Der Himmel auf Erden

Liebe Gemeinde!

Ich möchte heute mit Ihnen über den Himmel nachdenken. Ja, über den Himmel. Haben Sie sich den heute schon angeschaut, einen Blick gen Himmel geworfen? Vielleicht daheim, beim Öffnen der Rollläden, oder auf dem Weg hierher?

Wenn Sie’s noch nicht getan haben: Hier in der Kirche ist es schwer, das nachzuholen, da ist das Dach im Weg – aber immerhin haben wir hier vorne anstelle des Dachs die aufgesetzte Glaskuppel oder Gaube, die eine Verbindung schafft zwischen diesem Kirchenraum und dem Himmel. Da hat sich jemand etwas dabei gedacht, das ist sicher kein Zufall oder nur eine rein technische Notwendigkeit.

Denn der Himmel ist ja nicht einfach ein irgendwas da oben, wie ein Deckel auf einer Dose. Nein, wir schauen zum Himmel und haben ganz verschiedene Eindrücke. Einerseits hat der Himmel wirklich den Charakter einer Kuppel, wie er sich so von Horizont zu Horizont erstreckt und dabei über diese Welt wölbt. Das ist doch ein bisschen wie eine Käseglocke: Eine feste Abschirmung, ein Dach weit über den Dächern der Häuser.

Andererseits ist der Himmel doch auch durchsichtig und durchlässig. Aus ihm kommen Regen, Schnee und Hagel, an ihm ziehen Wolken entlang, die Sonne steht am Himmel und scheint doch irgendwie noch dahinter zu liegen mit ihrem Licht und durch den Himmel hindurch zu scheinen. Bei Nacht, wenn die Wolken aufreißen, liegt am Himmel vor uns das Weltall in seiner ganzen dunklen Tiefe, und der Mond und die Sterne, als leuchtende Inseln darauf. Dann ist der Himmel so geheimnisvoll wie sonst nie; das ist ein Himmel, unter dem werden Liebeserklärungen ausgetauscht; oder wir empfinden ein Gefühl inniger Zusammengehörigkeit mit allem hier auf der Erde, mit dem wir diesen Himmel teilen, denn er endet nie, egal wohin auf diesem Erdball wir kommen; oder es überfällt einen ein leichter Schauer angesichts der Tiefe des Universums, in der sich unser Blick verliert; oder wir träumen uns für einen Moment auf einen fernen Stern und fragen uns, wie unser wohnlicher Erdball wohl von dort aus aussehen mag.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass all diese himmlischen Phänomene uns Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufs Beste erklärt werden durch die moderne Astronomie. Auch der Himmel ist erforscht, vermessen, erklärt. Bleibt also kein Geheimnis mehr offen? Ist all das, was wir beim Blick zum Himmel empfinden, nur Täuschung der Sinne, romantisches Beiwerk zu einer ganz und gar nüchternen, fast banalen Sache?

Nein, so ist das nicht. Das beste Argument, dass sich der Himmel nicht auf die Berechnungen der Astronomen reduzieren lässt, sind für mich die Astronomen selbst. Für mich ist das vor allem mein früherer Zivildienstkollege und alter Freund Nick, der schon zu Schulzeiten viel Zeit vor Teleskopen zugebracht hat und später an einer amerikanischen Uni in Astronomie promoviert hat. Er und seine Freunde und Kollegen, die Astronomen, die sind nämlich die fasziniertesten Himmelsgucker, die man finden kann. Ja, sie möchten das schon gern alles erforschen, was sie da am Himmel für Beobachtungen machen. Aber die Anziehung, die der Himmel auf sie ausübt und die sie ihren Blick nach oben zwingt, die kommt nicht von einem Bedürfnis nach Berechnen und Erklären her. Sie geht weit darüber hinaus, und sie alle, diese Astronomen, sie spüren sehr genau die Faszination, die vom Himmel als einem Phänomen ausgeht, das uns Menschen in seiner ganzen Ausdehnung und Tiefe entzogen bleibt. Denn während jemand sagen kann, er habe ein bestimmtes Gestein auf seine Bestandteile analysiert, oder eine bestimmte Pflanze auf ihren Stoffwechsel hin untersucht, würde es sich seltsam anhören zu sagen: „Ich habe den Himmel untersucht“. Man kann Teleskope auf den Himmel richten und Raketen hinaufschießen, aber die unermessliche Weite des Himmels verwehrt es, ihn zu einem Gegenstand zu machen, den der Mensch unter Kontrolle hat oder überhaupt jemals ganz unter Kontrolle bekommen könnte. Der Himmel behält immer einen Überschuss, gegenüber dem sich die Kleinheit und Begrenztheit des Menschen nur umso deutlicher abzeichnet.

