Der dritte Mann

Liebe Gemeinde!

Leider kann ich uns heute die ideale Predigteinleitung nicht liefern. Da müsste jetzt mein Schwiegervater zur Zither greifen und die Filmmusik eines Klassikers mit Orson Welles spielen. Einer der ganz großen Streifen, ich glaube von 1948, Schwarzweiß, die Herren in Trenchcoats. Orson Welles auf Gangsterjagd durch Wien, überirdisch auf dem Prater im Riesenrad, unterirdisch in der Kanalisation. Der Film und dieses Stück heißt "der dritte Mann". Auch im heutigen Evangelium fällt sogleich der dritte Mann ins Auge. Wir denken vielleicht: Der arme Kerl, der da nur einen Zentner bekommt! Erst kriegt er nur viel weniger als die anderen, und dann wird er am Ende auch noch bestraft, nur weil er so ängstlich und vorsichtig war! Das ist doch ungerecht! Sollte das die Botschaft heute morgen sein, dass Jesus nur die Erfolgreichen belohnt, die mit den 100 prozentigen Zuwachsraten?

Wird hier etwa die sich immer mehr abzeichnende Zweiteilung der Welt in die einen, die haben und noch vermehren, und die anderen, die entbehren und immer mehr verlieren, vorgezeichnet und gutgeheißen? Wir müssen uns lösen vom oberflächlichen Blick und genauer hinsehen. Alle drei haben ja etwas bekommen. Die ersten beiden gehen damit ans Werk. Der dritte fängt gar nicht erst an. Das erinnert mich ein bischen an den Konfirmandenunterricht. Da merke ich manchmal während der Stunde, dass eine wichtige Folie fehlt oder ein Arbeitsblatt. Ich bitte dann die Konfirmanden, die Aufgabe, bei der sie gerade sind, alleine weiter zu führen, während ich rüber gehe ins Pfarrhaus oder ins Büro und das fehlende hole. Wenn ich dann zurück kehre, finde ich manchmal die Konfirmanden bei der Arbeit. Ein anderes Mal quatschen sie einfach, ohne meine Präsenz und einen gewisses Anschieben kommen sie gar nicht in Gang.

Oder, um einen anderen Vergleich hier aus dem Arbeitsablauf auf dem Gelände zu nehmen. Unserer Sekretäring Margret Kühn ist die nächsten 2 Wochen im Urlaub. Das Büro ist aber keineswegs dicht. Da haben sich erfreulicherweise Gemeindeglieder gemeldet, die vormittags aushelfen. Das sind nun keine ausgebildeten Bürokräfte, es sind ehrenamtliche Gemeindeglieder, die jeweils für einige Tage einzuspringen bereit sind. Sie müssen, so gut es geht, diese Zwischenzeit ausfüllen. Wenn Frau Kühn dann wieder zurück ist, wird sie sich einen Überblick verschaffen, was kam an Post, an telefonischen Anfragen, an Anmeldungen für Amtshandlungen, an Spenden, an Rechnungen, es ist ganz vielschichtig. Jetzt stelle man sich vor, da hat einer Vertretung, der setzt sich zwar ins Büro, schließt aber gleich die Tür wieder hinter sich zu und macht den Anrufbeantworter an. Bei der Rückkehr der Sekretärin sagt er: Ich hab mich aus Freundlichkeit gemeldet für diese Vertretung, aber eigentlich hatte ich da gar keine Lust dazu. Ich wusste, das ist eine lästige Arbeit. So habe ich das ganze nur aus sicherer Entfernung beobachtet. Hier ist die Kasse, da haben Sie den Anrufbeantworter mit 20 Gesprächen, ich hab die gar nicht erst abgehört. Da ist noch die gewesenen Geburtstagsgrüße, macht sicher nichts, wenn die Post eine Woche später kommt. Es fehlt nichts, ich nahm nichts ein, ich gab nichts aus.

