Der lange Atem

‚Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.’ Dieser Gedanke aus der Lesung lässt mich nicht los. Er erinnert mich daran, dass der christliche Glaube nicht nur aus dem Tun des Guten besteht, sondern auch aus Warten. Der kommende Advent will uns dahin führen. Wie wir auf die Geburt Christi warten, so warten wir auch auf seine Wiederkunft, seinen endgültigen Advent.

Manche von ihnen haben im vergangenen Kirchenjahr so auf den Tod eines Menschen gewartet, ihn gepflegt umsorgt und gebetet, dass diese Leiden ein Ende haben. Andere traf es hart und unvorbereitet. Manche hätten sich Zeit gewünscht, tätig zu warten, Zeit den Abschied vorzubereiten, sich innerlich einzustellen.

Manche machen sich Vorwürfe, weil sie Signale nicht erkannt haben. Das ist menschlich – unmenschlich wäre es zu sagen: Das hättest Du doch merken müssen. Gerade die Liebe hindert einen oft Dinge wahrzunehmen, wie sie sind. Jesus mahnt uns zu Wachsamkeit. Dazu erzählt er ein Gleichnis:

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Die 10 Jungfrauen haben dasselbe Ziel, dieselbe Ausrüstung, dieselbe Motivation. Aber nur einige haben Voraussicht, den lange Atem, andere sind voreilig. Sie haben nicht den langen Atem, nicht die Fähigkeit des Wartens. Sie sind wie der Gemüsebauer, der die Möhrchen zupft, damit sie schneller wachsen, aber dann verwelken sie. Wir müssen uns aber – glaube ich hüten die einen zu loben und die anderen vorschnell zu verurteilen. Die moderne Übersetzung der Guten Nachricht schreibt: Fünf von ihnen handelten klug, die anderen fünf gedankenlos. Ich denke, das beschreibt es besser. Und im Mittelpunkt dieses Gleichnisses stehen auch nicht die gedankenlosen Frauen, sondern die anderen, die klug genannt werden, weil klug ein gutes Wort ist für das Leben von ChristInnen. Sie warten auf den Herrn – und leben in der Welt. Sie sind vorbereitet, aber auf Dauer.
Die Einen bleiben ‚draußen vor der Tür’ – sie bleiben außen vor! Grund für das Schicksal liegen nicht in Fleiß oder Faulheit wie im Märchen von Goldmarie und Pechmarie (Frau Holle), sondern darin im entscheidenden Moment die rechte Vorsorge getroffen zu haben. Es geht um das Sehen: Wie weit reicht mein Blick?

Mitten in der Nacht, kommt die Stunde, die alles verändert – die Todesstunde, unsere oder die eines uns lieben Menschen, die Schicksalsstunde Wir sind wie diese Mädchen, zur Freude, zum Fest berufen. Sind wir vorbereitet oder verpennen wir den Advent Christi? Sind wir gefangen, eingebunden in unser alltägliches Treiben ohne einen Glauben darüber hinaus oder sind wir voll Erwartung?

Die Geschichte lässt mich heute stehen: wer bist du eigentlich – klug möchte ich sein, töricht bin ich leider oft genug.

‚Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens’ Dieses Zitat kann deprimieren, aber es kann auch Mut machen. Es kann mir Mut machen, mein Leben entschlossen in die Hand zu nehmen, als Geschenk Gottes. Es kann mir helfen zu warten, nicht auf den Tod, sondern auf das Leben, das Christus uns bereiten will.

Der Appell könnte lauten: Gib deiner Leidenschaft Öl, dass sie brennen kann. Lass es nicht zu, dass dein Licht verlöschen kann. Denn den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

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