Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht

Liebe Gemeinde.

Es ist Sabbat, Jesus wandert mit seinen Jüngern durch ein wogendes Ährenfeld. Die Erntezeit ist gekommen. Es ist Mittag. Die Jünger haben Hunger, da pflücken sie sich ein paar Ähren ab. Sie zerreiben die Ähren zwischen den Händen. Sie blasen die Spreu weg, dann essen sie die Körner. Sie werden satt.

Nach damaligem Recht war das erlaubt. Das Armenrecht gestattet es, dass ich meinen persönlichen Hunger auch am Feld des anderen stillen kann. Das ist in Ordnung. Aber es ist Sabbat. Die Gegner Jesu sagen: „Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?“ Die Gegner Jesu meinen, das darf man nicht am Sabbat. Das ist Erntearbeit. Das ist Entheiligung des Sabbats. Das ist eine Todsünde! D.h. die Religionswächter sprechen eine ernste Verwarnung aus. Bei Nichtbeachtung droht den Jüngern Tod durch Steinigung. Mit diesem Vorwurf muss sich Jesus auseinandersetzen.

Wie ist das ursprünglich mit dem Sabbat gewesen? Gott hat den siebten Tag geheiligt, d.h. für sich reserviert. Denn heilig ist Gott und geheiligt soll sein, was Gott gehört. Er will, dass wir Menschen uns an diesem Tag ausruhen – und Zeit für ihn haben. Deshalb schützt er den siebten Tag im dritten Gebot. Das kann jeder verstehen. Diese einfache, klare Regelung haben die Schriftgelehrten nach ihrer Meinung verbessert, d.h. sie wollten es besser machen, aber es wurde nur viel schlimmer. Ein Gestrüpp von Paragraphen und Vorschriften haben sie wie einen Zaun um das Gebot gemacht. Kaum einer blickt noch durch. Fanatiker unter den Schriftgelehrten sagten: „Nicht einmal einer Kuh dürft ihr am Sabbat beim Kalben helfen!“

Verstehen wir, was da geschehen ist? Da ist der Wille Gottes genau in sein Gegenteil verdreht worden. Jesus bringt das wieder zurecht. Jesus sagt klar und deutlich: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“

Das gilt vom Sonntag genauso wie vom Sabbat. Wir Christen feiern ja den Tag der Auferstehung Jesu als Ruhetag. An diesem Tag lädt uns Gott ein zum Gottesdienst. Eine von 168 Stunden, die eine Woche hat, will Gott uns sprechen. Da will er uns begegnen. Da will er uns sagen: Ihr habt einen Vater im Himmel. Ihr seid untereinander Geschwister. Ich, der Vater, sorge für euch. Ich will mit euch gehen. Auch in schweren Stunden stehe ich euch bei. Denn ich habe euch lieb. Darum habe ich meinen Sohn zu euch gesandt, um euch zu erlösen von allem, was euch kaputt macht.

Verstehen wir das: Im Gottesdienst dient uns Gott mit seinem Wort. Er will uns die Augen öffnen, damit wir ihn erkennen – und auch uns selbst, damit wir seine Liebe begreifen und annehmen. Er zeigt uns den Sinn und die Aufgabe unseres Lebens.

Wir Menschen sind einem Kelch vergleichbar. Stellt euch einmal einen Kelch vor. Ein Kelch ist nach oben offen. Er empfängt von oben, bis er gefüllt ist. Aber ein Kelch ist nicht um seiner selbst willen da. Seine Aufgabe ist es den Durst zu stillen, indem er weitergibt, was er empfangen hat.

So ist es auch mit dem Gottesdienst: Gott beschenkt uns mit seiner Gnade und seinem Segen. Und er will, dass wir seine Liebe annehmen und weitergeben. So hat es uns Luther im Kleinen Katechismus (2. Hauptstück, der Glaube, erster Artikel) erklärt: „Für das alles (, was uns Gott Gutes getan hat) bin ich ihm schuldig, ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein.“

Gott will, dass wir das verstehen: Wir sind dazu da, seine Liebe anzunehmen und an andere weiterzugeben. Und unser Herr Jesus Christus ist der Liebesbeweis Gottes. Denn Gott liebt alle Menschen. Er möchte, dass alle zu seiner Familie gehören. In einer Familie kann man nur dann glücklich leben, wenn es allen gut geht. Wenn alle genug haben. Wenn jeder angenommen ist und seinen Platz einnimmt und ausfüllt. Zu einer Familie gehören auch Schwache und Kranke. Sie dürfen nicht an den Rand gedrängt werden. Wir dürfen sie nicht links liegen lassen.

An unseren Predigttext schließt die Geschichte an von einer Heilung – wieder am Sabbat. Jesus geht in eine Synagoge. Dort besucht er den Gottesdienst. Da steht ein Mensch, der hat eine gelähmte Hand. Jesu Gegner lauern: „Wird er am Sabbat heilen?“ Dann könnten sie ihn anzeigen. Dann hätten sie eine echte Anklage gegen ihn. Jesus sieht diesen Mann. Er sieht die gelähmte Hand. Er spürt das Elend dieses Menschen: Der kann nicht arbeiten. Er braucht Hilfe. Jesus spricht ihn an: „Tritt hervor!“ Dann wendet sich Jesus an die Gegner: „Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, das Leben erhalten oder töten?“ Die Gegner schweigen, Jesus wird zornig. Er ist betrübt über ihre Hartherzigkeit. Und er spricht zu dem Menschen: „Strecke deine Hand aus!“ Und der streckt seine Hand aus. Die Hand ist gesund. Er ist geheilt.

