Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!

<i>[Zugrunde liegt die Postkarte des Auferstehungsfensters aus Kiew von Tobias Kammer. Sie ist erhältlich bei der Materialstelle für Gottesdienst in Nürnberg. Die Predigt kann aber auch ohne das Bild als Steinbruch dienen.]</i>

Maria Magdalena steht vor dem Grab. ?Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab‘, heißt es im Johannesevangelium. Was hat Maria Magdalena da gesehen? Stellen wir uns das vor: Es ist früh am Morgen. Die Sonne scheint. Das Licht ist hell. Das Grab ist eine Höhle. Drinnen ist es stockfinster. Die Augen stellen sich nicht gleich von hell auf dunkel um. Diffuses Licht. Alles verschwimmt. Nur Umrisse sind erkennbar. Was sieht sie? Einen Mann, so wie es Markus berichtet? Oder einen Engel wie bei Matthäus? Oder zwei Männer wie bei Lukas? Hier bei Johannes ist von zwei Engeln die Rede. Aber was sieht sie wirklich? ?Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!‘, ruft sie hinterher. Diese Botschaft ist heute so unwahrscheinlich wie früher auch. Von ihr wissen wir wenig. Hören wir auf das Zeugnis des Johannes:

[TEXT]

Das Auferstehungsfenster aus Kiew
Der Blick ins Grab. So oder so ähnlich mag es ausgesehen haben: Auch hier ist nicht alles erkenn-bar. Farben überlagern sich oder verschwimmen. In der Mitte leuchtende Farben Orange bis Rot. Sie sind scharf abgegrenzt von den blauen Flächen am Rand. Sie sind wie Türpfosten zum Grab. Unten überwiegt die Farbe Rot. Das Rechteck erinnert an einen Sarg. Oben lösen sich die Farben auf, werden weiß – Ostern. Die Verzweiflung dieser Frau: ?Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte‘ ist mir deutlich. Sie entspricht der Erfahrung so vieler Menschen, denen plötzlich ein lieber Mensch genommen worden ist, durch Unfall oder plötzlichen Tod. Sie fühlen sich allein gelassen, verlassen, im Stich gelassen. So auch hier Maria. Ihre Verzweiflung wird noch gesteigert durch das leere Grab. Nicht nur der Mensch Jesus fehlt, sondern auch noch sein Leichnam. Ihr geht es wie den Angehörigen der Kursk-Opfer. Nicht einmal einen Ort der Trauer hat sie. Irgendwo, an einem unvorstellbaren Ort liegt, der Körper, dessen Leblosigkeit sie betrauern will. Verzweifelt wendet sie sich an den ver-meintlichen Gärtner. Sie nimmt den Menschen nicht wahr, nur die Person, die Auskunft geben kann. Erst als dieser Mensch sie anspricht, beim Namen nennt, erwacht auch sie wieder um Leben. Ihre persönliche Auferstehung ist das Ziel.

Maria ist die erste Apostelin. Sie ist Zeugin der Auferstehung – Garantin der Gemeinde für die Osterbotschaft. Daran hat die Gemeinde mit Maria Trost gefunden. Der Herr ist auferstanden. Er hat sich in Liebe den Seinen zugewandt. Er hat sie nicht alleine gelassen und läßt sie bis heute nicht allein. Maria Magdalena ist die erste Apostelin. Martin Luther hat dazu gesagt: ?Wenn das weibli-che Geschlecht anfängt, die christliche Lehre anzunehmen, dann ist es viel eifriger in Glaubensdin-gen als Männer. Das erweist sich bei der Auferstehung, Maria Magdalena war viel beherzter als Petrus.‘

Auch wenn er sagt (V. 17a heißt richtig) Halte mich nicht fest. Wir haben ihn, aber wir können ihn nicht festhalten. Er ist für uns – und für alle er ist der Auferstandene Sohn Gottes. Aber er ist nicht zu begreifen, nicht mit Händen zu greifen. Auch ihn zu sehen schafft noch nicht den Glauben an die Auferstehung, sondern seine Anrede, sein Wort. Die Berührung verbietet sich dann, der Auferstandene überzeugt durch seine Erscheinung und seine Anrede. Der gute Hirte ruft die Seinen – und sie kennen seine Stimme.

Unserer Geschichte fehlt jeder Jubel, jede Fröhlichkeit und Unbeschwertheit. Ostern ist schwer zu verstehen. Das Osterlachen kommt erst später.

Das Auferstehungsfenster aus Kiew
Die blauen Flächen am Rand scheinen mächtig. Sie ziehen nach unten. Sie wirken eng und bedrü-ckend, als würden sie die Engel in der Mitte zusammenschieben. Aber nach oben hin reißen sie ab. Die dunkle Farbe hört auf. Sie wird kraftlos, zum Schatten. Alles wird zu Helligkeit und Licht. Ganz oben das Weiß – die Osterfarbe, die Christusfarbe. Der arg bleibt unten zurück. Die Flügel der Engel sehen aus wie die Flügel eines Schmetterlings. Sie schweben nach oben. So oder so ähnlich mag der Blick Maria Magdalenas ins Grab ausgesehen haben. Zuerst war alles unklar, aber als sie zu den Jüngern geht stark und fest: Ich habe den Herrn gesehen!

Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!

drucken