Der Herr schafft Leben

Ein alttestamentlicher Text am Ostermorgen? Ja. Ein alttestamentlicher Text. Ein Loblied von Hanna. Das Loblied einer Frau, der ein gewaltiger Druck von der Brust genommen worden ist. Ihr. Und vielen anderen, die ihr Leben mit Gott geteilt haben – und uns? Hören wir aus dem 1Sm – Buch den Lobgesang der Hanna:

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Hannas Gebet ist erfüllt, liebe Gemeinde, sie ist Mutter geworden. Und nun dankt sie, dankt und dankt. Nun kann sie aufrecht dastehen, frei von Sorgen, die sie früher umtrieben, frei vom Gehänsel der Anderen über sie, die Unfruchtbare – denn das ist ihre Geschichte, abgeschlossene Geschichte, denn: Hanna ist Mutter geworden, Samuel ist geboren. Wunschkind, erbetenes Kind, Gotteskind. Hanna steht aufrecht da und dankt. Aus dem Schutt und dem Toten ihrer Vergangenheit ist Leben geworden.

Wir sind nicht Hanna, wiewohl der Kinderwunsch auch heute – leider – nicht jedem Paar in Erfüllung geht. Aber: Können wir ebenso dankbar und aufrecht dastehen wie die Hanna? Aufatmen? Durchatmen? Gott danken? Nun, da mit dem Osterfest aus den Trümmern der Todeswelt Leben auferstanden ist?

Das alte Wort von der Hanna hat sich heute zu uns aufgemacht, möchte uns in der Atempause dieses Gottesdienstes erreichen: "Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche" – Der Herr, Gott. Er. Und Er allein. Auf ihn zieht es die Aufmerksamkeit. Weder die Hanna noch wir bleiben mit uns allein: Einer gesellt sich zu uns. Der, der das Leben ist. Der, der Leben bringt. Der, der den Tod hinter sich gelassen hat. Der auferweckte Sohn, Jesus Christus, Gottes Sohn. Er kommt zu denen, dies noch gar nicht begriffen haben – zu denen, die sich schon wieder resignierend auf den Weg machen nach Emmaus und sonst wo hin.

Und das ist weder für die Hanna damals mit ihrem erfüllten Vertrauen noch für uns Produkt romantischer Fantasie. Es handelt sich um Tatsachen: Gott schafft Leben. Gott richtet die, die von Vergehensängsten geplagt sind, auf. Die Hanna damals – ihr Kind, Samuel -, uns heute: Der Sohn Jesus Christus, der Gekreuzigte und der Auferstandene.

Eben weil Gott Gott und nicht Mensch ist, ist sein vornehmstes Geschäft seine Liebe, die Menschen zum Leben und zur Hoffnung aufrichtet.

Zum Leben und zur Hoffnung aufrichten: Das ist Gottes Geschäft. Schaut auf Jesus. Wie der sich denen am Rande öffnet, den Zolleintreibern, der Prostituierten wie der Witwe, die ihren Sohn zu Grabe tragen muss, dem römischen Hauptmann, der mit Gott sonst schon allein von Amts wegen nichts am Hut hat, den vielen, wie er sie mit Leben, erneuertem Leben und mit Hoffnung, erneuerter Hoffnung, beschenkt. Oder der Heilige Geist Gottes, Stiefkind unseres Glaubens, der den desolaten Haufen der Jünger sammelt, ihm Rückenwind gibt, öffentlich von Gottes Tun zu sprechen – und Gemeinde beginnt: und wie! Gottes Geschäft ist die Niedergeschlagenen, die im Staube, die am Boden aufzurichten. – Keiner ist deshalb so sehr der Nächste Gottes wie die oder der am Boden, im Staube, niedergeschlagen.

Sehen wir uns doch HANNA an, wenn ihr Lobgesang uns schon vorgestellt wird: Jahrelang muss sie aushalten, wie sie von ihrer Nebenbuhlerin Peninna gekränkt wird. Zeiten gibt es, da mag sie vor Weinen und Depression schon gar nicht mehr essen (1Sm 1,6-10) Sogar vom Priester Eli wird sie verkannt und verletzt (1Sm 1,13) Diese zuvor noch tief Niedergeschlagene ist es, die ihr Lob anstimmt.

Anderes Beispiel: JOSEF. Von seinen Brüdern halb zu Tode geschlagen findet er sich in einer ausgetrockneten Zisterne. Aus, Josef, fertig. Da hinten kommt schon die Sklavenkarawane, die dich mitnehmen wird. Und dann diese Erfolgs-, nein Segensstory bis zum Finanzminister Ägyptens.

Noch ein anderes Beispiel: HIOB, vom Schicksal über das Maß des Erträglichen geschlagen. "Verfluch doch Gott und stirb." Sagt seine Frau, der man einen gewissen Realismus angesichts der verfah-renen Situation nicht absprechen kann. Und wie anders das Ende dieser Geschichte.

Oder die ZEHN AUSSÄTZIGEN, die sich Jesus nähern, gesund und wohlbehalten bei ihren Familien zurück.

Und die Reihe lässt sich fortsetzen. Die Menschen in den Gemeinden Jesu Christi. Paulus nimmt da kein Blatt vor den Mund: "Wer seid Ihr denn? Doch lauter Dürftige, Unansehnliche, Schwache, Hilflose, Gedrückte, Unedle, Verachtete. …" Und mit solche einer Hoffnung versehen!

Sind wir denn – ziehen wir Sonntagskleider und Masken aus – wirklich besser? Schwache und Bedürftige auch wir. Und mit solch einer Hoffnung versehen.

Aufrichten, aus Staub und Trümmern unerfüllter Vergangenheit holen – das ist Gottes Geschäft. Der Profet EZECHIEL hat das für mich am Deutlichsten dargestellt. In einer Vision sieht er ein Leichenfeld, verstreute Knochen vor sich: Das, Ezechiel, das ist Israel – was meinst Du, kann Gott das wieder heil machen? Und dann erlebt er, wie Knochen, Muskeln, Sehnen, Fleisch und Haut wieder zu lebendigen Menschen zusammengefügt werden. Neue Schöpfung.

Und die Krone der neuen Schöpfung Jesus Christus. Der hat sein Leben am Kreuz gelassen. Nicht, weil er’s verdient hätte, sondern weil er stellvertretend unsere Schuld, unser ganzes Versagen, auf sich gezogen hat. Der Unschuldige ist für die Schuldigen gestorben. Und Gott hat ihn zum Leben auferweckt. Er lebt, damit die Niedergeschlagenen aller Zeiten, die Schuldigen ebenso auf immer Gottes Nächste bleiben – Nächste? Viel zu wenig: Um Jesu willen: Geschwister Jesu wie untereinander und Gottes Kinder, Erben der neuen Welt Gottes. Bedenken wir das aber nicht nur im Blick auf uns, sondern auch auf die "im Staube", am Boden, am Ende, die uns begegnen.

Ostern. Hanna hat Ostern erlebt, Josef, Hiob, die Menschen, die Jesus begegneten und auflebten, viele durch die Zeitläufte der Gemeinden und Kirchen hindurch – und wir?

Das gebe doch Gott, dass wir die Kraft des Auferstandenen als mehr, viel mehr als ein religiöses Gefühl in uns erleben – als Wirklichkeit, die uns aufrichtet, aufleben lässt. Dann ist es gesegnete Ostern.

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