Der christliche Spagat

Früher war ich Raucherin. Eine Ladung voll Gift habe ich mir mehrmals täglich – um nicht zu sagen: ständig – tief und angeblich genussvoll in die Lungen gesogen. 20 Jahre lang bis zu 20 Stück am Tag.

Ich hab allerdings nie diese lieblosen Fertigprodukte aus dem Automaten gezogen, sondern immer liebevoll jede einzelne in zärtlicher Handarbeit selbst gemacht – dreemal anschlickt, wie meine Mutter immer sagte – und sie dann, sehr genussvoll geraucht.

Sie können sich vielleicht noch erinnern: Nach dem Kaffee beim Seniorennachmittag musste ich „schnell mal vor die Tür“. Auch die Kirchenvorstandssitzungen fanden unter einem leichten Zeitdruck statt, weil ich ja nach zwei Stunden nötig eine rauchen musste.

Es kam dann die Zeit, als mein garstiger Gatte mich mitsamt meinem Glimmstengel vor die Tür stellte. Er mochte den „widerlichen Gestank“ wie er immer so abfällig behauptete, nicht mehr riechen. So stand ich denn im strömenden Regen, bei Hagel und Schnee, Sommers wie Winters vor der Tür und dampfte wie ne Lokomotive.

Ich gebe es ehrlich zu – ich habe das Rauchen geliebt. Es war für mich Kult: Erst das Drehen der Zigarette, dann das genussvolle Rauchen, wenn es denn genussvoll war. Am schönsten war es immer, mit anderen Rauchern zusammenzuhocken – wir wurden ja schließlich überall einfach vor die Türen abgeschoben – Kontakte zu knüpfen, auch mal ne Runde zu lästern. Raucher, so fand ich, sind einfach nette Leute.

Aber es gab auch andere Tage. Ständig fehlte mir Feuer. Und dann ging die rasende Suche nach irgendetwas Zündelndem los: Alle Schubladen auf und unter die Betten geguckt. Es war zum wahnsinnig werden. Oder der Tabak ging alle oder die Filter. Das war nicht schön. Wieviel Stunden hat es mich gekostet, all das Zeugs zu suchen und zu besorgen! Wieviel Zeit habe ich draussen vor der Tür zugebracht! Manchmal habe ich mich darüber geärgert und gedacht: Du solltest vielleicht doch aufhören.

Und meine Stimme: Das Kyrie am Sonntag morgen klang manchmal ganz schön kratzig, erinnern Sie sich? Am allerschlimmsten war es aber, nach Festen morgens aufzuwachen mit einem Geschmack im Mund als hätte ich 20 Aschenbecher leergelutscht. An solchen Morgen nahm ich mir vor: Nun ist Schluss. Ich hör auf. Und das hielt ich denn auch tatsächlich bis zum Mittag durch.

Und als ich merkte, ich schaff das nicht, kamen die Ängste. Eines Tages würde ich krank werden davon, und vor dem Moment hatte ich Angst. Ich würde krank werden und wissen und hören müssen: Ich bin daran selber schuld.

Ganz langsam habe ich mich davon befreit. Es hat fast ein halbes Jahr gedauert, bis ich merken durfte: Ich brauch das nicht mehr. Meine Stimme kam zurück. Ich sparte das Geld und kaufte mir ein Musikinstrument. Ich atmete erleichtert durch, im wahrsten Sinne des Wortes und fühlte mich befreit.

Dieses lange Bekenntnis, liebe Gemeinde, verzeihen Sie es mir, ich weiss nicht, wie ich Ihnen sonst den schwierigen Predigttext dieses Sonntages erklären soll. Ich lese aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer im 6. Kapitel:

[TEXT]

Der Sünde Sold, das was die letzte Konsequenz der Sünde ist, ist der Tod. Der Dienst an der Sünde verunreinigt den Menschen, die Sünde macht den Menschen ungerecht. Die Sünde versklavt den Menschen, sie gibt nichts aber sie nimmt alles und am Ende der Sünde steht der Tod.

„Ihr seid frei von der Sünde“ sagt Paulus. Durch die Taufe reingewaschen, meint er. Wir sind für die Sünde gestorben durch den Tod Jesu Christi. Wir sind von der Knechtschaft der Sünde befreit durch die Auferstehung Jesu von den Toten, befreit zu einem heiligen, gerechten, guten Leben, zum ewigen Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.

Paulus meint mit dem Begriff Sünde nicht das, was wir tun oder nicht tun, sondern eine bestimmte Lebenshaltung, die sich versklavt von Unwichtigem und Schädlichem. Wer unter der Sünde ist, der kann das gar nicht sehen, wie sehr sie ihm schadet, so Paulus, weil er völlig verblendet und verirrt ist. Wenn ich über meine alte Abhängigkeit vom Rauchen nachdenke, dann sehe ich darin etwas, was dem vergleichbar ist, was Paulus meint. Ich erkenne meine Abhängigkeit wieder, ich sehe die Frucht, derer ich mich heute schäme. Die Verunreinigung, von der Paulus schreibt, ist vielleicht noch heute auf meinen Lungenflügeln nachzuweisen. Der Sünde Sold ist der Tod – Gott sei Dank, soweit ist es nicht gekommen. Ich habe die Sucht überwunden. Vom Gefühl der Befreiung her empfinde ich, was Paulus gemeint haben könnte.

