Der Gesang der Bibel

Liebe Gemeinde,

diesen Sonntag stellt sich mir ein Problem, denn unser Predigtwort erzählt von der Freude zweier Frauen, von einer Begegnung besonderer Art – zwei schwangere Freundinnen begegnen sich, die eine besucht die andere und sie teilen ihre Freude über das in ihnen wachsende Leben miteinander. Als Mann muss ich ehrlich zugeben, dass ich diese Freude nur von außen zu ergründen versuchen kann. Wer kann sich hineinfühlen in die Veränderung des Körpers, die Beeinträchtigungen, die damit verbunden sind, aber eben auch die Freude, die das neue entstehende Leben auslösen mag, wenn nicht eine Frau, die ebenfalls schwanger war und geboren hat? Folglich muss ich über diesen Teil der Freude schweigen und anerkennen, dass dies ein Bereich des Lebens ist, bei dem die Männer immer ein wenig außen vor sein werden. Die Gleichberechtigung hat ansonsten schon fast überall Einzug gehalten – durften früher nur Männer im Krieg andere töten, dürfen es nun auch Frauen – welch seltsames Privileg! Aber einem neuen Menschen zum Leben verhelfen, das können nur die Frauen. Vielleicht haben sie von daher ein tieferes Wissen um die Verbindung von Leid und Freude als die meisten Männer – aber das ist ein anderes Thema!

Nun aber ist die Freude der beiden Frauen aber nicht nur auf ihre Schwangerschaft begrenzt, sondern sie greift darüber hinaus – und da kann ich nun anschließen. Elisabeth, die werdende Mutter von Johannes dem Täufer, freut sich mit Maria, der werdende Mutter Christi über den Heiland, über die Tat, zu der er auf die Erde kommen will und über Gott, der solcherlei Geschehen möglich macht. Und gleich hier, liebe Gemeinde, werden wir als Kinder Gottes am Ende des Jahre 2002 mitten ins Geschehen hineingenommen, denn auch wir warten auf dieses Fest, genannt Weihnachten, auch wir freuen uns über diese Geburt, derer wir in zwei Tagen gedenken werden, auch wir sind betroffen im positiven Sinn von der Tat, die dieses Gotteskind Jesus Christus Jahre nach seiner Geburt vollbringen wird, nämlich die Erlösung der Menschheit, indem dieser Mann Jesus von Nazareth als Kind Gottes die Sünde, also das Trennende zwischen Gott und den Menschen beseitigt und den Tod besiegt. Unsere zwei Schwangeren blicken gewissermaßen in prophetischer Vorausschau auf dieses Geschehen und darüber freuen sie sich und Maria kleidet ihre Freude in einen Gesang. Was ist nun an diesem Gesang besonders? Ist er vielleicht so, wie wir die vielen Mariendarstellungen kennen, kitschig, verblümt und schmalzig, die nur das Reine, Gute und Schöne in Vordergrund rücken? Aber ich habe kein Recht über diese Art der Verehrung von Maria zu spotten, denn sie bewahrt im Kern etwas, was uns Protestanten manchmal abzugehen scheint, die weibliche Seite Gottes, in der auch die Freude über werdendes Leben seinen Platz findet – ganz wie ich es vorhin angedeutet habe. So zeige ich mit dem Finger lieber auf unseren eigenen Kitsch, den wir uns als Protestanten gerne basteln in einer Art von Frömmigkeit, die den schmalzigen Marienbildern schon sehr nahe kommt. Ich zeige z.B. auf ein Liedgut, das sich auch in unserer evangelischen Kirche breit macht, ein Liedgut, dass nur die Erlösung kennen will, nur die guten Seiten Gottes, nur die Lichtblicke im Leben und die Betonung des "Ach je – wie geht´s mir gut mit Gott!". Diesen Frömmigkeitskitsch finde ich auch wieder in unserer verkonsumierten Gesellschaft, die sich der religiösen Bilder bedient und wie mit einer Schere alles Dunkle, Erschreckende und Wahrheitsöffnende ausschneidet, damit übrigbleibt, was wir als Zerrbild dieser Tage oft genug erleben konnten: den süßen Weihnachtskitsch des "Festes der Liebe", der fast an magische Formeln grenzenden Beschwörung des trauten Heimes, der Beschwörung der Erfüllbarkeit und der Machbarkeit des Glückes im kleinen Kreis. Verstehen Sie mich nicht miss, liebe Gemeinde, keinesfalls gilt es das Weihnachtsfest abzuschaffen und auch der Rummel um dieses Konsumereignis hat seine guten Seiten – aber mit dem Lied der Maria, wie es uns unser Predigtwort vorgibt, hat es wenig zu tun. Denken Sie an Maria selber – sie war keine reiche Frau und in eine reiche Familie hat sie auch nicht gerade eingeheiratet. Darüber hinaus war sie belegt mit einem üblem Makel: das Gerede der Leute ging hinter ihr her und wahrscheinlich auch ihr voraus: "Was erzählt diese Frau? – Ein Kind von Gott, so ganz ohne Mann? Wer´s glaubt, wird selig!" Sie kennen die negative Macht des Geredes: "Hast du schon gehört: die Maria kriegt ein Kind – und das, obwohl sie noch gar nicht verheiratet ist!" – wer´s an eigenem Leibe schon erfahren hat, zu was das gesprochene Wort fähig ist, wird erahnen, was Maria erlebte. Sie bleibt drei Monate bei Elisabeth, irgendwo im Gebirge – ob das nur der Luft dort wegen war, wage ich zu bezweifeln. Bestimmt hat sie da auch Ruhe gefunden vor dem verletzenden Tratsch, dem der Mensch nun einmal gerne anhängt. In unserem Gesangbuch neben der Nr. 412 hat ein Künstler der "Brücke" eine Stimmung gemalt, die wahrscheinlich näher an die Verhältnisse der Maria herankommt, als es unsere Vorstellung zuweilen zulassen mag. Wenn Sie möchten, schauen Sie sich diese Bild ruhig an (neben der Nr. 412) jetzt – oder zu Hause.

