Der kleine und große Tod ist überwunden

Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen; denn der Herr hat’s gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: siehe, das ist unser Gott, auf den wir hofften, dass er uns helfe. Das ist der Herr, auf den wir hofften; lasst uns jubeln und fröhlich sein über sein Heil.

Das sind Worte des Propheten Jesaja, die uns am heutigen Ostertag begleiten sollen. Es ist ein Hoffnungslied des Volkes Gottes, ein Hoffnungslied inmitten einer schwierigen und bedrückenden Zeit. Ein wenig merkwürdig ist das ja schon, diese Worte aus dem Alten Testament zu vernehmen. In der anderen Lesungen dieses Gottesdienstes stand die Botschaft von der Auferstehung Christi im Vordergrund. Da sind wir es gewohnt solche Worte zu hören: vom Verschlingen des Todes, von der Überwindung des Todes, von dem Trocknen der Tränen auf allen Angesichtern. Nun aber hören wir das schon aus einer Zeit, die lange vor Jesu Geburt war, ca. 700 Jahre nämlich. Hoffnung über den Tod hinaus ohne Christus. Lange vor Jesus Christus haben Menschen Hoffnungen gehabt, die dem Tod entgegengestellt wurden. Die Lebensumstände sahen wenig nach Hoffnung aus, der Untergang stand eigentlich bevor, und doch war eine Lebenshoffnung lebendig, die dem entgegenstand.

Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Was war damit gemeint und was hat Ostern damit zu tun, das möchte ich heute morgen mit ihnen bedenken.

Tod, das war für die Menschen des Alten Testamentes nicht nur der biologische Tod, nicht allein das Ende des Lebens. Tod, darunter verstanden die Menschen sehr viel mehr. Mitten im Leben war man immer wieder vom Tod umfangen. So heißt es, dass man im Tod oder im Reich des Todes schon ist, wenn man durch eine schwere Krankheit bedroht ist. Tod meint alles, was das Leben beeinträchtigt, den Lebensraum des Menschen einengt, sein Wohlergehen mindert, und was Gemeinschaft mit Menschen und Gott hemmt. Das ist eine sehr weit reichende Beschreibung von Tod. Ich selber nenne dies gerne: die kleinen Tode unseres Lebens. Leicht nachzuvollziehen ist dies, wenn eine schwere Krankheit uns ereilt. Da wird sofort deutlich, wie Tod, wie das Ende von Lebensmöglichkeiten in das Leben eingreift. Ich kann nicht mehr so leben, wie bisher. Ich muss mich einschränken, muss Veränderungen auf mich nehmen. Nahrung, Berufstätigkeit, private Lebensgestaltung all dies wird anders. Die Krankheit setzt ein Ende. Und manches Mal ist dies ein kleiner Weltuntergang der persönlichen Lebenswelt, eben Tod mitten im Leben.

Solche Tode können auch ganz andere Gesichter bekommen: Arbeitslosigkeit z.B. ist für viele ein solcher Punkt, wo Leben erst einmal an einen Schlusspunkt kommt, gerade dann, wenn man nun mit den Grenzen unseres Wirtschaftssystemes konfrontiert wird. Zu alt für den Arbeitsmarkt, zu wenig qualifiziert, zu wenig Erfahrung, zu wenige Stellen, zu wenig flexibel, und was wir uns sonst noch so vorstellen können in diesem Bereich. In allem werden Lebensmöglichkeiten eingeschränkt, in allem werden Grenzen aufgezeigt, die den Lebensweg verstellen und mitten im Leben in einen kleinen Tod hineinführen.

Überall wo Lebensraum eingeschränkt wird, da begegnen wir dem Tod. Junge Menschen erobern sich ihren Lebensraum, je besser sie ausgebildet sind, je mehr Eigeninitiative sie entwickeln, desto mehr Lebensräume können sie sich schaffen. Je weniger eigene Möglichkeiten sie haben, desto weniger Lebensraum haben sie, desto eher spüren sie den Tod mitten im Leben. Und so mag es auch vielen älteren Menschen gehen, die im fortschreitenden Alter dieses kleiner Werden von Lebensräumen spüren, manchmal als Erleichterung nicht mehr so viel tun zu müssen, manchmal aber auch als Bedrückung, als Tod mitten im Leben, wenn immer mehr Lebensmöglichkeiten in einem selber absterben.

