Der Weg der Freiheit

<i>[Anmerkung: Im letzten Abschnitt habe ich einige sehr schöne Formulierungen meines Kollegen Manfred Günther übernommen und verarbeitet – brüderliche Grüße!!!]</i>

Liebe Gemeindeglieder!

Freiheit – ein großes Wort, ein starkes Wort. Es hat schon oftmals über Revolutionen gestanden.

Freiheit, was ist das eigentlich? Das Wegfallen von einengenden Grenzen, das Auftuen ungeahnter Möglichkeiten, gewonnener Spielraum? Wir haben wohl gerade in den letzten Jahren sehr deutlich erfahren, dass da, wo Grenzen wegfallen, sich alsbald neue erheben; der fröhlich von Ost nach West Reisende, dem sich die Welt plötzlich auftat, musste erfahren, dass seine Reiselust bald begrenzt wurde durch das leere Portemonnaie; der selbständige Landwirt, der in der eigenen Regie wieder seinen Acker bestellen konnte, spürte bald die Beschlüsse von Brüssel, die seine neugewonnenen Freiheiten erheblich eingrenzten.

Der Jugendliche, der meint, nun ist alles erlaubt, gerät sehr schnell mit dem Gesetz in Konflikt. Der Arbeitnehmer spürt zunehmend die Abhängigkeiten vom Arbeitgeber. – Kurzum, wir können nicht daran vorbei, feststellen zu müssen: Es gibt keine grenzenlose Freiheit. Unser Leben vollzieht sich innerhalb bestimmter Abhängigkeiten. –

Darum geht es auch Paulus in unserem Briefausschnitt. Er ist der Ansicht, dass wir letztendlich nur zwei Möglichkeiten haben, den Spielraum unserer begrenzten Freiheit auszuschöpfen. Die eine Möglichkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass am Ende der Tod steht. Dabei meint Paulus nicht allein den leibliche Tod.

Das Zerbrechen zwischenmenschlicher Beziehungen kann Menschen todkrank machen, an den Rand des Todes, ja in den Tod treiben. Viele Krankheitssymptome haben ihre Ursache in psychischen Störungen. Magengeschwüre sind oft begründet im ständigen Ärger. Herzinfarkte sind häufig die Folge von Dauerstress. Menschen können sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Da kann man noch lebendig, schon tot sein in seiner Einsamkeit, in seiner Verbitterung, in seiner Resignation und Hoffnungslosigkeit.

Diese Art, den Spielraum der Freiheit auszufüllen, ist die eine unserer Möglichkeiten. Wer so lebt, sagt Paulus, hat sich abhängig gemacht von der Sünde. Und die Folge der Sünde ist der Tod.

Wie sieht nun die andere Art, den begrenzten Spielraum unseres Lebens, auszufüllen, aus? "Gabe Gottes ist das ewige Leben", sagt Paulus. Keine Jenseitsvertröstung, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Nein, ewiges Leben beginnt für Paulus bereits hier in unserem irdischen Miteinander. Es beginnt da, wo wir uns von Gott abhängig machen. Knechte Gottes, nennt Paulus solche Leute. Das klingt zunächst nicht sehr einladend, ja fast schockierend.

Es lohnt, hier noch ein bisschen nachzuhaken. Wir haben am Anfang festgestellt, dass wir damit leben müssen, abhängig zu sein. Paulus ermutigt darum, diese Abhängigkeit an Gott zu binden. Von Gott abhängig zu sein, heißt von seiner Vergebung abhängig zu sein, von seiner Gnade oder sage ich es in einem Wort: von seiner verschwenderischen Liebe.

Wer das schon einmal ausprobiert hat, der macht überraschende Erfahrungen mit solcher Sichtweise.

Da wo Menschen sich nach einem Streit wieder in die Augen sehen können, weil sie aufeinander zugehen. Da, wo Menschen es probieren, den Freiraum der Gnade Gottes auszufüllen, um dabei die Erfahrung zu machen, es lohnt sich. Dabei bekommt das Leben einen guten Sinn. Es lohnt sich, als Knecht Gottes zu versuchen, Stolpersteine des gestörten Miteinanders aus dem Wege zu räumen, weil damit auch dem Anderen sich neue Lebensräume eröffnen.

Liebe Gemeinde,
es bleibt dabei, fern von Gott wartet der Tod auf uns. Freilich, mancher mag den Gedanken weit von sich weisen – der Tod ist noch weit, ich bin doch noch jung, ich will das Leben heute und jetzt genießen!

Aber ich glaube, wir denken dabei zu kurz … Denn ist das nicht schon hier und heute wirklich ein Stück Hölle, immer nur an sich selbst zu denken, für die Karriere moralisch über Leichen zu gehen und die Mitmenschen an die Wand zu spielen. Weht uns da nicht wirklich der kalte Hauch des Todes an! Und sind wir dabei nicht wirklich unfrei, nur unseren niedrigsten Instinkten, unserem Begehren, unserer Habgier und Bosheit ausgeliefert …

Und umgekehrt: Dient unsere Wahrhaftigkeit und unsere Mühe um das Rechte und Gute nicht auch dem Leben hier und heute! Es ist doch einfach richtig und es macht Freude, sich nach Kräften so zu verhalten, dass es die Wahrheit, die Gemeinschaft mit anderen, die Wohlfahrt und das Glück aller fördert. Da kommt soviel zu uns zurück, da entsteht zwischen uns so viel Leben und Lebendigkeit, Liebe und Vertrauen …

Lassen wir uns also vom Apostel Paulus auf den richtigen Weg rufen, den Weg der Abschied nimmt von den eigenen Ellenbogenfreiheiten, den Weg der Freiheit in der Bindung an Jesus Christus. Den Weg, der Menschen friedevoll miteinander umgehen lässt, den Weg der den anderen mit seinen Augen sieht.

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