Die Anfrage der Griechen

Lätare, liebe Gemeinde, heißt auf Deutsch: Freue dich! Wie aber soll ich mich denn um Himmels willen
jetzt freuen: der Krieg sitzt uns im Nacken und überhaupt: ist denn nicht Passions- und damit
Leidenszeit? Eigentlich stille Zeit des Bedenkens und der Schuldbetrachtung? Singen wir nicht deswegen
kein Gloria und Halleluja? All das ist richtig, liebe Gemeinde. Die Freude will uns im Halse stecken
bleiben, unabhängig von den Problemen, mit denen wir eh schon zu kämpfen haben oder in letzter Zeit zu
kämpfen hatten – ich denke hier z.B. an unsere Gäste, die Gemeindeglieder aus Leisnick, dem Hochwassergebiet des vergangenen Jahres. Die Freude will uns im Halse stecken bleiben und gerade deswegen haben wir diesen Sonntag "Freue dich" mitten in der Passionszeit. Es ist quasi Halbzeit auf
dem Weg zu Ostern hin, Zeit entgegen aller weltlichen Belastung und aller innerlichen Zerknirschung
ein "Freue dich" anzustimmen. Und selbst wenn Sie darüber lächeln mögen, liebe Gemeinde, werde ich
nicht müde, Sie auf diese Ordnungen der Liturgie hinzuweisen – hinzuweisen auf die heilsamen Geheimnisse und die verborgenen Sinne, die der Gang durch das Kirchenjahr für jeden von uns bereit
hält. Wer sich diesem Strom durch die gegliederte Zeit ein Stück weit vertrauensvoll überlässt, für
den sind weitere Freuden bereit gestellt worden, so dass er den Gottesdienst auch dann noch mit Trost
und Zusage verlassen kann, selbst wenn er von dem gesprochenen Wort einmal nicht so viel mitbekommen
haben sollte. Bei all dem, was unserer Kirche Not tut im Suchen von neuen Formen, aktuellen Bezügen, zeitgemäßer Entsprechung, so warne ich doch davor für die große Gemeinschaft mit der Jetzt-Zeit die
noch größere Gemeinschaft, die uns verbindet mit den Gläubigen der vergangenen Zeit einfach über Bord
zu werfen. "Freue dich", so heißt es diesen Sonntag in Erinnerung an den alten Brauch, an den Menschen, die kurz vor der Taufe stehen einen Ritus vorzunehmen, wie ihn die Muslime heute noch ähnlich vor jedem Gebet praktizieren: das Berühren von Nase und Ohren mit dem Aufruf: Öffne dich!

Öffne dich und werde rein und höre auf das Wort Gottes, das Wort von der frohen Botschaft, das Wort
des Evangeliums: freue dich, liebe Gemeinde! Der Grund der Freude aber eines jeden Christenmenschen
liegt tief und unverrückbar verborgen in dem, was Gott, unser Vater durch Jesus Christus an uns getan hat. In unserem Predigtwort begegnen uns einige Menschen, die sind wie du und ich: sie sind unterwegs und begegnen dort den Jüngern von Jesus. Diese Menschen sind Griechen, und ich nehme sie als ein
Sinnbild für Aufgeschlossenheit, Weltoffenheit und Interessiertheit. Damals waren die Griechen auf
einem hohen Stand der Wissenschaft und ihre Fähigkeit zur Philosophie war allgemein bewundert und
anerkannt. Versetzen Sie sich in diese Griechen – Sie sind bereit, sich auf Neues einzulassen, Sie
haben schon gehört von den Wundertaten und den großen Dingen, die um Sie herum geschehen sind. Deshalb bitten Sie die Jünger: wir wollen gerne Jesus sehen. Ja, wir wollen eine sichtbare Erfahrung haben!

Wir sind schon bereit zu glauben, im Prinzip zumindest, aber wir wollen doch gerne dazu sehen, anfassen, beweisen. Letzte Woche bei mir in der Schule hört sich das so an: was ich nicht sehen kann,
daran kann ich nicht glauben. Eine traurige Welt und eine letztendlich ein kleinkariertes Denken. Ein Denken, das einst aufgebrochen war in der Befreiung von allen Ketten, ein Denken, das sich im guten Sinne aufklärerisch gewusst hat und den Verstand und die Logik betont hat. Ich fürchte manchmal, liebe
Gemeinde, dass sich dieses Denken mit der Zeit in sich selbst verstrickt hat. Ich fürchte manchmal, dass es den Blick entgegen seiner eigenen Stoßrichtung wieder verengt und eingeschränkt hat und nur noch eine "Wirklichkeit" zulässt, nämlich die des Sehens und Beweisens. Dabei müsste doch gerade jetzt
deutlich werden, wie wenig das Sehen mit den Augen doch reicht: blicken Sie in die Fernsehbilder, die dieser Tage um die Welt gehen und sagen Sie mir ins Gesicht, was denn nun die Wahrheit ist. Sie werden sie nicht finden, die Wahrheit, auf dem Geflimmere der Fernsehgeräte, Sie werden sie nicht finden in den Berichtsmeldungen der Angreifer und der Verteidiger und Sie werden sie auch nicht finden in den
abgehackten Berichten derjenigen Journalisten, die in diesem Krieg mitreisen und ihr Leben riskieren.

