Der Besserwisser

Liebe Gemeinde,

wer von Ihnen Kinder hat, oder Kinder unterrichtet, kennt solche Situationen: Neunmalklug können die kleinen Besserwisser schon recht früh sein und je älter sie werden, desto "erhabener" werden ihre Antworten. Unterrichten Sie mal in der siebten Klasse und Sie werden staunen, wie viel geballtes und überzeugtes Lebenswissen Ihnen da entgegengeschleudert wird, stellt man eine falsche Frage oder bewegt sich in den Augen der SchülerInnen auf einem falschen Gleis. Ungefähr zwölf Jahre alt war auch Jesus, der nachdem ihn seine Eltern, Maria und Josef, drei Tage lang vergeblich gesucht hatten, nicht anderes oder besseres zur Antwort zu geben hatte als: "Warum habt ihr mich gesucht?

Wisst ihr nicht, dass soundso…?" Jesus also, der zwölfjährige Knabe hat es besser gewusst als alle anderen und sieht zudem noch keinen Grund, sich für sein Verhalten zu entschuldigen. Ein unerhörtes Verhalten, gerade in jener Zeit, und wahrscheinlich absichtlich wird nicht überliefert, wie Josef, der Mann, der für Jesu Erziehung verantwortlich war, darauf reagiert hat. Möglicherweise gab es was hinter die Ohren – denn: Gottes Kind, hin oder her: so geht´s ja wohl auch nicht! Sie spüren alle die Schwierigkeit, liebe Gemeinde, sich der Kindheit Jesu zu nähern: denn entweder ist er der Sohn Gottes, also Gott selber und man hat sich ihm mit einem gewissen Respekt zu nähern – dann aber erscheinen die Kindergeschichten von Jesus seltsam unwirklich und wir müssten feststellen, dass unser Gott doch nie ganz Mensch geworden ist, wenn er gewissermaßen schon als "fertiger Jesus Christus" auf die Erde gekommen ist. Oder aber wir erkennen an, dass auch dieser Mensch Jesus, der als Jesus von Nazareth aufgewachsen ist, dazu gelernt hat, Fehler gemacht usw.: so wie wir alle eben – dann aber hat man immer ein bisschen das Gefühl, dem Heiland wurde ein Stück seiner Heiligkeit genommen. Aus diesem Dilemma heraus gibt es wahrscheinlich so wenig Kindheitsgeschichten von Jesus in der Bibel. Ich selber halte es lieber mit der zweiten Möglichkeit, weil ich glaube, dass Gott ganz Mensch werden wollte, um uns ganz nahe zu sein. Deswegen stelle ich mir auch Jesu Kindheit vor, wie die Kindheit anderer Kinder auch, zwar besonders getragen und aufgehoben, wie es auch diese Geschichte zeigt, aber nicht vergeistigter oder entrückter als bei anderen Menschen. Unser Jesus wuchs heran und "nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen" wie es der Evangelist am Ende unseres Predigtwortes formuliert. Warum aber, liebe Gemeinde, wird uns heute diese Geschichte erzählt, außer vielleicht, um unseren Wissensdurst und Neugier, wie das wohl damals bei Jesus so war zu befriedigen. Ich denke, es steckt eine tiefe Weisheit gerade hinter den Kinderworten – hinter den Worten, die so unvermittelt und so unbedarft aus den Mündern der Kleinen kommen, weil sie sich ihnen von innen aufgedrängt haben, ohne dass sie groß darüber nachgedacht haben, ohne, dass sie groß berechnet haben, was für Vorteile sie sich mit der Antwort erkaufen können oder wem sie dienlich sind oder auch, wen sie damit verletzen. Je älter der Mensch wird, desto mehr kümmert er sich um diese Wirkungen seiner Worte. Das ist ja auch richtig so, denn er muss in der Schule und im Beruf vorankommen. Er darf seine Kollegen oder Kunden nicht verärgern, er muss das Profilbild des Lehrers erfüllen, um gute Noten zu bekommen. Er muss auf Empfindlichkeiten der anderen Rücksicht nehmen usw. usf. Aber eines geht dem Menschen dabei verloren – ein Stück Unmittelbarkeit, ein Stück innerer Freude, die man direkt dem gesprochenen Wort ablauscht. Manchmal findet sich diese Unmittelbarkeit auch noch bei den Erwachsenen: in einer spontanen Freude vielleicht, in einer erregten oder aufgeregten Situation, bei großer Erschöpfung oder bei gewissen Formen von Ekstase oder in großer Angst. Dann hat der Mensch ein Stück weit die ihm so wichtige Kontrolle über sich verloren. Die Kontrolle, die ihn in diesem Erdenleben seine Existenz zu sichern scheint. Ich lebe nach gewissen Regeln und Normen, die ein Zusammenleben etwa ermöglichen und ich muss mich daran halten, damit auch ich darin überleben kann. Auch diese Kontrolle, liebe Gemeinde, ist eine Art von Besserwisserei. Wir wissen es eben besser, als derjenige, der gegen eine gesetzte Norm verstößt. Wir wissen es eben besser, als derjenige, der sein Herz auf der Zunge trägt.

