Dich hat er erwählt!

Ihr seid auserwählt. Ich habe lange darüber nachgedacht wie dieser Satz auf Kinder und Jugendliche wirken könnte, welchen Anknüpfungspunkt sie hätten. Ihr seid auserwählt. Im Singular mag das der Jugend verständlich sein.

Du bist ausgewählt an der Show teilzunehmen. Du bist auserwählt in deinen Träumen wie deine Helden aus deinen Comics die Welt zu retten. Du bist auserwählt die Schönste und Klügste zu sein. Auserwählt, aus der Masse herausgerufen, etwas besonderes zu sein – das gehört zum Gedanke der Erwählung dazu.

Das löst ein gewisses Kribbeln aus, aber im Vorstellungshorizont der heutigen Jugendkultur hat das Auserwähltsein in der Regel eine ganz individuelle Form.

Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das erwählte Volk – diese Formulierung ist bei uns in Deutschland schon etwas schwieriger: zu nah ist uns dabei die Geschichte Deutschlands, zu nah die Erinnerung an die Ausrufung einer deutschen Herrenrasse, der deutsche Wahn Europa, wenn nicht die ganze Welt beherrschen zu wollen und die, die von der Erwählung ausgeschlossen sind zu Untermenschen, Arbeitssklaven oder zu vernichtendes Material zu machen.

Der Hinweis, der in dieser Erinnerung steckt und der sich auch der christlich-jüdischen Tradition als Frage stellt, möchte ich so formulieren: Wie wird das Verhältnis der Auserwählten zu allen anderen, die anscheinend nicht erwählt sind, bestimmt? Gehört zum Erwählt sein, nicht immer die auch die andere Seite: das Verworfensein? Tragen die in ihrem Glauben und damit auch im Selbstbewusstsein Erwählten, nicht die Nase immer ein Stück höher und schauen auf die anderen herab? Der Ausschnitt aus dem Petrusbrief, den ich eben vorgelesen habe, bietet in seiner Interpretation der jüdischen Propheten Jesaja und Hosea für uns als christliche Gemeinde eine Antwort oder zumindest ein paar spannende Hinweise.

Der erste Hinweis steckt für mich in dem Bild der lebendigen Steine. Einem eigentümlichen Bild:

Zum Wesen eines Steines gehört ja eigentlich, dass er nicht lebendig ist, sonder starr, stabil und fest. Ein Haus aus Stein ist ein stabiles Haus, dass die Jahrhunderte überdauern kann, dass nicht brennen kann. Ein Stein, der lebendig wäre verliert die Trutzigkeit, die Widerstandskraft und Verlässlichkeit , die von einem Stein erwartet wird. Er würde, wie es in Anlehnung an das Alte Testament heißt, verworfen. Verworfen, weil er nicht die Funktionalität besitzt, die von ihm erwartet wird.

Jeder Fachmann (die Bauleute) würde sich an einem solchen Stein stoßen, es würde ihn ärgern, wenn er beim Bau verwendet würde. Der Wert lebendiger Steine geht nach weltlich- ökonomischen Maßstäben gegen Null, bzw. sogar ins Minus. Nur für den Glaubenden hat ein lebendiger Stein einen unermesslichen Wert. Natürlich auch weil er kein Haus aus Stein, sondern ein geistliches Haus bauen will, einen Tempel, der nicht starr und unbeweglich, dogmatisch alle Zeiten überdauert sein soll.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Tragen die in ihrem Glauben und damit auch im Selbstbewusstsein Erwählten, nicht die Nase immer ein Stück höher und schauen auf die anderen herab?

Das Bild der lebendigen Steine weist uns darauf hin: die Erwählten sind die, die aussortiert wurden. Mag sein, dass sie die Nase etwas höher tragen, aber das ist für die, die aussortiert waren, die am Boden lagen vielleicht überlebensnotwendig, um sich nicht gleich vom Rest der Welt wieder erdrücken zu lassen. Es mag aber auch sein, dass die, die aufrecht und erhobenen Hauptes durch die Welt gehen, denen die gebeugt und gesenkten Hauptes leben, sehr schnell als hochnäsig erscheinen – manchmal ist das ja schlicht eine Frage der Perspektive.

Der andere Hinweis liegt in der Aufforderung begierig zu sein wie ein kleines Kind nach der Milch. Nicht nur das Gott hier einmal ganz anders, nämlich als stillende Mutter vorgestellt wird, vor allem die Rolle der Erwählten scheint mir hier sehr spannend.

Sie sind ja sozusagen die Säuglinge. Eine Rolle, die so gar nicht in das Bild eines Erwählten passt, zumindest nicht zu der oft unterstellten Arroganz.

Die Erwählung Gottes macht aus dem Erwähltem kein abgehobenes oder abweisendes Wesen. Sondern ein angreifbares, lebendiges Geschöpf, dass sich seiner Angewiesenheit auf andere, vor allem seine Angewiesenheit auf Gott, deutlicher bewusst ist als andere. Ich denke nun fällt auf die Äußerung Ihr seid das erwählte Volk ein anderes Licht: Die Erwählten haben den Auftrag zu verkünden: die Wohltaten dessen der sie erwählt hat. Sie sind ein königlich -priesterliches Geschlecht.

Königlich wie Jesus Christus durch den sie erwählt sind, königlich ohne die herkömmlichen Zeichen eines Königs. Ohne Schwert, ohne Gewalt, mit der Macht der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung ausgestattet. Und ihre allgemeine priesterliche Aufgabe besteht darin weiterzusagen, was sie entdeckt haben, was sie aufgerichtet hat: Gottes Zuwendung.

Gottes Zuspruch, der sie herausgerufen hat, der sie ausgewählt hat, unter dem sie sich haben taufen lassen. Seine Zusage: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Diese Botschaft verwirft niemanden. Wohl können Menschen diese Botschaft hören und sie verwerfen. Denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde geschaffen: Wir sind frei. Frei die Botschaft zu hören oder sie zu verwerfen.

Und das ist auch für uns heute noch die frohe Botschaft , der wir begegnen und die wir weitersagen können: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Fürchte dich nicht, dich hat Gott erwählt. Steh dazu, egal was die anderen sagen. Gottes Zuspruch, seine lautere Milch sozusagen, lässt dich aufrecht und erhobenen Hauptes gehen.

Fürchte dich nicht! Dich hat er erwählt, euch hat er erwählt. Du bist nicht allein. Und du kannst gewiss sein Gott hält zu dir wie eine stillende Mutter zu ihrem Kind hält. Das kannst du weiterzählen. Und die einen werden es glauben und die anderen nicht. Und vielleicht lässt Gott sich auch nicht durch die Verwerfung der Menschen beirren. So wie eine Mutter an ihrem Kind festhält auch wenn es sich wütend abwendet.

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