Der Unterschied des Christen

Liebe Gemeinde:
was würden Sie antworten, wenn Ihnen jemand die Frage stellte: "Was unterscheidet einen Christen von anderen Menschen auf dieser Erde?" Es ist, zugegebenermaßen eine recht
schwierige und eine recht persönliche Frage, weil sie uns hier in diesem Raum zwingt über unser eigenes Leben nachzudenken. Es reicht ja nicht zu sagen: der Christ "an sich" ist soundso, sondern meine Antwort muss ich mit meiner Person abdecken: ich muss über mich nachdenken und Antwort geben.

Vielleicht kann nur Antwort gegeben werden, wenn derjenige Mensch, der so gefragt wurde, bereits in seinem Leben etwas erfahren hat, was ihm deutlich machte, wie sehr er in seinen eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten begrenzt ist. Und das nicht nur z.B. in seinem Beruf oder in seiner schulischen Leistung oder in seinen Fähigkeiten als Vater oder Mutter, als Tochter oder Freund. Nicht nur dort, obwohl man bereits in diesen Dingen deutlich seine eigenen Grenzen spürt,
sondern auch dort, wo scheinbar von außen etwas auf mich hereinbricht: plötzlicher Tod, Krankheit, ein anderes, äußeres Unglück. Wenn der so befragte Mensch in diesen Momenten eine Kraft erfährt, die ihn halten und tragen kann, die ihm ermöglicht das Leben und nicht nur den Tod zu sehen, wenn dieser Mensch erfährt, was Paulus als das Bleibende beschreibt, nämlich Glaube, Liebe, Hoffnung, dann liebe Gemeinde, wird ihm vielleicht erst klar werden, was einen Christen von anderen Menschen
unterscheidet. Wer diese Gnade Gottes, dieses unverdiente Schenken aus mächtiger Hand, dieses liebevolle Annehmen trotz eigener Schwäche an eigenem Leibe einmal erfahren hat, der wird vielleicht auf meine Frage so antworten: "Der Christ unterscheidet sich von anderen Menschen durch
sein glaubensvolles "Dennoch" – sein Dennoch angesichts des Leides und der Schmerzen, sein Dennoch angesichts der Ungerechtigkeit und der eigenen Benachteiligung. Es ist kein stilles, nur duldendes und ruhigstellendes Dennoch, sondern ein Dennoch der tätigen Liebe, ein Dennoch, das um den letzten, den endgüligen Sieg weiß. Ein Dennoch, das daran glaubt, dass Gottes Kraft in den
Schwachen mächtig ist." Der gläubige Christ Martin Luther King hat sein Dennoch gelebt, trotz der Rassenunterdrückung in den USA den gewaltfreien und demütigen Kampf gegen dieses System geführt und es durch die Kraft des Glaubens und der Liebe soweit gebracht, wie es gekommen ist. Es ist das Dennoch des Glaubens, das viele Christen in dieser Welt zu Tat und Liebe ermuntert, wo der kalte, berechnende Verstand längst analysiert hat, dass es unsinnig ist, noch weiter zu investieren, weil der Gewinn angesichts der Ausgaben viel zu gering ist. Wo sich Christen dennoch engagieren blüht aber die Liebe und die Hoffnung und ein Stück wahrer Menschlichkeit wie eine kleine grüne Pflanze, die den Asphalt durchbricht. Dies alles ist möglich, weil Gott da ist. Das Lachen des Christen ist
das Lachen des Heiligen Geistes und der Sieg des Christen ist der Sieg Jesu über den Tod. Gott ist da, er wirkt in unserem und in unser Leben, er allein regiert und hält jedes Leben in der Hand.

Dies alles, liebe Gemeinde macht ein Christenleben aus und jeder Sonntag, den wir gemeinsam in seinem Namen feiern ist ein Stück Auferstehung, ein Stück Ostern und ein Stück dieser beschriebenen Freude.

Heute aber ist eine Zeit für uns eingerichtet, die uns den Blick richten lässt auf das Bangen der Jünger damals. Sie hatten alles, wovon ich eben redete mit Jesus von Nazareth erfahren, dann aber starb dieser Mann einen schmählichen Tod am Kreuz und es kam die Zeit der Ungewissheit, die Zeit des Wartens, die Zeit, in der Gott sein Angesicht vor den Menschen verbarg, genauso wie das Zeichen unserer Erlösung, das Kreuz heute vor unseren Augen verborgen ist. Hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Johannes im 19.

