Der Herr ist’s aber, der mich richtet

„Mir ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde – oder von einem menschlichen Gericht“, sagt Paulus zu seiner Gemeinde. Ist das nicht arrogant? Ist das die Arroganz des Glaubens? – Nun, das kommt auf dich Sichtweise an. Jedenfalls löst es immer Unbehagen und auch Aggression aus, wenn ein Angeklagter das Gericht, vor dem er steht, nicht anerkennt. Denken wir an die Widerstandskämpfer im Dritten Reich, die Weiße Rose z.B., die durften am Schluss der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof immer noch ein Schlusswort abgeben. Und da kam dann `raus, dass sie das ganze Nazi-Recht für Unrecht halten und das Gericht nicht anerkennen. Einer, der Graf von Moltke, hat bei der vorgebrüllten Anklage den Richter nur milde angelächelt und damit die ganze Richterbank zum Ausrasten gebracht.

– Aber auch heute geschieht so etwas. Z.B. mit umgekehrtem Vorzeichen beim serbischen Tyrannen Slobodan Milosevic. Der hat von Anfang an klargemacht, dass er das Den Haager Gericht, vor dem er steht, überhaupt nicht anerkennt und für geheuchelte Sieger-Justiz hält. Und viele der islamistischen Attentäter, die seit dem 11. September 2001 vor Gericht standen, haben erklärt, dass sie sich ausschließlich Allah verantwortlich wissen und deshalb zu ihrem Tun stehen, egal was das Gericht verfügt.
Wie unterschiedlich diese Fälle auch sind, sie lösen alle aus einem Grund Unbehagen und Aggression aus; darum nämlich, weil solche Angeklagten klar machen: „Wir glauben an eine höhere Macht glauben als dieses menschliche Gericht, vor dem sie stehen.“ Damit aber untergraben sie die Staatsmacht, sie stören die öffentliche Ordnung, für die das Gericht ja sorgen soll. Ja, wenn alle an solche Mächte glauben würden, wie diese Angeklagten, dann hätten die Gerichte kaum noch Sinn. Ihre Urteile könnten nicht mehr abschrecken. Dem Verurteilten ist das Urteil ja egal.
Solche Angeklagte faszinieren, weil sie innerlich so frei sind, aber sie sind auch Unruhestifter.

II. Liebe Gemeinde, wer richtet, wer beurteilt Sie denn eigentlich? Ja, ich möchte behaupten, auch Sie stehen vor Gericht wie der Apostel Paulus! Sie stehen vor dem Advents-Gericht. Da gibt es eine allgemeine Meinung; die Meinung, die „man“ sich so zum Advent macht. – Ja, wer macht denn die? Nun das ist einmal die Tradition hierzulande, dann das ist das, was in unserer Familie immer so üblich war oder das, wie all die Geschäfte und die Medien sagen, dass Weihnachten eben „geht“. Aus all dem entsteht so ein Meinungsmix, ein Advents-Meinungsmix, das wir oft mehr teilen und mittragen als wir denken. – Und diese Meinung also, die hält Gericht, ob wir denn alle ordentlich Advent machen. D.h. Sie und ich wir werden danach beurteilt, ob wir uns richtig auf Weihnachten einstellen; ob wir es schaffen, den weihnachtlichen Ausnahmezustand des Friedens und der Harmonie herzustellen. Jeder weiß doch, ob er Kirchenchrist ist oder von Kirche nichts wissen will, dass Weihnachten `was Religiöses ist. Und also werden wir alle danach beurteilt, ob wir es schaffen, den öden Alltag alle Jahre wieder zu knacken und ein Stück Religion, ein Stück Paradies zu schaffen. Bei den einen sieht das so aus, dass sich das Paradies daran bemisst, wieviel Plätzchen-Sorten gebacken, wieviel Lichtlein aufgestellt, wieviel Geschenke gekauft werden. – Dann gibt es die anderen, die das für Konsumrausch halten und lieber auf Besinnung machen: Da werden dann alternative Adventskalender für Erwachsene aufgehängt mit besinnlichen Geschichten zum In-sich-Gehen, statt tausend Lichtlein gibt es die eine Meditations-Kerze und statt teurer Geschenke Gutscheine für viel Zwischenmenschliches. Ja überhaupt die Familie: Das ist ja das erste Gesetz der allgemeinen Weihnachtsmeinung: Du sollst im Advent und an Weihnachten „in Familie machen“! Wer das nicht schafft oder gar nicht will – ist schon verurteilt. Also – ob Konsumrausch oder Besinnung – beides mal herrscht der Druck, den Himmel auf die Erde herunterzuziehen; und je nachdem wie gelungen so ein Versuch aussieht, werden wir schlecht oder gut beurteilt. Und weil wir alle etwas gelten wollen – auch kein Prediger ist da ausgenommen – machen wir eben mit; auch bei mir leuchtet ein Schwibbogen im Fenster.

