Der schreiende Christus

Paulus schreibt an die Korinther: "Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten." Damit sagt er, dass seine ganze Verkündigung zusammengefasst werden kann auf diesen einen Punkt; nämlich auf die Tatsache, dass Jesus der von Gott gesandte Retter ist und dass Er am Kreuz für unsere Sünde starb. Dieses Ereignis, die Kreuzigung Jesu, ist demnach der Mittelpunkt der Christlichen Botschaft, die Paulus ja als einer der ersten in der Welt verkündigt hat. Es ist die gute Nachricht, dass Gottes Zorn über unserer Sünde gestillt ist. Seine Liebe hat sich einen Weg gemacht zu uns. Indem Er seinen Zorn über seinen eigenen Sohn, und somit über sich selbst entlud, ist es für uns möglich geworden, seine liebende Gemeinschaft zu erfahren.

Nun, wenn jemand von uns eine Nachricht oder eine Botschaft erhält, wird er auf irgend eine Art darauf reagieren. Wenn ich z.B. einen Brief erhalte, werde ich vielleicht nicht sofort zurückschreiben; aber der Brief wird auf jeden Fall eine Reaktion bei mir auslösen. So ist es auch mit der Botschaft vom gekreuzigten Christus. Jeder von uns wird auf irgend eine Art darauf reagieren, wenn er davon hört. Und diese Reaktion wird sein ewiges Schicksal bestimmen. So gewaltig ist das; meine Reaktion auf die Botschaft vom gekreuzigten Christus kann entweder mein Leben total verändern oder alles bleibt wie es ist und endet im ewigen Tod. In den zweitausend Jahren, seit diese Botschaft verkündet wurde, hat es diese verschieden Reaktionen gegeben. Paulus nennt selbst einige davon: Die einen werden wütend, andere schütteln den Kopf und es gibt solche, die nehmen dieses Geschenk der Rettung und des ewigen Lebens dankbar an.

Wir werden nun miteinander die Reaktionen der Menschen betrachten, die sich – zeitlich und örtlich – in unmittelbarer Nähe befanden, als Jesus am Kreuz hing. Ich lese dazu aus Lk 23,33-43:

[TEXT]

Wenn wir jetzt miteinander das Verhalten dieser verschiedenen Menschen unter dem Kreuz studieren, dann werden wir dabei entdecken, dass dieselben Reaktionen auch heute in unserer Zeit stattfinden: Sie teilten aber seine Kleider und warfen das Los. Nach römischem Recht standen dem Hinrichtungskommando die Kleider des Verurteilten zu. Die Männer, die hier um das Gewand Jesu losten, waren Soldaten, die einfach ihre Arbeit machten. Rauhe Burschen, die bestimmt schon viel Blut vergossen hatten und vielleicht schon viele Verurteilte sterben sahen. Sie kümmerte die Sache nicht besonders, sie taten bloss ihren Job und sorgten dafür, dass für sie noch etwas herausschaute. Ihnen gilt das Wort Jesu: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Sie wissen ja gar (noch) nicht, wen sie hier an das Kreuz genagelt haben. Sie wissen nicht, dass dieses grausame Werk, das sie gerade vollbracht hatten, nötig war, um unsere Gerechtigkeit vor Gott wiederherzustellen. Sie waren die sichtbaren Täter; aber eigentlich sind wir die Täter. Meine und deine Schuld hat den Gottessohn ans Kreuz gebracht! Wer weiss, vielleicht wird einer von ihnen das später noch begreifen und erkennen, dass dieser Jesus auch sein Erlöser ist. Vielleicht ist unter ihnen jener Hauptmann, der sagte: "Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn." Vielleicht ist auch unter uns heute jemand, der bisher noch ganz unwissend in dieser Sache war und erst noch erkennen wird, wer dieser Mann am Kreuz wirklich ist.

