Der Fehler des Pharisäers

Liebe Gemeinde.

Wir halten oft nur das für wahr, was wir selbst mit unseren eigenen Augen und Ohren wahrgenommen haben. Wenn uns ein anderer etwas Unglaubliches erzählt, fragen wir: „Woher weißt du das? Hast du das selbst gesehen?“ Auch wenn er das bestätigt, bleiben oft Zweifel. Denn eigentlich trauen wir nur uns selbst. Aber auch unsere Wahrnehmung kann uns täuschen.

Noch leichter verschätzen wir uns, wenn wir uns selbst beurteilen. Vergleichen wir uns mit großen Vorbildern, dann kommen wir uns klein und hässlich vor. Vergleichen wir uns mit armen Würstchen, stehen wir gut da und kommen groß heraus.

Ähnlich ging es den Zuhörern, denen Jesus das Gleichnis erzählte: Es wendet sich an Leute, „die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern“. Luther hatte übersetzt: „die sich selbst vermaßen“, die also mit einem verkehrten Maßstab messen und sich deshalb vermessen. Da stimmen alle Angaben nicht, z.B. die Entfernungen auf der Landkarte, aber auch die Größe des Feldes, die Füllung im Sack oder im Glas. Ein falscher Maßstab kann alles verderben.

Besonders schlimm wird es, wenn wir uns selbst zum Maßstab nehmen, so wie damals die Zuhörer Jesu: Sie setzten ihr Vertrauen ganz auf sich selbst; denn sie waren fest davon überzeugt: Wir sind gut und gerecht, wir gehören zu den Auserwählten Gottes, und Gott muss doch seine Freude an uns haben und uns in seinem Reich einen besonders ehrenvollen Empfang bereiten.

Solchen Reich-Gottes-Anwärtern erzählt Jesus das Gleichnis.
In unseren Ohren klingt das Gebet des Pharisäers recht hochmütig. Ganz anders hörten es die Menschen damals. Sie konnten nichts Verkehrtes daran finden, vielmehr ist es geradezu ein Muster für das Gebet eines Frommen. In der jüdischen Überlieferung findet sich ein ähnliches Gebet:

„Ich danke dir Herr, mein Gott, dass du
mir mein Teil gabst bei denen, die im Lehrhause sitzen,
und nicht bei denen, die an den Straßenecken sitzen;
denn ich mache mich früh auf,
und sie machen sich früh auf:
ich mache mich früh auf zu den Worten des Gesetzes,
und sie machen sich früh auf zu eitlen Dingen.
Ich mühe mich, und sie mühen sich:
ich mühe mich und empfange Lohn,
und sie mühen sich und empfangen keinen Lohn.
Ich laufe und sie laufen:
ich laufe zum Leben der zukünftigen Welt
und sie laufen zur Grube des Verderbens.“

Was der Pharisäer im Gleichnis alles aufzählt, ist viel mehr als das Gesetz von ihm fordert. Er lässt sich die Anwartschaft auf das Himmelreich wirklich etwas kosten.
Er fastet zweimal in der Woche, obwohl es nur einmal im Jahr gefordert war. Das tut er nicht aus Gesundheitsgründen. Er macht kein „Wight-Watching“, wie man heute zu einer Abmagerungskur sagt, sondern er nimmt körperliche Qualen auf sich. Wenn wir seinen Verzicht richtig beurteilen wollen, dann müssen wir uns auch das subtropische Klima im heiligen Land vorstellen.

Außerdem versteuert er alles, was er herstellt, was auf seinem Feld und im Stall heranwächst und was er auf dem Markt einkauft. Letzteres bräuchte er gar nicht, aber er traut dem Landvolk und den Händlern nicht, dass sie ihrer Steuerpflicht nachgekommen sind. Darum versteuert er sicherheitshalber noch einmal, wovon der Bauer und der Händler die Tempelsteuer schon gezahlt haben sollten. Diese Gesetzestreue kommt ihm ziemlich teuer zu stehen. Er ist wirklich ein rechtschaffener Mann, an dessen Steuererklärung kein Finanzamt etwas auszusetzen hätte.

Zudem ist er auch ein frommer Mensch, für den Gott und sein Gebot oberste Autorität und Realität sind. Sonst könnte er nicht so sehr auf Realien wie Geld, Nahrung und Getränke verzichten.

Dies alles verdankt er Gott. Gott hat ihm diesen Lebenswandel ermöglicht. Seine Herkunft und die Lebensumstände haben ihn begünstigt. Darf er nicht Lohn erwarten? Was ist daran auszusetzen?Gewiss nicht der fromme Schein. Er ist wirklich ehrlich bemüht, das Gesetz zu erfüllen.

Sein Fehler wird erst deutlich, wenn wir uns den Zöllner näher betrachten. Der ist wirklich ein Spitzbube. Die Zollstationen des Landes wurden von der Besatzungsmacht, den Römern, an zweifelhafte Gestalten aus dem Volk verpachtet, die sich nicht viel aus die gesetzlichen Vorschriften machten. Sie wirtschafteten in ihre eigene Tasche und raubten die Zollpflichtigen aus. Deshalb wurden sie verachtet und gehasst. Man zählte sie zu den Räubern und Dieben. Das Urteil der Pharisäer über die Zöllner ist zwar hart, aber durchaus zutreffend und berechtigt.

