Der Friedenskönig

Liebe Gemeinde,

"Es ist immer leichter, auf der Siegerseite zu stehen!", sagte mir ein Freund, als wir über die neuesten Entwicklungen im Irakkrieg sprachen. "Ich ertappe mich, wie ich mich irgendwie doch freue, dass Saddam
Hussein-Statuen umgerissen werden als Zeichen für das Ende der Diktatur. Das ist ein seltsames beklemmendes
Gefühl", fuhr er fort. Er war doch auch strikt gegen die amerikanisch-britische Kriegstreiberei. Sieger schaffen Fakten. Sieger und Siege verändern manchmal die eigenen Einstellungen.

Das Volk läuft dem Sieger entgegen, es ist froh, daß er endlich da ist. Irakischen Männer und Frauen grüßen die Amerikaner und Briten, die Bagdad einnehmen. Panzer rollen, Maschinengewehre blitzen auf, der Kampfanzug ist staubig von Sand der Wüste. Die Amerikaner bahnen sich ihren Weg durch eine von Bombennächten gezeichnete Stadt, schreiten vorbei an Häusern, in denen vielleicht auch Verletzte liegen. Die Sieger werden mit Palmwedeln begrüßt.

In unserem Predigttext winken die Einwohner Jerusalems auch mit Palmwedeln. Jerusalem quillt über vor Menschen – das große jüdische Fest "PASSAH" wird gefeiert. Und religiöse Pflicht ist, nach Jerusalem zu kommen um dort zu Beten und sich daran zu erinnern, dass Gott das Volk Israel einst aus großer Bedrängung befreit hat. Deswegen brodelt Jerusalem vor Menschen …

Aber auch noch wegen einer anderen Sache, wegen einem Gerücht, dass sich wohl wie ein Lauffeuer verbreitet hat: Der, der einen Toten wieder lebendig gemacht hat, soll auch nach Jerusalem unterwegs sein.
Und er kommt tatsächlich, auf einem unspektakulären Esel zwar, doch trotzdem jubeln die Menschen Jesus zu.
Sie erwarten vielleicht ein weiteres Wunder. Er soll auch in Jerusalem
Kranke heilen, Blinde sehend machen,
und vielleicht auch mal wieder einen Toten auferwecken – mit einem gewissen Lazarus hat er es ja auch gekonnt. Das haben Leute erzählt, die dabei waren.

Die Menge hat nicht erkannt,
dass Jesus nicht um der Sensation willen geheilt hat und Wunder tat –
immer waren seine guten Worte und heilenden Taten auf das Wohlergehen
des Gebeugten, Verstoßenen und
Kranken gerichtet. Darin blitzte der Wille Gottes auf, der für uns Menschen das Leben will. Jesus Christus lebte Liebe, nicht Geltungssucht, er verwirklichte Barmherzigkeit, nicht Eitelkeit. Deswegen der junge Esel, und kein geschmückter Prunkwagen. Deswegen das Schweigen Jesu.

Hätte es damals Fernsehkameras gegeben, vielleicht hätte N-TV und ZDF Sondersendungen geschaltet: "Wunderheiler wird begeistert in Jerusalem empfangen. Wir sind live dabei."

Sensationen, gute oder böse: Wir schauen hin, wir schauen zu. So ist der Mensch: Da, wo etwas passiert, was alltägliche überschreitet, da schauen wir hin. Hand aufs Herz. Geht es Ihnen und Euch auch so? Die neuesten Kriegsnachrichten zum Frühstück und zum Abendbrot. Wir können im Fernsehen verfolgen, wie Bomben fallen und Menschen schwer verwundet fortgetragen werden und vieles mehr … Und da bin ich ehrlich: Ich schaue es mir auch an.

Die Berichte über den Einzug eines solchen Wunderheilers und seines triumphalen Einzugs in das Zentrum des Judentums hätte ich mir wahrscheinlich auch angeschaut. Und bestimmt hätte ich mich gewundert und ich hätte wohl die Stirn gerunzelt: Was ist das denn? Das ist mir alles ein bisschen suspekt.

Und genau diese Haltung gab es auch damals, als Jesus nach Jerusalem einzog: Die Pharisäer stehen dabei und bemerken kritisch: "Alle Welt läuft ihm nach, und wir können nichts daran ändern!"

Die Menge jubelt ihm zu, dem Wunderheiler. Palmwedel schwenkend und Jubelrufe gröhlend empfängt sie Jesus und eilt ihm sogar entgegen – Ernennt ihn im Freudentaumel sogar zum König. Was für ein Triumphzug! Doch ich schaue mit gemischten Gefühlen auf diese Szene, die uns der Evanglist Johannes erzählt.

