Der Herr ist König!

Als ich auf der Suche nach einem Predigttext für diesen 2. Adventssonntag an diesen prophetischen Worten aus dem 2. Teil des Jesajabuches hängen blieb, liebe Gemeinde, wurde ich fröhlich. Das ist wirklich gute Nachricht, Evangelium. Da sind keine Mahnungen und Appelle zu hören. Da wird Frieden verkündigt, Gutes gepredigt, Heil angesagt. Man spürt diesen Worten ab, dass sie vom heißen Atem einer begeisterten Freude getragen werden. Eigentlich kann dieser Text nur gesungen vorgetragen werden. Den kann man gar nicht nüchtern und distanziert hören. Da muss man einfach mit einstimmen, mitsingen und dabei selbst fröhlich, getröstet und erlöst werden. Und natürlich ist mir da gleich wieder ein Lied eingefallen, die 2. Strophe aus dem Bachchoral "Wachet auf, ruft uns die Stimme":

Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freuden springen, sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig, ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.

Laut wird diese Stimme über einem Trümmerfeld, der zerstörten Stadt Jerusalem, Zion, wie sie auch genannt wird. Und wie wird wohl diese Melodie, dieses Lied, in den Ohren derer geklungen haben, die in diesem Trümmerfeld mehr schlecht als recht hausten und ihr alltägliches Leben unter größten Mühen und Entbehrungen zu organisierten suchten? Und während ich mir dazu meine Gedanken machte, ist gleichzeitig eine große Sehnsucht in mir aufgestiegen: Dass sich doch von dem Petersberg in Bonn Boten aufmachen in das von Krieg und religiösem Wahn geschundene und zerstörte Afghanistan, um dort Frieden zu verkündigen, Gutes zu melden und Heil anzusagen. Und dass die Boten dieser Nachricht eben nicht stampfend und zerstörend in dieses Land kommen, nicht mit einer Gewalt und Macht, die selbst in dem Bemühen, Frieden, Gutes zu bringen und Heil zu schaffen, zuerst noch mehr platt machen und neues Leid und Elend verursachen muss. Ja, wie schön wäre es, wenn diese Friedensboten ebenso beschwingt und geradezu tänzerisch, mit "lieblichen Füßen" in dieses Land kommen und schon allein durch ihr Auftreten trösten und retten könnten, sodass kein Beobachter und Wächter über die Souveränität und Einheit dieses Landes ihnen misstrauisch entgegensehen müsste.

Boten, die Frieden bringen und Heil verkündigen, machen sich auf in die Trümmerfelder unserer Erde, nach Israel und in den Gazastreifen, zu den Israelis und den Palästinensern, zu den Kosovoalbanern und den Serben, in die geschundenen Städte Restjugoslawiens und in den Irak, nach Tschetschenien und auf den Trümmerhaufen des zerstörten World-Trade-Centers in New York – überall dahin Boten, die Frieden verkündigen, Gutes melden und Heil ansagen, weil die große Wende eingetreten ist, weil Gott selbst heimgekehrt ist in seine Welt und nun endlich aller Welt Enden das Heil unseres Gottes sehen! Das ist Ankunft! So also sieht er aus: Gottes Advent!

Zu schön, um wahr zu sein? Billige Vertröstung aber keine Hoffnung und schon gar keine Erfahrung? Opium, vernebelnde Droge für das Volk? Muss man auch nach 2000 Jahren Christentum und Kirchengeschichte nicht vorsichtig sein mit solchen biblischen Texten? Wer so etwas verkündigt wie der zweite Jesaja – nimmt er nicht den Mund zu voll, ist er nicht ein Spinner und Phantast, ein weltvergessener Träumer?

Der frühere Ford- und VW-Manager Daniel Goeudevert hat 1999 ein hoch interessantes Buch geschrieben, das den Titel trägt: "Mit Träumen beginnt die Realität." Er plädiert darin für eine Kultur geistiger, sozialer und räumlicher Beweglichkeit, um Kreativität und Phantasie und damit Visionen entstehen zu lassen, die wir so dringend brauchen. Weil wir ohne Visionäre heute in einer ganz anderen Wirklichkeit leben würden und es vieles nicht gäbe, was wir heute für selbstverständlich halten, wenn Menschen nicht immer wieder gedacht und getan hätten, was keiner vor ihnen gedacht und getan hat. Mit Träumen – so meint er – beginnt die Realität. Und wenn schon nach seiner Meinung die irdische Realität mit ganz und gar irdischen Träumen beginnt, um wie viel mehr kann eine göttliche Verheißung und sein Herr-Sein auch heute Abgestorbenes zu neuer Blüte bringen, Zerrissenes heil machen und uns über alle Trümmerfelder hinaus eine Hoffnung lehren, die eine andere Wirklichkeit sieht. Und warum sollte es nicht geschehen, dass immer mehr Menschen schon jetzt von dieser anderen Wirklichkeit so in Beschlag genommen werden, dass sie schon heute damit anfangen, sie zu verkündigen, sie zu leben, dass sie selbst zu diesen Freudenboten werden, nach denen sich diese Welt genau so sehnt und ausstreckt wie wir?

