Des Himmels Pforten sprengen

Seit einigen Monaten habe ich fast jeden zweiten Sonntag irgendwo im Kirchenkreis an einem Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation teilgenommen. Ich verdiene mein Geld mit journalistischer Arbeit – und in der lokalen Zeitungs-Redaktion war die Meinung aufgekommen, man wolle nun diese Jubelkonfirmationen mit einem Text samt Foto würdigen, denn, so der Lokalchef, "damit erreichen wir einen großen Leserkreis."

Ich habe darüber erst einmal geschluckt, denn ich dachte an die vielen Einwände, die ich mir sonst immer anhören muss, wenn ich über kirchliche und christliche Belange schreiben möchte. Ich habe dann auch gesagt: "Sonst heißt es immer, nicht so viel Kirche im Blatt – und nun genau etwas, was eigentlich nicht das Charakteristische ist." "Das ist ja mehr ein Klassentreffen", war die Antwort, "mit Kirche hat so etwas weniger zu tun, aber was denkst du, wie viele Leute sich da wiedererkennen." Ja, dachte ich mir, und am nächsten Sonntag zum Gottesdienst kommen wieder nur die, die immer kommen. Kirche als Kulisse für ein schönes Gruppenbild zum Klassentreffen. War’s das? – Aber darf man so denken als Christ?

Mir sprach es aus der Seele, als dann bei einer dieser Jubelkonfirmation einer Teilnehmergruppe vom Gemeindepfarrer der Satz mit auf den weiteren Weg gegeben wurde: "Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. 3 Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen." Der Glaube ist nicht jedermanns Ding, das sehen und hören wir seit vielen Jahren hier. "Mit Kirche habe ich nichts am Hut". "Betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch" , manchmal möchte ich das wie der Apostel dorthin schreiben, wo "das Wort des Herrn noch läuft", zum Beispiel nach Tanzania, wo die Kirchen ständig Zuwachs verzeichnen oder nach Georgien und Asserbaidschan, wo ständig neue Gemeinden gegründet werden, während hier, im Herzen des sogenannten christlichen Abendlandes, mit großer Mühe die Lichter am Brennen gehalten werden.

Ich möchte nicht für die predigen, die zu Hause geblieben sind. Aber wir, die wir hier sind, sind gehalten, uns auch um sie Gedanken zu machen. Auch das bedeutet "Nachfolge". "Laufen" kann das Wort des Herrn mit unserer Mithilfe auch ein wenig besser. Gewiss, die Zeiten der Apostel sind vorbei. Und auch missionarisches Christentum ist nicht "jedermanns Ding". Aber in der Nachfolge Jesu Christi stehen wir alle, jeder einzelne, der zur Gemeinde gehört, heute noch. Nur – was bedeutet Nachfolge heute? Wie ist das nun, wenn jemand fragt: "Wie machst du das eigentlich mit dem Glauben? Wie stellst du dir Gott vor? Ich kann einfach nicht an diese ganzen Geschichten in der Bibel glauben, mit Adam und Eva und so, ich glaube an den Urknall. Erzähl mir doch mal, wie du da klarkommst gegen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse. Ich beneide jeden, der glauben kann, aber ich kann es einfach nicht…" Dann fällt es uns oft schwer, irgendetwas zu erklären von der Hoffnung, die uns bewegt und der "gewissen Zuversicht des, das man nicht sieht". Oder wir schlagen von vornherein einen falschen Ton an, manchmal ein wenig mitleidig, manchmal auch übereifrig. Mein eigener Konfirmationsspruch, den ich mir nicht aussuchen durfte, hieß: "ich schäme mich des Evangeliums Jesu Christi nicht…", aber wie oft habe ich mich geschämt, laut und deutlich zu sagen: "Ich stehe zu meinem Glauben." Es hat sehr lange gedauert, bis ich mich das wagte, wenn ich darauf angesprochen wurde. Und von meiner persönlichen Gotteserfahrung zu sprechen, fällt mir heute noch sehr schwer. Manchmal finde ich es fast peinlich, weil es für mich sehr zum ganz intimen Lebensbereich gehört.

Es ist ja nicht so, dass alle, die nicht glauben, gleich "falsch und böse" sind. Manchmal ist es auch so: "Ich finde es immer ein bisschen lästig, wenn mir jemand erklären will, ich müsse doch eigentlich unglücklich sein als Atheistin", sagte dieser Tage eine Freundin zu mir, die mich besuchte und bei der Arbeit begleitete, auch in Kirchen. "Dabei fehlt mir gar nichts. Ich lasse euch Christen doch auch in Ruhe und will euch nicht von euerm Gott abbringen. Warum wollt ihr mir den dann auch noch ständig einreden? Das geht mir manchmal richtig auf die Nerven. Ich bewundere euch, dass ihr glauben könnt, aber damit ist es doch gut" Ich habe leise gemurmelt "Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben…" sagt sogar der Apostel Paulus. "Wer ist denn eigentlich dieser Paulus?", fragte sie dann doch – und es wurde ein ganz interessantes Gespräch. Am meisten hat die Frau beeindruckt, dass es den Mann wirklich gegeben hat und dass tatsächlich einige seiner Briefe überliefert sind. "Da hat man ja auch was in der Hand, wenn die wirklich echt sind." Und sie wollte wissen, womit die Briefe geschrieben waren und worauf.