Was wird da die Sekretärin sagen? Sie wird sagen: Sie sind mir ja eine schöne Vertretung. Da hätte ich gleich ein Schild aufhängen können, Büro geschlossen für 14 Tage, kommen Sie in 2 Wochen wieder, in dringenden Fällen wenden Sie sich ans Haus der Kirche am Franziuseck. Und auch Jesus, bei aller Liebe, er liest dem dritten Mann hier die Leviten. Aus der Sicht Jesu ist seine ganze vorsichtige Art ein Irrweg. Vorsicht, Ängstlichkeit, kein Risiko eingehen – so funktioniert das Leben nicht. So funktioniert höchstens die Bürokratie, und nicht ohne Grund haben wir oft das Gefühl, dass die das Leben erstickt. Wenn man eine richtige Vorstellung von diesem dritten Angestellten kriegen will dann muss man sich so so einen sturen Bürohengst vorstellen, der hinter seinem Schreibtisch sitzt und sagt-. nein, da kann ich leider nichts machen, dafür habe ich noch keine Weisung, das erlaubt die Versicherung nicht, das steht nicht in den Vorschriften. Und dann kommt der Chef zurück und sagt: was hast du nützliches zustande gebracht? Nichts? Du hast deine kostbare Zeit verplempert? Raus hier, aber ein bisschen dalli! Deinen Job bekommt der Meyer aus Zimmer zwölf, der schafft deine Arbeit auch noch, und zwar mit links! In diesem Gleichnis passiert endlich mal, was sich viele sonst wünschen: da räumt einer auf in so einem trägen Amt, und das ganz ohne Rücksicht auf Faulpelze und Schlaffis. Wer mit Ängstlichkeit und mangelnder Initiative anderen das Leben schwer macht und sein eigenes Leben vertut, der ist in den Augen Jesu kein armer, bedauernswerter Kerl, sondern ein Taugenichts Wenn Jesus sich den Mühseligen und Beladenen zuwendet, das heißt überhaupt nicht, dass er Trägheit und mangelnde Initative mit dem Mantel der Liebe zudeckt. Er möchte gerade denen, die sich nichts mehr zutrauen, ihre Verantwortung für ihr Leben zurück geben. Deshalb ruft er: Kehrt um, ändert euer Leben, denn das Reich Gottes ist nah. Wenn wir alle es so machen würden wie der dritte Mann, dann würde Leben nicht statt finden. Dann säßen wir lebenslänglich im Wartezimmer des Lebens. Wir würden denken: Das Leben ist ja so gefährlich, ich könnte etwas falsch machen. Ich könnte mich überanstrengen. Also gehe ich lieber auf Tauchstation und warte ab. Dagegen will Jesus uns befreien, das Leben in die Hand zu nehmen. Selbst etwas zu wollen und zu wagen. Nicht länger darauf warten, dass uns die Lösung unserer Probleme irgendwie in den Schoß fällt. Auch Gott wird uns nicht so helfen, dass uns die Verantwortung abgenommen wird. Das ist ja ein mögliches Missverständnis, wenn man hört, dass Gott uns liebt und uns seine Gnade ganz umsonst schenkt, dass wir daraus schließen: dann wird es mich keinen Schweiß kosten und ich kann ganz ruhig Kaffee trinken, während Gott für mich alles erledigt.

Ich hoffe also, liebe Gemeinde, mit diesen Erläuterungen alle von uns beruhigt zu haben, die aus Mitleid oder Empörung über das Schicksal des dritten Mannes an die eigentliche Absicht Jesu nicht vordringen.

Denn die eigentliche Frage kann jetzt nicht sein, wie werde ich bewahrt vor der Passivität? Sondern die Frage muss sein: Was sind denn meine Gaben? Wie kann ich sie am besten Gott zu Verfügung stellen. Das soll uns im weiteren beschäftigen. Die erste Botschaft hierzu ist: Jeder hat etwas, jeder kann etwas. Natürlich sind da Abstufungen. Einer z.B. hat eine rasche Auffassungsgabe, kann auch Vorgänge abstrakt nachvollziehen. Deshalb ist er noch lange kein Einstein. Der Serienboom auf manchen Sendern, wo die Superstars gesucht werden, läuft ja so auf der Schiene: Nur die besten kommen durch. Die Bibel dagegen sagt: Jeder Mensch ist von Gott einzigartig ausgestattet. Er hat Stärken. Und wenn er die gebraucht, wird er darin Erfüllung, Bestätigung, Glück erleben. Die Gefahr ist, bleibt der Glaube dabei aus dem Spiel, ist der Erfolg nur Eigenruhm, und das Nachlassen der Fähigkeiten im Alter lässt dann manchen verzweifeln. Man denke nur an die Schauspieler, die frustriert sind, wenn sie im Alter keine Rollen mehr kriegen, oder an Sportler, die dann mit 40 noch mal in einen Wettkampf gehen wie einst Mark Spitz oder Björn Borg, und da werden sie von jungen Nobodys deklassiert.