Abgehoben von aller Realität sind diese prophetischen Worte nicht. Es waren harte Zeiten, in denen sie zum ersten Mal laut und gehört wurden. Unter Deportierten und Heimatvertriebenen in der babylonischen Gefangenschaft wurden sie laut. Noch ist Babylon mächtig. Aber schon bahnt sich eine weltpolitische Wende an. Die Machtverhältnisse beginnen sich nun auch für damalige Zeiten erstaunlich rasch zu ändern. Mit dem Tod des babylonischen Königs Nebukadnezar im Jahre 562 beginnt der Niedergang seines Reiches. Der junge Perserkönig Kyros entfaltet immer mehr seine Macht. Er zieht weiter nach Westen. Er besiegt den sprichwörtlich gewordenen "Krösus", den sagenhaft reichen König Kroisos von Lydien. Und 539 erobert er Babel. In nicht einmal 25 Jahren ist eine völlig neue Weltordnung entstanden. Und Kyros ist es, der von Gott "mein Knecht" genannt wird, der mit seinem Erlass die Rückkehr der Deportierten nach Jerusalem und den Wiederaufbau des Tempels ermöglicht. Das geschlagene Volk im Exil oder mit seinen Restbeständen in Jerusalem spielte in all dem keine Rolle und war ohne Einfluss. Es konnte zur Veränderung seiner Situation überhaupt nichts beitragen. Es konnte für seine Befreiung, für seinen Frieden, für sein Heil überhaupt nichts tun. Es war nichts weiter als ein Spielball, das von den Mächtigen der Welt einmal dahin und einmal dorthin geworfen wurde.

Weil es keine eigenen Möglichkeiten hatte, weil es mit seiner Kraft und Macht wirklich am Ende war – ein Trümmerhaufen eben, unter dem man nichts mehr fand, was man noch zusammenklauben und zu irgend etwas aufbauen konnte, deshalb werden hier auch keine Appelle an die letzten Kräfte und den guten Willen gerichtet. Deshalb werden hier keine Durchhalteparolen und auch keine Beschwichtigungen laut. Der Bote sagt nicht: Auf, macht schnell Ordnung, sammelt Geld für den Aufbau, reißt euch zusammen, tut etwas, damit ihr Gott, euren König, würdig empfangen könnt, zeigt ihm, dass ich euch anstrengt, euch Mühe gebt, euch als würdig erweist. Nein, stattdessen ganz einfach: jubelt, freut euch, lobt ihn ihr Trümmer, weil ER etwas für euch getan hat. Weil ER sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst hat. Das allein befreit zum Jubel und zur Freude. Und das allein ist die rechte Antwort auf die Zusage des Heils. Allein aus diesem Jubel, allein aus dieser Freude heraus entsteht Bewegung, neues Leben, die Kraft zum Träumen und zum Hoffen. Aus Lob und Dank kommen Kraft und Zuversicht. Und das bedeutet ganz konkret: Der Anfang für den Aufbau ist gemacht.

Unter welchem Trümmerhaufen liegen unsere Hoffnung und unser Lebensmut, unsere Lebensfreude und Gottesgewissheit begraben? In welchen Gefangenenlagern, in welchem "Babylon" stecken wir, sodass wir nur noch klagen können: "Verlassen hat mich Jahwe, der Herr mich vergessen!" (49,14)? Und wie vieles ist in unserer Kirche eingestürzt, wie sehr machen sich Existenzangst und Resignation breit, angesichts rückläufiger Zahlen, angesichts des Abrutschens in die Bedeutungslosigkeit, über die noch so viele gutgemeinte Stellungnahmen zu aktuellen Fragen eben so wenig hinwegtäuschen können wie die Flut von Programmen und Angeboten, die wir uns leisten bis hin zu den sozialdiakonischen Einrichtungen, die wir betreiben und die sich wie alle und alles andere auch den knallharten Gesetzen des Marktes zu unterwerfen haben. Das Vertrauen in Gott hat arge Risse bekommen, zu glauben fällt uns nicht leicht, vom Glauben zu reden ausgesprochen schwer. Dass wir etwas zu sagen und zu geben haben, das diese Welt braucht, das ihr hilft und sie heilt, das eine ganz andere Lebensqualität ermöglicht und neue Dimensionen erschließt, wird uns selbst immer mehr fraglich. Und genau so wenig wie dem Volk damals helfen uns flammende Reden und eindrückliche Appelle an unseren guten Willen oder die Beschwörung einer mehr oder weniger ruhmreichen Vergangenheit. Hilfe ist nur darin zu finden, dass auch uns Frieden verkündigt, Gutes gepredigt und Heil angesagt wird.

