Der rechte Haussegen

Liebe Gemeinde!

Dass die Stadt Naumburg einen herrlichen alten Dom besitzt, dessen Westchor die schöne, aber scheue in Stein gehauene Markgräfin Uta beherbergt, wissen sicher viele von Ihnen. In Naumburg ist aber nicht nur das mittelalterliche Gotteshaus, sondern darüber hinaus die sehr sehenswerte Altstadt nahezu vollständig erhalten und zu weiten Teilen sehr sorgfältig restauriert. Viele der Häuser, besonders im weiten Rund des Marktplatzes, ziehen die Blicke der Betrachter zuallererst auf ein Charakteristikum: ihre große, geschmückte Hoftüre. Reich verziert sind diese Portäler, wenn ihre Besitzer auch nach außen zeigen wollten, wie wohlhabend sie waren, als der Bau begann. Aber auch bei schmuckloseren Gebäuden wurde zumindest auf den Türstock besondere Sorgfalt verwandt: Nahezu jedes Haus trägt einen Sinnspruch darin, meist ein Bibelvers, ein frommer Wunsch, ein Haussegen. "Wo der Herr nicht bauet das Haus, so arbeiten umsonst, die darin wohnen" heißt es einmal, und gleich daneben liest man das Versprechen: "Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen". Viel Mühe wurde auf diese Texte verwandt, und sicher hatten die Erbauer lange darüber nachgedacht, was sie sich über ihre Türen schreiben lassen wollten, ehe ein entsprechender Auftrag erteilt wurde. Schon von weitem konnte man ja daraufhin erkennen, welcher Geist im jeweiligen Hause herrschen sollte. Der Vers über der Türe grüßt die Eintretenden und mahnt die Bewohner, er verkündet die Maxime der Lebensordnung und entlässt in die äußere Welt, deren Regeln alles andere als leicht zu erkennen sind.

Wohlüberlegt musste so ein Türspruch sein, bedeutete er doch auch eine Selbstverpflichtung derer, die unter ihm ständig ein- und auszugehen beabsichtigten. Würde ich mir heute ein Haus nach altem Naumburger Vorbild bauen, ich wüsste auf Anhieb nicht, was der Steinmetz als Haussegen über die Tür schreiben sollte. Im Gegenteil, ich fürchtete mich wahrscheinlich davor. Es hat ja doch eine eigenartige Bewandtnis mit solchen Versen: So lange es gut geht, so lange kann man sie ertragen. So lange das Leben im Einklang ist mit dem Haussegen, so lange "ich und mein Haus" tatsächlich "dem Herren dienen" oder was immer wir uns vorgenommen haben mögen, so lange ist alles in Ordnung. Da strahlt dann auch etwas davon aus auf andere. Da merken Besucher gleich beim Eintreten, wie gut es sich leben lässt mit einer klaren Ordnung und einem fröhlichen Herzen, das diese Ordnung als sanfte Last empfindet, als helfende Kraft, die uns schützt und für die wir dankbar sind. Von einem solchen Zuhause kann ich auch zehren, wenn ich weit davon getrennt lebe, und gerne kehre ich unter das schützende Dach zurück.

