Der Mandelzweig

Liebe Gemeinde!

Welch ein erschlagender Text! Und das in der Adventszeit. Wir wollen uns doch auf Weihnachten vorbereiten. Wir wollen doch weihnachtliche Vorfreude erleben. Schon etwas vom Glanz und Feierlichkeit der Festtage spüren, Trost und Licht erahnen. Und dann dieser Text! Von großen Katastrophen redet er, von globalen bevorstehenden Erschütterungen! Die ganze Erde, ja der Kosmos sind betroffen….. Und der Text redet von der übermächtigen Angst der Menschen, von ihrer Ohnmacht angesichts solcher schlimmen Dinge.

Ja, liebe Gemeinde, bei mir bleibt der Eindruck hängen: die Bibel ist wieder einmal anders als wir sie gern hätten. Wir hätten sie als schönes Dekor für unsere adventliche Zeit. Die Bibel aber will unsere Realität so sehen wie sie ist: nüchtern – ohne Wenn und Aber. Die ersten Christen haben sich sehr klar gemacht, in welcher Situation sie lebten. Sie haben nichts beschönigt und nichts verdrängt. Sie haben ihre Ängste und Verzweiflung eingestanden. Sie haben ihre Augen vor den Realitäten nicht geschlossen: Kriege, Sklaverei, Fremdherrschaft, soziale Ungerechtigkeiten, unerträgliche gesellschaftliche Spannungen, Krankheiten waren allgegenwärtig. Und sie sahen darin nicht nur das ihnen bestimmte Schicksal, sondern sahen darin das Hoffnungszeichen, dass Jesus wiederkommen wird. Denn sie wussten um die biblische Erkenntnis, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt. Der Prophet Jesaja hatte es vorausgesehen:

„1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.“ (Jesaja 9,1+3+4)

Auch wir wissen schon seit geraumer Zeit, dass Katastrophen auf uns zukommen. Schon vor mehr als zwanzig Jahren hat der Clube of Rome auf die Folgen unseres Lebensverhaltens hingewiesen, z.B. Klimaveränderung durch den verursachten Treibhauseffekt, auf das Abschmelzen der Polareiskappen und in Folge die Überschwemmung ganzer Länder. Der Super-Gau im Kernkraftwerk Tschernobyl 1986 hat deutlich vor Augen geführt, dass die Endzeit kein Zeichen einer fernern Zukunft ist, sondern hier und heute durch Menschen ausgelöst wird. Menschen leben und leiden bis heute unter und mit den Folgen. Der Terror ist allgegenwärtig: in den schrecklichen Ereignissen im September 2001 in New York, im April in Djerba, dann auf Bali und zuletzt in Kenia wird das Chaos sichtbar, in das auch wir unverhofft stürzen können.

Welche Hoffnung trägt uns? Ja, haben wir noch einen Anlass zu hoffen? Oder sind wir schon so gelähmt, dass wir nichts mehr sehen und hören wollen, dass wir uns in die Zerstreuung flüchten? Oder sind wir schon so zynisch, dass es die anderen getroffen hat – doch Gott sei Dank nicht uns. Oder machen wir es wie derVogel Strauß und stecken bei Gefahr den Kopf in den Sand.

Welche Hoffnung trägt uns?

Gustav Heinemann, der von 1969 – 1974 Bundespräsident war, hat in seiner Abschiedsrede von diesem Amt eine kleine Geschichte erzählt. In ihr wird die Haltung eines Christen sehr anschaulich beschrieben:

„In der Mitte des vorigen (Anm.:19.) Jahrhunderts geschah es in einem Staat im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, dass während der Sitzung des Parlaments dieses Staates ein fürchterliches Unwetter heraufzog, wie es in jenen Gegenden manchmal vorkommt. Es wurde stockdunkel, die Lichter gingen aus und einige schrieen: ‚Das Ende der Welt ist herbeigekommen!‘ Sie wollten nach allen Richtungen auseinanderstreben. Da rief der Präsident, der Sprecher des Parlaments ( – es war das Parlament eines frommen Staates mit lauter frommen Calvinisten-): ‚Meine Herrn! Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder unser Herr kommt noch nicht, dann gibt es keinen Grund mit der Arbeit aufzuhören – oder unser Herr kommt, dann soll er uns an der Arbeit finden. Die Sitzung geht weiter.“

Wer um das Kommen Jesu weiß, der kann sein Tagwerk angesichts aller Katastrophen tun, der bleibt nüchtern und gelassen weil er „gottwärts“ schaut: „dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Daran will also der 2. Advent uns heute erinnern: Es gibt eine Hoffnung, die liegt nicht in uns begründet, sondern in der Zusage Gottes, dass er im Dunklen wohnen will. Diese Zusage ist so sicher wie die Beobachtung, von der Jesus in einem Gleichnis erzählt:

„29 Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. 31 So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.“

Im Anschluss an die Predigt werden wir kein Adventslied singen, sondern ein Vertrauenslied, dessen Text von Shalom Ben-Chorin stammt. Nach Verlust all seiner Angehörigen durch Ermordung im KZ, nach einer abenteuerlichen Flucht aus Nazideutschland, ohne Ausblick auf eine Zukunft, allein auf sich gestellt, in einem kleinen Zimmer in der Jerusalemer Altstadt hausend, entdeckt Ben Chorin an einem ersten warmen Frühlingstag, wie die Knospen des Mandelzweiges vor seinem Fenster sich langsam und behutsam öffnen. So wird dieser Mandelzweig zu seinem ganz persönlichen Zeichen, dass ihn fragen lässt „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“

Vielleicht erahnen wir nun, dass der Trost Gottes mehr ist als nur Stimmung für ein paar Stunden oder Tage, dass das Licht Gottes weiter und tiefer strahlen will als unsere Adventskerzen. Gott will inmitten unserer hausgemachten, inmitten unserer persönlichen und globalen Katastrophen nahe sein, so wie es der Prophet Jesaja vorhergesehen hat:

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“ (Jes.9,5-6)

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