II. Diese kleine Begebenheit weist hin auf das Zweite, was das Predigtwort uns heute zeigen kann. Es gibt in unserer Welt Ordnungen. Gott will, dass unser Leben geordnet verläuft. Menschliche Gesellschaften, Staaten, Gemeinden geben sich Ordnungen. Der Apostel Paulus sagt: „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens“ (1. Kor 14,33). Die Ordnung des Sabbats, das dritte Gebot, ist eine gute und notwendige Ordnung. Sie ist so wichtig, dass sie in den fünf Büchern Mose gleich zwei mal eingeschärft wird. Einmal (2. Mose 20,8-11) entspricht sie der Schöpfungsordnung. So hat Gott alles geordnet und sich selbst daran gehalten, als er am 7. Tag von seinem Schöpfungswerk ausruhte. Der Sabbat gehört zu dem, was Gott ansah, und siehe, es war sehr gut. Es ist ungut, wenn wir das nicht beachten, dass wir 6 Tage arbeiten und dann einen Tag ruhen sollen. Mancher merkt es erst, wenn er nicht mehr abschalten kann, weil er Tag und Nacht und Werktags wie Sonntags durchgearbeitet hat. Das zweite Mal (5. Mose 5,12-15) wird das Sabbatgebot mit der Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten begründet. Denke daran, dass du selbst Knecht warst, darum soll auch dein Knecht und deine Magd, dein Vieh und dein Fremder am siebten Tag frei haben. Der Ruhetag ist Tag der Befreiung. Wir denken daran, was Gott Großes an uns und für uns getan hat. Darum feiern wir Christen den 1. Tag der Woche, als Tag des Sieges Jesu über all das, was uns geknechtet hat und immer noch unfrei machen will. Es ist der Tag der Neuschöpfung. So gehören Ruhe und Einkehr zu diesem Tag. Ich kenne viele, die aus Erfahrung sprechen: „Wenn ich nicht im Gottesdienst war, dann war es kein richtiger Sonntag.“ Da fehlt etwas, da fehlt das Wichtigste, die Erinnerung an die Wohltaten Gottes.

Ordnungen sind wichtig. Wenn aber eine Ordnung dem guten Willen Gottes im Weg steht oder in sein Gegenteil verkehrt, da muss sie geändert werden. Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt. Er ist eine Wohltat Gottes für die Menschen, nicht ein Korsett. Er ist ein Fest der Befreiung, nicht eine Last der ängstlichen Bedrückung.

Gott will, dass wir Menschen seine Familie sind. Er unser Vater, Jesus unser Erlöser und Bruder, alle Menschen unsere Geschwister. Gott will unsere Gemeinschaft heilen. Er will eine heile, geschwisterliche Gemeinschaft unter uns, heil an Leib und Seele und Geist. Immer wieder aber stehen Menschen draußen. So wie der Mann mit der lahmen Hand. Heute sind es Behinderte, Suchtkranke, Wurzellose, psychisch Kranke, Fremde usw. Sie stehen draußen. Sie sind ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Manche unserer Ordnungen hindern sie, an unserer Gemeinschaft teilzunehmen. So wie damals die Ordnung des Sabbats. Wo unsere Ordnungen, unsere Gesetze und Ausführungsbestimmungen, unsere Ansichten und Vorurteile dazu führen, dass Menschen draußen stehen, da müssen diese Ordnungen geändert werden. Das meint Jesus, wenn er sagt: „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“

Immer wieder müssen wir unsere Ordnungen prüfen. Immer wieder müssen wir uns fragen: Erfüllen sie noch den guten Zweck, zu dem sie einmal aufgestellt worden sind? Oder hindern sie andere Menschen, am Leben teilzunehmen. Auch wir sind gefragt wie einst Kain: „Wo ist dein Bruder, deine Schwester?

Ein Gedanke zum Schluss. Vieles von dem, was Markus berichtet, spielt am See Genezareth. In diesen See fließt der Jordan. Er kommt vom Libanongebirge und gibt dem See frisches Wasser und Sauerstoff. Und dann verlässt der Jordan den See. Durch das Jordanwasser ist der See Genezareth gesund und fischreich. Dann fließt der Jordan hinunter zum Toten Meer. Das Tote Meer empfängt das Wasser des Jordan, aber es fließt kein Wasser ab. Die Folge: Es ist tot. Nicht ein einziges Lebewesen kann in diesem Wasser leben.

Verstehen wir, was ich meine? Gleichen wir dem Toten Meer? Sind wir Menschen, die nie genug kriegen und nichts weitergeben? Dann sind wir tot. Oder gleichen wir Christen dem See Genezareth? Sind wir Menschen, die die Liebe Gottes annehmen und großzügig weitergeben? Dann ist unser Glaube, dann sind wir lebendig.

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