Es reicht eben nicht aus, seine Gaben zu kennen und sich daran freuen und sie gebrauchen. Wir müssen erst mal wissen, wer der Chef ist. Das ist Jesus. Er hat uns einen herrlichen Auftrag gegeben. Wir dürfen für ihn tätig sein. Was für ein Vertrauen! Es heißt, er vertraute den Knechten sein ganzes Vermögen an. Er sagte nicht: Also den Hauptanteil lege ich beiseite, damit noch genug über ist, wenn die alle Mist bauen. Nein, Gott vertraut ihnen das ganze an. So ist er zu uns. Er traut uns etwas zu. Und das ist doch klar, wenn ich mit dem Chef mich gut verstehe, wenn ich weiß, der vertraut mir, und umgekehrt erkenne ich ihn an, ja bewundere ihn, er motiviert mich, da geht doch die Arbeit ganz anders vonstatten.

Wie viele Leute kenne ich, die haben ihre Ausbildung hinter sich und jetzt arbeiten sie im Krankenhaus oder in einem Betrieb oder in einem Büro. Aber das Betriebsklima ist schlecht, oder die Leitung macht nur Druck. Dann macht es keinen Spass. Da werden die Ergebnisse nur mittelmäßig sein. Und wie schön könnte es sein, wie gern wäre man dabei, wenn die Rahmenbedingungen alle stimmen. Bei Gott stimmen sie. Da sind sie optimal. Er ist der beste Chef. Er gibt uns Aufgaben, die wir auch schaffen können. Und wenn wir versagt haben, brauchen wir das nicht vertuschen. Wir können zu ihm kommen und sagen: Herr, ich habe Mist gebaut. Es tut mir leid. Bitte vergib mir. Wie David es sagt im Psalmgebet: Schaffe in mir Gott ein reines Herz. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus. Das Christenleben ist eigentlich immer wieder ein Hinfallen und Aufstehen, ein Nichtmüdewerden, weil Gottes Geist immer wieder anschiebt, inspiriert.

Aber nun haben wir als Kirche an einer Stelle gesündigt. Wir tragen selbst Schuld daran, dass es zu viele dritte Männer gibt. In den guten Jahren, in den Wohlstandsjahren wurden für viele Aufgaben, die es in einer Gemeinde gibt, bezahlte Kräfte angestellt. Statt einfache Gemeindeglieder zu ermutigen, hier sind viele Aufgaben, wer kann was übernehmen, dachte man. Wir wollen es professionell angehen. Und da es momentan an Geld nicht mangelt, stellen wir an in jeder Gemeinde 2 Pastoren und wir vergrößern alle Gemeindehäuser aufs doppelte und jeder Stadtteil und jedes Dorf kriegt seine eigene Kirche mit Pastor und Organisten dazu, und für alle die Gebäude ganz viele Putzfrauen und wir bauen viele Beratungsstellen und die bestücken wir mit Sozialarbeitern usw. Und die Gemeindeglieder wurden bedient. Diese Zeit ist gottseidank vorbei. Der Umbruch kam rasch, das ist eine sehr schmerzliche Umstellung, aber sie ist heilsam. Und so schade das ist, und für uns z.B. im Pfarrhaus mit zusätzlicher Belastung verbunden, wenn ich als Pastor ab Herbst der einzige vollzeitige Mitarbeiter hier bin, weil wir keinen vollen Küster mehr haben ab Herbst. Es wird dadurch auch ein heilsames Fragen freigesetzt: Wer wird der erste Mann sein, er wird der zweite Mann sein und hoffentlich bleiben uns die dritten erspart. Also ich träume jetzt mal: Erntedank ist vorbei, der Küster geht in Ruhestand, seine Aufgaben fallen uns zu. Wer hilft mit und ordnet seine Talente, seine Gaben, den anfallenden Aufgaben zu?

Ich stelle mir vor, einer sagt: Ich übernehme die Schlüsseldienste. Und ich träume davon, dieser Freiwillige geht mit gleichem Elan ans Werk wie der erste hier im Gleichnis: "Sogleich ging der erste hin, und handelt mit seinen Talenten und gewann weitere fünf dazu…." Also dieser Schlüsselmann nimmt sich die Liste der Räume vor mit den dazugehörigen Schlüsseln. Er verschafft sich einen Überblick, welche Schlüssel im Umlauf sind für welche Gruppenleiter. Er spricht mit ihnen: Seid ihr zufrieden mit eurem Schlüssel, oder braucht ihr ein Modell mit mehr Schließmöglichkeiten, weil ihr manchmal in noch in andere Räume rein müsst. Er fragt: Was ist wenn du krank bist, wer kann dich vertreten, kommt der an deinen Schlüssel ran oder braucht der zusätzlich einen?

