Der Blick hat sich geändert

Liebe Karfreitagsgemeinde;

Wenn wir uns aus Anlass eines Sterbefalles in der Friedhofskapelle versammeln, dann lese ich zu Beginn meist Verse aus dem 39. Psalm, weil er die Situation des Todes eines Menschen aufnimmt.

Da heißt es nämlich: ‚Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende mit mir haben muss und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss‘.

Der Ausgang eines Lebens wird hier angesprochen und doppelt gewertet: als Ende und als Ziel. Das erste ist eine in dem Moment auf der Hand liegende Tatsache: wenn eine Trauerfeier ansteht, dann deswegen, weil ein Mensch gestorben ist, weil ein Leben am Ende ist. Was mit der leiblichen Geburt aus der Mutter angefangen hat, das ist zu Ende. Das Herz, das von Anfang an schlug, schlägt nicht mehr; das Blut, das von Anfang an floss, fließt nicht mehr. Aus. Vorbei. Ende.

Das zweite liegt nicht einfach auf der Hand, dass nämlich der Tod auch das Ziel des Lebens ist. Daraufhin war es ausgerichtet, von Anfang an; man
hätte es wissen können. Man wollte es bloß nie. Wer will es schon? Wir wollen leben – normalerweise, solange es irgendwie geht. Darum verdrängen
wir den Tod so gern.

Bei der Beerdigung ist der letzte Punkt erreicht, an dem das nicht mehr zu leugnen ist. Es bewahrheitet sich, was von Anfang an galt: der Tod ist das Ziel des irdischen Lebens. Darum wirft der Tod auch seine unangenehmen Schatten auf das Leben.

Dass das bei uns Menschen so ist, das erleben wir öfter als uns lieb ist; immer wieder sterben Gemeindeglieder, Angehörige, Eltern, Kinder, Geschwister und rufen uns diese grausame Realität in Erinnerung. Wir können es gar nicht vergessen, auch wenn wir es gern würden.

Heute ist so ein Tag der Erinnerung. Aber doch noch einmal ganz anders.

Denn es geht nicht bloß um einen Menschen, wie wir einer sind, es geht um den Menschensohn, den Sohn Gottes, Gott selbst. Was für uns gilt, das wird am Karfreitag eine schmerzhafte Wahrheit für Jesus Christus. Sein irdisches
Leben hat ein Ende und ein Ziel.

Es ist erst einmal wieder wie bei uns auch: jeder kann es sehen, wie sein Leben zu Ende geht. Da unterscheidet er sich nicht von uns – wollte es auch gar nicht. Er wollte ja unseren Weg gehen, bis zum bitteren Ende.

Aber mit dem Ziel, das ist schon etwas anderes. Wenn sein Leben auf den Tod zugeht, dann ist mehr gesagt als: das konnte man ja bei seiner Geburt schon wissen. Was da am Kreuz geschah, konnte niemand wissen. Da kommt mehr zum Ziel als ein menschliches Leben an sein Ende.

Johannes hat es uns so überliefert um damit genau dies unmissverständlich klar zu machen. Der Tod am Kreuz ist das Ziel seines Lebens. Dahin hat er zielgerichtet gelebt, geredet, gehandelt, gelitten. Damit es genau dahin kommt und er als Allerletztes dieses sagt: ‚Es ist vollbracht!‘

Sein Leben ist an seinem Ziel; er hat getan, was getan werden musste. Sein Ziel ist nicht nur der Tod, auf den eben jedes Leben hinausläuft. Sein Ziel ist es, die Strafe für die Sünden der Menschen zu tragen. Er hat vollbracht, was Johannes der Täufer bei Jesu erstem Auftreten über ihn gesagt hat: ‚Seht, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!‘ Und jetzt trägt er sichtbar sein Kreuz wie er unsichtbar die Sünden der Welt trägt. Das ist sein Ziel: etwas für andere, für die Menschen zu tragen, was sie selbst nicht können. Bzw. was sie endgültig und dauerhaft das Leben gekostet hätte.