Und der Tod wird überall dort sichtbar, wo auch das Wohlergehen von Mensch und Umwelt beeinträchtigt wird, jedem von uns fallen dazu sicher gleich Beispiele ein.

Als letztes dieser Beispielkette hatte ich vorhin genannt, dass der Tod überall dort sichtbar wird, wo Gemeinschaft mit Menschen oder Gott gehemmt ist. Alleinsein mit tiefer Einsamkeit ist wohl eine der bedrückensten Formen von Tod mitten im Leben, Ausgeschlossen sein aus der Gemeinschaft von Menschen, nicht mehr daran teilhaben können, aus welchen Gründen auch immer. Und es gehört auch die Gemeinschaft mit Gott dazu. Wie viele Menschen suchen nach Sinn, nach Halt über den menschlichen Halt hinaus und verlieren sich entweder in den Fängen kluger Geschäftemacher, oder sie verlieren sich an sich selber, indem sie Hoffnungen und Sehnsüchte beiseite legen und nur noch auf sich selber bezogen in den Tag hineinleben. Aber auch unter denjenigen, die Gott ganz ernst nehmen, gibt es solche, die im wahrsten Sinne des Wortes verzweifelt nach Gott suchen, aber auf Grund des eigenen Selbstbildes, das geprägt ist von eigenem Unvermögen, von Schuld, die Gemeinschaft mit Gott nicht annehmen können. Hemmnis von Gemeinschaft mit Gott, als letztes Beispiel für den Tod mitten im Leben.

All dies waren und sind Lebenserfahrungen von Menschen, Lebenserfahrungen des Todes mitten im Leben. Solche Tode hatten die Menschen des Alten Testamentes vor Augen, wenn sie vom Tod gesprochen haben, wenn sie auch, wie in unserem Text eine Hoffnung ausgesprochen haben von der es heißt: Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Gott wird die Tränen abwischen von allen Angesichtern.

Diese Worte waren aber nun keine blinde Hoffnung der Untergehenden, das letzten Aufbäumen angesichts des Endes. Es war die große Hoffnung des Glaubens, die all den kleinen Toden im Leben entgegengestellt wurde. Trotz und inmitten all der Tode, die die Menschen vor Augen hatten, haben sie in ihrem Glauben daran festgehalten, dass Gott letzter und endgültiger König dieser Welt ist, dass dieser König das Leben gewollt hat, dass dieser Gott das letzte Sagen über diese Welt hat und deshalb wohl der kleine Tod das Leben begleitet, aber dieser nicht das letzte Wort über das Leben hat. Dieser Gott kann dem Tod ein Ende bereiten, dieser Gott wird und will Leben schaffen und erhalten für sein Volk und für jeden Einzelnen in seinem Volk. Nicht verzweifelte Hoffnung, nicht letzter Rettungsanker, nach dem Motto, wenn gar nichts hilft, dann hilft nur noch beten, sondern lebendiger Glaube an den lebendigen Gott war der Hintergrund dafür, dass die Menschen trotz aller Bedrückungen des Lebens festhalten konnten an einer Hoffnung, die die kleinen Tode übersteigt.