Marias Lied aber verfällt nicht dem Kitsch, sondern steht ganz und gar in der Tradition, wie wir sie auch aus dem Alten Testament kennen. Wir kennen es aus den Liedern der anderen großen Frauen der Bibel, z.B. von Mirjam, die das Wunder des Meeresdurchzugs der Israeliten besingt: "Gott hat eine herrliche Tat getan, Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt!" Oder aus dem Lied einer anderen Schwangeren, der Hanna, der Gott endlich einen Sohn schenkt, nämlich den Propheten Samuel: "Der Herr tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf. Der Herr macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht." Und, liebe Gemeinde, genau in diesem Sinne singt auch Maria: "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen." Das ist der Gesang der Bibel, so wie wir ihn glauben: als die Hinführung auf das Ereignis Weihnachten, Geburt und später das Sterben des Gottessohnes mit seiner Tat am Kreuz für uns: der Erlösung und Vorbereitung auf das, was noch kommen wird. Es ist der Gesang der Bibel, den wir in Marias Worten wiedererkennen, der Gesang, der um die Zwiespältigkeit und die Zerrissenheit des Lebens weiß, der Gesang, der im Blick hat, dass die Unterschiede noch nicht aufgehoben sind, z.B. die Unterschiede zwischen Reich und Arm, die Unterschiede zwischen Privilegierten und denen, die an der unteren Grenze leben, die Unterschiede zwischen denen, die Macht haben und sie nutzen und denen, die dieser Macht ausgeliefert sind. Es ist der Gesang auch der Glaubenden, die viel erleiden müssen und sich trotzdem stark und behütet wissen durch ihren Gott – eben durch diesen Gott, den man nicht ständig am äußeren Wohlergehen eines Einzelnen ablesen kann. Dieser Gesang dient auch uns zur Mahnung, denn Gott hat sein Wirken in dieser Welt nicht eingestellt. Er dient uns zur Mahnung, die wir geneigt sind, auf einem hohen Niveau zu klagen über die Ungerechtigkeiten, die uns selber täglich widerfahren und die wir geneigt sind, dabei zu vergessen, zu welchen Menschen Christus gesandt worden ist. Denken wir daran, liebe Gemeinde: die Frommen von damals, diejenigen, die sich redlich bemüht haben, alle Weisungen Gottes zu erfüllen, das waren die Pharisäer. Sie waren nahe dran an dem Ideal, das Jesus von Nazareth vorgezeichnet hat, außer in einem: sie haben vergessen, dass alle Regeln und Normen immer und immer wieder hinterfragt und überdacht werden müssen, wenn es um die Zuwendung zum Nächsten geht. Deswegen ging Jesus zu den Kaputten, zu den Prostituierten und den Sündern, zu den Verachteten und zu denen, die scheinbar aus eigener Schuld am Rande oder außerhalb der Gesellschaft lebten. Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sagt Jesus, sondern die Kranken. So ist der Gesang der Bibel keine frömmelnde Auferbauungsmelodie für diejenigen, die schon immer gewusst haben, dass sie auf der richtigen Seite des Leben leben, sondern ein Trostlied für diejenigen, die es nicht geschafft haben, ein Hoffnungslied für diejenigen, die das Ziel nicht mehr zu erreichen meinen und ein Herausforderungslied für diejenigen, die am liebsten nur um sich selber kreisen.