Auch das Gebet des Zöllners ist in den Ohren der Hörer nichts Ungewöhnliches. Es ist das Gebet des Sünders, der um Gnade fleht, weil er keine eigene Leistung vorweisen kann. So heißt es im Psalm 51: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte
und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.“

Auch die Gebetshaltung des Zöllners ist angemessen: Er erhebt nicht die Hände und das Angesicht zu Gott, sondern er senkt seine Augen und schlägt sich an die Brust. Er geht in sich. In Psalm 51 heißt es weiter: „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ (Ps 51,19)

Wir sind geneigt, höher als die fromme Leistung des Pharisäers – die Selbsterkenntnis des Sünders zu bewerten. Sie gilt nach Ps 51 als Gott wohlgefälliges Opfer. Wenn das Gleichnis so zu verstehen wäre, dann würde der Zöllner deshalb gerechtfertigt, weil er die höhere Leistung erbracht hat. Er gilt dann als der bessere Mensch, weil er sich nichts vormacht. Dann geht es darum, möglichst demütig sich über sich selbst nichts vorzumachen, um damit Gottes Anerkennung zu verdienen. Wie hochmütig aber gerade eine solche Demut ist, könnten wir dabei leicht übersehen. Dann könnte der Zöllner auf den Pharisäer herabsehen. Das Gebet solcher hochmütigen Demut würde freilich anders lauten, etwa so:
„Ich danke dir Gott, dass ich nicht so hochmütig bin wie dieser Pharisäer da; ich bin ein Räuber, ein Ungerechter und ein Ehebrecher. So ist nun einmal der Mensch, und ich bin auch so, aber ich bin mir wenigstens klar darüber. Ich besaufe mich zweimal in der Woche und höchstens ein Zehntel meines Besitzes ist ehrlich verdient. Nicht wahr, lieber Gott, ich bin doch ein anständiger Mensch, dass ich mir nichts vormache.“ Wie selbstgerecht wäre ein solches „ehrliches“ Gebet!

Jesus wendet sich aber an die Selbstgerechten. Er will ihnen deutlich machen, dass Gottes Barmherzigkeit nicht an Vorleistungen gebunden ist, auch nicht an die Leistung der Selbsterkenntnis. Warum wird dann der Zöllner gerechtfertigt und der Pharisäer nicht? Warum nimmt Gott gerade den an, der sich bisher nicht um seinen Willen gekümmert hat? Warum nicht den anderen, der sich ehrlich abmüht und der sein ganzes Leben auf das Reich Gottes aausgerichtet hat? Weil der Pharisäer den falschen Maßstab angelegt hat. Er vergleicht sich mit Spitzbuben und Halunken und kommt dabei groß heraus. Dieser falsche Maßstab macht ihn blind für die Barmherzigkeit Gottes. Er baut auf seine eigene Leistung und kann es nicht wahr haben, dass sich Gott auch um die anderen kümmert, die sich nicht so angestrengt haben wie er.

Der Zöllner dagegen überlässt sich ganz der Güte Gottes. Er erhebt keinen Anspruch auf Belohnung.

Das Gleichnis Jesu richtet uns – aber es richtet uns auch wieder auf. Wie oft sind wir in Gefahr, uns über andere zu erheben und abfällig über sie zu reden. Mancher fühlt sich nur wohl, wenn die anderen schlechter sind und wenn es den andern schlechter geht als ihm selber.

Jesus richtet vor allem unser Bemühen, vor Gott gut dazustehen. Wir können uns mit der größten Mühe und dem frömmsten Leben den Himmel nicht verdienen. Das mag besonders hart sein für die, die stolz auf ihr Leben und ihre Leistungen sein können.

Aber wer kann das wirklich? Das Gleichnis Jesu bleibt aber nicht beim Gericht stehen. Es empfiehlt uns das Gebet des Zöllners: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“

Gott freut sich über jeden Sünder, der in sich geht und zu ihm umkehrt. Jesus selber schenkt die Gewissheit, dass wir bei Gott in Gnaden angenommen sind. Denn er ist der Liebesbeweis Gottes. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Joh 3,16

Wie ginge die Geschichte wohl weiter? Ich denke, dass der Zöllner einfach nicht mehr so weiterleben kann wie bisher. Nach dieser Gotteserfahrung sieht er die Welt mit neuen Augen. Was ihm vorher wichtig war, das wurde zur Nebensache. Der Zöllner Zachäus ist dafür das beste Beispiel: Der konnte seinen bisherigen Lebensinhalt, seinen Reichtum, aufgeben, weil er etwas Besseres (einen Besseren) gefunden hat: Jesus.

Die Erfahrung, Gott recht zu sein und bei ihm angenommen und zu Hause zu sein, ist mehr Wert alles andere.

Der Pharisäer wird sich weiter um sich selbst gedreht haben, bis er vielleicht doch gemerkt hat, dass er sich nicht selbst erlösen kann. Dann wird er wohl auch um Gnade gefleht und nicht mehr auf seine Leistung sondern auf Gott vertraut haben. So geben wir Gott die Ehre.

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