Friede, Gutes, Heil liegen in dem beschlossen, was Gott selbst für uns getan hat. Friede, Gutes Heil – das ist die Entfaltung, die Begründung, die Auswirkung dieser einen Zusage: "Dein Gott ist König!" Dein Gott – darin drückt sich die erneute, voraussetzungslose Zuwendung Gottes zu seinem Volk, zu uns Menschen aus. König ist dein Gott – nicht der junge Emporkömmling Kyros, nicht der sagenhaft reiche Krösus, nicht irgendwelche Götter, die sich vielleicht klammheimlich in unser Leben eingeschlichen haben und unter deren Fuchtel wir in immer größere Abhängigkeiten gekommen sind. Nicht die Götter, die wir uns selbst gemacht haben und von denen wir Friede, Gutes und Heil erwarten und die uns nur zu immer größeren Opfern zwingen und uns immer mehr aussaugen. Nein, dein Gott ist König, er ist heimgekehrt, er kommt zu dir und ist nicht nur dein König, sondern der König aller Könige, der Herr aller Herren, der König der Welt: "Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes."

Hat der Prophet nun doch den Mund zu voll genommen? Hat er zu viel verheißen? Die Rückkehr war ja keineswegs so grandios, der Wiederaufbau kam ins Stocken. Und es kamen wieder andere Herren und immer wieder neu Unterdrückung, Krieg, Schlechtes, Unheil. Ganz anders kam die Verheißung zu ihrer Erfüllung, als Jesus von Nazareth auftrat und teils Verwundern, teils Entsetzen auslöste, als er über die Berge von Galiläa her über Samarien nach Jerusalem die Botschaft trug: "Die Königsherrschaft Gottes ist nahe herbeigekommen, die Königsherrschaft Gottes ist mitten unter euch". Und in seinem Leben und Sterben, in seiner Auferstehung und Himmelfahrt ist zu erkennen: Dein Gott ist König. Und diese Botschaft ist für uns kein Unglück, weil nicht unser Gegner König geworden ist. Diese Botschaft bringt Frieden, Gutes, Heil, weil Gott der König ist, der mit seinen Feinden Frieden macht, den Bösen Gutes gönnt, den hilflosen zu Hilfe eilt. Als der Gekreuzigte tritt er die Königsherrschaft an. Dieses Wort des Evangeliums ist die Quelle des neuen Lebens und der Freude inmitten aller Trümmer. Dein Gott ist König – nicht die Fanatiker der Weltgeschichte! Welch eine Befreiung von allen Zwangsvorstellungen, dass nur die brutale Gewalt das Feld behaupten wird: der Gekreuzigte ist König!

Die Königsherrschaft Gottes ist das Heil für die Menschen. Das ist der Kerngedanke bei Jesus wie beim zweiten Jesaja. Darum heißt die Ankündigung des Königtums Gottes bei beiden Freudenbotschaft, Evangelium. Der Anbruch dieser Königsherrschaft ist bei Jesus nicht mehr verbunden mit einem weltgeschichtlichen Umbruch. Er vollzieht sich im Vertauen, im Glauben, zu dem Jesus einlädt. Und wer sein Vertrauen ganz und gar auf Gott setzt, in dessen Leben ist Gott schon zur Herrschaft gekommen. Der findet aus aller Selbstbezogenheit heraus und schon jetzt zu Freude und Jubel. Wo die Heilsbotschaft Glauben findet, "der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem befreit", ragt das Heil in die Gegenwart hinein, kommt Gott nahe. Und ein solches Leben gewinnt eine Perspektive, die herausführt aus der Fixierung auf bestimmte Unheilserfahrungen. Ein solches Leben weiß sich auch im Scheitern gehalten und erhält eine verlorene Bewegungsfreiheit zurück. Wo Gott bei uns selbst den Glauben weckt und uns in die Freude führt und das Rühmen in uns hervorlockt, da will er immer schon der weiteren Welt ein Schauspiel seiner Güte und Barmherzigkeit bereiten, bis er selbst sichtbar wiederkommt und aller Welt Enden sein Heil sehen. Mit dem Traum dieser Zukunft beginnt die Realität, in der wir nun selbst diese Botinnen und Boten sein können, die das Heil leben und das Heil ansagen, von dem sich ganz bestimmt auch andere Menschen anstecken und faszinieren lassen.

Ich habe eingangs gesagt, dass man diesen Text eigentlich nur singen kann. Eine Vertonung genau dieses Textes habe ich nicht zur Verfügung. Aber Johann Pachelbel hat den folgenden Text vertont, in dessen Zentrum dieses Bekenntnis steht: Der Herr ist König:

Der Herr ist König, darum toben die Völker, er sitzt auf Cherubim, darum bebet die Welt. Der Herr ist groß, groß zu Zion und hoch über alle Völker. Man danke deinem großen und wunderbarlichen Namen, der da heilig ist. Im Reich dieses Königs hat man das Recht lieb. Du gibest Frömmigkeit und schaffest Gericht und Gerechtigkeit in Jakob. Erhebet den Herrn, unsern Gott, betet an zu seinem Fußschemel, denn er ist heilig. Erhöhet den Herrn, unsern Gott, betet an zu seinem heiligen Berge, denn der Herr, unser Gott, ist heilig. (CD "Du meine Seele singe", hänssler classic, CD-Nr. 98.157,1998, Titel Nr. 10)

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