Der Schlüssel zu Gottes neuer Welt

Liebe Gemeinde,

vor fast 20 Jahren war ich zu Fuß auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland mit einer Gruppe von Vikaren unterwegs. Nach mehreren Stunden in der heißen Sonne Griechenlands sahen wir endlich unter Ziel: Ein weiß leuchtendes Kloster auf einem hohen Felsen mit direktem Blick aufs Meer. „Simonos Petras“ der
„Simon der Felsen“ so hieß das Kloster, das uns für diese Nacht aufnehmen sollte. An diesen Felsen musste ich sofort denken, als ich unser Bibelwort von heute gelesen habe.

Und ein zweites Bild war sofort gegenwärtig: Die lateinische Inschrift: "Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo meam ecclesiam“. „Du bist Petrus und auf diesen Fels will ich meine Gemeinde bauen“. Diese Inschrift in der Kuppel des Petersdoms in Rom macht unmissverständlich deutlich, dass die römisch katholische Kirche das Papstamt mit unserem heutigen Bibelwort begründet.

Es geht in diesem Bibeltext und an Pfingsten um die Kirche, um das worauf sie sich gründet, was Kirche zur Kirche macht und um das was ihr Bestand gibt.

Natürlich geht es an Pfingsten auch immer um Personen, denn die Kirche ohne konkrete Personen wäre keine Kirche und natürlich waren es in der Geschichte der Kirche immer ganz konkrete Menschen, die maßgeblich
die Sache Jesu vorangebracht haben indem sie anderen Vorbild und Beispiel waren. So wie wir uns heute am 587. Kirchweihfest auch an die Menschen erinnern die unserer Kirche ihren Namen gegeben haben. 1416 erhielt unsere Kirche die Schlussweihe auf die Namen Nikolaus und Ulrich, die in der römisch katholischen Kirche als Heilige gelten.

Kirche gründet sich auf Menschen: „Du bist Petrus und auf diesen Fels will ich meine Gemeinde bauen“.

So eindrucksvoll dieses Bibelwort des Felsen auf den ersten Blick ist und bei uns vielleicht Bilder
auslöst wie der Fels in der Brandung, der Fels der allem Standhält und auch bei mir die Erinnerung an den erhabenen Felsen des Klosters Simonos Petras hervorgerufen hat, so ernüchternd ist dieses Bibelwort zugleich, weil wir ja von Petrus mehr wissen als nur dieses Gespräch zwischen Jesus und Petrus und dessen vollmundigem Bekenntnis.

Petrus ist zugleich auch der Ungestüme, der Zornige, auch der, der Jesus verleugnet, der nicht unterm
Kreuz steht wie Johannes. Der einerseits von Jesus fast in den Himmel gehoben wird, dann aber wieder
schonungslos gerügt wird. Nur wenige Verse weiter in Vers 22 im selben Kapitel lesen wir: „Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist“.

Petrus, er hat vieles bewegt, auch wenn er sich mit Paulus nicht verstanden hat und über die richtige Form der Mission gestritten hat; er ist seinen Weg gegangen und, wie es die Legende erzählt am Kreuz in
Rom gestorben.

Die Gemeinde, die Kirche, mehr noch das Reich Gottes bekommt ein persönliches Gesicht durch Menschen, die wissen was sie wollen; darauf weist uns das heutige Bibelwort hin. Denn die Zusage Jesu, dass die Kirche solche Felsen oder Steine wie Petrus braucht, sind die Folge seines Bekenntnisses: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn“.

Er weiß, warum er diesem Jesus von Nazareth nachfolgt und was von ihm zu erwarten ist. Er weiß, was von
diesem Jesus ausgeht, und was Jesus durch Wort und Tat in dieser Welt verändern will.

Deshalb setzt Jesus auf ihn: „Du bist Petrus und auf diesen Fels will ich meine Gemeinde bauen“.

Die Gemeinde, die Kirche, das Reich Gottes lebt von Menschen, die wissen was sie wollen, die wissen was sie glauben und was sie anderen weitergeben wollen.

Bis dahin ist der Bibeltext gut zu verstehen und die Grundlage für das gewichtige Wort, das nun kommen soll und das ich von verschieden Seiten betrachten möchte.

Jesus fährt fort: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Himmel und Erde, das möchte ich nicht verstehen als oben und unten, oder als jetzt und später, sondern es heißt für mich, dass es keinen Bereich gibt, in den hinein unser Handeln keine Konsequenzen hätte. Und wenn hier vom Schlüssel des Himmelreichs die Rede ist: dann ist das für mich nicht etwas Jenseitiges, sondern das Himmelreich, das Reich Gottes ist mit Jesus schon angebrochen.

In diesem Bibeltext überträgt Jesus dem Petrus und damit allen Menschen, die ihm nachfolgen, insbesondere natürlich auch der inzwischen institutionalisierten Kirche, eine hohe Verantwortung.

