Der Engel-Traum

<b>Lektorin:</b> [TEXT: V. 1-7]

<b>Pfarrer:</b> Liebe Weihnachtsgemeinde, haben Sie schon mal von einem Engel geträumt? Falls Sie dieses Glück hatten, beneide ich Sie. Ich habe nämlich so etwas noch nicht erlebt. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, obwohl ich mir vor allem als Kind glühend gewünscht habe, es möge mir einmal ein Engel erscheinen, wenigstens im Traum. Aber ich kann Ihnen von Karin erzählen und davon, was sie mit ihrem Traumengel erlebt hat.

Es war vor zwei Jahren. Karin baute im Weihnachtszimmer wieder die Krippe mit den handgeschnitzten Figuren aus dem Grödnertal auf. Im Lauf der Jahre waren immer neue dazugekommen. Zuletzt waren es zwei Hirten und drei Lämmer. Der Stall steht diesmal in einer Landschaft aus Moos aus dem Ebersberger Forst und Steinen vom Königssee.

Während sie eine Figur nach der anderen in die Hand nimmt, schweifen ihre Gedanken zurück in die Zeit, als sie und Bernd sich getrennt hatten.

<b>KARIN:</b> "Eigentlich sind die drei Jahre schnell vergangen. Gut so. Das Ganze hat mir doch mehr ausgemacht, als ich erst glauben wollte. Und manchmal tut’s immer noch weh. Jetzt wird Sophie schon fünf. Schade, dass wir nicht alle gemeinsam Weihnachten feiern können. Obwohl, Bernd hat sich nie viel aus dem Fest gemacht."

<b>Pfarrer:</b> Karin stellt als erstes behutsam die Krippe mit dem Jesuskind in den Stall. Dann, zum Kopf hin, die knieende Maria; Josef findet am Fußende Platz. Sie hatte sich die drei Figuren in ihrem ersten Urlaub nach der Trennung geleistet. Mehr als die drei war damals nicht drin. Doch sie wollte unbedingt die Krippenfiguren haben. Daran erinnert sie sich noch genau.

<b>KARIN:</b> "Merkwürdig, irgendwie war ich berührt, als ich damals die Krippe im Schaufenster sah, mitten im Sommer! Ob ich mir da die heile Familie zusammenkaufte, die wir nicht mehr waren? Doch so heil war auch die Welt der heiligen Familie nicht. So ein einsames Paar mit einem Säugling im Stall sieht ziemlich trostlos aus. Ich weiß noch, wie ich damals, als die drei zum ersten Mal etwas verloren unterm Christbaum standen, das Gefühl hatte: Das ist es noch nicht. Da fehlt etwas. Was wohl das Geheimnis ausmacht, dass eine Futterkrippe zur Weihnachtskrippe wird?"

<b>LEKTORIN:</b> [TEXT: V. 8-14]

<b>Pfarrer:</b> Im Jahr darauf fährt Karin wieder ins Grödnertal. Dieses Mal kauft sie Ochs und Esel dazu und – den Weihnachtsengel. Der ist ein Prachtexemplar. Sie spürt das auch am Geldbeutel. Doch sie weiß jetzt, wie gut es ihr und Sophie tut, gemeinsam richtig Weihnachten zu feiern. Und dazu gehört nun mal auch eine schöne Krippe mit dem Engel.

Und dann ist es wieder soweit. Karin holt die große Weihnachtskiste vom Speicher, schmückt den Baum und baut die Krippe auf. Sie nimmt wieder dieselben Steine und dasselbe Moos. Zu Maria, Josef und dem Kind stellt sie heuer die Tiere dazu. Sie bringen Wärme in den Stall, obwohl auch sie nur aus Holz sind. Über allen aber schwebt, mit einem Nylonfaden am Christbaum befestigt, der Weihnachtsengel. Lange schaut sie ihn an:

<b>KARIN:</b> Herrlich, wie fein die Flügel geschnitzt sind und wie sein Gewand Falten wirft! Und die schönen Locken! Ach, solche Locken wollte ich immer haben. Ob ich Bernd dann besser gefallen hätte? Ach, vergiss es! Auf die Locken kommt’s ja nun wirklich nicht an. Und wie der Künstler den Mund geschnitzt hat! Weit offen, sogar den Ansatz der Zähne kann man sehen. Was der Engel wohl sagt? Oder singt er?

<b>Pfarrer:</b> Später, im Gottesdienst am Heiligen Abend, wird wieder die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel vorgetragen. Als die Worte des Engels gelesen werden, horcht Karin auKarin: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!" Ja, so soll es sein. Doch noch mehr berührt sie ein anderer Satz: "Fürchtet euch nicht!"

<b>KARIN:</b>Wenn das nur so leicht wäre. Wie gern hätte ich meine Angst los. Immer diese Fragen: Kriege ich das auch alles allein hin mit Sophie und meinem Beruf? Bin ich ihr eine gute Mutter? Wird uns auch nichts passieren? Einmal nur ohne diese Sorgen, einmal nur ohne diese Angst, dass meine Welt einstürzt. Was da aus der Bibel vorgelesen wird, sind das nicht nur schöne Worte? Das alles ist so weit weg von mir. "Euch ist heute der Heiland geboren". Meinen die wirklich heute? Meinen die mich? Wie soll ich das glauben?

