Der König kommt

Liebe Gemeinde,

stellen wir uns mal ein ganz großes Autohaus vor. Hier in Hastedt dürfte das niemandem schwer fallen, fast alle wichtigen Marken sind vertreten, nur die mit der Niere auf der Motorhaube ist in einen Industriepark umgezogen. Aber die meisten von uns wissen noch, wie es da vorher aussah. Eine Nobelkutsche neben der anderen. Jetzt stell dir 2 Herren vor, die interessiert von Fahrzeug zu Fahrzeug schlendern. Hier streicht die Hand über den Lack, dort studieren sie die PS-Leistung und gefahrene km, sie suchen ja ein Gebrauchtfahrzeug. Schließlich scheinen sie ein Modell gefunden zu haben, das ihnen zusagt. Sie nehmen auf den vorderen Sitzen Platz und machen es sich bequem. Auf einmal springt der Motor an. Steckte da noch ein Schlüssel, oder wie haben sie das hingekriegt. Die 6 Zylinder kommen in Gang. Ein aufgeschreckter Verkäufer stürmt aus seinem Büro. Er ruft aufgeregt, he was machen Sie da, Sie können doch nicht einfach …? Durch das heruntergelassene Seitenfenster entgegnet einer der Fremden seelenruhig: Das ist alles abgesprochen, machen Sie sich keine Sorgen. Und schon braust die Limousine mit einem Kavalierstart vom Hof und ist im Nu hinter der ersten Kurve verschwunden.

Ungefähr so muss man sich wohl die Vorbereitungen unter heutigen Bedingungen vorstellen, die für jenen denkwürdigen allerersten ersten Advent zu nötig waren. Zwei Jünger müssen ein Transportmittel für Jesus besorgen. Sie schauen sich gemäß der ihnen gegebenen Beschreibung in einem Dorf um und besorgen das Benötigte. Ohne Rücksprache mit dem dortigen Besitzer. Von einer Beschwerde des um ein Reittier erleichterten Gastwirts oder Großbauern ist nichts überliefert. Offenbar bekam er das entliehene am nächsten Tag zurück und war vielleicht noch stolz, das gerade er einen wichtigen Beitrag für das Gelingen jenes triumphalen Einzugs geleistet hat. Der Herr brauchte gerade ihn!

Aber eigentlich brauchte Jesus nicht den Besitzer, sondern das Tier. Jesus kann auch einen Esel gebrauchen, das ist doch ein schöner Trost, wenn einem manchmal die eigenen Grenzen Not machen. Im Adventstrubel des ersten einkaufsfreien Dezemberwochenendes gehen solche Geschichten leicht unter. Das reicht bis in die Kirchengemeinden. Ein Christ, der um einen Gefallen gebeten wurde, lehnte vornehm ab mit dem wichtig tuerischen Hinweis. Ich mich leider nicht darum kümmern, frag doch jemand anderen. Ich bin mit wichtigerem beschäftigt. Das hat Vorrang! Der Herr braucht mich! Darauf ein Zuhörer, der in der Bibel bewandert war: Bist du sicher? Das einzige Mal, das so etwas in der Bibel vorkommt, steht in Matth. 21. Dort heißt es: Der Herr bedarf seiner. Aber da spricht er von einem Esel! Ein solcher Esel spielt im Evangelium vom 1. Advent eine Hauptrolle. Er soll auch jetzt nicht mehr tun, als dass er uns zu Jesus hinträgt. Mit der Wahl dieses Beförderungsmittels ging damals beim Einzug in Jerusalem eine alte Weissagung in Erfüllung. 500 Jahre, ehe Jesus geboren wurde, hatte der Prophet Sacharja prophezeit: Sagt der Tochter Zion, siehe dein König kommt zu dir, sanftmütig und reitet auf einem Esel. Der Esel ist das Kennzeichen, so wie anders sich am Bahnhof eine rote Nelke ins Knopfloch stecken, um sich erkenntlich zu machen. Hier zeigt der Esel, das Jesus als König kommt, aber in Schwachheit, denn der Esel ist das Reittier der Geringen, nicht der Mächtigen.

Gott kommt nicht mit Panzern und Kampfhubschraubern und erobert ein Land und unterdrückt Menschen. Er kommt in Jesus sanftmütig. Und das Blut, das bei der Eroberung der Menschen fließt, ist nicht das vieler Opfer, das schulterzuckend in Kauf genommen wird. Es ist das Blut des Gottessohnes selbst. Er will in dein Leben einziehen. Er will dein Herz erobern, für sich gewinnen.