Wird Gott, der Spender des Lebens, an diesem Weihnachten bei denjenigen sein, die keine Kinder bekommen können? Wird er bei denjenigen sein, deren Kinder tot oder behindert geboren werden? Wird Gott nahe sein denjenigen, die wie die hochschwangere Palästinenserin auf dem Weg zu israelitischen Krankenhaus am Grenzposten aufgehalten wird, weil sie eine Bombe tragen könnte und deshalb ihr Kind verliert? Wird er bei den Müttern und Kindern sein, die in den Kriegen dieser Welt, die schon sind und in denen, die noch kommen mögen den lauthals gepriesenen gerechten Bomben der sogenannten zivilisierten Welt zum Opfer fallen? Ja, liebe Gemeinde: das wird er! "Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen."

Ein letztes aber noch, liebe Gemeinde, denn vor diesem Gesang der Bibel könnten wir alle nicht bestehen und wir müssten schier verzweifeln über das, was wir doch nicht in der Lage sind, vollständig zu erfüllen. Wird Gott also auch bei denen sein, die wie der Sünder bekennen: "Ich bin nicht würdig, dass du eingehst in mein Haus – aber sprich nur ein Wort und die Rettung wird geschehen!"? Ja, liebe Gemeinde: auch dort wird Gott sein und er hält sein Versprechen. Sehen wir ein letztes Mal auf Maria, diese starke Frau und sehen, wie sie uns in ihr Leben einholt: sie konnte den ganzen Weg ihres Sohnes verfolgen: von der Geburt bis hin zum Tod. Sie war vor Jesus und ihr Lied haben wir gehört und bedacht und sie bleibt unter dem Kreuz, als fast alle anderen Anhänger verschwunden sind – sie bleibt dort mit anderen starken Frauen, z.B. zusammen mit Maria Magdala, der großen Sünderin. So hat sie in ihrem Leben verwirklicht, was sie in ihrem Lied bekannt hat: dass Freunde und Leid nahe beieinander wohnen, ja dass sie Geschwister sind und einen gemeinsamen Vater haben. Dass dieser Vater aber ihr wohlgesonnen ist und ihr und damit auch uns ein Geschenk bereitet hat, dessen wir an Weihnachten besonders gedenken: das Geschenk des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, oder, um mit Marias Worten zu reden: "Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht."

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