Sehr schön deshalb die Übersetzung dieses Textes in der „Guten Nachricht“ wo es heißt: „Ich will dir den Schlüssel zu Gottes neuer Welt geben“.

Wo Menschen das tun, was Jesus uns geboten hat, beginnt Gottes neue Welt.
Auf eine besonders schwierige Aufgabe dabei weisen uns die Worte hin: „Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“

Vom Binden und Lösen ist hier die Rede, man kann auch sagen vom verbieten und erlauben, es ist hier davon die Rede, das es notwendig ist klar zu sagen: „wo es lang geht“.

Eine schwierige Aufgabe an der die Kirche immer wieder schwere Schuld auf sich genommen hat, ihre Macht missbraucht und das Himmelreich nicht geöffnet sondern verschlossen hat.

Was hat die Kirche nicht alles gebunden, oder sagen wir verbannt und verteufelt! Wie viele Rechtgläubige und unschuldige Menschen sind gebunden oder gebannt worden, wie viele Wissenschaftler mussten widerrufen, wie viele Herrscher mussten den Weg nach Canossa gehen.

Wie viele Dinge waren durch die Kirche verboten, die uns heute nur noch ungläubig den Kopf schütteln
lassen . Wie lange wurden z.B. ledige Mütter in der Kirche diskriminiert und in manchen Gotteshäuser gab es noch bis vor wenigen Jahren die Bank für die gefallenen Mädchen; nur hier durften ledige Mütter in der Kirche sitzen.

Wie lange waren Frauen gebunden, indem ihnen z.B. das Amt der Pfarrerin verwehrt wurde.

Binden und lösen eine schwierige Aufgabe. Auch das Lösen, das Lossprechen, das öffentliche Bekenntnis impliziert hohe Verantwortung.

Wie leichtfertig hat Kirche immer wieder Menschen losgesprochen die eigentlich gebunden gehört hätten. Ich werde nie das Foto vergessen wo der Massenmörder Jorge Videla, der durch einen Militärputsch in
Argentinien an die Macht gekommen ist, in der Kirche niederkniet und das Abendmahl durch den Bischof empfängt, während in Folterkellern, 200 Meter entfernt, Menschen elend zu Grunde gehen.

Den Folterern ist die Teilnahme am Abendmahl scheinbar erlaubt und damit wird ihm öffentlich ein
Freibrief ausgestellt. Daneben steht der katholische Priester der die Sehnsucht der Menschen nach Einheit der Kirchen beim Abendmahl teilt, und dafür erst einmal seines Amtes enthoben wird.

Binden und lösen eine schwierige Aufgabe der Kirche, wo sich immer wieder die Frage nach Willkür und
Verantwortung stellt und die Kirchen oftmals ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt haben.

Zurecht wird deshalb heute vielfach gefragt: „Was hat mir denn eigentlich die Kirche noch zu sagen, ich
möchte mich nicht bevormunden lassen!“

Trotz aller genannten Verirrungen und Bedenken, glaube ich, dass der „Schlüssel zu Gottes neuer Welt“ in einem verantwortungsvollem Umgang dieses Auftrages „binden und lösen“ liegt. Nur weil es schwierig ist, heißt es nicht, dass wir es nicht tun sollen und müssen. Auch durch nichts Tun kann Schaden über andere kommen.

Binden und Lösen, das heißt für mich heute übersetzt: „Orientierung geben“.

„Orientierung geben“ ist verstehe ich als seelsorgerlichen und politischen Auftrag der das Wesen der
Kirche ausmacht.

Seelsorgerlich, weil es der Auftrag der Kirche ist, den einzelnen Menschen und seine Lebenswirklichkeit im Blick zu haben. Menschen brauchen in verschiedensten Situationen Bestärkung, Beratung, Hilfestellungen oder Korrektur. Den Menschen Hilfe bei der Suche nach dem richtigen Lebensweg zu geben ist bleibender Auftrag der Kirche.

Zugleich ist der Auftrag der Kirche immer auch politisch, weil die Botschaft Jesu das hier und jetzt
betrifft und der Schlüssel zur Veränderung dieser Welt ist.

Wer von einem erlösten Menschen redet, muss auch von einer erlösten Welt reden.

Die Gewissheit, dass unsere Welt durch lebendige Stein verändert werden kann, durch Menschen wie Petrus, wie Nikolaus und Ulrich, durch Sie und mich drücken für mich die Worte Jesu im heutigen Bibelwort aus:

„Und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“. Die gute Nachricht schreibt sehr treffend: „Kein Feind wird sie vernichten können, nicht einmal der Tod“.

Jesus spricht seinen Jüngern und Jüngerinnen Mut zu. Dass sie nicht an der Kraft die aus dem Glauben
kommt zweifeln, sich durch Rückschläge nicht einschüchtern lassen.

Der Schlüssel des Himmelreichs, der Schlüssel einer neuen Welt liegt in unserer Hand. Wer es versucht wird es sehen: die Tür geht auf.

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