Wenn wir nun heute solche Gedanken am Osterfest hören, können wir in diese Gedanken sehr schnell einstimmen. Zum einen deshalb, weil wir auf der einen Seite sicher nicht besser leben als die Menschen des Alten Testamentes. Meine Beispiele waren ja auch schon Beispiele aus unserer Zeit. Auch nach Ostern geht es uns äußerlich gesehen nicht anders und besser als den Menschen früherer Zeiten. Diese Welt ist keine heile Welt, unsere persönliche Lebenswelt ist immer eine, die vom Tod begleitet ist. Auf der anderen Seite können wir aber auch eine Hoffnung haben, die dem Tod entgegensteht, die dem Leben entgegensieht. Nur haben wir einen anderen Anhalt des Glaubens als die Väter des alten Gottesvolkes Israel. Unsere Hoffnung, die über den Tod hinausgreift, liegt beschlossen in dem Geschehen der Auferstehung Jesu Christi, wodurch allerdings die Worte des Jesaja noch erweitert werden. Gott wird den Tod verschlingen auf ewig, dieser Satz ist damit nicht nur Ausdruck der Hoffnung angesichts der kleinen Tode des Lebens, sondern gleichzeitig Hoffnung über das Ende des Lebens hinaus. Gott wird nicht nur in dieser Welt herrschen, sondern dieser Gott wird auch danach das Regiment behalten, er wird auch nach dem Tod mein Gott sein. Damit weiß ich wirklich mein ganzes Leben in diesem Gott gehalten, es gibt da keinen Punkt, nicht einmal mehr das Ende meines Lebens, an dem ich von ihm getrennt bin.

Dies wird uns sehr lebendig zugesprochen, einmal im Leben: bei der Taufe nämlich. In der Taufe leben und erleben wir symbolisch, was der Glaube an den Auferstandenen Christus bedeutet.

Paulus sagt: wir werden in den Tod getauft. Als man die Menschen noch untertauchte, was das wirklich sichtbar: der Täufling ging unter, er starb zeichenhaft, er ging den Weg in den Tod. Im Wasser der Taufe soll alles untergehen, was uns von Gott trennt, oder was uns im Tod festhält. Das herausheben aus dem Wasser ist das Zeichen der Auferstehung, des neuen Lebens, das aus dem Wasser kommt, das wir nun mit Christus leben. Das heißt so viel wie: der Tod gehört zu unserem Leben, das wird ja auch sichtbar in dem Kreuz, das wir über den Täuflingen schlagen. Jedesmal, wenn wir den kleinen Tod mitten im Leben erleben, können wir uns daran erinnern: wir waren schon einmal in diesem Tod, zeichenhaft in der Taufe. Aber wir sind wieder daraus herausgehoben worden, wir sind in ein neues Leben mit Christus hinein auferstanden – zeichenhaft. Aber dieses Zeichen hat Gültigkeit für jeden Tag unseres Lebens: der Tod kann uns nicht festhalten, der Tod hat keine wirkliche Macht über unser Leben, der Tod kann uns nicht in den Untiefen festhalten, da ist eine Macht die weitaus größer ist, als die Macht des Todes. Der Tod wird verschlungen durch den Sieg des Lebens in der Auferstehung. Wir Christen haben mit Jesus Christus das lebendige Vorbild für diese Auferstehung, für das neue Leben, das jeden Tod, den kleinen und den großen Tod, überwindet. Darum kann Paulus ja auch sagen: Tod, deine Macht ist eigentlich keine Macht. Wo ist denn dein Sieg, wo ist den der Stachel, der zwar schmerzt aber letztlich nicht töten kann? Der Glaube überwindet den Tod durch die lebendige Hoffnung auf Leben, die ihren letzten Grund in der Auferstehung Jesu Christi hat. Und das ist kein weit entferntes Ereignis, sondern eine in der Taufe an uns vollzogene Wirklichkeit: wir sind hinein genommen in das Leben, das allen Toden entgegensteht. Und das gilt in den kleinen Toden genauso wie in unserer letzten Stunde. Bei aller Bedrückung im Leben, bei aller Angst um unser Leben, bei allem, was uns Beschwer macht und den Tod vor Augen stellt, in der Taufe haben wir den Tod bereits überwunden, er kann über uns nicht mehr herrschen, der Weg ins Leben ist frei, der Stein ist aus dem Weg. Darum können wir jubeln und fröhlich sein, darum können wir Hoffnung haben an wirklich jedem Tag unseres Lebens.

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