Der Schlichter

Liebe Gemeinde,

von Mord und Totschlag muss ich euch heute erzählen – als hätten wir davon nicht schon genug in unserer Welt. Ich gestehe, ich bin nicht gerade davon begeistert, über solch eine brutale Geschichte an dem heutigen Sonntag nachzudenken. Auch anderen hat die Geschichte nicht gefallen, so lesen wir. Sie hat sie so empört, dass sie am liebsten den Erzähler am Kragen gepackt hätten, wäre der im Volk nicht so beliebt gewesen.

Was die Leute damals in Rage brachte und was uns heute, ist allerdings von einander verschieden. Uns empört es, dass die Pächter das Vertrauen derart missbrauchen, dass sie nicht einmal vor Mord zurückschrecken – und das aus niederen Motiven – aus purer Habsucht. Damals waren einige bis auf´s Blut verärgert, weil sie sich in der Geschichte wiedererkannten, weil sie aus den Worten Jesu eine Anklage heraushörten. Diese zweite Empörung ist für uns nicht sogleich offensichtlich.

Who is who? Von wem redet da Jesus eigentlich? Da gibt es vier Personen- beziehungsweise Personengruppen, die in dem Gleichnis eine Rolle spielen:

1. Der Weinbergbesitzer, der Investor könnte man sagen.
2. Die Pächter, vom Weinbergbesitzer, eingesetzt mit der Maßgabe, dass die Pacht in Naturalien zu zahlen sei.
3. Die Gesandten des Weinbergbesitzers, die entweder von den Pächtern misshandelt oder gar getötet werden und
4. eben der Sohn des Weinbergbesitzers.

Nun gut, versuchen wir dahinter zu kommen, wer nun wer ist:

Fangen wir beim Weinbergbesitzer an. Als Unternehmer wird er uns geschildert. Innovativ wie er ist, legt er
einen völlig neuen Weinberg an mit allem was dazu gehört: Zaun, Kelter, Turm. Er gründet keine Ich – AG, sondern er schafft Arbeitsplätze, Arbeitsplätze mit Gewinnbeteiligung. Nur ein Teil des Ertrages fordert er als Pacht. Es kommt also auf den Fleiß der Pächter an, was sie aus dem Land herausholen.

Soll Gott dieser Weinbergbesitzer sein – er, der Herr der Welt, der sich, nachdem er Lebensmöglichkeiten für die Menschen geschaffen hat, in die Ferne zurückzieht und nur hin und wieder Boten sendet, die seinen Anteil an der Welt einklagen? Zur Zeit Jesu hat man offenbar an Gott, den Schöpfer des Lebens und seiner Menschen gedacht, als man das Gleichnis hörte.

Wenn Gott der Weinbergbesitzer ist, dann müssten die Pächter Menschen sein, Menschen dieser Erde, die mit allen von Gott gegebenen Ressourcen Gewinn erzielen. Und wer wollte das bestreiten, dass wir Menschen das tun, in immer größerem Umfang, immer bestrebt den Umsatz zu steigern.

Nun treten die nächsten auf den Plan: Die Knechte des Weinbergbesitzers. Wer soll das nun wieder sein? Beschreiben wir ihre Funktion: Sie kommen zu den Menschen und sie klagen die verletzten Rechte ihres Auftragsgebers ein. Sie erinnern an das, was die Menschen ihrem Gott schuldig sind. Es sind also Mahner – Gottesmänner, Propheten, Fromme vielleicht, die daran erinnern, wer uns die Erde geschenkt hat, wem wir unsere Lebensmöglichkeiten verdanken. Es sind Menschen, die Gott nicht vergessen haben. Und: die dafür büßen müssen.

Denn: da sich keiner gern an seine Schulden erinnern lässt, bekommen sie die ganze Wut der Schuldner zu spüren – sie werden geschlagen, auf den Kopf geschlagen und sogar getötet. Eine Weile schaut sich das Gott an – mit schwerem Herzen an – dann reicht es ihm, er will dem bösen Treiben ein Ende setzen.

