Der erste Schritt zur Heimkehr

Liebe Gemeinde,

ganz gut erinnere ich mich an die ersten Religionsstunden im Gymnasium, wir waren gerade 11 Jahre alt und unsere Lehrerin "uralt" für unsere Begriffe. Sie stand unmittelbar vor der Pensionierung. Der Unterricht bestand hauptsächlich darin, uns markante Sätze zu diktieren, die wir in ein Heft schreiben sollten, in Schönschrift. "Das soll das Schmuckheft für euern Bücherschrank sein und der Rucksack für das Leben", pflegte sie zu sagen. Der erste Satz in diesem Heft, ich weiß es noch wie heute, hieß "bapticatus sum" – "Ich bin getauft". Gleich darauf kam das Doppelgebot über Liebe zu Gott und zum Nächsten, was sie die "Türangel für alle anderen Gebote" nannte.

Und dann folgte der für uns rätselhafte Satz: "Buße heißt Einkehr, Umkehr, Heimkehr." Damit blieb mir dieses graue Wort so fremd wie zuvor. Den Satz verstand ich sehr lange nicht. Später, so mit 13, sah ich "Faust I" im Theater. Gretchen in der Kirche, Gretchen im Büßerhemd, das "Dies irae, dies illa" ertönte dumpf im Hintergrund, Heulen und Zähneklappern eben – ein Mädchen wird erst verführt und dann in den Tod getrieben, was hat so etwas mit "Heimkehr" zu tun? Ich zerfloss mit dem armen Gretchen und war wütend auf Gott und die Welt. Beim Lesen des Textes für den heutigen Bußtag kamen dieses alte Nichtverstehen und das dumpfe Grausen wieder in mir hoch, das ich besonders an diesem Tag, damals noch staatlich anerkannter Feiertag, als Kind und Jugendliche regelmäßig in der Kirche empfand.. Bedrohlich kam mir damals der Pfarrer im schwarzen Talar hoch oben auf der Kanzel vor, sein donnerndes "es wird sein Heulen und Zähneklappern" ließ mich frieren.

"In der Hölle ist es wenigstens warm", habe ich mir vorgestellt und war ab einem bestimmten Zeitpunkt trotzig entschlossen, an die Tür dieses erbarmungslosen Hausherren aus unserem Predigttext gar nicht erst zu klopfen. Gottesdienste habe ich ab meinem 15. Lebensjahr dann eine Weile gemieden. Sollten die ganzen "Gerechten" meinetwegen selig werden und sollte Gott doch sehen, wo ich bleibe…. Es muss in dieser Zeit gewesen sein, dass ich das Religionsheft weggeworfen habe. Die ganze Kirchensprache kam mir unzeitgemäß, abgegriffen und hohl vor. Buße, Übeltäter? Ich hatte keine Lust mehr, mich mit Schuldgefühlen zu quälen, wenn ich den Eltern schlechte Schulnoten verschwieg oder schwarz im Bus fuhr. Oder dem Unterricht fernblieb aus welchen Gründen auch immer. "Draußen" tobte der Vietnam-Krieg, der Prager Frühling wurde niedergewalzt und in dem Teil Deutschlands, in dem ich lebte, verhängten ehemalige Nazi-Richter Bußgelder und sorgten für Gerechtigkeit. Die machten sich wohl alle keine Sorgen darum, ob sie mit den Propheten am Tisch sitzen würden am Ende der irdischen Zeit. Also konnte mir das doch erst recht egal sein.

Ich kann mir vorstellen, dass junge Leute, die wir heute in den Gottesdiensten vermissen, ähnliche Gedanken haben. Vielleicht machen es sogar manche so wie ich damals und klingeln irgendwann abends zur Unzeit bei einem Pfarrer, um ihm alle ihre Fragen über die vielen Ungereimtheiten, all‘ ihre Wut und ihre Verzweiflung um die Ohren zu knallen. Vielleicht geht es ihnen auch so wie mir, dass sie irgendwann nicht mehr nach Hause trauen, weil sie wissen, dort ist etwas "rausgekommen", ein ernster Brief von der Schule liegt vor oder gar eine Bußgeld-Angelegenheit, und "Heulen und Zähneklappern" sind auf einmal Worte, die einen ganz hautnah bewegen.

