Der dreieinige Gott

Liebe Gemeinde:

haben Sie´s gehört? Ja, aus diesem zweiten Brief des Paulus an die Korinther ist der Segenswunsch, den wir vor jeder Predigt von der Kanzel Ihnen zusprechen. Heute feiern wir Trinitatis, auf deutsch: das Fest der Heiligen Dreieinigkeit: Gott ist einer in dem, wie er auf uns zukommt. Dennoch wird er nach innen als unterschieden gedacht. Wir Heutigen können dieses Gedankengebäude kaum noch nachvollziehen – selbst die StudentInnen der Theologie haben ihre liebe Mühe, wenn sie die Lehrmeinungen zu dieser Trinität und die damit verbundenen Streitigkeiten zum Examen lernen und können sollen. Trinitatis ist ein Ideenfest, wir feiern also keine Station im Kirchenjahr, sondern vielmehr diese Idee von der Dreieinigkeit Gottes. Von daher lässt sich auch verstehen, warum die letzten Verse aus dem Brief an die Korinther heute unser Predigtwort darstellen: Paulus schließt seinen Brief mit einem Wunsch, in dem eben jene Dreinigkeit abgebildet ist. Er redet von der Gnade desjenigen, der uns durch seinen Tod am Kreuz erlöst hat: Jesus Christus. Er spricht von der Liebe desjenigen, der uns geschaffen hat und uns täglich erhält: Gott-Vater. Er wünscht uns die Gemeinschaft dessen, der erst wahre Gemeinschaft herstellen kann: der Geist, den wir den Heiligen nennen. In gewisser Weise geht Paulus damit in einem Kurzdurchgang alle für uns Christen wichtigen Punkte durch. Und er schließt damit seinen Brief, weil er weiß, dass er alle Beispiele, die er vorher gegeben hat und alle Probleme, die er in seinem Brief vorher erörtert hat, darin – in diese heilige Dreieinigkeit – eingebunden und aufgehoben sind. Sehen wir uns die Verse an, die er vor diesem Gruß an die Korinther schreibt:

"Freut euch" so lautet der erste Aufruf, den Paulus an die damals zerstrittene Gemeinde in Korinth sendet.

Freut euch – als ob das so einfach wäre. Nicht immer will sich ein Lächeln auf den Lippen einspielen, nicht immer lässt sich mit Leichtigkeit das Leben ertragen. Es müssen ja nicht die großen Katastrophen sein, die einem das sich-freuen erschweren. So kenne ich es jedenfalls von mir selber – die Tage, an denem man schon beim Aufstehen das Gefühl hat, man sollte lieber wieder gleich ins Bett gehen und die Decke über den Kopf ziehen, um ja nicht von der Außenwelt belangt zu werden. Und in der Tat: alles, was der Tag zu bringen scheint: nichts als Mühe und Anfechtung, Rückschläge und Mißgriffe. Wenn da jemand kommt und mir sagt: freu dich doch, so habe ich nicht selten Lust, ihm ins Gesicht zu springen. Paulus meint jedoch einen tieferen Grund der Freude, sozusagen einen, der das Leid in der Welt und das Mißbehagen übersteigt. In Christus nämlich sind wir frei gemacht worden von den Zwängen dieser Welt. Freilich nicht in dem Sinne, dass mich nichts mehr rühren würden. Nein, ich muss weiterhin kämpfen mit dem, was ich mir selber und was mir andere in den Weg legen. Da kann ich nicht einfach vergeistigt darüber hinweg schweben. Aber ich muss mich nicht mehr über diese – ich sage es jetzt einmal so: weltlichen – Dinge definieren. Ich bin mehr als meine Leistung, ich bin mehr als mein Aussehen, ich bin mehr als das, was andere Menschen in mir sehen. Wenn ich im Dorf in Gespräch mit älteren Mitmenschen bin, die ihr Leben lang geschafft und gewerkelt haben auf dem Feld und zu Hause und das jetzt nicht mehr können, weil die Hände, der Rücken, die Kniee usw. nicht mehr können und sie mir dann sagen: ich bin zu nichts mehr nütze. Dann muss ich ihnen widersprechen. In der Tat fällt es schwer, zu sehen, wie einem die Kräfte schwinden, aber das ist nicht das, was den Menschen bestimmt im Angesicht Gottes. Als Jesus unschuldig am Kreuz gestorben ist, hat er uns von diesem Fluch frei gemacht. Das gilt für jede und jeden, der hier heute sitzt: du bist mehr wert, als du es dir selber sagen kannst. Das ist der tiefste Grund der Freude, weil er mir einen Abstand schafft zu den missglückten Tagen, weil er mich befreit, mich nur im Lichte der Anerkennung anderer sehen zu können. Dieses "Freut euch" dürfen wir auch anderen sagen – wir müssen es sogar sagen, wenn wir sehen, dass die Welt draußen wieder zum alten Fluch zurückkehren will: "du bist nur wert, was du erarbeitet hast" – wenn die Welt sagt: "du bekommst von dem Kuchen, den wir hier aufteilen nur das, was du auch geleistet hast" – wenn das die Welt noch dazu nur in Geld und Besitz ausdrücken kann, nur in Arbeitssteigerungsmaßnahmen und verschärften Kontrollen, spätestens dann ist es Zeit, dass wir wieder unser "Freut euch" den Menschen sagen. Dies ist in der Dreieinigkeit für uns der erste Blickwinkel.