Viele Möglichkeiten bleiben ihm nicht: er könnte vielleicht den Weinberg und seine Pächter einfach vergessen, sich nie mehr darum kümmern, sie abschreiben. Gott könnte die Welt Welt sein lassen und für sich sagen: macht weiter so, ihr seid auf dem besten Weg in den Untergang. Doch das will der Besitzer nicht, das will Gott nicht – er will nicht, dass die Bosheit diese Erde zerstört und so unternimmt er einen letzten Versuch: er schickt seinen Sohn, er schickt einen, der ihm so ähnlich ist, so verbunden, so dem Leben und den Menschen zugewandt, dass er davon überzeugt ist: mein Sohn wird die Sache in Ordnung bringen. Und so schickt er den Sohn, den er lieb hat – aber er täuscht sich, er täuscht sich über die Tiefe der Bosheit der Menschen, er ahnt nicht, dass seinen Pächtern nichts Heilige ist – das Leben keines Menschen, auch das seines Sohnes nicht.

Der Sohn, der Erbe kommt ihnen gerade recht. Die Katastrophe nimmt seinen Lauf. Sie töten den Sohn, werfen ihn
aus dem Weinberg. Das Ende der Geschichte scheint unabwendbar. Für jeden, der die Geschichte hört, ist klar, wozu die bösen Pächter den Weinbergbesitzer zwingen: Der Weinbergbesitzer wird kommen und die Pächter töten. Damit endet die blutige Geschichte. Nein nicht ganz – um ein Haar entkommt der Erzähler nun auch seinerseits geschlagen und getötet zu werden – fürs erste jedenfalls.

Schön ist die Geschichte nicht – ganz und gar nicht – weder der Anfang noch der Schluss. Und in eine der Rollen zu schlüpfen ist auch nicht verlockend – entweder finde ich mich wieder bei den Pächtern, die gottvergessen ihr Leben genießen wollen und die alles, was dem Profit entgegensteht, niedermachen. Oder ich flüchte mich zu den Boten Gottes, die das Recht Gottes einklagen – die niedergeschlagen mundtot gemacht werden, sich eben auf der Verliererstraße befinden – auch keine gemütlich Vorstellung.

So suche ich nach dem guten Ende, ich suche das Evangelium, die frohen Botschaft, die ich euch doch schuldig bin. Doch zunächst sehe ich nur als Fazit: Gericht und Rache und alles wehrt sich in mir. Gott als Rächer? Gott als einer, der wie grausame Menschen vor dem Blut nicht zurückschreckt, der tötet, weil es gegen Mörder scheinbar keine andere Strategie gibt. Ist das mein Gott?

Ich fange zu träumen an und ich erfinde ganz einfach eine weitere Person im Gleichnis Jesu Vor mir steht plötzlich der Vermittler, der Schlichter. Da kommt also, nachdem der erste Bote von den Pächtern abgewiesen wurde, ein Schlichter ins Spiel, natürlich hat Gott ihn eingesetzt. Er soll keine Gewinne nach Hause bringen, nein, er soll reden und deutlich machen, warum Gott so verletzt ist über die Undankbarkeit seiner Menschen. Er soll deutlich machen, dass er wütend ist – nicht um seinetwillen, sondern um ihretwillen, weil er sieht, wie diese Welt sie ganz auffrisst, ihre Gier und Sucht nach immer mehr. Er erzählt wie Gott im Herzen weint, wenn er sieht, wie die Menschen diesen Planeten und sich selbst zerstören.

Ja, solch ein Schlichter sollte her – muss her. Oder ist er längst da, nur ich habe ihn übersehen? Ist er gar in einer Doppelrolle versteckt – als Sohn und Vermittler – als Gleichniserzähler und Bote der Liebe zugleich?! Das wird es sein. Damit wird auch die große Wut derer verständlich, die das Gleichnis hörten. Jesus sagt ihnen damit nicht allein: alle, die Gottes Botschaft getreulich ausgerichtet haben, die habt ihr vernichtet und getötet, er gibt sich zugleich als der Sohn und Vermittler Gottes zu erkennen und dieser Anspruch macht die Menschen wütend, reizt sie aufs Blut.

Liebe Gemeinde, das Gleichnis Jesu hat die Wahrheit gesprochen – der Sohn musste sterben – er wurde getötet – aber der, den die Menschen nicht haben wollten, er ist doch zum Retter geworden – nein Gott ist nicht vom Himmel herabgestiegen und hat diese Erde blutig zerstört – ihn hat sein lieber Sohn angerührt und um seinetwillen verzichtet er auf Rache.
So ist es mit uns nicht gar aus – Gott spielt das alte blutige Spiel der Vergeltung, das so auf der Hand liegt und unvermeidlich scheint, nicht mit – Gott sei Dank. Und überall, wo auf der Welt Menschen ihm das gleich tun, kann die Welt ob dieser guten Nachricht aufatmen, denn dort zeigt sich ein Zipfel vom Gottes Reich.

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