Der erste Schritt der Befreiung

"Mama, was krieg ich dafür?" – "Nichts. Ich krieg ja auch nichts dafür, dass ich dir die Wäsche wasche und bügle und in den Schrank lege!" Ein kurzes Gespräch. Alltäglich. So oder ähnlich sicher in vielen Familien zu erleben. Die Frage, was einem etwas einbringt. Erst recht dann, wenn man keine Lust dazu hat. Den Rasen mähen oder die Treppe fegen oder die Toilette putzen. Das macht weder dem Sohn noch der Tochter Spaß. Also versuchen sie zu handeln: wenn schon keine Lust, dann wenigstens etwas, was ihnen wichtig ist. Sie denken an Geld oder ein Geschenk. Ich denke: Nee, sie müssen lernen, Dinge auch umsonst zu tun – für andere, ohne Lohn.

Kleines Beispiel, liebe Gemeinde, für eine große Sache. Lese ich den schwierigen und langen Abschnitt, der auch inhaltlich ganz schön kompliziert ist, von hinten, dann ahne ich worum es geht: aller Einsatz für das Evangelium; alles, um auf alle Weise einige zu retten. Und ohne Lohn, damit keiner auf die Idee kommt, ich mache das nur, weil ich was dafür kriege, weil es mein Job ist, also womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene.

Ich bin nicht Paulus. Ich bin auch nicht wie Paulus. Ich kann es gar nicht sein, ich will es auch nicht. Wie sollte ich? Ich habe nur das eine gelernt: Pfarrer zu sein, ich muss den Lebensunterhalt so verdienen, ich habe auch Familie. Davon weiß Paulus nichts; auch das ein Grund nicht Paulus sein zu wollen. Aber sein Bemühen, keinen Schatten darauf fallen zu lassen, dass er das Evangelium verkündigt nur deswegen, weil es verkündigt werden muss, ist ein guter Hinweis. Da kann ich, anders als Paulus, eben unter den Verdacht geraten, es sei ja eben mein Job, das sei mein "muss". Sein "muss" ist allein Gott; der sagt, was gesagt werden muss, damit Menschen gerettet werden. Und die höchste Ehre, der höchste Lohn ist der, daran teilhaben zu dürfen. Beteiligt zu sein an dem, was Gott für seine Menschen tut; die frohe Botschaft den Menschen so nahe wie nur irgend möglich zu bringen ohne den Verdacht: der sagt das nur um Geld zu verdienen; der redet nur, was die Leute hören wollen, dem geht es nur um sein eigenes Ansehen, der ist nur darauf aus, Macht zu haben über andere. Davon sind wir alle nicht frei. Und ich meine uns alle, dich als Gemeinde, mich als Pfarrer. Dass ich mich der Gefahr gar nicht entziehen kann, geliebt und gelobt werden zu wollen, möglichst viele Zuhörer und Befürworter zu haben, das tut dem eigenen Ego schon gut. Und wenn die Gemeinde mangelnden Einsatz oder einseitigen Einsatz oder bestimmte Bevorzugung von Menschen oder Themen und Positionen wahrnimmt, solch einen Verdacht hegt und leise in vertrauter Runde auch äußert.

Ich wiederhole: ich bin nicht Paulus und kann wie er jeglichen Verdacht als Verkündiger des Evangeliums in schrankenloser Freiheit nicht ausräumen. Aber wir können den Blick ja längst ausweiten; denn nicht die einzelne Person des Pfarrers sondern die Gesamtheit der Gemeinde steht für das Evangelium ein. Und damit kommen wir der Sache näher – ein Stück jedenfalls, denn da gibt es eine Menge Menschen, die ohne Lohn im Dienst der Kirche stehen. Die mit ihrer Person, ihrem Leben, ihren Kontakten und Gesprächen das Evangelium von der freien Gnade Gottes vertreten. Die geraten nicht so leicht in einen Verdacht, wie die, die hauptamtlich davon leben. Da ist es kein Job, sondern ein Ehrenamt. Und wenn dieser Titel überhaupt einen Sinn hat, dann in der Kirche; denn es ist ja eine Ehre, diesen Dienst zu tun. Und keine Belastung oder Überforderung, wo man widerwillig und gezwungen und mit Stöhnen arbeitet. Anders eben als in dem eingangs geschilderten Beispiel von dem Kindern, die meist dann doch eher stöhnend und widerwillig den Rasen mähen, die Treppe fegen oder die Toilette putzen. Gestern habe ich es so erlebt, als nach der Trauung die ganzen Blüten vom Blumenstreuen in der Kirche geblieben sind – die Hochzeitsgesellschaft längst beim Feiern. Kommt ein Gemeindeglied, sieht es und fragt: wo ist der Staubsauger? Es muss doch einer wegmachen. Einer – heißt dann: ich. Nicht irgendjemand, oder ein anderer. Ich tue es, weil es getan werden muss und tue es ohne Stöhnen und Widerwillen.

Freiheit, die einer so versteht und lebt, dass er sie für andere Menschen, für die Gemeinde, für das Evangelium einsetzt. Freiheit in dem Sinn, dass einer sich zum Knecht für andere macht und das nicht erniedrigend findet, sondern hilfreich für das Evangelium. Putzen im Dienst der Gemeinde, Kuchen backen, Brote schmieren, Küster- und Blumendienste übernehmen, Kindergottesdienst leiten, Vorsteher/in, Gemeindevertreter/in sein. Ein Knecht für die Sache des Evangeliums ohne einen anderen Lohn als den, im Dienst des Evangeliums zu stehen. Solche Freiheit predigt und lebt Paulus und gibt damit ein Bild für christliche Gemeinde. Da sind wir als Gemeinde ein gutes Stück dabei – und haben doch immer wieder noch eine Menge auch zu lernen und einzuüben. Ohne Stöhnen und Jammern, ohne Lohn und Frage: was krieg ich dafür? Nur weil es der Verkündigung des Evangeliums dient. Und wehe mir, wenn ich es nicht tue!