III. Zurück zu Paulus: Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht.

– Was hatten denn die Korinther gegen Paulus zu richten? Nun eben dass er so schwächlich auftrat. So geschliffen scharf seine Briefe auch sind, er scheint ein schlechter Redner, ein eher langweiliger Prediger gewesen zu sein. Auch sonst scheint er keine beeindruckende Gestalt gewesen zu sein. Krank war er immer wieder – und ihm fehlte, was wir so Charisma nennen, so eine gebieterische Ausstrahlung, die man von religiösen Helden erwartet. Paulus wurde stattdessen immer wieder verhöhnt und geschlagen. „Wir“, die Apsotel, sagt er, „sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht.“ Die Korinther haben da von einem Apostel schon etwas anderes erwartet: Bestechende Autorität, kraftvolles Auftreten, mitreißende Predigten, also das, was auch wir heute von religiösen Führern erwarten oder zumindest schätzen. Ein Ausdruck davon ist z.B., dass der Papst nicht zuletzt von nichtkirchlichen Kreisen zum Rücktritt gedrängt wird, weil er mittlerweile eine so kümmerliche Gestalt abgibt.

Nun, was sagt Paulus dazu? Er sagt: Es stimmt, ich bin Apostel und ich bin Prediger, aber als ich bei euch war, da wollte ich nichts wissen als allein Christus, den Gekreuzigten. Gott hat die Welt und ihre Sünde nicht mit Glanz und Gloria besiegt, sondern in der kümmerlichsten Gestalt, die man sich denken kann: im Tod am Kreuz. Also wäre nichts unpassender, als wenn sein Gesandter, der Apostel, jetzt in Glanz und Gloria daherkäme. Gott hat sich aus dem Himmel in die letzten Winkel unserer Gottverlassenheit hinuntergequält; und nur so hat er diese Gottverlassenheit aufgesprengt. Da ist kein Platz für Glanz und Gloria, sondern nur Platz für den Satz: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2Kor 12, 9) Wer die Erlösung in Christus lebt und weiterträgt, es sei ein Apostel oder eine Krankenschwester, ein Pfarrer oder eine Rentnerin, alle begeben sie sich in die Fußstapfen des Kreuzes und nicht in den Triumphzug von Macht und Pomp. Wer in Christus lebt, braucht den Himmel nicht auf die Erde herunterzuzerren, weil es gar nicht geht, nicht einmal Jesus hat das gemacht. Wer in Christus lebt, erfährt, dass Gott nicht unsere Macht und Kraft aufleuchten lässt, sondern dass er uns heil macht, wenn wir am Ende sind, wenn wir am Kreuz sind.

Die, die das nicht verstanden haben, die, die einen Gott des Ruhmes und ein Christentum des Ruhms haben wollen, die richten den Paulus. Sie klagen seine Schwachheit an, aber damit klagen sie auch die Schwachheit des Kreuzes an. Und vor diesem Gericht sagt Paulus: Es ist mir gleichgültig, von euch gerichtet zu werden. – Mag er auch noch so schwächlich und kränklich aufgetreten sein, hier leuchtet diese unerhörte Freiheit auf, die Freiheit jener Angeklagten die menschliche Gerichte nicht anerkennen. Aus Sicht des Gerichts ist das Arroganz. Aus Sicht der Angeklagten wie hier des Paulus ist es das Muss des Glaubens; das Muss, das nur den höchsten Richter anerkennt. – und Paulus fährt fort: Ich richte mich selbst aber auch nicht. Denn auch dann würde ich meine Kraft und meine Weisheit noch überschätzen. Denn wenn ich über mich richten kann, dann weiß ich ja alles über mich und kann alles beurteilen – und das maße ich mir nicht an. Deshalb sagt dann Paulus den bemerkenswerten Satz: „Ich bin mir zwar nichts – keiner Schuld – bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt.“ D.h. bei Gott gelte ich nicht dadurch etwas, dass ich ein gutes Gewissen habe, es ist immer noch Gottes Sache, ob ich zurecht ein gutes Gewissen habe. Deshalb bleibt nur: „Der Herr ist’s aber, der mich richtet.“ Das ist das Leben am Kreuz: Alles aus der Hand geben, sogar das gute Gewissen, und sagen: Herr, richte mich! und nur noch die Hoffnung haben: Mach mich neu, Gott, wie du Christus neu gemacht hast!

