Der Beginn eines neuen Tages

Liebe Gemeinde,

auf dem Weihnachtsmarkt in Halle gibt es seit ein paar Jahren die "Bastelbude" des Jugendbauhofes. Dort wird vier Wochen lang den ganzen Tag lang die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, der Text, der heute Evangelium ist und dessen zweiter Teil unser Predigttext ist. Eltern können da ihre Kinder lassen, wenn sie andere Besorgungen erledigen, die Kinder malen oder basteln zu der Geschichte. Viele von ihnen, so die Erfahrung der Mitarbeiter, hören diese Geschichte zum ersten Mal. Das passt zu den Ergebnissen einer neuen Studie, die besagt, dass 56 Prozent aller Kinder von sechs bis 12 Jahren in den neuen Bundesländern die Weihnachtsgeschichte nicht kennen und nicht wissen, warum Weihnachten gefeiert wird.

Die "Bastelbude" hat sich als Renner erwiesen, die Kinder mögen diese Geschichte sehr und kommen oft wieder, um sie noch einmal zu hören. "Seltsam eigentlich, dass ausgerechnet die Weihnachtsgeschichte immer so gerne gehört wird, es gibt doch viel spannendere Texte in der Bibel, und eigentlich hat sie doch überhaupt keine Pointe", sagte der Superintendent von Halle in einem Pressegespräch. Komisch, dieser Gedanke war mir noch nie gekommen – und so habe ich die Verse auf einmal mit ganz anderen Augen betrachtet. Ich habe festgestellt, dass in dem Text weder Ochs noch Esel noch Schafe vorkommen. Mir ist zum ersten Mal aufgefallen, dass diese schöne Szene, die tausende von Malern verewigt haben, nur mit einem einzigen Satz erwähnt wird: 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

"Was können die da groß erzählt haben?", habe ich mich gefragt und noch mal genauer hingeschaut: Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

Sie breiteten aus, was ihnen von diesem Kind gesagt war. Das wiederum heißt ja, sie wurden selbst als Prediger aktiv, sie verkündeten etwas, was man noch nicht sehen kann, sondern einfach glauben muss. Dass dieses Kind der seit Jahrhunderten erwarte Erlöser ist, der, von dem es hieß, er werde aus der Stadt Davids kommen. Ich stelle mir vor, einem Zeitungsreporter wäre das passiert: Man hätte ihn losgeschickt, nachzusehen, hinzugehen zu diesem "Event", was da in Bethlehem in einem Stall so spektakulär von ganz oben angekündigt worden war. Und dann wäre der Reporter samt Fotograf bei einer völlig unspektakulären Migrantenfamilie gelandet. "Das ist doch keine Story", hätte er sich möglicherweise gesagt. "Das gibt vom Bild her gar nichts". Oder aber die Leute hätten ihm leidgetan, er hätte einen sozialen Touch gewittert oder die römische Steuerpolitik kritisieren wollen. Dann hätte er eine Geschichte über die Übernachtungssituation geschrieben, die sich aus der Wanderbewegung wegen der Volkszählung ergeben hat. "Bethlehem erstickt im Zuwandererstrom. Hygienische Verhältnisse chaotisch, Entbindungen zwischen Kuhmist und Eselsdung." Eine Geschichte, wie wir sie im Fernsehen oft sehen aus Ländern, in denen politische Wirren herrschen. Von einem hätte ein Reporter jedenfalls ebenso wenig berichtet wie ein römischer Legionär, der – vielleicht wegen der Volkszählung – an der Krippe von Bethlehem vorbeigekommen wäre: Davon, dass hier ein Hoffnungsträger geboren ist, einer, der Frieden bringen soll in eine heillos unfriedliche Welt. Einer, auf den die Menschen seit hunderten von Jahren gewartet haben. Lukas hat uns nicht übermittelt, mit welchen Worten die Hirten das Gesehene weiterverbreitet haben, nur die Reaktion über die Nachricht:

Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

Diese Hirten, die da eilends losziehen, haben die erste christliche Weihnachtspredigt, die des Engels mit ganzen Herzen aufgenommen, und so sind ihre Augen offen für das, was hinter dem ersten Eindruck steht. Und da der Engel, das hat schon Martin Luther festgestellt, ein guter Prediger war, ein bessere als jeder Pfarrer, daher sehen sie nicht irgendein Kind, sie sehen ein Kind, auf das sich ihre ganze Hoffnung richtet. Sie sind überzeugt: Wenn ein Teil der göttlichen Botschaft stimmt, nämlich der, den sie jetzt vorgefunden haben, dann wird auch alles andere sich erfüllen. Sie fragen nicht, ob dieses Kind vielleicht gar nicht in der Lage sein könnte, die Welt zu retten oder ob sie sich etwa in der Adresse geirrt haben.

