Der Himmel grüßt schon die Erde

Liebe Gemeinde,

welche Ordnung brauchen wir, um sinnvoll leben zu können? Das ist eine Frage, die uns als Gesellschaft im Augenblick sehr bewegt. Alte Regeln lösen sich auf – aber es gibt nicht genug neue Regeln, die von möglichst vielen Menschen akzeptiert werden. Wie kann demokratische Führung aussehen – dafür gibt es kein richtiges Bild. So bleibt nur der Aufstand gegen die Autoritäten und es ist sehr unangenehm geworden, in einer Führungs- und Leitungsposition zu sein. Was sollen die Mindeststandards sein, nach denen wir miteinander umgehen? Wo hat das Schlechtreden, das Lästern über die anderen, das Mobben von Menschen am Arbeitsplatz oder in der Schule oder im Dorf seine Grenzen. Es ist so verbreitet, das anderen schaden. Von meiner Tochter musste ich ein neues Wort lernen. Es gibt nicht nur Mobben, also jemanen Rausekeln, sondern auch dissen, d.h. schlecht reden über jemanden.

Es gibt immer wieder den Versuch, zu den alten Regeln zurückzukehren. In der Frage der Erziehung von Kindern gibt es immer wieder den Vorstoß dazu. Ein Buch der ZDF-Journalistin Petra Gerster zum Thema ist in den Bestsellerlisten und der Vorstoß der Kanzlergattin zu strengerer Erziehung führe vor einiger Zeit zu großer Resonanz. Aber die alten, zu starren Regeln sind ja nicht umsonst vergangen. Wir brauchen Regeln, die flexibel genug sind, offen genug für neue Bedürfnisse. Und wir brauchen Regeln, die der gesellschaftlichen Wirklichkeit gerecht werden. Es ist z.B. sehr schädlich für die Gesellschaft als ganzes, wenn Verkehrsregeln etwas sind, was man grundsätzlich nur einhält, wenn einem eine Strafe droht und wo es eine Gemeinschaft der Autofahrer gibt, die sich gegenseitig vor Radarfallen warnen. Auch bei der Lohnsteuer zu betrügen, ist Volkssport. Sinnvoll wäre es, die Regeln stärker an die Wirklichkeit anzupassen und sie einfach und klar zu halten, sodass sie einsichtig sind. Unser Predigttext zeigt uns Jesus als einen geistlichen Führer, der behutsam auf das Wohl der ihm Anvertrauten achtet und der uns ausgesprochen wichtige und heilsame Regeln lehrt. Ich lese uns aus dem Markusevangelium Kapitel 2,23-28:

[TEXT]

Am Sabbat ging Jesus mit seinen Jüngern zwischen den Kornfeldern dahin. Von Seiten der frommen Pharisäer aus betrachtet war allein schon das anrüchig, denn nur ein kurzer Spazierweg war am Sabbat erlaubt. Dabei ging es ihnen nicht um starre Regeln. Sie hofften, dass an dem Tag, an dem alle die Gebote Gottes halten würden, der Messias komme und damit der endgültige Frieden. Und Jesus war den Pharisäern sehr nahe – beiden ging es um eine Erneuerung des Glaubens. Beide wollten dafür sorgen, dass das Volk weder sich resigniert an die Besatzungsmacht der Römer anpasste noch durch einen bewaffneten Aufstand Verderben herbeiführte. Beide wollten einen Weg der Hoffnung zeigen, zwischen Selbstaufgabe und Selbstzerstörung, zwischen sich gehen lassen und ohne Rücksicht auf Verluste kämpfen. Beide, Jesus und die Pharisäer, wollten die Kräfte auf sinnvolleres richten, auf den Weg des Glaubens. Beide mussten dazu die alten Regeln erneuern, den neuen Gegebenheiten anpassen. Die Pharisäer entwickelten sehr klare und praktische Vorschriften für den Alltag und ganz besondere für den Feiertag, den Sabbat, der ja die Juden von der Umwelt unterschied. Jesu Regeln waren nicht so einfach zu tun, sondern waren eine Sache der inneren Einstellung, des Vertrauens. Vielleicht haben sich deshalb die Pharisäer im Judentum durchgesetzt, Jesus aber nach Jahrhunderten und durch viele Niederlagen hindurch im Römischen Reich. Jesus sagt: das ganze Gesetz, alle Regeln dienen am Ende dem Menschen und deshalb ist am Ende der Mensch Herr über die Regeln. Grundregel ist: was ist menschlich, was dient wirklich dem Menschen?