Ich habe ihr dann auch noch erklärt, dass es Briefe gibt, die zwar dem Apostel Paulus zugeschrieben waren, von denen man inzwischen aber nahezu sicher sein kann, dass sie nur in seinem Stil verfasst sind. Dazu gehört auch mit einiger Sicherheit der zweite Thessalonicherbrief, aus dem der heutige Predigttext ist. Dass das aber eigentlich keine Rolle spielt, weil es um die Botschaft geht, die ja nicht die des Paulus, sondern die Jesu Christi ist, war ihr wieder schwer klarzumachen. Sie wollte nicht glauben, sondern ganz genau wissen. So etwa, wie es in der Lesung aus dem Römerbrief hieß: "Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit." Meine Freundin verlangte Zeichen und Weisheit zugleich, das zeigten ihre Fragen. Was zum Beispiel "Erfindung" und "Märchen" ist in der Bibel und was historische Fakten. "Das ist ja wirklich spannend. Aber du weißt doch als studierte Theologin sicher auch, dass die Menschen sich Gott bloß ausgedacht haben, weil sie sich wissenschaftlich damals noch nicht so viel erklären konnten. Es ist doch beeindruckend, wie weit es die Menschheit seit damals gebracht hat und was sie alles erforscht und konstruiert hat." Da habe ich letztlich doch aufgegeben und hätte vielleicht gerade weitermachen müssen, denn es ist schon wahr: Zu Nachfolge gehört auch dieses:

5 Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.

Geduld ist auch nicht jedermanns Ding, obwohl wir eigentlich nur aus Gottes Geduld leben.

Wir können für diejenigen bitten, die sich damit schwer tun, Gottes Angebot anzunehmen. Beten fällt nicht jedem leicht. Auch manchem glaubenden Christen nicht. Die vorgefertigten Worte kommen einem abgegriffen, die eigenen unzureichend vor. Da bleibt das Wort schon mal in uns selbst stecken. Gerne hätte ich zum Beispiel zu der Bekannten, die sich mit dem Glauben so schwer tut, gesagt: "Ich bete für dich", aber mir kam selbst dieser Satz, den ich schon oft selbst gesagt bekam, ein wenig großtuerisch vor – ich glaube, es kommt auch immer darauf an, wie man so etwas sagt. Mir selbst ist es einmal passiert, dass ein alter Mann, dem es nicht so gut ging, mir auf die Frage: "Darf ich für Sie beten?" die Antwort gab: "Ich verwahre mich dagegen, dass Sie so etwas tun." Für einen, wie er sich nannte, eingefleischten Atheisten war das eigentlich eine merkwürdige Antwort, denn was sollte ihm mein Gebet denn schaden, wenn er doch zu wissen glaubt, dass Gott eine Erfindung der Menschen ist. Also doch ein Funken von Gottes-Furcht mitten im Unglauben?

Das Wort des Herrn läuft offenbar manchmal ganz unmerklich, und nicht jeder, der sich "Atheist" nennt, ist es tatsächlich.

"Wir wollen Fürbitte halten", sagen wir gegen Ende jeden Gottesdienstes, und hier ist Raum für die vielen Anliegen, die wir vor Gott zu bringen haben. "Zum Urknall kann ich nicht beten", sagte meine alte Mutter einmal, schon allein deshalb sei ihr der Glaube an den lebendigen Gott lebenswichtig. Gelehrt hat uns dieses Beten Gott selbst. Schon in Alten Testament finden wir Fürbitten, aber die intensivste Form ist die, die Jesus uns ans Herz gelegt hat. Eigentlich sind ja im Vaterunser alle Gebete schon enthalten – aber auch für uns als Bittende ist es gut, wenn wir, bevor wir gemeinsam laut miteinander beten, auch eine formulierte Fürbitte in der Stille mitsprechen. So sortieren sich manche Wünsche, die wir im Innern haben, und indem wir sie ausgesprochen hören, fällt uns vielleicht ein, wie wir zusätzlich zum Beten auch etwas tun können. Wenn wir für Menschen bitten, die einsam sind, dass jemand sie besuchen möge, fällt uns vielleicht ein längst vergessener lange versprochener Krankenbesuch wieder ein. Und wenn wir für diejenigen bitten, die uns schwer fallen, dann können wir danach auch anders auf jemanden zugehen, der uns nicht ganz so sympathisch ist.

Meine Großmutter, eine ganz einfache Tagelöhnerin, hat mir mit ungeübter Schrift in mein Poesiealbum geschrieben: "Beten heißt: Des Himmels Pforten sprengen, Heimkehr aus des Lebens wirrer Hast, Beten heißt: zu Gottes Herzen drängen, niedersinken mit der Erdenlast." Dass wir das können, mit unserer Fürbitte zu Gottes Herzen drängen, dazu bewahre uns SEIN Friede, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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