Jetzt trägt er ihre Sünde und zeigt’s, indem er sein Kreuz trägt. Das kann ihm niemand abnehmen – anders als bei den anderen Evangelisten trägt Jesus sein Kreuz selbst; niemand nimmt es ihm ab, niemand kann es ihm abnehmen.

Er muss es tragen, weil so sein Leben zu seinem Ziel kommt. Er trägt in Liebe für andere das Kreuz der Sünde.

Nun hört sich das möglicherweise ganz einleuchtend an – der Zugang ist für
viele Menschen heute schwer geworden. Weder mit dem einem – der Sünde –
noch mit dem andern – dem Kreuz, lässt sich so ohne weiteres etwas anfangen. Es ist aber das eine ohne das andere nicht zu erfassen.

Wer nicht wahrnimmt, wie erlösungsbedürftig diese Welt und alle Menschen in ihr sind, der findet auch keinen hilfreichen Zugang zum Kreuz Jesu.

An manchen besonders auffälligen Geschehnissen unserer Zeit lässt sich das erkennen. Als vor einem Jahr ein Erfurter Schüler ein Massaker an seinen Lehrern vollzogen hat, sah man im Fernsehen lauter fassungslose Menschen.

Nicht nur die Trauer um die 16 Ermordeten bewegte die Gemüter, sondern auch
die Verunsicherung, die solch ein Gewaltausbruch für jeden persönlich
bedeutete. Die Suche nach den Motiven begann. Die Eltern, die Lehrer, die
Abiturbedingungen, Computer-Spiele und Medien – irgendeiner oder alle zusammen mussten schuld sein, um die Tat verstehbar zu machen, um Dinge zu
ändern, die vielleicht mit dazu beigetragen haben könnten. Und um mit der tiefen Beunruhigung fertig zu werden, die durch sie ausgelöst wurde. Man
behandelte Symptome ohne die Ursachen zu erkennen.

Die Leidensgeschichte Jesu lässt tiefer blicken. Nährboden für solche Taten ist das gestörte Gottesverhältnis nicht nur des Jungen, sondern aller Beteiligten, die Sünde. Das so zu sagen ist nicht sehr populär, wird eher belächelt, ist aber eine Wahrheit, die sich immer deutlicher in einzelnen Ausbrüchen Geltung verschafft. Wo Sünde nicht als solche gesehen, wo sie nicht ausgesprochen, bekannt, vergeben wird, da durchdringt sie die tiefsten Schichten des Unterbewussten, da durchwirkt sie das gesamte gesellschaftliche Leben. Jeder Mensch ist in ungerechten Strukturen aufgewachsen; die Weichen sind falsch gestellt. So kommt es vor, dass sogar beim Bemühen um Gerechtigkeit noch größeres Unrecht geschieht. Der Einsatz kriegerischer Mittel um einen Diktator zu entmachten hat es deutlich gezeigt. Die Sünde ist unbehoben und vervielfältigt sich. Die Welt reguliert sich nicht von selbst, sondern steigert sich in ihrer verkehrten
Ausrichtung.

Ohne das Kreuz, das Jesus selber trägt, bleibt es so, bleibt die Welt auf sich gestellt, verliert sie sich in gegenseitigen Appellen, Vorwürfen und Gewaltakten einzelner, von Gruppen oder ganzer Staaten. Ohne das Kreuz gibt es keinen Ausweg, kein Ende, kein Ziel.