Aber viele haben keinen Blick dafür, auch nicht in diesen Adventswochen, die angeblich so für Besinnlichkeit sorgen sollen. Da sind die Zufriedenen, die nichts mehr weiter zu ihrem Wohlbefinden brauchen. Nun sei es jedem gegönnt, der meint, es fehle ihm wirklich nichts mehr zum Glück. Alle Wünsche erfüllt, alle Sehnsucht gestillt, und wenn es an das letzte Stündlein geht, stirbt man gelassen, lebenssatt, ohne Angst. Ich freue mich für dich, wenn das so ist, solche Menschen gibt es wirklich. Allerdings stehen die oft in einer ganz besonderen Gefahr. Dass sie nämlich denken, sie brauchen Gott nicht.

Dann gibt es die anderen, die haben auch nicht unbedingt Gott im Sinn und leben sichtbar lhne ihn. Aber die sind meistens unzufrieden. Was sie sich wünschen oder gewünscht haben, hat sie bis jetzt nicht glücklicher gemacht. Wie auch? Da hat man sich so lange auf etwas gefreut, sich vielleicht dafür krumm gelegt, bis man es endlich besaß. Aber wie lange hielt die Erfüllung an? Wenn ich erst mal den Schulabschluss habe, den Meisterbrief, den Ehering trage, wenn die Kinder da sind, wenn die Enkel da sind, wenn die hoffentlich dann noch sichere Rente da ist. Man hat vielleicht die Erfüllung dieser Wünsche, das Erreichen dieser Zeitpunkte geschafft, aber man wurde nicht glücklich. Immer blieben Wünsche offen, ich rede gar nicht von den materiellen: Der Sinn, das Glück war so nicht zu bekommen.

Da schwärmt die Werbeindustrie von Entdecke die Möglichkeiten, von den Steinen, auf die Sie bauen können. Und dann ist der Umzug geschafft, das Wohnzimmer ausgestattet mit der tollen Wohnlandschaft und Dolby Surround. Und dann trifft der alte Satz von Wilhelm Busch wieder mal den Nagel auf den Kopf: "Die Wohnung schön, die Möbel neu. Der alte Lump ist auch dabei." Den hat man doch beim Umzug nicht in der alten Bude gelassen. Der ist mit gekommen. Und da ist man wieder mal bei sich selbst gelandet. In diesem Jahr scheint das Sammeln von Konsumgütern fürs Wohlbefinden oder als Statussymbol nicht zu in Gang zu kommen. Ob die langen Adventswochenenden das rausreißen, ist noch fraglich. Innere Werte scheinen mehr gefragt zu sein. Zumal wenn es auf Weihnachten zugeht. Familie als hoher Wert kommt jetzt voll in den Blick. Aber auch da ist alles von Vergänglichkeit bedroht. Die Kinder gehen aus dem Haus, sie zeigen in vielem nicht das erwartete Interesse, pflegen das Miteinander nicht. Der Partner zeigt auch Eigenheiten. Jeder Liebeskummer, jeder Streit mit einem geliebten Menschen signalisiert: Es wird einmal ein Ende geben, es ist Vergänglichkeit drin in diesem Leben.

Und deshalb muss man sich nicht wundern, wenn Leute hart werden, bitter werden, weil ihre Erwartungen ans Leben enttäuscht wurden. Von solcher Seite kommt gern ein Kommentar wie: "Das habe ich dir doch gleich gesagt!" Oder: "Hör auf mich, du wirst schon noch sehen, was dabei heraus kommt." Die erste Kerze vom Adventskranz brennt heute. Und unser Leben? Brennt da auch eins und es ist Vorfreude da auf die nächsten? Oder ist alles schon ausgeträumt und leer geträumt?

Christen können diese Zusammenhänge nüchtern sehen, ohne falsch Glückserwartungen an das Leben, die in dieser Zeit nicht einzulösen sind. Sie wissen: Dies Leben kann uns das Erträumte nicht bieten. Den Himmel gibt es erst im Himmel. Was wir hier erwarten können, ist aber, dass wir hier schon Erfahrungen mit dem Himmel machen dürfen, Erfahrungen von Erfüllung, die wir nicht selbst hinbekommen. Eine Erfahrung, die aus dem Himmel selbst kommt, von dem, der vom Himmel hoch kam, von Jesus. Damit kommen wir wieder zurück zu unserem Esel. Der bekommt in Jerusalem einen großen Bahnhof. Die Leute sind auf den Beinen, wollen sich dies Ereignis nicht entgehen lasse. Der Esel merkt natürlich schnell: Dieser Empfang gilt nicht ihm, sondern Jesus.