Zu oft, liebe Gemeinde, sind wir selber diese Griechen mit dem Drang zu sehen oder dem Drang anzufassen, wie auch der ungläubige Thomas erst die Wunden des auferstandenen Herrn befühlen musste, um wieder glauben zu können. Solange wir in dieser Welt leben, werden wir das auch nicht ganz überwinden können: die Macht der Bilder, die Versuchung der Beweise ist so stark, das wir uns dem nicht ganz entziehen können. Aber wir haben die Heilige Schrift und in ihr den Verweis auf diese
andere Wirklichkeit und die Zusage, dass wir darauf vertrauen dürfen. Denn was macht Jesus selbst mit dieser Anfrage der Griechen? Sie wird ihm ja nur überbracht, übrigens von den Jüngern, die selber immer noch nicht ganz losgekommen sind vom Zwang der Beweise, sonst hätten sie selbst die Antwort formulieren können. Jesus schickt keine Antwort an diese Griechen. Er macht keinen Eiertanz und
versucht unter Ausnutzung aller möglichen, alternativen Zugänge diese Forderung nach Beweis doch zu
erfüllen, so wie wir es doch immer wieder versuchen. Das hängt mit unserem Griechen-Sein zusammen: immer wieder versuchen wir doch, diese Forderung nach dem Beweis zu erfüllen, nach dem Sehen- und Anfassen-Wollen, nach dem Spüren- und Erleben-Wollen. In der Schule geben wir Beispiele, die die Liebe Gottes umschreiben sollen, mit dem Hinweis, das man doch auch diese nicht sehen könnte: z.B. die Liebe
zwischen zwei Menschen. In der Gemeinde mühen wir uns ab: versuchen Außenstehende anzusprechen und
ihnen einen Geschmack der Sache zu bieten, indem wir mit ihnen im Rausch der Musik und Lieder eintauchen, oder andersrum die Kraft der Stille preisen, oder indem wir das Gefühl der Masse
produzieren oder uns in der Begleitung des Einzelnen das Licht des Herrn sichern wollen. In all dem aber kommen wir an die Grenzen, denn wir können nicht mit Menschenwort die Gotteswelt beschreiben.

Jesus – in unserem Predigtwort – tut dies alles nicht. Kein Nebendran-Beweis, kein: "ich-will´s-dir-dennoch-irgendwie-zeigen"-Versuch, keine Antwort den Griechen. Stattdessen die Anrede direkt an die Jünger, an die also, die ihm schon nachfolgen, an die, die schon an ihn glauben. Die Anrede also über die Freude: Lätare: "wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren!" Jesu Weg führt über seinen eigenen Tod, sein Sterben am Kreuz für eine Sünde der Menschen, die ebensowenig beweisbar
ist, wie alles andere, von dem ich gerade gesprochen habe. Diese Sünde, die schon gelten soll für die kleinen Kinder, die erst geboren werden und die wir deshalb bereits als Säuglinge taufen. Diese Sünde, die uns alle in unserm Leben täglich und täglich wieder einholt, und die wir erst abschütteln können,
wenn wir selber durch den Tod gegangen sind und darin Jesus nachgefolgt sind. Diese Grundsünde, liebe Griechen, ist nicht sichtbar – was wir sehen und womit wir zu kämpfen haben, sind ja nur die Folgen dieser Sünde: die Kriege etwa, die gerade toben; der Hass und die Gewalt, die bereits bei uns im Kleinen täglich beginnen; die Verstrickungen in Wirtschaft und Abhängigkeit, durch die wir als reiches Land mitschuldig werden an der Möglichkeit von Kriegen wie dem Irakkrieg. Jesu Sterben am Kreuz aber
ist der Grund zur Freude, denn sein Tod bringt uns von all dem Befreiung. Wer ihm glaubt, wer sich auf sein Wort stützt, seine Verheißung ernst nimmt, wer sich ihm vertrauensvoll überlässt, den wird er durch seinen eigenen Tod hindurch führen zu einem Leben in Gottes Herrlichkeit. Dieses "Freuet euch"
ist uns zugesagt und wird uns zugesprochen gerade inmitten der Passionszeit, gerade in Zeiten des
Krieges und der Gewalt. Dieses Wort gilt, damit ihr euch daran aufrichtet, damit ihr darin getröstet werdet und Kraft gewinnt für das Weiterleben in dieser Welt. Dieses Wort bleibt der innerste Grund der Freude, die ein Christ besitzen kann: das vertrauensvolle Wissen und Glauben um Jesu Tod für uns. Wer so lebt, dem wird es auch in diesem Leben ab und an widerfahren, dass er wie Paulus die Himmel offen
stehen sieht und einen Blick – ja, liebe Gemeinde, ein kurzes Sehen mit den Augen, erhaschen kann von der Herrlichkeit des Reiches Gottes und er selbst wird dann ebenfalls für Momente dazu beitragen, dass dieses Reich Gottes an Kraft und Macht zunimmt in dieser Welt – allen gegenteiligen "Beweisen" zum
Trotz.

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