Die nächste Menschengruppe wird einfach mit ‚Volk‘ bezeichnet: Und das Volk stand da und sah zu. Mit dem Volk sind die Juden gemeint. Die frommen Leute der damaligen Zeit. Sie stehen da und schauen zu. Das waren die Zuschauer, die Schaulustigen, die immer da sind, wenn etwas los ist. Selber sind sie nicht beteiligt. Wahrscheinlich haben viele von ihnen mitgeschrien: "Kreuzige ihn!" als Pilatus fragte, was er mit Jesus tun solle. Es ist die grosse passive Masse, die zuschaut und kommentiert. Sie wissen immer, was zu tun ist, was das richtige ist. Selber werden sie nicht aktiv. Sie beurteilen nur. "Wenn dieser der Christus ist, dann soll er sich doch jetzt selber retten." sagen sie zusammen mit den Obersten. So beurteilen sie ganz nüchtern und innerlich unbeteiligt die Situation und erkennen nicht, dass sie gemeint sind mit dieser Hinrichtung. Wie viele frommen Leute verhalten sich genau so! Wie viele frommen Leute sind einfach nur auf Unterhaltung aus; sind Zuschauer, die kritisieren und beurteilen, was gemacht wird. Selber sind sie unbeteiligt an dem, was am Kreuz auf Golgatha geschehen ist. Sie verstehen nicht, dass Jesus gestorben ist, damit sie Vergebung und neues Leben haben können und damit sie aktiv werden und dieses Leben weitergeben. Wie ist deine Frömmigkeit beschaffen? Hat dich diese Botschaft vom Kreuz schon einmal aus der Ruhe gebracht? Bist du einmal in deinem Leben erschüttert worden durch das Nachdenken über das, was hier geschah mit dem Sohn Gottes? Wenn du ein Christ bist, muss es dich immer wieder von neuem bewegen, was Jesus für dich getan hat. Es darf niemals zur inneren Routine werden, dass Er für deine Sünde starb. Erkennen wir diese Liebe, die sich selbst opferte, bevor wir jemals daran dachten, dass wir so etwas nötig haben könnten? Denke immer wieder darüber nach, was es Gott gekostet hat, deine Schuld zu vergeben! Das kann dich nicht kalt lassen. Es wird dich dankbar machen darüber, dass du nicht die gerechte Strafe für deine Vergehungen erleiden musst. Denn Jesus hat sie an deiner Stelle erlitten.

Als nächstes kommen wir zu einem besonders traurigen Kapitel: Es spotteten aber auch die Obersten. Die Menschen, die eigentlich die Botschaft Jesu am Besten hätten verstehen sollen, waren seine grössten Verächter geworden. Diejenigen, die die Schriften studiert hatten, hätten erkennen sollen, wer dieser Menschensohn ist. Sie dachten, dass sie jetzt wohl das Gleichgewicht wieder hergestellt hatten im Reiche Gottes. Jetzt, wo dieser unbequeme Zimmermanns-Sohn zum Schweigen gebracht ist, werden sie wieder diejenigen sein, die in den religiösen Fragen Auskunft geben. Fast wäre ihr ganzes System ins Wanken gebracht worden. Dieser Jesus hatte es fast fertig gebracht, ihnen das Volk abspenstig zu machen. Wenn sie wüssten, dass die Sache für sie überhaupt noch nicht zu Ende ist! Es fängt erst richtig an! Es ist für uns leicht, die Schriftgelehrten und Pharisäer zu beurteilen und zu verklagen. Aber, wie geht es denn uns, wenn unsere so schön eingerichteten Systeme und Vorstellungen einmal hinterfragt werden? Wie reagieren wir? Sind wir denn bereit, uns in Glaubensfragen von Geschwistern in Frage stellen zu lassen? Oder stellen wir das einfach ab? Haben wir alles bereits abgehakt und im Sack? Kann uns der Mann am Kreuz noch ansprechen, uns korrigieren, oder lassen wir uns da nicht mehr dreinreden?