[TEXT]

Johannes beschreibt das Sterben Jesu in einer bildreichen Sprache. Stellen Sie sich also hinein,
in dieses Bild, stellen Sie sich unter das Kreuz in der Mitte und sehen Sie mit Ihren eigenen Augen, was dort mit demjenigen passiert, der Ihnen Gottes Anwesenheit verkündigte und Sie an diese glauben ließ. Sie sehen die Hände, die so oft Heilung schenkten durchbohrt von Nägeln, sie sehen
über dem Haupt, das sich oft genüg demütig als Diener niederbeugte die Inschrift, dass hier ein König hinge. Sie sehen seine Kleider, die für andere mit einer Berührung ausreichten, um gesund zu machen, zerteilt und als Würfelbeute ausgeschrieben. Sie sehen fast alle Jünger verschwunden, nur die Frauen hatten den Mut zu bleiben. Sie sehen den Mund dieses Menschen, der vom lebendigen Wasser sprach und müssen erleben, wie man ihm Essig zu trinken gibt. Dann aber ist Jesus tot und mit ihm die Zusage, dass Gott eine neue Geschichte mit seinem Volk beginnen möchte. Jesus ist tot und stellte ich Ihnen die Frage vom Anfang, jetzt, da Sie mitten im Bilde stehen, dann könnten wir nur antworten: "Der Christ ist der allererbärmlichste unter den Menschen, weil sein Glaube, seine
Liebe und seine Hoffnung soeben gestorben ist." Und in der Tat, wie Paulus schreibt: wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist unser Glaube vergeblich. Diese Zeit, liebe Gemeinde, von Karfreitag bis Ostersonntag sind wir auf uns allein gestellt – es gibt kein Dennoch mehr, kein Lachen und keinen Sieg. All unsere Schuld fällt auf uns zurück – wir sind an unsere Grenzen geführt worden. Blicken Sie auf den Altar: das Zeichen unseres Sieges über den Tod: verhüllt in ein schwarzes Tuch. Die Lichter des Lebens, die an das einzig wahre Licht erinnern sollen: weggeräumt und nicht sichtbar. Der Tisch des Herrn leer und kalt: das weiße Tuch – ein Grabtuch in
unseren Augen. Uns entgegen scheint keine Farbe, nur das Schwarz: ein Symbol für Tod, Leid und Hoffnungslosigkeit. Wir sind an unsere Grenzen geführt worden.

Liebe Gemeinde, wir können nicht stehen bleiben in dem Bild, welches Johannes gemalt hat. Wir wissen, dass auf Karfreitag der Ostermorgen folgt, auf den Tod die Auferstehung, auf das Bangen
und Zweifeln das Glauben und das Lachen. Aber das Bild des Johannes ist uns zum Sinnbild geworden, auf dass wir erinnert würden, was unser Leben und unser Lieben in dieser Welt trägt und tragfähig macht. Weil unsere Kraft eine abgeleitete Kraft ist, weil unser Sieg nicht in uns selber liegt, weil unsere Hoffnung nicht aus unseren Köpfen entstammt, ist diese Karzeit eine Zeit der
Erinnerung, der inneren Sammlung, ja gerade der Erkenntnis unserer eigenen Schwäche, unseres eigenen Versagens und unserer eigenen Begrenzung. Sie ist heilsam, damit die andere Kraft, die
Kraft Gottes in uns Raum greifen kann, auf dass wir mutig auf die Frage, was denn ein Christ sei, mit unserem Dennoch antworten können.

Wir feiern nachher gemeinsam das Heilige Abendmahl. Wir lassen uns stärken mit dieser Zusage Gottes gerade in der dunklen Zeit, damit wir nicht verzagen und verzweifeln müssen, wenn wir uns
ihr aussetzen. Bleiben Sie aber dran, in dieser Karzeit und wiederstehen Sie der Versuchung, das Schwarz durch unser Bunt zu ersetzen, sehen Sie auf Ihre Grenzen und auf Ihre Schuld, auf Ihr
Versagen und auf Ihr Leid, damit sie erinnert sein mögen, durch wessen Kraft und Herrlichkeit Ihnen erlaubt wurde, all dieses für den Rest des Jahres nicht mehr Ihr Leben bestimmen zu lassen.

drucken