So wächst Vertrauen. Neue, bisher hier nicht tätige wagen auch um einen Schlüssel zu bitten. Sie bekommen einen und merken: Ich muss nicht erst 10 Jahre lang Leistung bringen, bevor man mir etwas anvertraut. So verteilt sich Verantwortung auf immer mehr Schultern. Aus 5 Zentnern werden weitere fünf. Dann ist da ein zweite. Der sagt: Schlüssel führen wäre überhaupt nicht meine Gabe. Ich komme immer auf den letzten Drücker und lasse manches liegen und weiß dann nicht mehr wo. Aber ich habe einen Blick dafür, was schön oder hässlich aussieht. Wenn ich Zuständigkeit bekäme für einen Raum im Gemeindehaus und hätte freie Hand, könnte ich mich bemühen, dass er einen freundlichen Eindruck macht. Diese Dame bekommt die Verantwortung. Sie bekommt auch die Freiheiten. Sie wechselt Tischdecken, Vorhänge, ergänzt das Geschirr. Die Gemeinde ersetzt die Kosten. Dann merkt sie: Ich kann nicht jede Woche nach dem Rechten sehen. Sie hat Freundinnen, die bereit sind, bei besonderen Veranstaltungen zu dekorieren. Bald spricht sich herum: Dieser Raum ist immer der gepflegteste im ganzen Zentrum. Die Verantwortliche wird gefragt: Hast du noch Luft für einen weiteren Raum, der oft genutzt wird. Gern sagt sie zu. So verdoppelt sich das Erhaltene.

Ein dritter meldet sich und sagt: Ich übernehme die Wartung der Geräte. Ich kenne mich mit Technik gut aus und hab schon manches was nicht mehr funktionierte, zum laufen gekriegt: Aber was ist nach einem Jahr: Die schmutzigen Geräte sind ungereinigt, andere rosten vor sich hin, kaputte Birnen sind unersetzt. Was hat dieser Freiwillige getan? Er fühlt sich aogar im Recht: Ich habe doch meine Nummer hinterlassen, bei einem auftretendem Defekt kann man mich anrufen. Und die Anleitungen sind alle fein sortiert im entsprechenden Ordner. Aber der Herr würde sagten: Du böser und fauler Knecht! Was also will uns Jesus sagen? Er hat jedem von uns ein Startkapital gegeben, mit dem wir wirken können. Das ist der Glaube. Gehen wir im Vertrauen zu Jesus ans Werk, so wird sich dieses Kapital vermehren. Wir sind dann dankbar, wir sehen die Früchte unseres Tuns. Wir werden alle, jeder von uns, ,letztlich nur dann zufrieden sein, wenn wir die Aufgabe annehmen, die Gott für uns vorgesehen hat. Nicht jeder Dienst ist augenfällig. Klar, wenn einer besonders schön Blumen stecken kann, kommen vielleicht die Leute in die Kirche und sagen, toll, wer hat das denn so schön her gerichtet. Oder wenn eine die Gabe hat herrlich zu singen, kann sie mit einem Solo den Gottesdienst bereichern. Nach solchen Gaben und Diensten melden sich vielleicht mehr als für putzen und spülen, Aber der Schein trügt. Jeder Dienst, jeder ernst genommene Dienst trägt seine Routine in sich, die überwunden werden muss. Erst daraus entsteht eine segensreiche Arbeit.

Und letztlich sind das wahre Kapitel der Kirche immer Menschen, die einsetzen, was Jesus ihnen geschenkt hat. Ihr Glaubenspfund, wenn es täglich genutzt wird, nutzt sich nicht ab. Im Gegenteil: das wächst und vermehrt sich im gleichen Grade, wie es benutzt wird. Also: Pack wieder aus, was du beiseite gelegt hast. Und du, der du rackerst und keinen Erfolg siehst, sei gewiss: Dein Pfund hat schon kräftig Zinsen getragen, auch letzte Woche wieder. Und du wirst dich eines Tages wundern, was der Herr alles daraus gemacht hat und noch machen wird.

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