Der König kommt, um uns mit seiner Sanftmut zu verwandeln.

Liebe Gemeinde!

Erinnern Sie sich noch an den letzten Staatsbesuch eines gekrönten Hauptes in Deutschland oder an die Feiern zur Hochzeit eines königlichen Paares? An Prinz Haakon und Mette-Marit z.B.? Eine ähnliche Stimmung muss in der Geschichte geherrscht haben, die der heutige Bibeltext erzählt. Er steht im Matthäusevangelium im 21. Kapitel:

[TEXT]

Eine seltsame Situation ist da beschrieben. Der Straßenrand einer großen Hauptstraße in Jerusalem ist gesäumt von Männern, Frauen und Kindern. Auch auf der Straße selbst laufen viele Menschen. Sie breiten Kleider auf dem Weg aus oder streuen frische Zweige. Die Menschen winken und jubeln, als ob ein großes Staatsoberhaupt, vielleicht sogar der König selbst nach Jerusalem kommt.

Aber wo ist dieser Mensch, dem dieser Jubel gilt? Auf den ersten Blick kann man ihn nicht erkennen. Er ist in der Mitte der Menschenmenge. Seltsam unscheinbar sieht er aus, verglichen mit dem überschwänglichen Empfang. Er reitet nicht, wie die Rufe der Menschen vermuten ließen, auf einem prächtigen Schlachtross, sondern auf einem einfachen Esel. Er trägt keine aufwendigen Kleider, sondern ein ganz schlichtes Gewand. Auf seinem Kopf ruht keine Krone, wie es sich für einen König gehörte.

Wir wissen, dass die Menschen, die ihm heute zujubeln, ihm wenige Tage später eine Krone aus Dornen aufsetzen werden. Das Wissen um den weiteren Verlauf der Geschichte lässt mir diesen Jubel der Menschen irgendwie schal erscheinen. Dieselben Menschen, die Jesus jetzt noch bei seinem Einzug in Jerusalem zujubeln, werden wenig später rufen: „Kreuzige ihn!“ Wie schnell kann die öffentliche Sympathie umschlagen. Das war damals so, aber das können wir im Zeitalter der Massenmedien Zeitung, Internet und Fernsehen auch heute immer wieder miterleben. Dennoch steckt hinter dem Wandel der öffentlichen Meinung Jesu gegenüber etwas anderes als eine bloße Laune oder Mode.

Die Menschen jubeln nicht, weil Jesus der „Star des Tages“ ist. Sie jubeln, weil „der König kommt“ wie es im Alten Testament heißt: Sie freuen sich, dass in Jesus endlich der Retter zu ihnen kommt, der für sie eintreten wird. Deshalb rufen sie: „Hosianna dem Sohn Davids!“ Auf diesem Mann, der in Jerusalem einzieht, ruhen die Hoffnungen der Menschen. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit für alle, auf Frieden und auf Heilung an Leib und Seele. Politisch erwarten viele konkret, dass Jesus der römischen Besatzung endlich ein Ende machen wird.

Die Erwartungen an diesen König sind also hoch. Und in diesen Erwartungen schwingen immer die eigenen Sehnsüchte, menschliche Maßstäbe und Vorstellungen mit. Ich frage mich, ob der Jubel der Menschen nicht besser zu einem König passte, der triumphal auf einem prächtigen Schlachtross in die Stadt einzieht. Der notfalls mit Gewalt für Gerechtigkeit, Recht und Ordnung sorgen würde. Der Friedensfürst Jesus wird ganz anders herrschen, als die Menschen es erwarten. Niedrig und demütig tritt er auf und nicht stolz und hochmütig. Das alles passt nicht in die Vorstellungen der Menschen. Vielleicht bereiten sie ihm deshalb einen triumphalen Empfang, um wenigstens das Ihre dazu zu tun, dass dieser König Ihren Vorstellungen entspricht?