Es verspotteten ihn aber auch die Kriegsknechte. Die Soldaten riefen ihm dasselbe zu wie die führenden Juden: "Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst!" Als Soldaten des Römischen Reichs erwarteten sie von einem König, dass er sich mit Macht und Gewalt durchsetzt. Dieser Mann, der da so hilflos am Kreuz hing, konnte doch unmöglich ein König sein. Sonst hätte er doch Mittel und Wege, hier freizukommen! So denken auch heute noch viele Menschen über Jesus. Wenn Er wirklich Gottes Sohn ist, dann muss Er das doch zeigen! Ich sehe nichts davon. Ich glaube nur, was ich sehe. Wie oft wünschen auch wir Christen uns, dass doch einmal unwiderruflich klar wird, wer der Herr ist. Dass alles Böse unschädlich gemacht wird. Wir möchten bewiesen haben, dass wir auf der Seite der Wahrheit sind! Dieser Moment wird kommen. Aber es ist noch nicht heute. Wir leben noch im Glauben, nicht im Schauen. Aber der Tag wird kommen, an dem der Gekreuzigte vom Himmel herab kommen wird. Und wehe dem, der sich Ihm in der Weg gestellt hat! Aber bis der Tag kommt, ist noch Zeit, die frohe Botschaft weiterzusagen. Es ist noch Gelegenheit, den König der Juden als König über dein Leben zu akzeptieren! Lass Ihn dein König sein, dann wirst du erfahren, was es heisst, frei zu sein von aller Last der Vergangenheit. Dafür hat Er diese Qual des Kreuzes erduldet.

Es stand aber auch eine Inschrift über Ihm. Diese Inschrift in drei Sprachen wird wie noch eine Verspottung gewirkt haben. Normalerweise wurde auf eine solche Tafel der Grund für die Kreuzigung geschrieben. Ich denke aber, dass da noch etwas mehr dahinter steckt. Diese Tafel wurde von Pontius Pilatus in Auftrag gegeben (vgl. Joh). Pilatus hat sich ja mit seinem Urteil so schwer getan, weil er wohl spürte, dass dieser Jesus unschuldig war. Er schien auch zu merken, dass Gott hinter diesem Mann steht, deshalb wurde er so unsicher. Er hat dann aber doch die Menschen mehr gefürchtet als Gott und hat Jesus dahin gegeben. Jetzt, wo es zur Hinrichtung ging, wollte er vielleicht doch noch ein wenig Stellung für Jesus beziehen. Die führenden Juden wollten, dass Pilatus die Inschrift ändert, er sollte schreiben, dass Jesus gesagt habe, er sei der König der Juden. Pilatus blieb hart. Aber er hat sich dennoch nicht zu Jesus gestellt. Er liebte seine Stellung zu sehr. Das Ansehen der Menschen war ihm doch noch wichtiger als das Ansehen von Gott. Wir können aber aus verschiedenen Berichten herauslesen, dass es Pilatus überhaupt nicht wohl war in seiner Haut. Ich möchte auch nicht in dieser Haut stecken. Die Entscheidung für Jesus muss eine ganze, eine definitive Entscheidung sein. Lieber hast du gar nichts mit Ihm zu tun; als so eine halbherzige Sympathie für Ihn zu haben. Sympathie für Jesus kann dich nicht retten. Es wird dich höchstens innerlich zerreissen. Jetzt kommen wir zu denjenigen, die nicht aus einer sicheren Distanz heraus ihre Meinung bilden konnten. Wir kommen zu den beiden Kriminellen, die gleichzeitig mit Jesus hingerichtet wurden. Wir lesen:

