Der Seelengärtner

Liebe Gemeinde!

Es gibt etwas, was uns alle verbindet. Sie und ich, wir haben es gemeinsam. Und wir teilen es auch mit vielen, die heute Abend nicht hier sind:

Wir interessieren uns für andere Menschen. Ja, wir beschäftigen uns lieber mit anderen, als mit uns selbst. Wir reden gerne über andere.

In der letzten Zeit werde ich ganz besonders auf dieses menschliche Phänomen gestoßen, wenn ich die Zeitung aufschlage.

Ich lese: Überall fehlt es an Geld. Der natürliche Menschenverstand sagt: Wo kein Geld ist, kann auch kein Geld ausgegeben werden. Aber bei uns, ja bei uns ist das ja zum Glück anders. Da werden Schulden gemacht, hemmungslos.

Und jeder in diesem Land vom Bundeskanzler bis zum Dentallaborantenazubi in Untersigmaringen-Südost weiß: es muss gespart werden. Und nun ist es wieder da, das Interesse an anderen Menschen.

Man interessiert sich, kennt sich allerbesttestens aus in den Portemonnaies der anderen: Es muss doch einmal gesagt werden:
– den Beamten Privilegien streichen,
– den Nachtarbeitenden Zulagen,
– den Politikern Diäten,
– den Asylanten erst recht dies und das und jenes bitte auf gar keinem Fall.
– Und diese Rentner,
– diese Menschen ohne Kinder und die bitte auch mal ran … Sie kennen das?

Es muss gespart werden, ganz gewiss. Aber nicht bei mir. Bei anderen dagegen, die könnten, sollten, müssten doch eigentlich …

Haben Sie in diesem Dschungel auch nur eine einzige Stimme gehört, die in glockenreiner Bescheidenheit sagt: Ich will nicht über andere reden. Mein Beitrag zum Sparen ist …

Sie erleben es ja jeden Sonntag. Die Pfarrer und Pfarrerinnen krempeln hier auf der Kanzel die Arme hoch und versuchen mit der ihnen eigenen Kunst der Interpretation deutlich zu machen:

Früher, also zur Zeit Jesu, waren die Menschen auch nicht anders als heute. Die Bibel bleibt aktuell!

Und ich kann auch wieder nur sagen: Stimmt genau! Auch heute lese ich aus unserem Predigttext heraus:

Die Gesprächspartner von Jesus beschäftigten sich lieber mit anderen als mit sich selbst. Da kamen einige und erzählten von galiläischen Männern, die Pontius Pilatus umbringen ließ, als sie gerade im Tempel Opfer darbrachten. Und sie lenkten das Gespräch auf Gott: War ihr Schicksal Gottes Strafe? Hat Gott die Mörderhände des Pontius Pilatus bewegt, weil die Männer Schuld auf sich geladen hatten?

Irgendein Turm der Stadtbefestigung am Teich von Siloah war eingestürtzt. 18 Menschen starben. Ein katastrophales Ereignis, – vielleicht -wenn auch im allerkleinsten Maßstab – vergleichbar mit dem Einsturz des World-Trade Centers.

Das Ereignis muss verarbeitet werden. Es wird geredetet, debattiert, disputiert und schließlich wird Jesus gefragt. War diese Katastrophe die Antwort Gottes auf das sündige Verhalten der Menschen? Wie kann Gott das zulassen? Und manche fragen ganz hautnah: Der 16 jährige, durch plötzliche Krankheit umgekommen. Das einzige Kind, Sonnenschein der Familie, an Leukämie erkrankt. Der Lebenspartner, kurz nach der Pensionierung, aufgefressen vom Krebs.

Wo warst du – Gott? Dem Luftikus von nebenan geht´s gut – aber mein Mann musste sterben!

Es wird viel über andere geredet. Es wird manchmal auch viel über Gott geredet. Wie geht Jesus damit um? Was sagt er? Wie reagiert er?

Ich kann nur sagen: Sein Verhalten ist verblüffend. Er geht gar nicht auf die Anfragen ein. Seine Antwort lautet: Beschäftigt euch doch nicht pausenlos mit anderen. Beschäftigt euch mit euch selbst: Beklag doch nicht den vermeintlichen Reichtum der anderen. Halte mal Kassensturz und teile bescheiden mit, was du verkraften kannst. Fragt nicht danach, warum andere Strafen und Schicksal verdient haben. Fragt nich nach dem, was Gott zuließ. Fragt einmal danach, was ihr zugelassen habt. Bevor ihr über andere – und seien es nun Menschen oder Gott – nachdenkt, denkt bitte über euch selbst nach. Wie steht es um euch?

Und damit, liebe Gemeinde, sind wir bei der klassischen Bußtagsfrage angelangt: Wie steht es um euch? Wie steht es heute um dich?

