Der Kern Gottes

Liebe Gemeinde!

Was haben Sie gedacht, als Sie bei der Begrüßung am Eingang der Kirche ein kleines Korn in die Hand bekommen haben? Manche werden es gleich gewusst haben, das ist Weizen. Manche werden sich gewundert haben: Was soll das, ein Korn in der Kirche? Und manche ahnen den Zusammenhang mit dem heutigen Predigttext, den Worten Jesu aus dem Evangelium, dem Wochenspruch für diese Woche, den alten und neuen Liedtexten, in denen immer wieder vom Korn die Rede ist.

Betrachten wir unser kleines Weizenkorn. Ich staune über dieses kleine Wunder. Ich staune wie klein und unscheinbar sich das Leben verbergen kann. „In minimis Deus maximus.“ Das heißt: In den kleinsten Dingen ist Gott am größten. Diese Kleinigkeit ist die Grundlage für unser täglich Brot, für Spaghetti oder Kekse.

Ein Weizenkorn, ein Saatkorn, vom Landwirt auf den Acker gesät, geerntet und in der Mühle – früher mit der Kraft des Windes – zum kostbaren Mehl gemahlen. Ein Weizenkorn kann uns das Staunen lehren. In ihm ist das Genmaterial abgespeichert, wunderbarer als menschliche Computertechnik. Einfaches Wasser genügt, um das Leben darin aufzuwecken und zum Keimen zu bringen. Einfaches Wasser weckt übrigens auf wunderbare Weise seit unserer Taufe lebenslang das Leben in uns Christen! Ein Weizenkorn, ich denke an die Erntekrone, die das Jahr des Wachstums und unsere Dankbarkeit krönt. Ein Weizenkorn, ein bestaunenswert kleiner Körper, den Gott geschaffen hat, und in dem Leben steckt. Wie schrecklich anders sind die Körper, die Menschen schaffen, z.B. Marschflugkörper, ihr Bauplan bringt Zerstörung und Schrecken und Tod.

Ein Weizenkorn, damit verbinde ich das heutige Rätselwort Jesu: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. In diesem Satz Jesu steckt seine ganze Lehre, sein Glaube, sein Vertrauen in den Gott, dessen inneres Wesen Liebe und dessen treibende Kraft Hingabe für die Menschen ist.

Schauen wir uns die Szene an, die unser Predigttext beschreibt. Kurz vor dem entscheidenden Passafest zieht Jesus in einem Triumphzug in Jerusalem ein, weil die Menschen von seinen Worten und Taten, seinen Heilungen und vor allem von der Auferweckung des Lazarus überwältigt sind. Doch Jesus spürt sehr wohl auch die finsteren Mächte im Hintergrund, die ihm mehrfach einen „bösen Geist“, einen „Dämon“ andichten wollen, finstere Mächte, für die Jesus zur Bedrohung wird, finstere Mächte, die ihn zum Schweigen bringen wollen! Trotzdem müssen selbst die Pharisäer verzweifelt einsehen: „Alle Welt läuft ihm nach!“ Jesus ist berühmt, so etwas wie ein Superstar geworden.

Tatsächlich kommen sogar Auswärtige, Fremde, griechisch sprechende Juden. Die Kunde von ihm hat sich also schon über die engen Grenzen des kleinen Landes herumgesprochen. Sie tragen einen Wunsch an seinen engsten Vertrautenkreis: „Wir wollen Jesus gerne sehen!“

Kennen Sie solch einen Wunsch auch? Einem berühmten Menschen die Hand schütteln. Einmal sie oder ihn aus der Ferne, aber „live“ gesehen haben. Doch Jesus will kein Superstar sein. Er will nicht, dass die Menschen an seinem Äußeren hängen. Er achtet sein Leben, sein individuelles Leben gering. Jesus will dienen, in der Liebe bleiben, sein Leben wie ein Weizenkorn hingeben, damit der neue, größere Körper Christus wachsen kann. Deshalb sagt Jesus, der Meister des Wortes, nicht: Also, wenn ein Weizenkorn in die Erde fällt… oder wenn Körner in die Erde fallen …, sondern er formuliert haargenau: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein!“

Damit spricht Jesus von der Notwendigkeit: Ich muss sterben! Und das klingt hart, so hart wie die Schale unseres Weizenkorns. Aber diese Härte schützt das Leben darin, schützt den Keim und die Pflanze, die darin verborgen ist.

Ist das nicht häufig so? Zuerst sehen wir die äußere Hülle eines Menschen. Oder wir sind erschüttert, wenn die Härte des Lebens in einer Familie zugeschlagen hat: Arbeitslosigkeit oder Krankheit. Oder uns schockiert ein Mensch, der hart mit seiner Umgebung umgeht. Das Weizenkorn kann uns eine neue Sichtweise lehren: Die Härte eines Menschen dient zum Schutz wie die Härte eines Weizenkorns, die harte Schale, hinter der das wahre Leben geschützt wird.