Das große Tamtam ist schon berechtigt. Jesus ist aller Ehren wert. Trotzdem handelt es sich hier um ein großes Missverständnis. Die Menge skandiert: Hosianna dem Sohn Davids. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Wir kennen diese Passage aus der Liturgie vom Abendmahl. Wenn das angestimmt wird, wissen wir, worum es da geht: Wir ehren Jesus, dafür dass er ausgehalten hat, gelitten hat, dafür dass er an unserer Stelle sein Leben ließ. Das bewundern wir. Damals aber war es ein großes Missverständnis.

Auch heute gibt es solche Art Paraden. Nicht mit Palmzweigen und Kleider auslegen für einen, der auf einem Esel reitet. Da ist es schon eine offene Limousine für einen Wahlsieger oder Astronauten, oder ein vom Trecker gezogener Anhänger, auf dem eine Fußballmannschaft den Pokal durch die Reihen der Spieler gehen lässt. Sie bekommen eine Konfettiparade für das, was sie geleistet haben. Jesus bekommt eine Palmzweigparade für das, was er noch leisten soll. Man hat politische Erwartungen an ihn. Man weiß von ihm, dass er erfolgreich Volksspeisungen veranstaltet hat, seine ärztlichen Kunstgriffe mit sanfter Medizin haben erstaunliche Erfolge gezeitigt. Seine Reden haben die Massen mitgerissen. Man traut ihm noch weiteres Großes zu. So wollen sie ihn zum König machen zu ihren Bedingungen.

Aber da wird er nicht mit machen. Wie werden sie dann mit ihm umgehen. Wie gehst du mit Jesus um, wenn Erwartungen, die du hattest an deine Zukunft, vielleicht mit Gottes Hilfe, sich nicht so erfüllen wie du dir das vorstellst? Am Ende der Konfettiparade steht das Kreuz. Das Kreuz ist Gottes Weise, mit unserem Elend fertig zu werden. Aus den Höhen menschlicher Erfolge ist schon mancher abgestürzt. Aber in der Tiefe des Leidens Gottes werden wir heil. Jesus bleibt auch dann noch der König, wenn er Erwartungen nicht erfüllt. Er behält auch dann noch Würde, ja gerade dann erst, wenn er mit der Dornenkrone bekränzt wird. Und wie es damals war, so kann es auch sein, wenn Jesus in unser Leben einziehen will. Da haben wir vielleicht großartige Erwartungen. Aber wenn Jesus sagt: Schluss mit deinen Plänen, jetzt plane ich für dich und mache vielleicht ganz andere Pläne! Können wir das gelten lassen?

Gerade wenn sie uns nicht einsichtig sind? Diese Geschichte sollte uns ein Lehrstück sein, dass es ganz natürlich ist, wenn menschliche Pläne und Gottes Ziele auseinander liegen. Das ist ja nicht Bosheit der Leute, dass sie andere Vorstellungen hatten von Jesus. Das erschien ihnen einfach logisch und naheliegend, sie dachten, Jesus zieht jetzt in die Hauptstadt und als nächstes erfolgt die Regierungsübernahme, die Machtergreifung. Aber es sollte ganz anders kommen. Wenn wir das, was Jesus von uns möchte, nicht verstehen, wenn uns das nicht einsichtig ist, oder unlieb ist, weil quer zu unseren eigenen Plänen, was sollen wir dann tun? Wir sollten es machen wie die Jünger. Von denen heißt es hier: "Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte."

Diese Notiz bezieht sich auf die Vorbereitungen, die Requirierung des Esels. Ohne Absprache, ohne Erlaubnis. Wer diese Geschichte nicht im Licht der alten Weissagung sieht, wer nicht weiß, was eine Woche nach dem Einzug Schreckliches aber zugleich Herrliches geschehen ist. Wer das nicht weiß muss ja den Eindruck haben: Das ist Anstiftung zum Diebstahl. Die mopsen da ein Tier aus dem Stall oder vor dem Saloon, so ähnlich ist es ja beschrieben.