<b>LEKTORIN:</b> [TEXT: V. 15-20]

<b>Pfarrer:</b> Nach der Kirche kommt bei Karin das Abendessen und dann die Bescherung. Das war schon so, als sie noch ein Kind war. Sie spürt, dass ihr solche Bräuche gut tun. Sie helfen ihr etwas über den Kummer hinweg, dass sie mit Sophie allein ist. Ihre Tochter ist glücklich über den putzigen Stoffhund unterm Christbaum. Auch von ihrem Papa war ein Geschenk gekommen: eine Anziehpuppe mit verschiedenen Kleidern.

Ins Bett will Sophie heute abend nicht. Sie will im Weihnachtszimmer schlafen, beim Christbaum und ihren Geschenken. Karin versteht das und erfüllt ihr den Wunsch. Später, als ihre Tochter längst schläft, sitzt sie noch immer vor dem Baum. Das Zimmer ist dunkel. Nur in der Krippe brennen noch drei Kerzen. Da fällt ihr Blick wieder auf den Engel:

<b>KARIN:</b> Schöner Weihnachtsengel, was wären das Kind, seine Eltern und der Stall ohne dich! Wie oft schon wurden von armen Leuten Kinder geboren ohne Krankenhaus, ohne Hebamme, ohne Wiege. Ohne dich, mein Engel, wäre die Krippe ein trostloser Anblick. Doch du, mit deinem schönen Mund, sagst mir, was sie bedeutet. Sagst, dass ich mich nicht fürchten soll. Ach, Engel, weißt du, was es heißt, allein zu stehen? Wer wird bei mir sein, wenn ich Hilfe brauche? Ob mir ein Krippekind helfen kann? Und doch tut es mir gut, dass du sagst: Fürchte dich nicht! Ist das vielleicht das Geheimnis der Krippe? Bist du’s?

<b>Pfarrer:</b> Karin löscht die Kerzen und geht ins Bett. Als der Schlaf kommt, spürt sie noch, wie ihr zumute ist. Es ist ihr schwer ums Herz und doch auch wieder leicht.

Plötzlich ist jemand im Zimmer. Karin merkt es. Doch sie erschrickt nicht. Da sieht sie den Weihnachtsengel vor ihrem Bett. Sein weißes Gewand glänzt im Mondlicht. Sein Gesicht sieht ihrem gleich. Seine Flügel sind schützend über sie gebreitet. Als er den Mund öffnet, fließt Licht heraus uind füllt den Raum. Er sagt:

<b>KARIN:</b> Karin, hab keine Angst, ich bin’s, dein Engel. Komm, steh auf, ich zeig dir was.

<b>Pfarrer:</b> Und der Engel nimmt sie sacht bei der Hand und führt sie ins Wohnzimmer, an der schlafenden Sophie vorbei, zur Krippe. Doch die Figuren sind nicht mehr aus Holz, sondern aus Fleisch und Blut und lebensgroß. Karin riecht das Heu. Sie sieht, wie sich die Könige schweigend vor der Krippe verneigen. Sie spürt, wie sich die Lämmer an ihre Knie schmiegen und hört leise die Engel singen. Als sie zur Krippe hintritt, wird es ganz still. Alle sehen sie an, auch die Tiere. Selbst das Jeuskind öffnet die Augen und schaut. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Doch der Engel legt seinen Arm um sie und sagt:

<b>KARIN:</b> Karin, du bist das Geheimnis der Krippe. Was wären wir alle ohne dich? Tote Figuren aus Holz, sonst nichts. Aber du, dein Glaube erweckt uns zum Leben. Stell uns nicht auf dem Speicher ab. Nimm uns in dir auf.

Du bist das Hirtenfeld, bei dem die Engel singen.
Du bist der Stall, zu dem die Könige ziehen. Du bist die Krippe, in der Christus liegt.

<b>Pfarrer:</b> Da lacht das Krippenkind sein Kinderlachen. Da rauschen die Bärte der Könige, und die Engel klingen wie Silberglocken. Plötzlich ist Karin hellwach. Verwundert reibt sie die Augen. Die Traumbilder verblassen. Im Schlafzimmer ist es dunkel, und in der Wohnung still. Sie steht auf und tastet sich ins Wohnzimmer. Vorsichtig zündet sie eine Kerze an. Alles ist noch so, wie sie es verlassen hatte. Sophie schläft selig auf der Couch. Die Krippe steht an ihrem Ort und der Weihnachtsengel hängt über dem Stall. Und doch, etwas ist anders geworden. Sie spürt es. Die Angst, ihre Angst, ist weg. Gott sei Dank, wenigstens jetzt. Wenigstens in dieser Nacht. Zum ersten Mal seit langem fühlt Karin sich frei.

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