Der Stärkere gewinnt …!?

Liebe Gemeinde!

1. Wir leben in einer Welt, in der scheinbar nur der Stärkere gewinnt. Wer schneller, höher, weiter kommt als die anderen, ist Sieger. Und die anderen verlieren. Die im Dunkeln sieht man nicht. Wir sind es gewohnt, nach dem Maßstab des Erfolges in Gewinner und Verlierer zu unterscheiden. Und nach dem Maßstab der Macht in Täter und Opfer. Manchmal legen wir auch einen moralischen Maßstab an. Dann heißt es: die Guten und die Bösen. Aber ganz egal, mit welchem Maßstab wir auch messen: der Stärkere gewinnt.

Dabei sind wir von Vorbildern geprägt. An kleinen Kindern kann man das sehr schön sehen. Ein Junge wurde gefragt, wer sein großes Vorbild sei. Und er antwortete: Sven Hannawald. Warum? Weil der gleich viermal gewonnen habe. Ob er schon immer sein Vorbild gewesen sei? Nein, vorher war es Martin Schmidt. Und wieso der nicht mehr? Weil der jetzt verloren hat und Hannawald weiter springt. Hannawald ist der Beste, er will auch einmal so werden wie er! Dieses Gespräch lässt an Klarheit und Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig.

Auch wir Erwachsenen lassen uns von Vorbildern beeindrucken. Wir identifizieren uns vielleicht nicht so deutlich und unbefangen mit Gewinnern Sven Hannawald oder Michael Schuhmacher. Oder mit Auserwählten wie Harry Potter oder Frodo Beutlin. Im Unterschied zu den Kindern haben wir uns vielleicht sogar schon mit einer Verlierer-Rolle im Leben abgefunden. Oder wir leben als Opfer. Die da oben – wir hier unten. Mit uns können sie’s ja machen. Aber selbst dann herrscht ein geheimes Einverständnis darüber, dass es eigentlich besser wäre, zu den Schönen, Reichen, und Mächtigen zu gehören.

2. Als ich las, was der Prophet Jesaja über den Knecht schreibt, musste ich unwillkürlich denken: Was für eine merkwürdige Gestalt ist das! Einer, der nicht laut schreit und ruft, dessen Stimme man nicht hört auf den Gassen, wo das Tagesgespräch regiert, das Geschwätz und das Gerücht. Einer, der etwas zu sagen hat, ganz sicherlich. Etwas, das auf wache und erwartungsvolle Ohren trifft. Aber das geschieht abseits vom Getriebe, vom Lärm und der großen Öffentlichkeit. Das ist nicht für den Markt bestimmt, sicher auch nicht besonders medienwirksam.

Was für eine interessante Gestalt. Einer, der ein geknicktes Rohr nicht absichtlich oder unachtsam zerbricht. Der einen glimmenden Docht nicht auslöscht, sondern vor dem Verlöschen bewahrt. Ich versuchte mir die Geste vorzustellen, wie er mit seiner hohlen Hand eine schwache Flamme vor dem Wind schützt. Und wie er zärtlich eine Pflanze wieder aufrichtet. Und ich stellte mir vor, wie so einer wohl mit Menschen umgeht. Dass er sie nicht an die Wand spielt, sondern behutsam ins Licht rückt. Dass er ihre eigenen, vielleicht noch so geringen Kräfte achtet und fördert. Dass er sie ernst nimmt und ihnen hilft.

Eine seltsame Gestalt, die nicht so recht in eine Welt passt, in der die Stärke regiert. Er hält sich auf der Seite der Schwachen, der Geringen und Bedrohten. Er ist bei den Geknickten zu finden, bei denen, deren Kraft zu erlöschen droht. Dunkel scheint angedeutet, dass ihn das selbst viel Kraft gekostet haben muss: Er werde nicht verlöschen und nicht zerbrechen, heißt es, bis er seine Arbeit vollendet hat. Offenbar ist er selbst starkem Gegenwind und großem Druck ausgesetzt. Wie könnte es auch anders sein, wenn er sich so ganz auf die Seite der Schwachen und Bedrohten, der Erniedrigten und Beleidigten stellt.

3. Was für ein denkwürdiges Vorbild, dachte ich. Denkwürdig vor allem deshalb, weil es unsere geläufigen Maßstäbe durchbricht. Hier tritt uns eine Gestalt entgegen, deren Vorzug es nicht sein soll, zu den Starken, Schnellen und Mächtigen zu gehören. Sondern im Gegenteil: Er wird Knecht genannt, weil er nicht herrscht, sondern dient. Weil er nicht nach oben strebt, sondern unten bleibt. Weil er offenbar gerade dort seinen rechten Platz einnimmt und so die Gerechtigkeit Gottes aufrichtet. Ein Mensch – ganz nach Gottes Wohlgefallen! Geläufig ist uns, dass man eine Macht nur überwinden kann mit einer noch mächtigeren Macht. Selbst die Erlösung, den Sieg über das Leid und das Böse, können wir uns kaum anders vorstellen. Gegen die Macht des Bösen hilft nur die mächtigere Macht des Guten, um zu gewinnen. Gegen Waffen helfen nur stärkere Waffen. Gegen Leiden nur stärkere Medikamente. Aber solange wir so denken, können wir das Besondere daran, wie Gott sein Reich, seine Gerechtigkeit aufrichtet, noch nicht begreifen.