Was aber, wenn der Haussegen plötzlich schief hängt? Was, wenn das Verhältnis nicht mehr stimmt zwischen innen und außen, wenn meine Welt nicht mehr in Ordnung ist – meine kleine Welt daheim oder auch die große weite Welt der anderen, in der ich stehe? Zu einer schweren Last kann so ein Vers dann werden. Anklagend richtet er sich auf mich, jedesmal wenn ich nach Hause komme und abermals dann, wenn ich es wieder verlasse. Mein Alltag wäre überschattet von dem Bewusstsein, in meinem Reden und Handeln völlig schief zu liegen, und so etwas bleibt dann ja auch nicht ohne Konsequenzen, im Gegenteil: Wo der Haussegen schief hängt, da klappt bald gar nichts mehr. Da hat dann einer das Regiment übernommen über mein Leben, unter dessen Herrschaft es sich nicht mehr gut leben lässt. Gott, dem allein wir im Leben wie im Sterben dienen sollen, scheint aus dem Blickfeld geraten. – Der Haussegen hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Angst hätte ich vor so einem Spruch, der leicht zum Fluch werden könnte, Angst hätte ich und wäre unfähig, eine Wahl zu treffen. Vielleicht ist diese Angst auch der Grund dafür, dass in unserem Land die Häuser so selten sind, bei denen, gut sichtbar, ein besonderer Spruch über der Tür steht. – Nebenbei: Dass über der Eingangstüre unseres Pfarrhauses 1837 das königliche Wappen des Hauses Württemberg angebracht wurde, das sagt auch etwas über den Geist, der damals in der Kirche wehte – dass es heute noch dort grüßt, ist vielleicht nicht einmal die schlechteste Erinnerung an diese Zeit!

Anders verhält es sich in Israel, anders verhielt es sich bis in unser Jahrhundert hinein in jüdischen Städten und Siedlungen nicht bloß in Osteuropa. Vielleicht sind Sie Ihnen bei irgendeiner Gelegenheit schon einmal aufgefallen, die kleinen Kapseln oder Kästchen an den Türpfosten jüdischer Wohnungen. Auch sie enthalten einige Bibelverse als Motto für die Bewohner und Gäste des Hauses, und jeder, der ein- oder austritt, küsst die "Mesusa" – so nennt man dieses Kästchen – über die Fingerspitzen als Zeichen von Ehrerbietung und Respekt. Auch dann, wenn man die Pergamentrolle im Innern nicht lesen kann, wissen doch alle, welcher Segensspruch über dem Hause stehen soll, denn die Frage, die mir so viel Kopfzerbrechen bereiten würde, stellt sich für einen jüdischen Hausvater gar nicht. Den Inhalt der Mesusa bilden stets (zusammen mit einigen Zusatzversen) die Worte des Predigttextes, den wir vorhin gehört haben. Ich will sie hier noch einmal wiederholen:

[TEXT]