Wir wissen:
– aus den Palmzweigen des Jubels werden bald Ruten der Verachtung
– aus dem Begrüßungsrufen wird bald der gellende Schrei "Kreuzige ihn"
– aus der freudigen Aufnahme wird bald die kalte Verurteilung
– aus dem großen Empfang wird bald die große Einsamkeit

Liebe Gemeinde, Jesus Christus erfährt, was dem einen oder der anderen vielleicht gut vertraut ist: Heute noch angesehen und willkommen,
morgen ausgeschlossen und out. Die Sternchen der BigBrother-Shows aus den letzten Jahren haben das auch erfahren, und wer weiß, vielleicht
werden die Superstars, die Deutschland suchte, bald wieder ganz gewöhnlichen Alltag leben – und vielleicht sogar mit dem persönlichen Makel, es nicht geschafft zu haben.

Plötzlich kann sich der Wind drehen. Gestern wird der Klassenliebling Axel noch von der Anerkennung aus der eigene Schulklasse getragen, ein paar Tage später, ohne genau den Grund zu wissen, wird er geschnitten und ist
doof. Abgestürzt. Verloren.

Gott selbst hat die Spannung zwischen Anerkennung und Verachtung im wahrsten Sinn des Wortes am eigenen Leib erfahren. Dieselben Menschen, die ihm zunächst zugejubelt haben, werden ihn am Karfreitag mit bitterem Spott überziehen und ihm hämisch zurufen: Steig doch herunter vom Kreuz, wenn du kannst.

Erst danach, nach diesem absoluten Tiefpunkt im Leben Jesu geschieht etwas, das den Jüngern die Augen öffnete. Gott wird Jesus wieder ins Leben rufen, ins ewige Leben, in die engste Gemeinschaft mit Gott.

Das haben die Jünger Jesu erfahren. Erst diese Erfahrung hat sie langsam begreifen lassen, was es mit Jesus auf
sich hatte.

Mit diesem Sonntag kommen wir der Geschichte Jesu und seiner Bestimmung sehr nahe.

Jesus ist nicht der kraftvolle Beherrscher der Welt, der mit glänzender Rüstung und Waffengewalt seinen Platz einnimmt. Er tritt seine Herrschaft nicht damit an,
dass Leben zerstört wird, dass Existenzen vernichtet werden, dass Anarchie und Gewalt des Mobs freie Bahn hat.

Nein. In Jesus tritt ein machtvoller König seine Herrschaft an,
der aus eigener Erfahrung weiß, was es heißt, ganz am Boden zu liegen, von Menschen verlassen und verraten zu sein. Er der von dem man sagte: So einer ist gottlos, so einer ist ein Aufrührer, so einer hat nichts mit uns zu tun.

Er hat Spott, Verletzung und Tod auf sich genommen, um uns Menschen davon zu überzeugen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

In seinem Herrschaftsbereich gilt nur einen einziger Rechtsgrundsatz: Liebe. Diese Liebe allein kann uns Menschen den Frieden und die Sicherheit bieten, die Leben ermöglicht und fördert. Dieses in unserem Leben umzusetzen, dazu fordert Jesus auf. Er ist das Vorbild, nachdem wir unser Leben ausrichten sollen.

Doch die Vielen haben damals in Jerusalem haben in Jesus lediglich den Wunderheiler und Revoluzzer gesehen. Doch diese Sensationsgier hat Jesus nicht erfüllt. Deswegen verlor die Menge das Interesse an ihm, ja wünschte ihm sogar den Tod. Heute sehen viele in Jesus allein den guten Menschen, der sinnvolle Lebenstipps gab. Das wurde dann irgendwann zu wenig. Jesus wurde uninteressant.

Jesus aber zeigt uns:
Auch wenn alles zu Ende scheint, ist Gott in unserer Nähe und hilft uns auf.

Jesus Christus und seine Auferstehung von den Toten allein ist der Grund all unserer Hoffnung, dass der Tod und das Böse in der Welt nicht siegen wird.

Weil er weiß, wie schwer wir Menschen leiden, ist es kein billiger Trost, den er uns geben kann. Seine Auferstehung zeigt: Gott ist gerade mit denen, die von Menschen geschlagen und verachtet sind. Und Gott wird uns auch sich zu rufen, damit wird das ewige Leben haben.

Auf der Seite eines solchen Siegers stehe ich gern, da habe ich kein seltsam beklemmendes Gefühl. Auf der Seite Jesu ist wirklicher Friede.

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