Buße heißt "Einkehr, Umkehr, Heimkehr", irgendwo im Hinterkopf spukte bei mir dieser Satz auf einmal wieder herum. Ich möchte mir wünschen, dass es solchen jungen Leuten geht wie mir damals. Der junge neue Pfarrer in meinen Heimatort machte mir die Tür auf, bat mich ins Wohnzimmer und hörte zu. Stundenlang. Er machte mir Mut, bei den akutesten Problemen offen zu sein, meinen Eltern die Wahrheit zu sagen und sie zu bitten, mit mir gemeinsam Wege aus allem Schlamassel zu suchen. Weglaufen sei ebensowenig eine Lösung wie Lügen, und ein Neuanfang immer möglich. Zur Not allerdings solle ich, ehe ich alle Brücken abbreche, lieber noch einmal im Pfarrhaus vorbeikommen… Das war die Station "Einkehr". Die "Heimkehr" verlief verblüffend ähnlich wie in unserem Predigttext: Es war nachts um eins, die Haustür verschlossen, Schlüssel hatte ich vergessen, und mein Vater hegte offenbar auch nach Dauerklingeln keinerlei Lust, mich einzulassen. "Wo kommst du um diese Zeit her?" – "Ich war beim Pfarrer….", das wollte mir zunächst keiner glauben. Und die Offenlegung aller unangenehmen Dinge, in denen ich drinhing, war dann noch ein Akt für sich. Allerdings: In letzter Minute buchstäblich konnte auf diese Weise allerhand Schaden verhindert werden. Die nächsten Abende, die nächsten Monate kam ich öfter spät in der Nacht vom Pfarrer. Aber die Eltern waren nicht mehr so wütend, weil sie ahnten, wo ich gewesen war.

Ich hatte einen Ort gefunden, wo ich diskutieren konnte über alle Ungereimtheiten, und ich spürte, dass es schon eine starke Liebe sein musste, die diese Menschen, den Pfarrer und seine Frau, bewegte, dass sie sich so viel Zeit für mich und meine Nöte nahmen – und auch für andere "Schwierige". Behutsam wurde ich allerdings auch eingespannt ins Gemeindeleben, Konfirmanden waren auf einer Fahrt zu betreuen, im Pfarrhaus gab es diese oder jene kleine Arbeit zu erledigen. Irgendwann allerdings gab es andere "Letzte", die im Pfarrhaus die Ersten waren, sie hatten nun Hilfe nötiger. Ich hatte gelernt, was es bedeutet, Liebe, aber auch Verantwortung miteinander zu teilen und auch, dass ein Neuanfang immer möglich ist, aber auch immer mit der Wahrheit beginnt.

Ich habe nun viel Persönliches erzählt – aber ist nicht der Bußtag der Tag, an dem wir uns Gedanken über unsere ganz persönliche Sache mit Gott machen? Der Tag, an dem wir unser eigenes Leben bedenken wollen, unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit – und ohne Schönreden vor sich selbst.

"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich", sagt Jesus, und er sagt auch "Ich bin die Tür". "Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte eingeht" – heißt das nun, dass wir uns mit Gewalt vordrängen sollen? Ich denke eher, es bedeutet, das wir lernen, uns beizeiten geduldig einzureihen und niemanden wegzustoßen, auch wenn es uns mal scheint, dieser oder jener müsse doch erst nach uns kommen. Über die Reihenfolge und darüber, wer überhaupt Einlaß findet, haben wir überhaupt nicht zu entscheiden. Aber: "Es sind Letzte, die werden die Ersten sein", meint nicht, sich erst in letzter Minute auf den Weg zu machen, so nach dem Motto: Wenn die Letzten sowieso die Ersten sind, kann ich ja mein Leben immer noch ändern, wenn ich merke, dass bald Schluss ist. Das Reich Gottes ist kein Supermarkt, wo kurz vor Feierabend plötzlich noch eine Kasse aufmacht, und die, die ganz zuletzt reingestürzt sind, dann prompt an der ganzen Warteschlange vorbeistürmen und sofort an die Reihe kommen. "Es sind Letzte, die werden die Ersten sein", das meint, Gottes liebendes Erbarmen ist so groß, dass für diejenigen Platz ist, die ihr ganzes Leben lang "die Letzten" waren, Ausgegrenzte, Benachteiligte, alle die, in denen uns Christus täglich begegnet, meist, ohne dass wir ihn erkennen.

Obwohl es an solchen Angeboten zu keiner Zeit gefehlt hat: Platzkarten zum Tisch im Reich Gottes sind nicht käuflich zu erwerben, um keinen Preis der Welt. Das ist kein Grund zur Resignation oder zur zornigen Abkehr, sondern zur Freude. Es sollte uns Hoffnung machen, Hoffnung darauf, vielleicht doch durch die enge Tür zu gelangen, durch Christi Liebe und Gottes Gnade. Zwar war unsere Taufe der erste Schritt zur "Heimkehr", aber die Einkehr im Gebet und die Umkehr von Irrwegen gehören dazu. Beides schaffen wir nicht alleine. Dass wir an unserer eigenen Fehlbarkeit nicht resignieren, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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