Das ist eine Frage, die nur auf den ersten Blick einfach ist. Sie erfordert in jeder Situation unsere Einschätzung, unsere verantwortliche Entscheidung, eine Entscheidung, die irrtümlich sein kann und die deshalb korrigiert werden muss. Wir wollen deshalb als weitere Grundregel heranziehen, wie Jesus alle Gebote zusammengefasst hat: Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe. Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, deinen Nächsten wie dich selbst. Auch hier eine Regel, die uns fordert, die uns dazu bringt, uns in die Situation hineinzubegeben, selbst Verantwortung zu übernehmen, flexibel, achtsam und fehlbar. Wir können uns nicht auf starre Regeln einer fremden Autorität zurückziehen und dann hinterher dieser fremden Autorität die Schuld geben und von Befehlsnotstand oder Sachzwängen oder Anpassungsdruck reden. Es klingt also sehr einfach und überzeugend, was Jesus von uns verlangt und doch ist es sehr schwer. Aber, liebe Gemeinde, wir werden gefordert, wir als ganz einfache, normale Menschen mit unserem Wenig an Glaube, Hoffnung und Liebe. Wir sollen die Botschaft Jesu hören, verstehen, umsetzen und in unsere Gesellschaft einbringen.

Fühlen Sie sich überfordert? Ich auch. Aber schauen wir noch einmal in unseren Predigttext, was er uns an Ermutigung zu bieten hat. Jesus und die Jünger gehen am Sabbat durch ein Ährenfeld. Die Jünger haben Hunger, streifen ein paar Ähren ab und essen sie. Sie haben sich nicht groß Gedanken gemacht über ihre Weltverantwortung oder über große philosophische und religiöse Auseinandersetzungen mit den Pharisäern. Sie haben einfach Hunger und geben diesem Impuls nach. Und Jesus verteidigt sie gegenüber dem Angriff der Pharisäer. Vielleicht hat er sich im geheimen geärgert über seine Jünger, die nicht weiter denken. Vielleicht kam ihm diese Auseinandersetzung mit den Pharisäern zu früh. Vielleicht musste er sich schnell kluge Worte aus dem Ärmel schütteln und diese Worte, die die Welt bewegt haben, mussten sehr spontan gesagt werden. Aber davon hören wir nichts. Jesus steht zu seinen Jüngern, die im Evangelium wirklich als sehr doof rüberkommen. Sie kapieren nichts. Sie haben ein weltbewegendes Geschehen vor Augen und denken nur an ihre kleinlichen Interessen. Sie sind engstirnig, streiten untereinander und haben viele Vorurteile. Es waren viele Frauen dabei und die Männer, die das aufgeschrieben haben, verschwiegen sie oft. Und trotzdem: mit diesen Jüngerinnen und Jüngern hat Jesus Geschichte gemacht.

Ich glaube, dass diese Jünger als so doof geschildert werden, damit wir ermutigt werden, wir ganz normale Menschen, mit Jesus zu gehen, mit Jesus einen Weg zu gehen, der die Welt verändert, heilsam verändert. Wir glauben viel zu wenig. Es ist manchmal erschreckend, wie schwach der Glaube von Menschen ist, die doch direkt zum Kern der Gemeinde und zu den Verantwortungsträgern gehören. Wir hoffen zu wenig. Angesichts der Größe unserer Botschaft, angesichts dessen, dass uns das Heil der ganzen Welt zugesagt und anvertraut ist, angesichts dessen sind wir viel zu kleinkariert, engstirnig und hoffnungslos. Wir lieben viel zu wenig. Auch wir befinden uns bei diesem Thema viel zu oft auf Schlagerniveau, wo Floskeln die Wirklichkeit ersetzen. In der Geschichte des Christentums gibt es viele Vorbilder, die die Liebe gelebt haben und wir nutzen diese Vorbilder viel zu wenig. Dabei sehnen wir uns doch nach diesem Feuer, das in uns brennt, zugleich aber haben wir Angst davor.

Und doch, liebe Gemeinde, will Jesus mit uns unterwegs sein. Und weil das so ist, deshalb können wir gehen. So lassen Sie uns gehen, einen Schritt nach dem Nächsten. Lassen Sie uns in unseren Alltag hineinbuchstabieren, was das heißen könnte, Regeln, die dem Menschen dienen, weil sie von der Liebe geprägt werden. Damit von uns etwas heilsames ausgehen kann, lassen Sie uns wachsam sein, wahrnehmen was ist und das wenige an Glaube, Liebe und Hoffnung, das wir leben, in unsere Umgebung einbringen. Unsere Gesellschaft ist gegenüber Religion sehr zwiespältig. Da ist sehr viel Abwehr, sehr viel Vorurteil, sehr viel völlig veraltete Wahrnehmung. Und zugleich gibt es die große Hoffnung, wieder anknüpfen können an diese große Kraft, die das Leben sinnvoll macht, die das Leiden aushaltbar macht, die Mut macht zum Verzicht und dazu, einfacher zu leben und so hilft zum Glück mitten in einer Welt voll Wohlstand, aber großer Unzufriedenheit. Lassen Sie uns offen sein für diese Kraft Gottes, die Kraft der Liebe, die das Leben verändert. Gott braucht Menschen, damit er wirken kann in dieser Welt. Diese Menschen müssen nichts besonders sein. Sie müssen nur zulassen, dass eine besondere Kraft in ihnen wirkt. Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.

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