Mit dem Kreuz gewinnt die Welt ein Ziel und Jesu letztes Wort am Kreuz ist etwas anderes, als: ich habs geschafft, es ist überstanden. Es ist vollbracht heißt: die Welt muss und wird nicht einfach in Krieg und Chaos und Gewalt, sie wird nicht einfach in der Sünde der Menschen versinken. Es ist vollbracht: die Ausweglosigkeit, die Ziellosigkeit, der Fatalismus, diese grausame ‚egal‘-Haltung oder ‚ich werds euch schon zeigen‘ werden sich nicht behaupten. Sondern der, der verurteilt wurde von Menschen, die ihn nicht haben wollten, die Angst hatten um ihren Einfluss und ihre Karriere, der sein Kreuz selbst getragen hat, der sich zwischen zwei
Verbrechern hinrichten ließ, der sich opferte und nicht andere zu Opfern
machte, der hat es vollbracht. Der die Wahrheit über seine Bedeutung von
einem Heiden auf sein Kreuz heften ließ. Das ist ja nicht ohne Ironie. Da wirft man ihm Gotteslästerung und Anmaßung vor, gewinnt schließlich den römischen Machthaber für den eigenen Zweck, Jesus loszuwerden und muss dann
mit ansehen, wie alle Welt in Jerusalem, ob sie hebräisch, griechisch oder latein redet, lesen kann, wer da hängt: Jesus, der Mann aus Nazareth, der König der Juden. Da wird die Anklage gegen Jesus plötzlich durch den Römer Pilatus zu einer Anklage an das Volk.

Es ist euer König und das habt ihr aus ihm gemacht. Ob Pilatus wusste, was
er schrieb, wissen wir nicht. Aber er gibt ein Zeugnis ab, das mehr Bedeutung hat, als er ahnt. Die Wahrheit wird laut, niemand verhindert es, der Mann am Kreuz hat mehr Macht als die, die ihn verurteilen. Mögen die Männer der Waffen Jesu Habseligkeiten unter sich aufteilen und sich so als Erbschleicher oder Leichenfledderer entpuppen, das Geschehen am Kreuz haben sie nicht im Griff. Im Gegenteil, ohne es auch nur zu ahnen handeln sie so, wie es der Schrift entspricht. Das konnte man schon im Psalm lesen, dass unter dem Kreuz die Soldaten sich die Kleider unter den Nagel reißen werden. Damit steht Jesus neben all denen, die man entehrt, entmündigt und denen man alles nimmt, Menschen, die nichts wert zu sein scheinen, die man quälen, hinrichten, morden kann. So sieht es aus, auch wenn er leidet, wenn der Todeskampf ihn durstig macht. Und doch: Er handelt; er führt die ganze Sache selbst dahin, wo sie hin muss, er vollbringt sie, er bringt sie zu ihrem zielgerichteten Ende. Daran will der Erzähler Johannes nicht die Spur eines Zweifels lassen.

Das erfahren auch die Frauen und der Lieblingsjünger. Auf den ersten Blick mag man es eine familiäre Verantwortung des ältesten Sohnes nennen, der Ehemann Josef wird wohl schon gestorben sein, es ist wohl mehr. Tiefer geht es auch darum, wie die Botschaft vom Kreuz weiter geht. Denn die wird leben in der Gemeinde – und neben den 11 Jüngern wird auch die Mutter Jesu in der ersten Gemeinde zuhause sein.

Mit seinem Leiden und Sterben am Kreuz hat Jesus alles vollbracht, wozu der Vater ihn geschickt hatte. Seine Mission ist erfüllt, die Sünde der Welt auf dieses Kreuz hinauf zu tragen. Auf uns ruht jetzt der liebende
Blick des Vaters, der die Sünde vergibt, der um alle seine Menschen kämpft,
um sie wirbt. Natürlich ist nach dem Karfreitag nicht einfach alles gut, natürlich haben die Sünde und der Tod ihre ekelhafte Macht behalten. Aber
der Blick Gottes auf seine Menschen ist ein anderer; und wer die Liebe Gottes in seinem Sohn spürt, wer sich angeschaut weiß, der sieht sein Leben anders. Der sieht mehr als Ungerechtigkeit und Schuld, mehr als Gewalt und
Feindschaft. Wir sehen Barmherzigkeit und Hoffnung, sehen Vergebung und
Liebe und sehen, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Wir hören und glauben, dass Jesus sagt: es ist vollbracht und vertrauen ihm. Wir
vertrauen ihm mehr als allen Zweckmäßigkeiten, persönlicher Rache und politischen Abläufen von Hass und Gewalt. Wir hoffen auf Vergebung und
Frieden und Gerechtigkeit. Und wir leben unser Leben als eine Antwort auf sein letztes Wort: ‚es ist vollbracht!‘

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