Du merkst daran: Was Jesus von dir will, erscheint nicht immer vernünftig. Vor allem in den Augen der Welt erscheint es nicht immer vernünftig. Was schickt die Hastedter Gemeinde da eine junge 20jährige nach Moldawien, in den finsteren Balkan, wo keine befestigen Straßen sind, schreiende Armut, die braucht erst mal Monate um die Sprache zu lernen, und die Leute dort sind doch alle hartgesottene Atheisten oder fest im orthodoxen Glauben verwurzelt, was soll die da? Aber als Mareike dort war und von ihrer Arbeit berichtet hat, in der Jugendarbeit der kleinen ev. Gemeinden, mit der Kinderspeisung, den Ferienlagern. Da wurde sichtbar, wie sehr sie dort gebraucht wird.

Die Jünger machten es richtig: Es heißt: Sie gingen hin und taten, was ihnen Jesus befohlen hatte.

Diese Haltung vermisse ich in der Kirche. Bis hinein in die Kerngemeinde gibt es eine viel zu große Schar von Christen, die gute Ratschläge haben, die an vielem ihre Kritik anbringen, die ihre Kommentare geben. Aber sie fangen nicht an. Im Alten Testament wird von der Richterin Debora erzählt, die erfolgreich die Herrschaft eines fremden Volkes, das die Juden drangsalierte, abwehrte. Sie erbat sich dazu die Hilfe der einzelnen Stämme Israels. Einige kamen und halfen, andere beließen es beim Überlegen. Als die Schlacht vorbei war, wird das Verhalten der Stämme in dem berühmten Deboralied, beschrieben. Da heißt es dann 2 mal: An Rubens Bächen überlegten sie lange. Der Stamm Ruben ließ Debora im Stich. Sie planten und berieten und gaben Kommentare. Aber sie wurden nicht tätig.

In seiner Gnade schenkte es Gott, dass der Sieg trotzdem errungen wurde trotz des Phlegmas bzw. der Neumalklugheit dieser Untätigen. So kann man auch im Christenleben irgendwie über die Runden kommen mit sich Beschränken auf das Nötigste, indem man die anderen die harte Arbeit übernehmen lässt und selber zuguckt und sagt, wie es besser gemacht werden könnte. Viele reden sich dann gern heraus mit der Auskunft, sie wären ja aktiv geworden, wenn ihnen besser erklärt worden wäre, wie sie genau handeln müssten und was für einen Sinn das hat.

Bei den Jüngern hier ist es anders. Jesus hatte ihnen nicht gesagt, was er mit dem Esel vor hatte. Er hatte einfach gesagt: Ich brauche ihn. Verlasst euch darauf, Gott hat die Situation vorbereitet, es wird keine Schwierigkeiten geben. Und so war es auch. Dadurch dass sie keine langen Fragen stellten und einfach taten, was Jesus gesagt hatte, klappte die Sache und sie sahen dann ja, wozu das gut war. Sie taten, was ihnen Jesus befohlen hatte. Im Evangelium gibt es eine ganze Reihe klare Anweisungen Jesu, die den Gläubigen bis heute gelten. Sätze wie: Gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium allen Völkern. Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Usw. eine Fülle von klaren Anweisungen. Aber viele Christen werden nicht tätig, weil sie auf eine persönliche Offenbarung warten oder sagen, das ist im Augenblick nicht meine Aufgabe und viele andere Ausreden. Aber sie wollen den anderen sagen, was sie tun sollen. Und merken nicht, wie sie mit ihrer Trägheit, mit ihrer Verweigerung Gott betrüben, ihre eigene Autorität untergraben und zu Recht nicht mehr ernst genommen werden.

Sprichwörtlich reden wir vom dummen Esel und übersehen dabei unsere eigene Dummheit. Wo wir doch klug daran täten, uns an diesem Tier ein Beispiel zu nehmen, das sich von Jesus gebrauchen lässt.

1. Advent, das heißt: Der König kommt. Jesus will König sein, dein König, und Advent ist, wenn er bei dir einzieht. Er reitet durch die Geschichte, und sein Ziel bist du. Und du solltest dir klar werden, wo dein Platz ist: Bei der Menge, die große und gewaltige Sätze ausruft, Hosianna, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn. Aber es bleiben nur Worte. Oder ob dein Platz ist bei denen, die hingingen und taten, was Jesus befohlen hatte. Da will ich meinen Platz haben. Jeden Tag aufs neue. Solange bis Jesus einst wiederkommt in Herrlichkeit.

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