Und Jesus erzählt ein Gleichnis, ein bildhafte Geschichte, die viel mit uns zu tun hat. Da steht mitten im Weinberg ein Feigenbaum. Irgendwann hat ihn einmal jemand dorthin zwischen die Rebstöcke gepflanzt. Jahr für Jahr, erzählt Jesus, vergeht, aber der Feigenbaum bringt keine Frucht mehr. Ein Obstbaum, der nur Blätter treibt, verweigert eigentlich seine Bestimmung, verliert an Existenzberechtigung, ein Fehlgriff der Natur?

Ich glaube, wir verstehen nur zu gut, was Jesus meint: Angesichts des nur Blätter treibenden Feigenbaumes sollten wir nachdenklich werden, zu fragen anfangen: Wo bringe ich Frucht? Wie sieht Gott mich eigentlich?

Eine Frau erzählte mir: Ich komme immer gerade so über die Runden. Jeder Tag ist verplant. Ich steh früh auf, die Kinder geben das Programm vor, der Arbeitstag ist lang, jeden Tag stehen neue Termine an, Besorgungen sind zu erledigen, ich interessiere mich für soviel und bin dort und hier engagiert …

Ich tue und mache soviel. Aber neulich, abends, in einer ruhigen Minute, tauchten Zweifel auf. Mein Leben ist zwar randvoll ausgefüllt, aber nicht erfüllt. Weshalb eigentlich? Wenn ich genau über mich nachdenke, dann stelle ich fest: Ich bin gar nicht so, wie ich sein sollte.

Ich tue so viel, ich habe ja auch nie wirklich Zeit – und trotzdem habe ich den Eindruck: es ist zu wenig, qualitativ meine ich, es trägt nur winzig kleine Früchte. In Wirklichkeit bringe ich gar nicht viel hervor. Nach außen hin scheint vieles so ganz toll, aber ich weiß: es sind doch nur Blätter.

Normalerweise fängt man spätestens an dieser Stelle an, sich zu entschuldigen oder über andere zu reden: Die momentanen Umstände meines Lebens sind brutal, die Kinder sind gerade in dieser oder jener Phase, wenn mein Mann nicht gerade, wenn meine Chefin nicht unbedingt …

Es sind dann immer die anderen, die anderen Menschen, die äußeren Umstände.

Doch lenken wir nicht ab. Hören wir auf die Geschichte, die Jesus erzählt. Sie geht noch weiter. Unser Feigenbaum steht zu Debatte. Und es wird knallhart verhandelt. Der Weinbergbesitzer sagt: Hau ihn ab! Der ist kaputt! Der bringt nichts mehr! Der nimmt nur Platz weg! Jesus will sagen: Gottes Geduld mit uns ist nicht grenzenlso.

Und da ist noch ein Gärtner, der hält laut dagegen: Nein! Warte doch noch! Lass ihm noch ein Jahr, gib ihm eine Frist. Ich will noch einmal um ihn graben, ihn düngen. Ich will mich um Frucht in seinem Leben bemühen!

An dieser Stelle erreicht mich das Evangelium am heutigen Bußtag: Sie fragen: wer ist der Gärtner? Ich antworte: Es ist Gott, höchstpersönlich. Er kommt uns doch immer wieder entgegen, nimmt uns in Schutz, hört uns zu, stützt uns, wenn unsere Füße den Halt verlieren.

Gott ist unser Seelengärtner. Vielleicht geht es in unserem Leben viel mehr darum, in zum Zuge kommen zu lassen, als immer selbst zum Zuge kommen zu wollen.

Ich denke an den Baum im Psalm 1, der seine Früchte bringt zu seiner Zeit und was er macht, das gerät wohl. So wünsche ich mir das mit mir auch.

Ich wünsche mir die Gelassenheit im Umgang mit mir selbst, die zulassen kann, dass Früchte wachsen zu ihrer Zeit. Diese Zeit ist vielleicht auf dem ersten Blick nicht mit meinem Tempo kompatibel. Ich wünsche mir die innere Gewissheit, dass das, was wir machen, wohl gerät.

Tatsache ist: Der Baum hat seine Wurzeln. Nur durch sie kann etwas an ihm und durch ihm wachsen. Seine Wurzeln sind das Nachsinnen über Gottes Wort, das hörende Lauschen über das, was Gott zu sagen hat. Das Beten, Stillesein vor ihm. Das Wegsehen von sich selbst und hinsehen auf Gott.

Ich bin gewiss: Nehmen wir uns selbst ernst! Konzentrieren wir uns auf uns! Lassen wir uns nicht von anderen so schnell ablenken! Lassen wir uns auf Gott ein! Suchen wir unseren Weg im Beten und Hören auf Gottes Wort!

Unser Seelengärtner wird uns nicht verhungern lassen. Er wird das Hoffnungssaatgut in uns hineinlegen, es wird aufgehen zu seiner Zeit und Früchte bringen.

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