Wie anders sind wir doch meist eingestellt, wie verstellt ist oft unser Blick auf das Wesentliche. "Das ist für mich das schlechteste Weihnachten seit dem Krieg", hörte ich dieser Tage jemanden klagen, dem es materiell nicht allzu gut geht und dessen Gabentisch diesmal daher etwas kleiner ausgefallen ist. Mir ist dazu eine Geschichte eingefallen von einem amerikanischen Touristen, der einen recht berühmten frommen jüdischen Rabbi besucht. Erstaunt sah er, dass der nur in einem einzigen einfachen Zimmer lebte mit einem Tisch und einer Bank. "Rabbi, wo sind Ihre Möbel?", fragte der Tourist. Und wo sind Ihre" entgegnete der Rabbi. "Meine? Aber ich bin doch nur auf Besuch hier. Ich bin nur auf der Durchreise," sagte der Tourist. "Genau wie ich", sagte der Rabbi. Zwar bringt einfaches Leben nicht immer solche Tiefe mit sich – aber, wer wenig hat, kann oft das Wesentliche besser erkennen -so auch die Hirten.

"Ich gehe diesmal nicht in die Christvesper", hat mir ein junger Mann gesagt, "ich kann nicht begreifen, dass Gott zulässt, was zur Zeit in der Weltpolitik geschieht. Da wird vom Frieden gesungen, und gleichzeitig bereiten Christen den dritten Weltkrieg vor. Was ist das für ein Gott?"

"Was sind das für Christen, die denken, Gott bestrafen zu können, indem sie "nicht mehr hingehen?", war meine Gegenfrage. "Hast du auch wieder Recht", meinte er abwiegelnd. Ob er dann doch hingegangen ist, weiß ich nicht.

Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat …

Diese Aufforderung gilt auch heute: Befassen wir uns doch noch einmal mit der Geschichte zwischen Gott und den Menschen. Sehen wir sein Angebot, das vor uns in der Krippe liegt, genau an. Vielleicht mit den Augen der Hirten, deren Blick nicht verstellt war durch andere Dinge, an die sie ihr Herz gehängt hatten. "Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns", schreibt Johannes. Das Licht scheint in der Dunkelheit, und die Dunkelheit kann es nicht auslöschen. Betrachten Sie einmal ruhig und unverwandt die Dunkelheit, schweigend, und denken Sie nach über das, was uns im Weihnachtsevangelium gesagt ist. Denken Sie nach darüber, was Liebe bedeutet. "Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen" , heißt es bei Lukas. Vielleicht wird dieser Satz in diesen Tagen auch in Ihnen neu geboren. "Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns", das heißt auch, dass es nicht nötig, ja vielleicht sehr verkrampft ist, wenn wir nun versuchen, die Weihnachtsgeschichte mit vielen Worten zu erklären, damit versuchen wir, das Fleisch wieder in Worte zurückzuverwandeln, in menschliche Worte, die hinter dem zurückbleiben müssen, was Weihnachten wirklich bedeutet.

"Wir selbst sind immer nur der Stall, in dem Christus geboren wird", dieser Gedanke von C.G. Jung ist vielleicht eine Hilfe für alle, die in der Welt und auch in sich selbst vornehmlich den Kuhmist, den Eselsdung und alle anderen Unzulänglichkeiten wahrnehmen können. Klar, unser Inneres, so, wie wir beschaffen sind, ist eine Notunterkunft, ein Armenhaus – aber in ein Luxushotel hätte Gott seinen Sohn gar nicht schicken brauchen, dort wäre er nicht nötig gewesen. Wir aber brauchen Weihnachten, wir brauchen diese Feier, damit Licht in die Finsternis unserer Seele fällt. Keine gnadenlose Lampe eines Aufsehers, der den Lichtkegel nur anklagend direkt in die schmutzigen Ecken richtet. Nein, ein mildes Licht, das zur Mitte des Stalles wird und die unaufgeräumten, wilden Ecken gnädig zudeckt und weich wirken lässt. Nicht der "edelste" Teil des Menschen, der Verstand, wird hier angesprochen, sondern das, was wir immer gerne verstecken und verdrängen, das Gefühl. Maria bewegt die Worte des Engels nicht in ihrem Kopf, sondern in ihrem Herzen.

Deswegen geht uns die Weihnachtsgeschichte so nah, deswegen rührt dieses Fest so an den Grund unseres Herzens und lässt uns die Hoffnung auf das nicht aufgeben, was der Verstand als irrational abtut: Frieden in der Welt und Liebe unter den Menschen.

"Das ewge Licht geht dahinein, gibt der Welt ein neuen Schein, es leucht‘ wohl mitten in der Nacht, und uns zu Lichtes Kindern macht", heißt es im Weihnachtslied "Gelobet seist du, Jesus Christ, dass du Mensch geboren bist.

Die Mitte der Nacht ist der Beginn des neuen Tages.

Das Licht, das mit Christi Geburt in die Welt gekommen ist, ist ein Vorbote der Ostersonne – und wie sie gibt es den Geheimnissen der Erde ein anderes Gesicht. Lassen wir das, was so sehr an den Grund unseres Herzens rührt, auch die Wurzeln unseres Handelns nähren. Erlauben wir uns doch, friedfertig statt schlagfertig zu sein und weich statt rau. Vielleicht können wir an diesen Tagen im Kreis der Familie damit beginnen, damit das Christus-Kind sich in unserem Stall angenommen fühlt. Damit gehen wir einen ersten Schritt mit Jesus auf dem Weg, vor dem wir uns fürchten und wonach wir uns sehnen, zum Kreuz, aber auch zur Auferstehung.

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