IV. Was heißt das für uns, liebe Gemeinde? Es heißt zuerst einmal: Alle Versuche, dass wir selbst den religiösen Frieden, die Harmonie Gottes an Weihnachten machen könnten, sind vergeblich. Und wirklich: Wie viel Unfrieden, wie viel angestauten Zorn kann der Harmonie-Druck von Weihnachten nicht entfesseln. Darüber spricht man nicht gerne, weil es vor der besagten allgemeinen Meinung als Versagen gilt. Wer kein harmonisches Weihnachten hat, flüstert das vielleicht noch seinen engsten Freunden zu, aber sonst wird die heile Fassade oft hochgehalten. Dabei sagt uns Paulus hier:

Gott holt uns doch aus unserem Alltag, aus unserer Schuld, aus unserem Unheil – und nicht wir müssen die heile Welt bauen. Ja, wer die heile Welt bauen will, zeigt damit letztlich nur, dass er gerade nicht darauf vertraut, dass Gott etwas zu unserem Heil tut. Gott hat nicht vor 2000 Jahren eine Idylle nach Bethlehem hinabgeworfen und gesagt: So, macht das jetzt alle Jahre wieder nach. Sondern er hat sich gesagt: Da, wo ihr am ärmsten und am schwächsten seid, da wo ihr an Ruhm, Glanz und Gloria überhaupt nicht mehr denken könnt, da mach ich euch heil. Und deshalb: Mag die Gesellschaft, die allgemeine Meinung auch noch so viele Plätzchensorten, noch soviele Kerzen und Sterne und Lichter und noch soviel Familie und Harmonie und Paradieses-Frieden fordern, Gott will von uns nur zwei ganz einfache Dinge im Advent: Dass wir uns nichts vormachen und dass wir auf ihn warten. Das ist alles. Klingt banal, wenig glanzvoll und überhaupt nicht gefühlvoll religiös. Aber das ist das Leben vor Krippe und Kreuz: Sich nichts vormachen und warten auf Gott.

Und wer das glaubt, der kann dann wirklich in unsere ganze hektische Adventswelt hineinrufen: Das ist mir wurscht, was ihr von meinem Advent haltet. Gott kommt zu mir, nicht um Plätzchen zu essen, sondern weil ich Rettung brauche. Das klingt peinlich. Eben – so peinlich wie das Kreuz. Wer so etwas sagt, wer die allgemeine Erwartung so in den Wind schlägt, der wird zum Unruhestifter, wie die Angeklagten, von denen ich zu Anfang sprach; die Unruhestifter, die ihr Gericht nicht anerkennen. Aber das ist der Unruhe-Stachel, den Gott im Kreuz in diese Welt gesetzt hat, und den wir verlängern sollen.

Das heißt nun alles nicht, dass man jetzt übertreiben muss und eine Revolution gegen Weihnachts-Bräuche anzetteln müsste. Natürlich dürfen Stollen und Weihnachtsbaum und die Lichter alle sein. Aber die innere Einstellung dazu wird sich vom Kreuz her ändern. Nämlich so, dass ich nicht mehr meine, ich kann durch das alles etwas vom Sinn von Weihnachten erreichen. Keine Kerze macht Weihnachten. Gott macht Weihnachten. Und jede Kerze, die mir das sagt, ist eine gute Kerze. Und schließlich: Wenn wir mit Paulus wissen, dass allein Gott Weihnachten bringen wird, dann brauchen, ja dann können wir auch nicht mehr über andere richten und am Weihnachten der anderen herummäkeln. – Bäh, bei der kommen nicht mal die Kinder nach hause. Äh, die gehen nicht mal an Hl. Abend in die Kirche. Und bei der anderen geht der Mann sogar an Weihnachten in die Kneipe. – Solches Richten wird unterbleiben, wenn wir wissen: Der Herr ist’s aber, der mich richtet und wenn er kommt, wird er das Trachten der Herzen offenbar machen. Bis dahin schau ich nur auf mein Herz und mein Trachten – und warte. Gott kommt gewiss.

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