Der Gott an unserer Seite

Liebe Gemeinde!

Anscheinend geht es hier nur um eine Kleinigkeit, so kommt es uns vor. Jesus und die Jünger gehen durch die Felder. Die Jünger reißen Ähren ab auf dem Weg und essen die Körner. Und das, obwohl gerade Sabbat ist. Na, und? Was ist dabei?

Es fällt uns sehr schwer, den heiligen Ernst zu verstehen, mit dem die Pharisäer dieses Tun beurteilen: Nach dem Gesetz Gottes ist das am Sabbat verboten! Ihr brecht ein Gebot Gottes, wenn ihr das an einem Feiertag tut! Es geht nicht nur um eine Regel, eine in der Gemeinschaft der Landesbewohner ausgehandeltes Gesetz, das auch wieder zu ändern wäre, nicht um eine den Wandlungen der Sitte und der Moral unterworfene Bestimmung, sondern es geht um ein Gebot Gottes: Du sollst den Feiertag heiligen!

Das Volk Israel als religiöse Einheit und als nationale Größe beruht auf seinem Verhältnis zu Gott. Zur Zeit des Mose, in grauer Vorzeit, hat er seinem Volk die Gebote gegeben. Die Gebote sind die Offenbarung Gottes an Israel, durch die Gebote wurde Israel zum Volk Gottes. Anders als andere Völker mussten sie nicht mehr nach dem Weg suchen, mühsam herausfinden, was denn der Wille Gottes sei, nicht mehr vorsichtig tasten in der Dunkelheit, immer in Angst vor dem zornigen Wüten eines Blitze schleudernden Gottes … Gott hatte sie ins helle Licht gestellt und ihnen seine Gebote, sein Gesetz gegeben, "dies ist der Weg, den sollt ihr gehen." Leben und Seligkeit sind auf diesem Weg und Frieden und Wohlstand des Volkes.

Nie war das Gesetz Gottes für Israel eine schwere Last. Im Gegenteil! Der Psalm 119 singt von der Freude an den Geboten Gottes, die köstlich sind wie reines Gold und süßer als Honig, an die man Tag und Nacht denkt wie an eine Geliebte. "Simchat Thorah", die Freude am Gesetz, so heißt ein Feiertag, der bis heute unter den Juden gefeiert wird.

Wenn aber Israel diesen Weg Gottes vergisst und abweicht von seinen Geboten, zieht es seinen Zorn auf sich. Im Alten Testament kann man lesen, wie immer wieder dieser Kreislauf durchschritten wurde: Israel vergaß Gott und missachtete sein Gebot. Die Israeliten vergriffen sich an der Beute, die sie bei der Eroberung der Stadt Jericho gemacht hatten, obwohl sie Gott geweiht war. Der König David trieb Ehebruch mit der Frau des Uria und fragte Zeichendeuter und Wahrsager um Rat. Andere Könige dienten anderen Göttern und den Götzen der Heiden. All das führte zuletzt dahin, dass Gott sein Volk in die Hände der Heiden gab: Die Babylonier kamen und zerstörten den Tempel und die Stadt auf dem Heiligen Berg, sie eroberten Jerusalem und nahmen den König gefangen, führten alle Reichen, Mächtigen und Wichtigen in die Gefangenschaft. Übrig blieben nur die Bauern in den Dörfern, die Menschen auf dem Land.

Aber Gott hat sich erbarmt und hat seinem Volk eine zweite Chance gegeben. Er hat sie zurückgeführt durch die Wüste nach achtzig Jahren Gefangenschaft, die Stadt und auch der Tempel wurde wieder aufgebaut und der Gottesdienst begann neu. Nein, Gott hat sein Volk nicht verstoßen, die Geliebte seiner Jugend. Es war noch einmal wie früher. Nein – nicht ganz. Vorsichtiger war Israel geworden. Mit vielen, ja – hunderten von Geboten und Verboten zogen sie einen Zaun um das Gesetz Gottes, so dass man einigermaßen sicher sein konnte, dass sie es nicht wieder brechen würden, es sozusagen unabsichtlich übertreten … "Du sollst den Feiertag heiligen", hatte "ER" gesagt, "da sollst du nicht arbeiten und kein Werk tun, denn auch Gott ruhte am siebten Tag, nachdem er Himmel und Erde geschaffen hatte." – Was heißt das? Du darfst am Sabbat nicht mehr als tausend Schritte aus deinem Haus tun. Du darfst am Sabbat kein Feuer anzünden, denn das ist Arbeit. Du darfst nicht säen, und du darfst nicht ernten, denn das ist Arbeit.