Und: diese Kontrolle ist wichtig, aber wir müssen aufpassen, dass sie uns nicht zum alleinigen Lebensinhalt wird. Es ist z.B. richtig, dass wir darauf achten, dass nicht alle Kinder hier im Gottesdienst permanent durch die Reihen toben, aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht die Güte eines Gottesdienstes daran messen, in wieweit diese Regel eingehalten wurde. Sie können diese Beispiele beliebig fortführen: denken Sie einfach an die Jugend, die deshalb Jugend ist, weil sie fast alles anders und in ihren Augen besser machen will als die "Alten". Es ist wichtig, dass auch die Jugend lernt, was es für Regeln und Normen gibt, aber eine Erziehung ist noch nicht deshalb gelungen, wenn diese Regeln auch alle eingehalten werden. Dann nämlich fehlt ein ganz wichtiger Teil: die Freude am Leben, die Unmittelbarkeit, wie ich sie vorhin genannt habe, der Bezug zu dem, was das Leben lebendig macht. Ich gebe Ihnen noch ein Beispiel aus der Zeit, als ich meine erste Jugendgruppe geleitet habe. Die Kinder in der Gruppe waren damals knapp 6 Jahre alt und wir saßen eines Abends beisammen und betrachteten den Sternenhimmel. Ein Knabe saß ganz verzaubert da und ein Glanz war in seinen Augen. Als ich ihn fragte, was er sähe, antwortete er mir mit dem Brustton der Überzeugung, dass er den Mond, der ein großer, gelber Käse sei, anschaue. Warum er ihn gerade mit Käse verband – blieb mir verschlossen, aber so viel Freude und so viel Glück sprachen in diesem Moment aus seinen Worten, dass ich – obwohl ich es auch damals schon besser wusste, dass der Mond kein Käse war, dabei beließ. Der Junge von damals wusste es auf seine Art besser als ich mit meiner kühlen, wissenschaftlichen Distanziertheit, denn er hatte eine Beziehung zu diesem Abendhimmel, die ihn mit Freude und mit Dankbarkeit erfüllte. Ich weiß heute von Menschen unter uns, die viel mit sogenannten "Behinderten" arbeiten. Ich denke, sie werden mir meine Worte auf einer anderen Ebene bestätigen können. Denn obgleich diese Behinderten vieles nicht besser wissen in unserem aufgeklärten Sinne und obgleich diese Behinderten vieles nicht kontrollieren können in unserem gesellschaftlichen Sinne, so haben doch viele eine Beziehung zum Leben, von der manch kontrollierter Mensch im wahrsten Sinne des Wortes nur träumen kann.

Jesus also antwortet völlig ungetrübt – trotz dreitägiger Suchaktionen seiner Eltern: "Warum habt ihr mich gesucht?" Ich bin da, wo es mir gut geht. Worin es ihm gut geht, das beleuchtet unser Predigtwort nur am Rande, aber deutet ebenfalls auf den tieferen Sinn hin. Es geht im gut im Hause Gottes, in dem gebetet wird. Und das Gebet, liebe Gemeinde, ohne es hier näher ausführen zu können, stellt auf eine ihm eigene Weise das dar, was ich gerade an der Unmittelbarkeit der Kinder aufgeführt habe: im Gebet verliere ich die Kontrolle über mein Leben, weil ich zulasse, dass ich es eben nicht besserweiß. Im echten Gebet kann ich nichts berechnen, weil ich nicht abschätzen und abwägen kann, wie es mir einst gehen wird mit Gott. Das gilt im Unterschied zu den Gebeten, die ich "Bumerang-Gebete" nenne und die etwa folgendermaßen ablaufen: "Lieber Gott, lass uns freundlich zu unseren Nachbarn sein…" – ich bitte Sie, liebe Gemeinde: für solche Gebete bräuchte ich mich nicht vor den Altar stellen – ich könnte mich auch zu Ihnen umdrehen, den Zeigefinger erheben und sagen: "Donnerzack, seid endlich freundlich zu euren Nachbarn!" – im Unterschied also zu solchen "Gebeten" ist das Gebet, welches Jesus uns vorlebt, und auf welches er durch sein unbedarftes Bleiben im Tempel hinweist, ein Gebet der Beziehung, ein Gebet des Vertrauens und ein Gebet der Hoffnung: Denken Sie an das Vaterunser: "dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden". Darin können wir etwas von den Kindern lernen: von ihrer Unbedarftheit, Unkontrolliertheit – eben von ihrem Besser-Wissen auf einer anderen Ebene. Dann wird uns – als Kinder Gottes – manches leichter fallen und wir werden reich belohnt werden auch in unserem Glaubensleben, wenn wir es ab und an zulassen, dass wir die Kontrolle verlieren, um frei zu sein für unsere Beziehung zum Leben, um Nächsten und zu Gott.

Und das Gottes-Kind Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

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