Ein eindrücklicher und anspruchsvoller Text ist das; für unsere jüdischen Brüder und Schwestern sogar der Wichtigste von allen. Dies Glaubensbekenntnis – denn nichts anderes ist es ja – betet man jeden Morgen und Abend; es begleitet von Kindheit an Eingang und Ausgang an jedem neuen Tag, den Gott schenkt, und kommt der letzte Tag des Lebens, so soll man sich Mühe geben, mit diesen Worten auf den Lippen zu sterben. Seit fast dreitausend Jahren halten es die Israeliten damit so, wie es der Text vorschreibt. Der Anruf Gottes und sein Gebot sind Gegenstand ihres Unterrichts, ob formell in der Schule oder privat zu Hause. Sie stehen ihnen vor dem geistigen Auge ebenso wie vor dem wirklichen, wenn die Männer morgens und abends ihre Gebetsriemen anlegen und natürlich jedesmal, wenn jemand über eine Türschwelle tritt, die von einer Mesusa "bewacht" wird. Auch Fremden gilt dieser Gruß und doch – trotz aller Selbstverständlichkeit und aller Bemühungen kann auch dieser Haussegen gehörig schief hängen. Am dramatischsten ist mir das bei der Mesusa im Zionstorbogen in Jerusalem klargeworden. Sie sähe eigentlich ganz hübsch aus mit ihrem Messingkleid, und damit jeder weiß, um was es sich handelt, steht der erste Vers unseres Predigttextes noch einmal in hebräischer Sprache daneben: "Höre, Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein." Doch darüber hinaus ist diese alte Mesusa von vielen merkwürdigen kleinen Kratern umringt. Man braucht nicht viel Phantasie und Kombinationsgabe, um deren Ursache richtig zu benennen: 1968 war es, da hing der Jerusalemer Haussegen schon einmal ganz besonders schief, da fanden hier schwere Kämpfe statt um die Macht im Ostteil und im jüdischen Viertel, das damals zu Jordanien gehörte. Die Spuren der Schüsse und des Kampfes setzen ein deutliches Gegengewicht zu den Worten, die Liebe und Vertrauen mit einschließen: "Höre, Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein. Und du sollst Jahwe, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." Und wieder verwandeln sich die Verse des Haussegens in Worte der Anklage und des Gerichts, so wie sie es wohl auch im Kleinen immer und immer wieder tun.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Die Art und Weise, in der die jüdischen Brüder und Schwestern ihr Glaubensbekenntnis ernst nehmen, wie sie auf Gottes Anruf und Auftrag in Gewissenhaftigkeit und Vertrauen reagieren, das imponiert mir sehr. Auch ich wollte mir gerne diese Ermahnung zu eigen machen, auch über meinen Wegen sollten die Worte stehen: "Höre, Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein. Und du sollst Jahwe, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." Aber das Wissen darum, dass ich sie letztendlich immer wieder verfehle, dass mir das Hören allein auf Gott ebenso schwerfällt wie der verlangte Liebesgehorsam, macht mir Angst. Da ist zu viel anderes, was unser Leben mitbestimmt – Familie, Beruf, der eigene Egoismus -; zu viel ist schon passiert und kann noch geschehen, das den Haussegen schief hängen lässt. Sollen wir also über die Türen zu unseren Häusern diese Worte schreiben? Können sie auf den Türstöcken unserer Herzen stehen? Diese Frage sollte uns umtreiben. Wir sollten sie ernst nehmen gerade in einer Zeit, in der viele von uns den Spruch über der Tür auswechseln müssen, weil sich so viel verändert in der Welt. Nicht nur in Naumburg suchen Menschen nach einem neuen Motto – aber dort wie überall in den neuen Bundesländern natürlich ganz besonders. Und in den alten Ländern sind ebenfalls Werte ins Wanken geraten. Mit welcher Ermahnung oder welchem Segen treten wir jetzt auf die Straße?

Vielleicht ist es da doch gut, sich noch einmal dem Predigttext anzuvertrauen und auf eine Stimme zu hören, die ihn leise aber beharrlich vorspricht. Sie gehört Jesus. Er hat das Glaubensbekenntnis seines Volkes aber nicht nur gebetet und gelehrt, um die Gebote der Nächsten- und Feindesliebe ergänzt und durch seine Predigt vom kommenden Gottesreich immer wieder neu interpretiert. Er ist es auch, der mit seinem Kreuzesgehorsam den darin steckenden Anspruch erfüllt hat, stellvertretend für uns alle.

Nun bekommt der Ruf "Höre Israel" eine neue, eine weite Dimension. Uns alle betrifft diese Zusage: "Dein Gott allein…" Weil Jesus uns mit diesen Worten den Vater zeigt, verliert die Aufforderung, ihn zu lieben, die Strenge, die zu dieser Liebe eigentlich gar nicht passen mag. Die Last, die mit einem solchen Segens- und Verheißungswort auf uns ruhen mag, muss nicht allein getragen werden, und wenn einmal nicht gelingen sollte, was von uns verlangt wird, so fängt er uns auf: Jesus Christus, das eine Wort Gottes, dem allein wir im Leben wie im Sterben zu gehorchen haben. Gerne will ich mir diese Worte einprägen. Gerne will ich sie mir zu Herzen nehmen und davon reden, zu Hause und unterwegs. Sie sollen mir ein Merkzeichen zwischen meinen Augen sein, und gerne schreibe ich sie auf die Pfosten meines Hauses und an die Tore meiner Seele: "Höre, Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein. Und du sollst Jahwe, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft."

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