Das Besondere liegt darin, dass die Macht nicht mit einer mächtigeren Macht überwunden wird. Es treten nicht Legionen von Engel auf den Plan. Es kommt nicht der strahlende Held, der die Mächte der Finsternis mit gleißendem Licht vernichtet. Es tritt auf: der Knecht Gottes, dessen Stärke gerade in seiner Demut besteht. Der sein Licht nicht auf das Siegertreppchen trägt, sondern unter die Schatten hinab, zu denen, die bisher blind waren und im Kerker saßen. Er hat gar keine Zeit zum Siegen, solange es irgendwo noch Verlorene und Vergessene gibt.

4. Man weiß heute nicht genau, wer dieser Knecht Gottes überhaupt ist. Ob mit diesem Namen eine bestimmte historische Person gemeint war. Ob man den Propheten selbst als diesen Knecht verstanden hat. Ob man den erwarteten Messias so beschreiben wollte. Oder ob das Volk Israel als Ganzes damit gemeint sein sollte. Was wir haben, sind verschiedene kurze Texte, die im Buch des Propheten Jesaja aufgezeichnet sind. Sie malen uns mit Worten die Gestalt dieses Knechts vor Augen. Und es muss uns vielleicht schon genügen, wenn wir uns eine solche Gestalt überhaupt vorstellen und einzuprägen vermögen.

Was wir aber sehr genau wissen ist, dass die ersten Christen, die die Worte der Schrift im Herzen trugen, genügend Einbildungskraft besaßen, um diese Texte auf Jesus von Nazareth zu beziehen. Ihnen wurde deutlich: Das ist ja von ihm gesagt! Das ist ja Jesus, von dem der Prophet Jesaja gesprochen hat! Er war es doch, der in Treue das Recht hinausgetragen hat. Der mit seinem Leben und mit seiner Lehre die Gerechtigkeit Gottes dargestellt hat. Jener rätselhafte Knecht Gottes: das war Jesus! Der Prophet hat es vorausgesagt. Die Schrift ist erfüllt.

Ein schönes Beispiel gibt uns die Geschichte von Philippus und dem Kämmerer aus dem Morgenland, die in der Apostelgeschichte steht. Da liest der Mohr im Buch des Propheten Jesaja von dem Knecht und fragt: "Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?" Und Philippus fängt mit diesem Wort der Schrift an und predigt ihm das Evangelium von Jesus. Hinterher hat der Kämmerer die Schrift verstanden – und er hat Jesus verstanden. Und da lässt er sich von Philippus taufen.

5. Wir sehen hier einen äußerst spannenden Vorgang. Die heilige Schrift, in diesem Fall die Worte des Prophet Jesaja, konnten solange nicht wirklich verstanden werden, bis sie durch Jesus erfüllt waren. Später hat man dann sagen können: Jesus Christus ist der Inhalt der Schrift. Aber auch anders herum: Man hätte Jesus aus Nazareth, sein Leben und sein Werk, nicht wirklich verstehen können, wenn die Gestalt des Knechtes nicht in der Schrift vorgezeichnet gewesen wäre. Man wird schon merken, wer der Auserwählte des HERRn ist. Aber um es zu merken, muss man zuvor seine Merkmale kennen.

Es spricht einiges dafür, dass Jesus sich selbst sich als Auserwählten des HERRn verstand. In einer anderen Geschichte, aus dem Lukasevangelium, liest Jesus in der Synagoge aus dem Buch des Propheten Jesaja vor: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen." Und dann, als alle erwartungsvoll auf ihn blicken, sagt er: "Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren."

Dann wäre der Knecht Gottes, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht, das große Vorbild Jesu gewesen. Jesus hätte in dem Auserwählten des HERRn, an dem Gott sein Wohlgefallen hat, eine Gestalt erkannt, die sich ihm einprägte, die er sich zu Herzen nahm, mit der er sich identifizierte. Sein ganzes Leben und seine Verkündigung geben davon Zeugnis. Demütig, dienend, auf der Seite der Schwachen und Ausgegrenzten, auf der Suche nach Verlorenen und Vergessenen trug er sein Licht in die Welt.

6. Es ist ein weiter Weg von dort bis heute, wo wir ihm singen: "Du höchstes Licht". Jesus ist unser Licht. Er ist unser Vorbild, als Vorläufer und Vollender des Glaubens. Jesus ist Sieger. Ja. Aber er hat auf ganz andere Weise überwunden, als wir uns das sonst vielleicht vorstellen.

Nach den Maßstäben der Welt hat Jesus aus Nazareth verloren, als er schließlich am Kreuz starb. Doch gerade darin wurde die prophetische Vorschrift bis ins Letzte erfüllt: Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte. Jesus ist nicht verlöscht und zerbrochen, sondern er hat die Gerechtigkeit Gottes aufgerichtet, getreu bis in den Tod, auf Golgatha.

Und wir? Wir leben weiterhin in einer Welt, in der scheinbar nur der Stärkere gewinnt. In dieser Welt, und nach den Maßstäben dieser Welt, kann nur verlieren, wer dem Vorbild des Knechtes, wer dem Vorbild Jesu folgt. Wer sich’s einprägt und zu Herzen nimmt. Doch Gott hält seine Auserwählten bei der Hand. Er behütet sie. Darum werden sie am Ende auch überwinden und gewinnen.

Weil sie die Arena nicht mehr als Sieger verlassen müssen. Weil sie nicht mehr zu kämpfen brauchen. Weil sie Leiden zulassen können.

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