Der offene Himmel

Liebe Gemeinde,

wer ist ein Christ? – Ein Christ ist ein Mensch, der durch die Taufe und den Glauben zu Jesus Christus gehört. Denn Taufe heißt: Ich gehöre nicht mir selbst. Ich bin nicht mein eigener Herr. Sondern Jesus Christus ist mein Herr, so wie wir es ja auch im Glaubensbekenntnis bekennen.

Drei Hände voll Wasser – das ist (bei uns) das Zeichen, das – von außen gesehen – den Unterschied zwischen Christ und Nichtchrist ausmacht. Und wo immer die Kirche Menschen tauft, da vollzieht sie zeichenhaft nach, was am Jordan mit der Taufe des Johannes begonnen hat.

Taufe aber heißt, dass auch für uns der Himmel offen steht, dass wir Zugang zu Gott, dem Vater, haben durch Jesus Christus im Heiligen Geist.

Luther (1534 Predigt üb. Mt 3): „Der Himmel, der vorher zugeschlossen ist, tut sich auf und wird völlig zum Tor und Fenster, so dass man in den Himmel hineinsehen kann. Es ist keine trennende Grenze mehr zwischen Gott und uns; denn er fuhr als Heiliger Geist in Gestalt einer Taube zum Wasser hernieder… Gott spricht: ‚Da habt ihr meinen Sohn, der ist euretwegen getauft.’ … Wer also in der Sünde ist, den stecke man in die Taufe, so ist die Sünde gelöscht. Wer im Tode ist, den stecke man in die Taufe, so ist der Tod verschlungen. Denn sie hat eine göttliche Kraft, Sünde und Tod zu zerbrechen …“

Gott macht Frieden mit seiner Welt. Er redet freundlich mit uns, nicht wie am Berg Sinai mit Donnerstimme. Er kommt in Gestalt der sanften Taube, er spricht in sanftem Ton: „Dies ist mein geliebter Sohn, ihn habe ich erwählt.“

Gott überbrückt den Graben, den die Auflehnung der Menschen gegen ihn aufgerissen hat. Was keine menschliche Leistung, keine fromme Anstrengung fertig bringt, das tut Gott von sich aus. Gott kommt, um bei uns und in uns zu wohnen, um uns in seine Gemeinschaft zu ziehen, um für uns da zu sein.

Dies alles beginnt mit der Taufe Jesu im Jordan.

Jesus hat sich damals der Bußbewegung des Volkes angeschlossen und ist hinaus in die Wüste gegangen zu Johannes. Umkehr zu Gott ist angesagt durch die Predigt des Täufers. Der redet den Menschen ins Gewissen, warnt vor falscher Sicherheit, und taucht die Menschen im Jordan unter.

Sie haben erkannt, dass sie so, wie sie bisher gelebt haben, vor Gott nicht bestehen können. Darum lassen sie sich taufen zum Zeichen für ihre Umkehr zu einem Leben mit Gott und zur Vergebung ihres bisherigen gottlosen Lebenswandels.

Sie wollen dabei sein, wenn Gott kommt, wenn der Messias, der Christus sein Friedensreich aufrichten wird. Johannes der Täufer sieht es schon kommen. Es steht – in Jesus – unmittelbar bevor.

Es ist eine richtige Erweckungsbewegung: Vielen geht auf: „Ich muss umkehren, ich bin auf dem falschen Weg, ich brauche Vergebung, sonst kann ich nicht dabei sein, wenn Gottes Friedensreich kommt. Dann aber hätte ich das Ziel und den Sinn meines Lebens verfehlt.“

„Sünde“ heißt im Griechischen wörtlich übersetzt „Zielverfehlung“. Es ist wie beim Scheibenschießen: Das Ziel getroffen habe ich nur, wenn der Schuss ins Schwarze ging. Auch knapp daneben ist daneben. Auch kleine Verfehlungen bringen mich vom richtigen Weg ab und müssen berichtigt sie müssen vergeben werden.

3. Aber warum lässt Jesus sich taufen? Als der einzig sündlose Mensch hatte er es doch nicht nötig, umzukehren und um Vergebung zu bitten! Doch er sagte zu Johannes:

„Lass es jetzt geschehen! Denn ich muss alle Gerechtigkeit erfüllen.“

Alle Gerechtigkeit zu erfüllen – dazu ist Jesus in unsere Welt gekommen, dazu stellt er sich in der Reihe der Sünder an, die sich taufen lassen, dazu predigt er in Vollmacht den nahen Gott, der sich den Armen und Elenden zuwendet und sich über jeden freut, der zu ihm umkehrt; dazu heilt und befreit er Kranke und Besessene. Und dazu geht er ans Kreuz, um stellvertretend für uns zu sterben. Dort hat er ausgerufen: „Es ist vollbracht!“ Da ist alle Gerechtigkeit erfüllt. Sein Weg zum Kreuz beginnt mit der Taufe.

Schon die Stimme Gottes: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“, weist hin auf den Tod. Denn „Wohlgefallen“ hat nichts mit Vergnügen oder Spaß zu tun. Es ist der gnädige Wille, der Heilswille Gottes, wie er schon in der Vision des Propheten Jesaja vom Leiden und Sterben des Gottesknechts deutlich wurde.