Jeder Mensch hat Abhängigkeiten, Suchtmittelabhängigkeit ist nur eines, wenn auch das Augenfälligste von vielen – Paulus schreibt, dass seit Adam alle Menschen unter dem Fluch der Sünde stehen.

Wir machen uns abhängig von der Meinung anderer Menschen. Das macht uns oft handlungsunfähig, wir wagen nicht aufzufallen, wir riskieren nicht, anderer Meinung zu sein, wir sind still, wenn wir reden sollten und durch unser Schweigen tun wir Unrecht. Der Sünde Sold ist der Tod – ein nicht gelebtes, ein unauffälliges Leben, ein Leben, das nichts ausgetragen, nichts verändert hat, für niemanden wirklich da war – das kann der Lohn für ein Leben sein, das sich nur an der Meinung anderer orientiert.

Wir machen uns abhängig vom Staat und von seiner Gesetzgebung. Das ist nun mal so, das ist Gesetz – damit untermauern wir oftmals Unrecht oder sehen darüber hinweg. Was nicht verboten ist, ist erlaubt und was mir niemand nachweisen kann, ist auch kein Unrecht – in unserem Land geschieht soviel Schweinkram, weil wir die Stimme des Rechts in unseren Herzen gar nicht mehr hören wollen und können. Der Sünde Sold ist der Tod – das führt zum Ende des Vertrauens unter Menschen, ein Wort gilt nichts ohne Vertrag, ein Blick, ein Handschlag – nichts menschliches trägt mehr etwas aus. Das ist der Tod menschlicher Gemeinschaft.

Wir machen uns abhängig von der Liebe anderer, wir buhlen um die Gunst anderer Menschen, wir erniedrigen uns selbst, wir machen uns freiwillig zu Sklaven nur um, ja nur um geliebt zu werden. Wir verschweigen unsere Meinung, wir schlucken unseren Ärger, wir verlieren uns selbst aus den Augen, nur um die Liebe anderer Menschen nicht aufs Spiel zu setzen. Ihr seid teuer erkauft, sagt Paulus, werdet nicht der Menschen Knechte. Der Tod ist der Sünde Sold – wenn eine solche Beziehung dann trotzdem zerbricht, dann scheint der Tod als Lebensende dem Zurückbleibenden als Spaziergang angesichts der Seelenqualen, die er oder sie erleidet.

Nun, wir sind Menschen. Paulus sieht das ganz klar. Als solche bleiben wir immer „Sünder“ – abhängig von anderen, verirrt, verwirrt, verloren und auch im Wortsinne Sünder – von Gott getrennte Menschen: Sünde kommt von Sund – die Sünde ist wie ein Abgrund zwischen Gott und Mensch, die Sünde ist ein garstiger Graben und ein gähnender Abgrund. Paulus sagt: Es gibt die Sünde weiterhin, aber sie hat über euch, die getauften Christen, nicht wirklich Macht. Ihr seid für die Sünde gestorben, freigekauft durch das Blut Jesu Christi.

Ich komme noch einmal auf meine Raucherei zurück – ich dachte, ich könnte nicht aufhören, ich dachte, ich würde es niemals schaffen. Ich dachte, ich müsste den Preis für diese Sucht eines Tages mit dem Tod bezahlen, ich hatte die Hoffnung aufgegeben. Aber es ist anders gekommen! Das gibt mir Hoffnung für all das andere, was mich hier noch quält und bindet. Es kann immer anders werden, nicht zuletzt durch die Kraft Gottes, die mich immer wieder neu befreien will und zum Leben in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes ruft.

Wir leben als Menschen in dieser Welt. Die Sünde ist in und um uns und sie will uns mit klebrigen Fingern bei sich behalten. Wir spüren ihre Versuchung und unsere Abhängigkeiten täglich neu. Aber wir sind nicht abhängig, nicht wirklich, keiner von uns! Christus hat uns befreit, ein für allemal und er will es wieder und wiedertun.

Du, die du gefangen bist in deiner Traurigkeit, die du schon meinst, nun für den Rest deines Lebens mit deiner Einsamkeit zurechtkommen zu müssen – du bist befreit!

Oder du, die du dich in Sorgen um deine Lieben verzehrst und kaum einen glücklichen Gedanken mehr fassen kannst – du bist befreit, Christus steht dir von Angesicht zu Angesicht gegenüber, du brauchst seine rettenden Hände nur zu greifen!

Oder du, die du so müde bist von allem, was an dir zehrt, die du dich so sehnst, nach einer Schulter, an die du dich lehnen kannst und nach einer Hand, die dich hält – es ist alles bereit, dein Gott kommt dir bereits entgegen.

Wie das geht? werden Sie mich fragen. Ich glaube, wir Christen brauchen und sollen nicht mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen. Wir stehen mit einem Bein mittem im Leben, aber mit dem anderen stehen wir mitten im Himmel. Es ist dieser Schritt, den wir tun müssen – wir verabschieden uns von einem Stück unserer vermeintlichen Sicherheit in der Bodenhaftung und fassen Fuß in der anderen Welt, die Gottes Gerechtigkeit ist. Ein Spagat, gewiss – aber wir sind gehalten von seinem Wort, getragen von seiner Liebe, ermutigt durch seinen Geist und gesandt in unsere Welt.

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