Wir haben vorhin die Erzählung des Evangelisten Matthäus von der Taufe Jesu gehört. In dieser Szene spielt der Himmel eine ganz entscheidende Rolle. Durch ihn wird aus der Taufe eines Menschen eine himmlische Szene. Es war nämlich nichts sooo Besonderes, dass Jesus von Nazareth an den Jordan kam, um sich von Johannes taufen zu lassen. Johannes verstand seine Taufe als eine Reinigung von Schuld und Gottlosigkeit und als Beginn eines neuen Lebens. Das Bedürfnis danach war stark in dieser schweren Zeit. So kamen viele zu ihm, um getauft zu werden. Wir wissen nicht bis ins letzte Detail, wie diese Taufen abliefen, aber geschildert wird jedenfalls, wie Jesus – wie alle anderen auch – in den Jordan steigt, im Wasser untertaucht und dabei getauft wird, dann wieder aus dem Wasser und an der Seitenwand des Flussbetts hochsteigt – und da passiert es: Der Himmel greift ein und macht aus dieser Taufe etwas ganz anderes als sie vorher war: „Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“

Wenn der Himmel sich auftut und so in den Lauf der Welt eingreift, dann scheint es sich um etwas ganz Elementares und fundamental Bedeutsames zu handeln, was da geschieht. Um das im Glauben zu verstehen, ist es nicht wesentlich, dass es der physikalische Himmel im Jahre soundsoviel über dem Jordan war, aus dem die Taube und die Stimme auf Jesus herunter kamen. Denn wäre das so, dann wäre der Glaube leicht zu erschüttern von Leuten wie dem ersten Mann im Weltall, dem russischen Kosmonauten Juri Gagarin, der, nachdem er in seiner Raumkapsel die Erde umkreist hatte, gesagt haben soll: Ich habe da oben im Himmel niemanden getroffen, schon gar keinen, der so ausgesehen hätte wie Gott. Nein, darauf kommt es wirklich nicht an. Man sollte sich auch einmal von einem klugen Theologen wie Yorick Spiegel fragen lassen, wieso wir eigentlich Gott immer „da oben“ denken. Es wäre doch genauso existenziell plausibel, beispielsweise den Erdboden mit Gott in Verbindung zu bringen, den Grund, auf dem wir stehen und ohne den wir ins Bodenlose fallen würden.

Ja, es muss nicht der Himmel sein, wo wir Gott verorten. Das Entscheidende in dieser Szene ist etwas anderes: Dass Gott eingreift, und wie er eingreift, wie er diese Taufe des Jesus von Nazareth durch Johannes zu einer ganz besonderen Taufe macht. Aber warum sollte man das nicht so sinnenfällig ins Bild setzen wie die Evangelisten das in diesem Fall getan haben? Warum sollte man nicht vom Himmel reden, der sich auftut? Der Himmel ist der Ort unserer Sehnsüchte, der Ort, dem wir ein Geheimnis zutrauen, etwas auf Erden nicht Gekanntes. „Himmlisch“, sagen wir, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, dass etwas jenseits unserer bisherigen Maßstäbe schön gewesen ist. Im siebten Himmel schweben wir, wenn wir verliebt sind oder auf etwas eine ungeheure Vorfreude empfinden. Der Himmel ist das, was unsere Maßstäbe sprengt.

Und deshalb ist der Himmel für Gott genau das richtige Bild. Es öffnet sich der Himmel, das heißt: es geschieht etwas, was sonst nie geschieht. Etwas ganz und gar Außergewöhnliches. Der Himmel, normalerweise eine begrenzte Fläche über der Erdscheibe, er reißt auf, und er gibt den Blick frei auf ein bis dahin unsichtbares und unerhörtes Geheimnis, das von Gott auf die Erde zu uns Menschen kommt. Es ist aber mehr noch in diesem Bild; es ist ganz wichtig, dass der Himmel nicht nur aufreißt und dabei den Blick erweitert, sondern dass von dort etwas auf die Erde herab kommt: Die Taube und die Stimme – etwas zum Sehen, etwas zum Hören. Taube und Stimme gehören ganz eng zusammen und legen sich gegenseitig aus.