Paulus fährt fort: "Lasst euch zurückbringen, lasst euch mahnen". Viele von Ihnen wissen, dass ich einen Teil meiner Predigten im Internet veröffentliche. Bei meiner letzten Predigt nun habe ich einen Fehler im Text gehabt, der mir hätte auffallen müssen, bevor ich die Predigt ins Netz stellte. Durchgängig habe ich von Paulus statt von Petrus geschrieben. Ich bekomme etwa pro Predigt ein bis zwei Reaktionen, dir mir lieb und teuer sind, denn nur durch Rückmeldung kann ich selber etwas lernen. Bei dieser Predigt jedoch mit dem schweren Fehler bekam ich ca. 30 Nachrichten, die mich eben darauf hinwiesen. Abgesehen von zwei bis drei Nachrichten, die etwas hochmütig über mein Versehen lachten, durfte ich an diesem Beispiel sehen, was "Zurechtbringen und Mahnen" heißt: nämlich das freundliche, aber bestimmte Hinweisen auf den falschen Weg, den man gegangen ist. Nun ist mein Beispiel kein besonders dramatisches oder tiefgreifendes, aber es lässt sich durchaus übertragen auf andere Fehler, die wir in unserem Leben machen: Menschen – und das gehört zu ihrem Wesen – schlagen immer wieder mal den falschen Weg ein, verhalten sich unrecht und gehen in die Irre. Wie gut es ist, dass jemand da ist, der einen darauf hinweist, der einem die Augen öffnet und einen wieder "zurechtbringt". Und dieses Zurechtbringen unterscheidet sich vom Auslachen darin, dass in Liebe zurechtgebracht wird: hier hat die Liebe von Gott-Vater ihren Platz. Was, liebe Gemeinde, nützt mir ein sogenannter Freund, der mir immer nur nach dem Munde redet? Nichts, denn er ist nur wie ein Spiegel, in dem ich mich selber sehen will. Entfernt man aber das trügerische Silber des Hochmuts hinter dem Spiegel, dann wird der Freund zu einem Fenster, das mir den Blick in die Welt öffnet und weitet. So ist er ein echter Freund, denn er will mir nichts Böses, sondern er "bringt mich zurecht", weil er will, dass es mir gut tut. Gott-Vater ist in diesem Sinne wie ein Freund zu uns. Dies ist in der Dreieinigkeit für uns der zweite Blickwinkel.

Paulus fährt fort: "Habt einerlei Sinn, haltet Frieden!". So kurz nach Pfingsten muss man die Wirkung des Heiligen Geistes nicht mehr so ausführlich beschreiben. "Einerlei Sinn haben" und "Frieden halten" gehören zusammen, denn "einen gemeinsamen Sinn haben" heißt ja nicht nur eine Meinung zuzulassen, sondern bedeutet ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, eine gemeinsame Hoffnung zu teilen. Es ist das genaue Gegenteil von totalitären Systemen, die nur eine Regung in den Menschen zulassen, von Systemen, die mit Gewalt und Unterdrückung darauf achten müssen, dass alle in eine Richtung marschieren. Einen Sinn und eine Hoffnung haben heißt vielmehr, dass alle die gleiche Be-Geisterung teilen, es heißt, dass der Sinn und der Grund ihres Lebens und Strebens ihnen allen gemeinsam ist. Wir Christinnen und Christen haben alle denselben Grund, dieselbe Hoffnung. Weil wir dies haben, sind wir auch frei, untereinander zu streiten, wir sind frei, verschiedene Auffassungen zu haben, wir sind frei, unterschiedliche Individuen zu sein mit all unsren Macken und Tücken. Weil wir aber einen Sinn haben, ist unser Herz größer als wir selbst: neben uns und mit uns dürfen andere existieren und leben: sie müssen nicht so werden wie wir. Liebe Gemeinde, wo der Geist wirkt, da herrscht Toleranz und gegenseitiger Respekt, gerade vor dem Fremden und dem Anderen. Gemeinschaften, die sich nur abgrenzen, die sich immer nur für etwas Besseres und Höheres halten, diese Gemeinschaften haben keine Zukunft, denn sie sind geistlos. Diesen Geist, den die Bibel den Heiligen nennt, wünscht sich Paulus für seine Gemeinde in Korinth und alle anderen Gemeinden – also auch für uns. Dies ist in der Dreieinigkeit für uns der dritte Blickwinkel.

Wenn wir das bedenken, besser noch, wenn wir das in unserem Leben erspüren und erfahren, nämlich, dass es einen tiefen Grund zur Freude gibt, dass es Liebe gibt, die den rechten Weg für uns weisen will und dass es Gemeinschaft gibt, die uns stärker als nur etwas äußerliches verbindet, wenn wir diese drei Aspekte in unserem Leben glauben dürfen, dann haben wir eine Ahnung davon wie der dreieinige Gott an uns wirken will: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!"

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