Eigentlich ist diese Erzählung eine Passionsgeschichte, sie gehört in den Jahreslauf zu Ostern. Sie läuft auf Leiden, Kreuzigung und Auferstehung hinaus. Ist es nicht merkwürdig, diese Geschichte im Advent zu hören? Die Adventszeit ist die Zeit, in der wir auf die Geburt Jesu, die Ankunft des Gottessohnes in der Welt zugehen. Deshalb, so finde ich, schließt sich hier ein Kreis. Denn Jesus kommt auch nicht unübersehbar mit einem großen Spektakel zur Welt. Er liegt vielmehr völlig unscheinbar als ein Kind ärmlicher Leute in der Krippe. In diesem Punkt gleichen sich die Geschichten von der Ankunft des Sohnes Gottes in der Welt und von seinem Einzug in Jerusalem kurz vor seinem Tod. Dass Jesus der Sohn Gottes ist, dass er die Hoffnungen der Menschen erfüllen wird, das erschließt sich nicht aus dem Äußeren. Im Gegenteil, dieser Gottessohn ist so anders als menschliche Vorstellungen, dass aus dem Jubel bald Spott und Ablehnung wird.

„Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers“, sagt der Prophet Sacharja. Dieser König, der in Jerusalem einzieht, ist sanftmütig. Er herrscht nicht mit Macht, sondern indem er sich den Armen und Ausgestoßenen zuwendet. Seine Herrschaft bricht da an, wo Menschen durch die Begegnung mit ihm neue Hoffnung schöpfen. Seine Herrschaft bricht da an, wo Menschen durch sein Wort an Leib und Seele heilen und gestärkt werden. Seine Herrschaft bricht da an, wo Menschen sich schließlich selbst ihrem Nächsten zuwenden. Der Sohn Gottes schafft Frieden nicht mit militärischer Gewalt, sondern indem er Mensch wird, um uns Gottes Zuwendung erfahren zu lassen. Liebe Gemeinde, es ist gar nicht so einfach, diesen „König“ mit den gewohnten menschlichen Maßstäben zu erfassen. Es bedarf eines Blickwechsels.

Liebe Gemeinde, nur ein Gedankenspiel. Wie sähe die Szene, die ich Ihnen am Anfang beschrieben habe, wohl heute aus? Welche Erwartungen brächten wir dem Retter Jesus heute entgegen? Vielleicht ganz ähnliche wie die Menschen damals? Ich denke an einen Mann, der neulich im Gespräch ausrief: „Ich frage mich, warum lässt Gott das Morden und all die Kriege zu? Warum greift er nicht endlich ein und sorgt dafür, dass die Menschen aufhören, sich gegenseitig umzubringen?“ Im Advent geht es darum, Gott bei mir ankommen zu lassen. Das heißt auch, mich und meine Vorstellungen von Gott in Frage stellen zu lassen. Ich freue mich auf einen Gott, der die Welt verändert, indem er mich verändert. Der mich in meinem Gegenüber nicht den Gegner, den Konkurrenten, den Andersgläubigen oder Andersdenkenden sehen lässt, sondern die Schwester oder den Bruder. Ich glaube, so allein kann Frieden entstehen. Nicht durch ein machtvolles, gewalttätiges Eingreifen „von oben“. Gott zeigt sich uns oft anders, als wir ihn uns vorstellen. Er ist eben kein Herrscher, der „von oben“ eingreift. Er herrscht nicht mit Gewalt, sondern er ist da, wo Menschen aufeinander zugehen. Er ist da, wo Menschen sich zu verstehen suchen und einander tolerieren. Jesus Christus ist der sanftmütige König. Gott wirkt von unten – durch uns, durch Sie, durch Euch und auch durch mich. Sein Handeln zeigt sich in der tätigen Liebe seiner Menschen.

Advent heißt: Gott kommt. Er zog in Jerusalem ein. Gott will auch Einzug in unser Leben halten. Er kommt auch zu uns, in unser Leben, immer wieder. Die Zeit des Advents schenkt uns die Gelegenheit, uns bewusst bereitzumachen, auf Gott zu warten und uns für ihn zu öffnen. Er will uns mit seiner Sanftmut verwandeln. Jesus herrscht anders, als wir es uns vorstellen. Aber er kommt zu uns in unsere Welt – in unser Leben. Darüber können wir uns freuen. Wie könnte man diese Freude besser ausdrücken als durch singen? Das können wir gleich gemeinsam tun mit dem Lied, in dem es heißt: Er ist gerecht, ein Helfer wert; Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all unsre Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat.

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