Oder wenn ein Sarg in die Erde hinabgelassen wird, ist das besonders hart, wenn dabei um ein junges Leben getrauert wird. Das Weizenkorn kann uns zeigen, dass in allem ein Sinn verborgen ist, den wir nicht sofort sehen können, so verborgen wie das Leben in diesem Korn. Hinter der harten Schale verbergen sich die Möglichkeiten und die Vielfalt neues Lebens.

Hart ist es, wenn wir unser Herzblut für irgendetwas einsetzen, sei es in der Familie oder im Beruf oder in unserem Hobby, und wenn dann unsere Liebe, unser Einsatz mit Herzblut – wie man so treffend sagt – „im Keim erstickt wird“. Das Weizenkorn kann uns offenbaren, liebe Gemeinde, das auch Jesus Christus unter finsteren Mächten leiden musste, die ihn grundlos gehasst haben, und die ihn und seine Liebe im Keim ersticken wollten. Nur wer liebt, spürt auch den Schmerz. Das ist der Schmerz, das Trauma Gottes in dieser Welt:

Er, Gott, lässt wachsen mit viel Liebe und mit bunter Fantasie, doch wir Menschen reißen die zarten Pflänzchen der Schöpfung aus, wenn wir z.B. Straßen bauen.

Er, Christus, kommt in sein Eigentum, und die Seinen nehmen ihn nicht auf, wie es im Vorwort des Johannes-Evangeliums so schmerzvoll heißt,
Er, der Heilige Geist, liebt uns, wandelt unser Leben, schenkt uns Erkenntnis Gottes wie ein einzelnes Weizenkorn sich wandelt, keimt und wächst.

Liebe Gemeinde, was mich an Jesus fasziniert, ist seine tiefe Einsicht in das Leben und die Menschen, seine Tiefsinnigkeit in seinen Worten. Jesus klagt nicht über seine Gegner. In den Augen Jesu sind die finsteren Mächte der Boden, der Nährboden für das Weizenkorn, das Jesus heißt, das in die Erde fällt, stirbt und als Christus eine weltumspannende neue Pflanze, ein überwältigender neuer Körper wird! Er braucht sich nicht gegenüber seinen Gegnern rechtfertigen. Die Wahrheit wird siegen!

Jesus klagt nicht über seine Einsamkeit, sondern sieht im einzelnen Weizenkorn schon die ganze Pflanze mit den Früchten, die daraus entstehen, als ob dieses eine Weizenkorn von einem gewaltigen, spirituellen Kraftfeld umgeben ist. Vor seinem Tod ist Jesus ein Einzelner, aber er will das Wachstum der Liebe Gottes fördern! Er spürt die Vielzahl, die Fülle, den neuen Leib Christi, der in Worten und Taten nach seinem Tod heilsam weiterwächst, und an dem wir heute bei unserer Feier des Abendmahles teilhaben. „Und wie dies gebrochene Brot zerstreut war auf den Bergen und zusammengebracht eins wurde, so bringe zusammen deine Kirche von den Enden der Erde zu deinem Reich!“

Das Weizenkorn erzählt uns vom Kern Gottes. Gott ist die Liebe. Und Liebe bewahrt in sich – wie ein Weizenkorn – Keimkraft und Lebenskraft. Liebe birgt Anziehungskräfte, Heilkraft, Power, neues Leben, Auferstehungskraft. Diese Früchte sieht Jesus.

Frucht entwickelt sich in der Dunkelheit, reift aus der Stille oder aus der Einsamkeit des Gebetes. Früchte verdanken ihr Dasein dem Geschehen davor, der persönlichen Hingabe in den Dienst. Ich denke an den pensionierten Pfarrer oder die stillen Helferinnen in einer Gemeinde. Wir sehen immer auf die Ergebnisse, aber kaum auf die Zeit davor, sozusagen die Zeit in der dunklen Erde, die Zeit der Einsamkeit oder der Stille oder des Gebetes. Ich denke an die Früchte von Ehrenamtlichen, die in unseren Kirchengemeinden und in unsere Kirche insgesamt viel treibende Kraft bringen. Aber vor dem Erfolg braucht es eine gut funktionierende Gemeinschaft wie um Jesus und seine Vertrauten. Vor der Gemeindeaktion braucht es gute Ideen und die Motivation, diese Ideen auch umzusetzen.

Am Ende schließt sich der Kreis. Am Ende meiner Predigt schauen wir unser Weizenkorn an, mit dem Jesus sich verglichen hat. Und am Ende, nachdem wir uns vergewissert haben, wie es im Lied 98 heißt, dass Liebe wie Weizen wächst, am Ende, wenn wir der frohen Botschaft von der Kraft der Liebe vertrauen, die stark ist wie der Tod, am Ende halten wir unser Weizenkorn in der Hand und staunen, staunen über das Wunder dieses Korns, staunen mit den Augen Christi über die tiefe Verbindung zwischen diesem einzelnen Korn und dem Brot, mit dem wir gleich die Gegenwart Christi mitten unter uns feiern. Möge der Leib, der Körper Christi für uns und unsere Umgebung erfahrbar werden.

drucken