Einer aber der gehängten Übeltäter lästerte ihn. Er sagte ihm: "Bist du der Christus, so rette dich selbst und uns." Dieser Mann scheint Jesus nicht nur zu verspotten, sondern bei ihm klingt noch etwas mit. Er denkt an den Nutzen, den er daraus ziehen könnte, wenn dieser Mann neben ihm der Messias wäre. Er würde dann bestimmt nicht seine beiden Kumpels hängen lassen, sondern sie auch befreien. Dann würde er bestimmt auch ein treuer Nachfolger von ihm werden. Man könnte auch sagen, der Mann wird in seiner letzten Stunde noch religiös. Es ist eine völlig eigennützige Religiosität. "Wenn dieser Gottes Sohn ist, dann soll er es beweisen und mir nützlich sein. Wenn es mir etwas nützt, an ihn zu glauben, dann mach ich mit." Diese Art von Glauben habe ich schon oft angetroffen. Er wird von Menschen gepflegt, die solange fromm und gläubig sind, wie sie irgend einen Nutzen daraus ziehen können. Wenn der Gott, an den sie glauben, sie aber in eine ungemütliche Situation hinein führt, wenden sie sich von Ihm ab.

Ich will jetzt zuletzt auf den einzigen Mann in unserem Abschnitt kommen, der die richtige Haltung gegenüber seinem Erlöser hatte, der neben ihm am Kreuz hing: Der andere aber sprach zu Jesus: Herr, gedenke meiner.. wenn du in deine Königsherrschaft kommst. Dieser Mann hatte zwei Dinge erkannt, die ihm zu seiner Rettung halfen: Erstens hat erkannt, dass er zurecht verurteilt wurde. Er musste für seine üblen Taten büssen. Es gab kein Entrinnen mehr. Bestimmt hat er nachgedacht über sein verpfuschtes Leben. Das tun Menschen oft, wenn sie kurz vor dem Tod stehen. Dieser Mann hat erkannt, dass seine Art zu leben Konsequenzen hat. Jede Art zu leben hat Konsequenzen. Es gibt eine Beurteilung deines Lebens. Es gibt ein Gericht. Vielleicht merkte er, dass er, so wie er ist, nicht vor Gott bestehen kann, wenn er nun vor Ihn treten muss. Viele Menschen, die ihr Leben lang völlig materialistisch lebten, werden im Angesicht des Todes nachdenklich. Jetzt wo die Möglichkeit eines jenseitigen Lebens ins Blickfeld rückt.. Als zweites hat unser Mann erkannt, dass dieser Jesus, der da neben ihm stirbt, ihm helfen kann. Dass Er ihn retten kann. Er hat geglaubt, dass Jesus wirklich der König der Juden ist. "Herr, gedenke meiner, wenn du in deine Königsherrschaft kommst!" Er hat erkannt, dass diese Königsherrschaft nicht von dieser Welt ist. Er muss gemerkt haben, dass der Tod nur ein Durchgang ist. Und er hängte sich an Jesus. Er hatte nichts mehr sonst. Keine andere Hoffnung. Manche Menschen müssen zuerst alle ihre irdischen und menschlichen Möglichkeiten verlieren. Sie müssen zuerst völlig scheitern, bevor sie sich an Gott wenden. Aber es machte nichts. Alles, was bisher war im Leben dieses Mannes, das war jetzt überhaupt nicht mehr wichtig. Jetzt zählte nur noch die Zusage: "Wahrlich ich sage dir; noch heute wirst du mit mir im Paradies sein."

Und wenn wir es mit geistlichen Augen sehen, dann stehen wir alle so vor Gott, wie dieser Mann vor Ihm steht. Mit leeren Händen. Und genau so schuldig wie dieser Mann. Wir haben nichts zu bieten. In Gottes Augen ist der Unterschied zwischen einem Verbrecher und einem angesehenen Wohltäter der Menschheit nicht so gross, wie wir das vielleicht sehen. Meine Schuld hat Gott veranlasst, seinen geliebten Sohn sterben zu lassen, ja noch mehr, sich von Ihm abzuwenden. Daran erkenne ich die Liebe Gottes zu mir. Wie kann ich nein sagen zu dieser Liebe, die das letzte getan hat für mich? Ich kann es nicht! Ich muss Ihm mein Leben geben. Kannst du nein sagen zu solch einer Liebe?

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