Der Geist der Wahrheit

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext gehört zu den so genannten Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium. Wenn wir Jesu Rede in das Kirchenjahr einordnen wollen, dann gehört diese zu den letzten Tagen der Passionszeit.

Jesus weiß, dass er den Tod am Kreuz erleiden wird. Er will seinen Jüngern über die Not der bevorstehenden Trennung und über die Angst vor der künftigen Verlassenheit hinweghelfen.

Jesus gibt den Jüngern und Jüngerinnen die Zusage, dass die Gemeinschaft mit ihm, trotz seines Todes, bestehen bleiben wird. Diese Gemeinschaft aber ist kein Vorrecht für den engsten Kreis der Jünger und Jüngerinnen.

Alle, die die Botschaft von Jesus annehmen, gehören in diese Gemeinschaft hinein. Und zugleich werden sie dadurch befähigt, die gute Nachricht weiterzugeben.

Jesus kündigt ihnen an, dass er sie verlassen wird und verspricht ihnen aber, dass er sie nicht ganz allein lassen wird, sondern dass er ihnen den Geist als Tröster und Beistand schicken will.

[TEXT]

Abschied nehmen – auch unser Leben ist von vielfältigem Abschiednehmen geprägt. Wir müssen lernen damit umzugehen, Trennungsschmerzen auszuhalten und Trauer sowie Traurigkeit zu durchleben.

Abschied von einem lieben Menschen, von guten Bekannten bringt Traurigkeit und Schmerz. Abschied nehmen ist schmerzlich.

Unser ganzes Leben ist voller Abschiede. Abschied von der Kindheit, Abschied von Freunden, Abschied von liebgewordenen Gewohnheiten, Abschied von Träumen, die sich nicht mehr verwirklichen lassen, Abschied von der Gesundheit und Abschied vom Jungsein.

Die Jünger hatten es nie für möglich gehalten, dass ihr Zusammenleben mit Jesus in ein neues Dasein wechseln würde.

Jesus stellt seine Jünger und Jüngerinnen vor eine doppelte Ankündigung. Zum einen werden sie von Jesus den Geist empfangen und zum anderen werden sie in und von dieser Welt Verfolgung erleiden. Ja, Not und Verheißung werden die Gegenwart der Gläubigen kennzeichnen.

Viele Menschen haben bereits zu Jesu Lebzeiten seine Worte und Werke angezweifelt und ihn selbst in Frage gestellt genau so, wie das auch heute noch unzählige Menschen tun. Überrascht sie das?

Das, was Jesus tat, war vorher nie geschehen und seine Worte über sich waren tatsächlich ungeheuerlich. Denken wir doch nur einmal an seine Aussagen: „Ich und der Vater sind eins“ oder „Alle Dinge sind mir von meinem Vater übergeben“ oder „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“.

Solche Aussagen mussten in den Ohren der frommen Männer und Frauen in der Zeit Jesu geradezu wie Lästerungen klingen. Und genau das haben sie Jesus auch vorgeworfen. War es wirklich so abwegig, dass diese Menschen von Jesus für solche, seine Ansprüche gar Beweise verlangten?

Jesus hat diese Beweise geliefert. Er selbst und ebenso seine Werke sind der Beweis, dass Gott der Vater bei ihm war. Gott der Vater ist der Zeuge Jesu und ebenso der Geist der Wahrheit.

Der Helfer wird kommen, der an meine Stelle tritt. Es ist der Geist der Wahrheit, der vom Vater kommt. Ich werde ihn zu euch senden, wenn ich beim Vater bin, und er wird als Zeuge über mich aussagen.

So war es damals, so ist es noch heute. Der Geist der Wahrheit, wir nennen ihn auch den Heiligen Geist, ist für uns weltfremd. Dieser Geist ist nicht unser Geist, er ist auch nicht der Geist dieser Welt. Nein, er ist auch nicht der Geist unserer Tage der Zeitgeist. Und er ist auch nicht der Geist bedeutender Männer und Frauen unserer und vergangener Zeiten.

Den Geist der Wahrheit können wir nicht analysieren, wir können diesen auch nicht herstellen. Er ist und bleibt unverfügbar. Er ist Gottes Geist; und er ist ganz anders. Deshalb ist auch dieser Gottesgeist uns fremd und befremdet uns, wo immer er einem Menschen geschenkt wird.

Der Geist ist gekommen; er bestätigt uns die Wirklichkeit und Wahrheit der Worte und Taten Jesu, die wir in einer ganz anderen Zeit leben. Dieser Geist macht uns die Worte und Taten Jesu so gewiss, als ob wir diese selbst gehört und gesehen hätten.

Von diesem Geist heißt es in der Schrift: er weht, wo er will. Er weht aber nicht, liebe Gemeinde, wo wir wollen. Er weht nicht da und nicht dort, nicht rechts und links. Dieser Geist weht überall!

Dieser Geist bestätigt all das, was Jesus gesagt und getan hat, damit wir seine Zeugen werden. Nichts braucht Jesus in dieser Welt so nötigt wie Zeugen; und diese Welt braucht nichts so nötig wie die Zeugen von Jesus. Und diese sollen wir sein.

Der Geist, er kommt aus der Höhe vom Vater. Er umgibt und durchdringt uns, ja, er hält und trägt uns, so wie der Vater uns trägt.

Der Geist des Vaters ist ein lebensspendender Geist und ein Geist der Liebe und ebenso ein Geist, der Wahrheit, der zum Zeugnis befähigt; ja, zum Zeugnis für das Licht gegen die Mächte der Finsternis und zum Zeugnis für das Leben gegen den Tod. Er ist Zeugnis für Gott gegen Götzen.

Obwohl wir den Heiligen Geist als Tröster und auch als Beistand haben, erfahren wir doch immer wieder, wie jämmerlich unser Glaube ist. Wenn es darauf ankommt, fehlt uns der Mut, uns zu Gott zu bekennen. Und ein Mensch, der gar zweifelt, wird sich dem Willen Gottes widersetzen. Er will, koste was es wolle, Gott gegenüber Recht behalten.

Diese Haltung entspricht, so denke ich, der des Satans, der sich Gott widersetzte und immer wieder den Versuch macht, uns in den Ungehorsam gegenüber Gott zu ziehen und uns somit den Glauben an Gott zu nehmen versucht.

Genau das, liebe Gemeinde, hat Jesus zu Beginn seiner Wirksamkeit selbst erfahren. Ja, Jesus wusste, dass seine Jünger und Jüngerinnen die gleiche Erfahrung machen würden, wie er. Denn die Menschen, die ihnen begegneten, waren genau so, wie die, die Jesus begegnet waren.

Woher sollten dann Jesu Jünger und Jüngerinnen die Kraft nehmen, Menschen, die den Zweifel an Gott hegten, zum Glauben zu führen?

Sehen sie, liebe Gemeinde, genau aus diesem Grunde verheißt der auferstandene Herr seinen Jüngern und Jüngerinnen, dass er in der Gestalt des Heiligen Geistes ihr Zeugnis begleiten wird. Dieser Geist werde das gleiche Werk tun, welches der auferstandene Herr an Thomas getan hat. Mit diesem Geist sollen die Jünger als seine Zeugen rechnen.

Ja, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist werden das schaffen, was wir nicht können: den Glauben bewirken und den Zweifel überwinden.

Das habe ich euch gesagt. Wenn es eintrifft, werdet ihr an meine Worte denken. Ich habe euch dies alles zu Anfang nicht gesagt, weil ich ja bei euch war.

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