(Jes 53,4-6) „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

Aber er ist um unsrer Missetatwillen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“

Gerechtigkeit für alle, auch für die, die sonst keine Chance hätten; das war Jesu Weg von der Taufe bis zum Kreuz und darüber hinaus bis zu uns. Es ist die geschenkte Gerechtigkeit, durch die wir Gott recht sind, wenn wir sie im Glauben annehmen und Jesus nachfolgen.

Jesus nachfolgen heißt darum: Unser Leben an ihm festmachen, auf ihn hören, ihm gehören und gehorchen. Das ist eine Umschreibung von dem, was die Bibel mit Glauben meint, nicht etwa: „einige Lehrsätze für wahr halten“, sondern „in enger Lebensverbindung mit Jesus Christus stehen“.

Denn „wer glaubt und getauft wird, der soll selig werden. Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“, sagt der auferstandene Herr (Mk 16,17). Nicht glauben – damit verdammen wir uns selber zu einem Leben ohne Gott, ohne Sinn und Ziel. Den Glauben aber, der rettet, der uns Gott recht macht, wenn wir uns erst einmal dafür entschieden haben, erfahren wir als Geschenk, als Gabe des Heiligen Geistes.

Er ist freilich ein Geschenk, das die Pflege braucht, so wie Beziehungen eben Pflege brauchen. Das erleben wir ja jeden Tag. Mancher, der mir als Freund einst nahe stand, ist mir fremd und fern geworden. Der Grund lag daran, dass wir uns aus den Augen verloren haben. Ich bin weggezogen. Über Entfernungen Freundschaft zu pflegen, ist manchmal mühsam.

Auch die Beziehung zu Jesus Christus braucht die Pflege, z.B. den Gottesdienst am Sonntag und die regelmäßige Bibellese. Ein Kalender mit Bibelworten und Auslegungen oder die Herrnhuter Losungen können uns dabei helfen. Ich Schon viele haben mir gesagt, wie wichtig ihnen der Gottesdienst am Sonntag ist. „Wenn ich mal verhindert bin, dann ist das gar kein richtiger Sonntag!“

Was könnte denn auch wichtiger sein, als die Audienz beim Herrn aller Herren und König aller Könige, unserem Herrn und Heiland Jesus Christus. Denn hier können wir seine Macht und Liebe, seine Nähe erfahren. Viel deutlicher und eindeutiger als z.B. bei Naturerlebnissen. Denn Jesus Christus hat es gesagt – und er hält sein Versprechen:

„Wo zwei oder drei (oder auch mehr) in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt. 18,20)

Darum ist es wichtig, dass wir unsere Kinder früh anhalten, die Nähe und Gemeinschaft Jesu zu suchen.

Denn jede Lebensgemeinschaft braucht Pflege. Oder was soll ich denen sagen, die meinen: „Ich bin auch ein guter Christ, auch wenn ich nie in die Kirche gehe?“ Sind Sie auch ein guter Ehemann, wenn sie nie mit ihrer Frau reden und nie die Gemeinschaft mit ihr suchen und pflegen?

4. Die Gerechtigkeit, die Jesus auf seinem Weg von der Taufe bis zum Kreuz erfüllt hat, und an der er uns Anteil gibt, wenn wir durch die Taufe und den Glauben zu ihm gehören, können wir nicht für uns behalten.

Geschenktes Leben, das ist die Gerechtigkeit, die Jesus mit seinem Leben erfüllt hat. Weil uns seine Gerechtigkeit geschenkt ist durch die Taufe und den Glauben, darum können wir auch weitergeben, was wir empfangen haben, darum werden wir auch im leidenden Menschen, im niedergeschlagenen Nachbarn, im ärgerlichen Kollegen Bruder und Schwester sehen, denen genau wie uns Gottes Liebe gilt. Ja sogar im Feind, der uns nach dem Leben trachtet.

„Liebt eure Feinde“, sagt uns Jesus. Menschlich scheint das unmöglich zu sein. Von Martin Luther King können wir lernen, was es heißt, seine Feinde zu leiben: Nicht, warme Gefühle für sie haben, sondern Böses mit Gutem überwinden, z. B. im gewaltlosen Widerstand und im Gebet. Auch Jesus hat für seine Mörder noch am Kreuz gebetet. „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“

So bleibt Gerechtigkeit nicht ein schönes Wort, sondern wird konkret und erfahrbare Wirklichkeit. Denn der Frieden mit Gott wirkt sich aus in unserem Leben.

Das fängt zu Hause an: zwischen Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern, in der Nachbarschaft, unter Arbeitskollegen. Dazu gehören auch die anderen, die anders sind: die Zurückgezogenen, die Außenseiter, die Ausländer. Auch ihnen gilt die Liebe und der Frieden Gottes. Wie gehen wir mit ihnen um?

„Die Liebe ist die Energie des Glaubens“, schreibt Paulus (Gal. 6,5). Und diese Energie braucht uns nicht auszugehen, wenn wir immer wieder zur Quelle zurückkehren und uns beschenken lassen. Rm 5,5: „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den hl. Geist, der uns gegeben ist“. So ist der Himmel auch für uns offen: Geöffnet durch die Taufe und den Tod Jesu, damit wurde alle Gerechtigkeit erfüllt. Lassen Sie sich diese Gerechtigkeit neu schenken! Sie wird nicht nur Ihr Denken erneuern, sondern Ihr ganzes Leben.

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