Und dann spricht Paulus noch von einer anderen Freiheit. Die hat nun nichts mehr mit Lohn zu tun, sondern mit der Freiheit, sich anderen Menschen zuzuwenden. So nämlich, dass die Chance für das Evangelium möglichst groß ist. Nun klingt das ja fast, als wäre Paulus ein Chamäleon und würde sich einfach jedem anpassen, würde jedem nach dem Schnabel reden, würde das Evangelium immer den Leuten so anpassen, dass es ihnen gefällt. Den Juden ein jüdisches, den Heiden ein heidnisches, den Deutschen ein deutsches, den Gesetzlichen ein gesetz-liches., den Gesetzlosen ein gesetzloses, den Schwachen ein schwaches – und das ließe sich fortsetzen. Wir verabscheuen nichts mehr als kritiklose Anpassung, wenn Menschen ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, nur um Leute zu gewinnen. Das ist verabscheuungswürdig in der Politik und erst recht in der Kirche. Leute, die jedem etwas anderes sagen, keine klare Position beziehen, brauchen wir nicht. Aber Paulus geht es eben auch gerade nicht darum, das Evangelium an die Hörer anzupassen – das ist und bleibt für alle immer gleich und lässt sich darum auch nicht marktstrategisch verwenden. Aber in der Zuwendung zu den unterschiedlichsten Menschen wird der Verkündiger tatsächlich verändert. Das Glaubensgespräch, das einen Menschen für das Reich Gottes gewinnt, ist ein lebendiges, vom Geist gewirktes Geschehen. Das kannst du nicht planen und auswendig lernen. Es besteht nicht aus einem Wissenden und einem Unwissenden, wobei der eine demütig von unten fragt und der andere gönnerhaft von oben die richtigen Antworten gibt. Man wird sich auf Augenhöhe treffen, auf einer Ebene, die gegenseitiges Verstehen nötig macht oder man trifft sich eben gar nicht. Wer mit dem Anspruch auftritt, er wisse alles, habe die Heilige Schrift und das Bekenntnis als Schatz zur freien Verfügung und deswegen in jeder Diskussion ohnehin recht, der hat von vornherein verloren. Der will auch gar nicht andere Menschen für das Evangelium gewinnen, sondern darin bestätigt werden, recht zu haben.Beeindruckend, wie Paulus auf alles verzichtet, worauf er doch locker verweisen könnte. Er ist gern jedermanns Knecht – denn so erreicht er Menschen, so versteht er Menschen, die ja ganz anders sind. Sie sind ihm keine Bedrohung, als würde er das Entscheidende verlieren, wenn er sich zurücknimmt.

Wie viele Menschen könnten wir noch erreichen, wenn wir uns selbst nicht so wichtig nähmen. Als ich den neuen Vorkonfirmanden sagte, ich wünschte mir von den 2 Jahren, dass wir uns gegenseitig möglichst gut kennen lernen und viel voneinander lernten, kam mir gleich entgegen: sie wissen doch alles, was wollen Sie schon von uns lernen? Den Konfirmanden wie ein Konfirmand. D.h. doch auch: mit den Konfirmanden Gott gegenüber auf der gleichen Stufe: wir brauchen zum Leben das Evangelium. Ihr vier/fünf genauso wie ich. Das Evangelium zu verkündigen verändert den, der es verkündigt. Nie steht schon von vornherein fest, was wie gesagt wird, der Adressat bestimmt das Geschehen mit. Die Konfirmanden mit ihrem Leben, ihren Erfahrungen und Fragen sind aktiv am Unterrichtsgeschehen beteiligt.

Da sagt der 15-jährige Sohn frommer Eltern: ?Meine Eltern verstehen alles vom Glauben, nur mich verstehen sie nicht‘. Den Schwachen ein Schwacher. Haben die Eltern gemeint, das Evangelium zu haben, um dann ihre Kinder dafür gewinnen zu können? Vielleicht hätte es dem Jungen geholfen, wenn seine Eltern einmal aus der Rolle gefallen wären. Aus dem Rahmen des Bildes, das ihr Sohn von ihnen bekommen hatte: das der starken unangefochtenen Christen, die keinen Zweifel kennen.

Die Tatsache, dass Gott den Petrus zu einem Heiden schickt, um ihm das Evangelium zu sagen, lockt seine Kritik: das geht nicht, der ist ein Heide, unrein, da gehe ich nicht hin. Am Ende geht er – und er, Petrus, wird verändert. Da muss einer seinen sicheren und festen Standpunkt verlassen, den Ort von dem er meinte, so sei es richtig und nicht anders dürfe es sein. Das ist ein Wagnis, ist spannend mit offenem Geschehen und Ausgang – aber dann ist einer für Jesus Christus gewonnen und Petrus Horizont geweitet. Fremde Menschen, fremde Gedanken müssen uns keine Angst machen, auch wenn sie uns in Frage stellen, sie können uns bereichern und unseren Blick weiten. So wie es von Jesus Christus heißt: er entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an. Dem anderen ein Knecht sein, sich ihm in Augenhöhe zuwenden, zur Ehre Gottes des Vaters. Dich, Vater und unser Befreier, bitten wir, dass du uns teil gibst an deiner Freiheit. Befreie uns von unseren Festlegungen! Geh mit uns die ersten Schritte der Befreiung in diesem Gottesdienst und in unserem ganzen Leben.

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