gott ist die Liebe, ganz und gar; halbe Sachen sind im Reiche Gottes nicht gefragt. Es geht immer um das Ganze. Dieses Geheimnis kann man nicht umkehren, genau so wenig, wie man die Quelle und die Mündung eines Flusses nicht umkehren kann.

Und deshalb hat Gott in puncto Liebe, zu uns, alles auf eine Karte gesetzt. Dies tat er, als er Jesus zu seinem Sohn erklärte und sich in ihm auf uns Menschen mit allen Konsequenzen eingelassen hat bis hin zu einem qualvollen Tod.

Von welch einer Liebe muss Gott zu uns gewesen sein, dass er sich derart erniedrigt hat. Alles oder Nichts – und genau darum ging es auch damals am Kreuz. Doch von dem Nichts wollte Gott nichts wissen. Also: Alles! – und er hatte gewonnen. Wirklich nur er?

Seit Ostern, so denke ich, zählen wir alle zu den Gewinnern. Christus ist auferstanden, damit wir das Leben ungeteilt und unzerstörbar haben. Auch das ist keine halbe Sache.

Immer geht es ums Ganze, wenn es um Gott geht. Und ebenso geht es für Gott immer ums Ganze, wenn es um uns Menschen geht. Er hat sich uns mit Haut und Haaren verschrieben.

Allerdings erwartet er dann mit Recht das gleiche von uns, dass wir uns mit Haut und Haaren zu ihm in Liebe verschreiben, wie in Liebe zueinander. Was sollte uns daran hindern, wo doch von vornherein feststeht, dass es nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen gibt.

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