Das Geheimnis, von dem beide künden, es heißt so: Gott ist nicht alleine; er hat einen Sohn, und das ist dieser Mensch da, der gerade aus dem Jordan gestiegen ist. Er ist ein Mensch wie jeder andere, auch wenn Johannes schon vor der Taufe ahnt, dass es merkwürdig und überflüssig ist und vielleicht sogar schädlich könnte, ihn zu taufen. Aber Jesus lässt sich taufen, wie die anderen auch, und erst dann geschieht vom Himmel hoch das Besondere: Gott schickt seinen Geist zu Jesus, und lässt eine Stimme ausrichten: „Das ist mein Sohn“. Und wie das gesagt wird, ist für jeden, der die Bücher der Propheten kennt, klar, dass dieser Jesus da der ist, den Gott seinem Volk verheißen hat: „Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn – und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.“ Es ist der, den Johannes der Täufer angekündigt hat, für den er der Vorläufer sein will: Der, der bald kommen wird, und der dann nicht nur mit Wasser taufen wird, sondern mit dem Geist.

Himmel und Erde berühren sich für einen Moment. Die Gefahr ist groß, diesen Moment in eine historische Schublade zu schieben und dann bedauernd oder auch trotzig festzustellen, dass so was ja nun nicht mehr vorkommt. Damals vielleicht. Ja, damals, als der Glaube noch so einfach war.

Aber das stimmt nicht. Mit keiner Zeile berichten Matthäus und die anderen Evangelisten, dass die vielen Menschen, die da sicher drumrum waren, von diesem Himmelsereignis irgendwie beeindruckt gewesen wären, ja dass sie überhaupt etwas davon mitgekriegt hätten. Das Leben Jesu geht zunächst einfach so weiter. Viel später, unterwegs mit seinen Jüngern, ertönt noch mal eine Stimme vom Himmel – da sind sie auf einem hohen Berg, und da heißt es wieder vom Himmel: Das ist mein auserwählter Sohn. Und das ist den Jüngern, die daneben stehen, durchaus neu. Die Ereignisse am Jordan sind also offensichtlich nicht für jedermann sichtbar und hörbar gewesen; sie setzten eine Offenheit voraus, die nur wenige mitbrachten. Johannes der Täufer, nach dem unsere Johanneskirche benannt ist, war einer von ihnen. Er sah, hörte und verstand.

Da berühren sich Himmel und Erde… Kann das Gegenwart sein? Wie gesagt: Wohl nicht als ein Himmelsereignis von der Art der Sonnenfinsternis vor ein paar Jahren, wo jeder raufschaut und sagt: Aha, soso, toll. Wahrscheinlich verpassen wir sogar den Himmel auf Erden, wenn wir gen Himmel starren und warten dass etwas passiert und nicht merken, was auf Erden, vor unseren Augen, alles Himmlisches vor sich geht. Denn wo jemand einen Sinn hat für das Himmlische, für das Unerhörte, das über uns kommt, da wird sich auch in unserer Welt ein Stück Himmel auftun, durch das Gott mit uns spricht, so dass wir seinen Geist um uns spüren.

Etwa, wenn ein Mensch getauft wird: Ich denke, bei allem Unterschied zwischen der Taufe Jesu und uns kann man sich doch eigentlich jede Taufe so vorstellen: Gott lässt da ein großes JA zu diesem Menschen erklingen, und er sagt: Willkommen in der Gemeinschaft derer, die glauben, die das Unfassbare zu fassen versuchen.

Der Himmel schließt sich dann auch wieder, und wer getauft wurde, der mag sich dann immer noch so oder so dazu verhalten, etwa sich konfirmieren lassen oder nicht, Gott nahe bleiben oder sich weit von ihm entfernen; er mag auch feststellen, dass die sichtbare Kirche, in die er da hineingetauft wurde, nicht die richtige ist und dass ihm das Zeugnis von Gott in einer anderen christlichen Gemeinschaft weit mehr einleuchtet. Das ist alles mit der Taufe noch offen; so wie auch Jesus in seinem weiteren Leben allerlei erlebt und erlitten hat, was man einem Sohn Gottes nicht zugetraut hätte. Aber jede einzelne Taufe ist doch das entscheidende JA Gottes zu diesem ganz bestimmten Menschen und bleibt es auch. Da berühren sich Himmel und Erde; wer Augen hat zu sehen, der sehe; und wer Ohren hat, zu hören, der höre, was Gott uns damit sagen und zeigen will.

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