Endlich haben wir den großen Kreis geschlagen und sind wieder bei unseren Predigttext, verstehen jetzt den Ernst der Pharisäer ein bisschen besser: Du darfst nicht ernten am Sabbat, so lautet das Gebot Gottes; und wenn die Jünger auch nur ein paar Halme ausgerissen haben, so haben sie doch geerntet, wenn sie auch nur ein paar Körner aus den Ähren geschüttelt haben, so haben sie doch gedroschen, und das ist um Gottes Willen am Sabbat nicht erlaubt in Israel.

Jesus wird als Lehrer verantwortlich gemacht für das, was seine Jünger tun. Er antwortet mit einem Beispiel aus dem Alten Testament, in dem berichtet wird, wie der König David in einer Notlage mit seinen Männern die Schaubrote aus dem Tempel genommen und gegessen hat, obwohl sie streng tabu waren, bei Todesstrafe, nur für die Priester bestimmt. Und dann sagt Jesus diesen berühmten Satz: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.

Aus dem Verbot der Pharisäer spricht letztlich die Angst, die Furcht, Gott könnte wieder so zornig werden wie einst, könnte wieder strafen mit Feuer und Schwert, wenn die Israeliten sich nicht streng an die Ordnung halten. Jesus hat ein anderes Bild von Gott: Er hat sein Geschöpf im Blick und sorgt sich um das Wohl des Menschen. Liebe ist die angemessene Antwort, Vertrauen und Erfurcht, aber nicht Angst. Angst macht klein, unfrei, gesetzlich. Gott aber wollte keine engstirnigen und ängstlichen Geschöpfe, sondern dankbare und liebevolle Menschen. Natürlich möchte er, dass sein Gebot gehalten wird, aber seine Gebote sind für den Menschen gemacht, dass sie ihm zum Leben helfen, nicht der Mensch für die Gebote, dass er unter ihnen ächze und klage …

Heute sind wir ja eher in der Gefahr, die Gebote zu leicht zu nehmen und in ihnen doch wieder nur Regeln zu sehen, menschengemachte, zeitlichen Moralvorstellungen unterworfene. Wenn jemand meint, er müsste am Sonntag seinen Laden aufmachen, um Autos oder Möbel zu verkaufen, warum denn nicht? Wenn zwei Eheleute im Streit leben oder sich anderweitig verliebt haben, warum nicht sich trennen? Warum nicht hier und dort stehlen oder betrügen, machen doch eh´alle und der Schwund ist ja von den Geschäftsleuten schon einkalkuliert …

Seltsamerweise wird gerade "von der Kirche" noch erwartet, dass sie für "Werte" und "Moral" einsteht. Manche Eltern melden ihre Kinder mit dieser Begründung zum Konfirmandenunterricht an "Sie sollen die Gebote lernen, was richtig ist und was falsch …"; Wissenschaftler erwarten von Theologen begründete Meinungen zu Themen wie Gentechnik oder therapeutischem Cloning, und bei Talkshows werden auch immer wieder Pfarrer eingeladen, die in der allgemeinen Gleichgültigkeit eine Richtung weisen sollen. Wieso gerade die Kirche? Weil sie vielleicht doch noch mehr als andere etwas davon weiß, dass der Mensch nicht nur mit selbstgemachten Regeln leben kann, sondern auch das Gebot Gottes braucht. Das Gebot Gottes im alten, ursprünglichen Sinn: Als Offenbarung der Liebe Gottes. Ich stelle dich in das helle Licht und öffne dir die Augen: Dies ist der Weg, den sollst du gehen.

Wie stehen wir dazu? Der Weg ist schmal zwischen engstirnigem Fundamentalismus auf der einen Seite und einer orientierungslosen moralischen Beliebigkeit auf der anderen, zwischen einer Gesetzlichkeit, die immer ganz genau den anderen vorschreiben will, was denn der eigentliche Wille Gottes sei und einer regellosen Freiheit, die sich ohne jede Grenze in einem weiten Feld verliert, ohne Richtung, Ziel und Sinn.

Lasst uns hinter den Geboten die Offenbarung Gottes erkennen, die Offenbarung Gottes, der zuletzt in Jesus Mensch geworden ist um der Menschen willen. Das macht nicht den Menschen zum Maß aller Dinge und zum Herrn über die Gebote, aber es nimmt die Angst und schenkt die Freiheit der Liebe. Auch in seinen Geboten wird deutlich, dass er der Gott für uns ist, der Gott an unserer Seite, der mit uns durch unser Leben geht. Sein Wort ist wie kostbares Gold, süßer als Honig, für uns das Leben, Erlösung und Seligkeit.

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